Soundcheck mit Mia
Zwischen Ehrlichkeit und Schleimspur: Warum Bands Musikreviews nicht blind vertrauen sollten – und weshalb echte Kritik mehr wert ist als falsches Lob.
Vorwort für die Empörten
Dies ist ein Meinungsbeitrag. Ich erhebe nicht den Anspruch auf Wahrheit, ich predige nicht vom Elfenbeinturm. Ich zwinge niemandem etwas auf. Aber ich beobachte – und analysiere. Als Redakteurin, als Promoterin, als Musikjournalistin. Und ja, ich habe eine Meinung. Sie ist nicht bequem, aber notwendig.
Review ist nicht gleich Review
Ja, ein Review ist eine subjektive Einschätzung. Ja, Musik ist Gefühlssache. Aber nein, das bedeutet nicht, dass alle Meinungen gleichwertig sind. Qualität zeigt sich nicht nur in Sternchen oder Punktzahlen, sondern im Kontext, in der Einordnung, in der Sprache – und in der Qualifikation der Person, die schreibt.
Denn wenn ein Schreiberling in völliger Unkenntnis des Genres die nächstbeste Sängerin mit Tarja Turunen (Nightwish bis 2025) vergleicht – einfach, weil das die einzige Metal-Frontfrau ist, die ihm einfällt – dann ist das kein Lob. Es ist ein Armutszeugnis.
Redaktion ≠ Webmagazin
Der Unterschied zwischen einer unabhängigen Redaktion und einem werbegesteuerten Webmagazin?
Letztere vergeben gerne Bestnoten, um Pressematerial zu bekommen oder auf Gästelisten zu landen. Werbung gegen Wohlwollen – man kennt das Spiel.
Eine Redaktion hingegen hat keinen Rabattcode zu verteidigen, sondern Haltung. Wenn ein Album schwach ist, wird das auch geschrieben. Punkt. Keine Rücksicht auf emotionale Reaktionen. Und genau deshalb sollte man genau diese Kritiken ernst nehmen.
Warum 10 von 10 fast nie stimmt
Ich vergebe keine zehn von zehn Punkten. Nicht, weil ich geizig bin, sondern weil ich ehrlich bin.
Zehn bedeutet: Dieses Album hat mein Leben verändert. Ich höre es täglich. Es ist Soundtrack, Rückgrat und Religion in einem.
Selbst bei meiner Band – bei Untamed, deren Entwicklung ich persönlich begleitet habe – vergebe ich nur dann eine Zehn, wenn ich es wirklich fühle. Selbst ein 9-Punkte-Album braucht bei mir mindestens drei Songs, die es auf meine Alltagsplaylist schaffen – Gym, Supermarkt, Auto. Alles unter drei Songs auf meiner privaten Playlist ist auch okay, aber nicht für mich nicht mehr 9 Punkte.
Was Bands (endlich) verstehen müssen
Viele Webmagazine vergeben keine Vieren oder Fünfen – nicht aus Überzeugung, sondern aus Angst. Man will es sich mit den Bands nicht verscherzen. Schließlich lebt man von Collabs, Likes und Reposts. Und so wird aus einem mittelmäßigen Werk plötzlich „ein Brett“ oder „ein Hammer“.
Diese Begriffe sind übrigens eine Peinlichkeit für jeden, der das Schreiben ernst nimmt. Es gibt in der deutschen Sprache – die zugegebenermaßen nicht immer elegant ist – genug Alternativen. Wer sich journalistisch nennt, sollte sie auch nutzen.
Und noch etwas:
Eine Sechs oder Sieben ist keine Katastrophe. Es ist solide. Es ist ehrlich.
Aber wir leben in einer Instagram-Welt, in der jede Bewertung, die nicht gefällt, gleich als Affront gilt. Bands fühlen sich bei einer Sieben von Zehn zerrissen.
Wirklich?
Warum Lobhudelei niemandem hilft
Wenn ein Webmagazin ausschließlich positive Kritiken veröffentlicht, stellt sich doch unweigerlich die Frage:
Kann man das ernst nehmen?
Natürlich nicht. Denn nicht alles ist immer nur gut. Wer das behauptet, hat entweder keine Ahnung oder kein Rückgrat.
Ich arbeite in einer Redaktion, in der sieben von zehn bereits als stark gilt.
Ich schreibe auch für Webmagazine und zwar gerne, denn auch hier gibt es eben Unterschiede. Auch die Montagslyriker, mein Projekt, das mir sehr am Herzen liegt, ist eine Art Webmagazin. Und dennoch verlange ich von meinem Team: Kein Arschkriechen. Kein Honig. Keine Gefälligkeitspoesie.
Denn was bringt es einer Band, mit Lob überschüttet zu werden – von Leuten, die sich mehr für ihren eigenen Profit interessieren als für den musikalischen Fortschritt der Künstler?
Kritik ist kein Angriff – sie ist ein Geschenk
Nehmen wir meine Band.
Wenn ich meinen Jungs nach jedem Song erzählen würde, wie großartig sie sind, würde ich nicht nur meine Rolle als Promoterin verfehlen – ich würde sie bremsen.
Kunst lebt von Reibung. Von Herausforderung. Von Wachstum.
Wer nur auf Applaus aus ist, hat sich in der Instagram-Bubble verirrt – aber nicht in der Musik.
Denn Kunst, echte Kunst, braucht Kritik. Und auch Bands sollten lernen, Reviews kritisch zu hinterfragen – und nicht jeden Support als wertvoll ansehen, nur weil er mit Zuckerguss kommt.
Fazit: Qualität ist unbequem
Guter Musikjournalismus ist keine Werbeanzeige.
Ein ehrliches Review darf wehtun – wenn es klug geschrieben, nachvollziehbar und respektvoll ist.
Wer das nicht aushält, sollte nicht auf der Bühne stehen, sondern lieber im Feed nach Herzchen scrollen. Und wer so nicht schreiben kann, der sollte sich vielleicht ein passenderes Hobby suchen.
Denn wer groß werden will, muss wachsen. Und wer wachsen will, braucht nicht nur Applaus – sondern auch Widerspruch.
Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
Entdecke mehr von miasraum
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
Ein Gedanke zu „Wenn Kritik zur Streicheleinheit verkommt – Warum Bands Reviews hinterfragen sollten“