Jo Halbig & Superlifepromo: Der Killerpilze-Frontmann spricht über Musik, seine Agentur und erklärt, wie digitale Strategien, klassische Medien und Markenbewusstsein heute zu Erfolg führen.
Interview: Mia Lada-Klein
Johannes „Jo“ Halbig kennt das Musikgeschäft aus jeder Perspektive: als gefeierter Frontmann der Killerpilze, als Unternehmer, als Mentor. Schon als Teenager unterschrieb er mit seiner Band bei Universal und spielte sich mit Pop-Punk-Hymnen in die Herzen einer ganzen Generation. Und das zu einer Zeit, als Social Media noch Zukunftsmusik war. Heute berät Jo als Geschäftsführer seiner Agentur Superlifepromo junge Künstlerinnen und Künstler, die ihren eigenen Weg in der Musikbranche gehen wollen. Mit seinen „Rockstar-Coachings“ und einem ganzheitlichen PR-Ansatz verbindet er digitale Strategien, klassische Medien und Markenbewusstsein zu einem Erfolgsrezept für moderne Musiker.
Im Gespräch zeigt sich: Jo ist keiner, der leere Marketingfloskeln drischt. Er hat selbst erlebt, wie dünn der Grat zwischen Euphorie und Erschöpfung in der Musik sein kann, und weiß, was wirklich zählt, wenn man Reichweite und Relevanz will.
Wir sprechen über Social Media als Segen und Fluch zugleich, über Bands, die sich fast in den Burnout posten, Ads schalten, Streams pushen und trotzdem keinen echten Durchbruch schaffen. Jo erklärt, warum Reichweite ohne Haltung selten funktioniert und weshalb es 2025 weniger um Lautstärke als um Identität geht. Zwischen ehrlichen Insights, bissigem Humor und einer ordentlichen Portion Realitätssinn liefert Jo einen ungeschönten Blick auf das Musikbusiness.
Ein Gespräch über Haltung, Handwerk und die Kunst, im Chaos der Selbstvermarktung nicht den Verstand zu verlieren.
Jo, du bist selbst Musiker, Sänger der Band Killerpilze, die seit ihrem Durchbruch sehr erfolgreich waren und das noch bevor Social Media wirklich eine Rolle spielte. Heute leitest du auch eine Marketingagentur. Wie kommt man vom Rockstar auf die Idee, eine eigene Marketingagentur zu gründen? Dachtest du dir: „Ich hab jetzt genug Gagen kassiert, Zeit, mein Wissen an alle weiterzugeben, die noch keinen Privatkoch und Pool im Garten haben?“
Jo Halbig: (lacht) Ja, das fasst es ganz gut zusammen. Ich bin mittlerweile seit über 24 Jahren im Musikbusiness aktiv, angefangen hat das Ganze aber ganz unschuldig als Schülerband. Wir wurden relativ schnell erfolgreich, in einer Zeit, in der Social Media noch MySpace hieß und man CDs verkauft hat. Davon haben wir tatsächlich einige verkauft, und zwei Alben erschienen sogar über Universal. Der entscheidende Punkt kam, als wir 2009 unser eigenes Label gründeten. Ich war da gerade 18 und bekam zum ersten Mal richtig mit, welche Herausforderungen Musiker eigentlich haben, wenn sie ihre Musik veröffentlichen wollen. Wir arbeiteten damals mit verschiedenen Promoagenturen – für Radio, TV, Online – und das war alles extrem teuer. Als wir dann alles selbst finanzieren mussten, habe ich gemerkt, dass mir das Thema Marketing und Promotion Spaß macht. Ich war schon immer neugierig, wer eigentlich auf der anderen Seite steht, wer schreibt die Artikel, wer organisiert den Release? So entstand die Idee, eine eigene Marketingagentur zu gründen, zunächst nur, um unsere eigene Band zu promoten und Kosten zu sparen. Mit der Zeit kamen aber immer mehr Anfragen von anderen Bands, Labels und Managern: „Wer macht eure Promo? Würdest du das auch für uns übernehmen?“ 2011 habe ich dann offiziell gegründet. Anfangs lief das noch neben dem Tourleben, aber seit wir 2019 mit den Killerpilzen in Pause gegangen sind, mache ich es hauptberuflich. Heute sind wir ein größeres Team und arbeiten mit Acts aller Größen, von Newcomern bis zu Nummer-eins-Künstlern. Dieses Jahr gab’s sogar eine Goldene Schallplatte.
Du bist also nicht nur Promoter, sondern auch weiterhin Musiker. Wie lässt sich das verbinden?
Jo Halbig: Ich bin tatsächlich nach wie vor Musiker. Dieses Jahr war ich das erste Mal seit sechs Jahren wieder solo auf Tour und habe auch eigene Songs veröffentlicht. Und das zieht sich durchs ganze Team: Wir sind etwa 15 Leute und alle machen Musik. Manche professionell, andere hobbymäßig. Das war mir immer wichtig, weil man so die Künstlerperspektive versteht. Wir wissen genau, wie viel Arbeit und Frust manchmal hinter einem Release oder einer Promo steckt.
Ihr werbt mit „All in One® Promotion“, was bedeutet das konkret?
Jo Halbig: Das ist bei uns kein leeres Versprechen. Früher mussten Bands für jede Art von Promo eine eigene Agentur beauftragen – Radio, TV, Online, Social Media. Das war teuer und kompliziert. Wir wollten eine Lösung schaffen, die flexibler und bezahlbarer ist. Heute bieten wir ein ganzheitliches Konzept an, von Online- und Radiopromotion über Pressearbeit, Podcasts, TV bis hin zu Influencer-Kampagnen. Wir schauen uns jeden Act individuell an: Was ist das Ziel? Wo macht es Sinn, stattzufinden? Eine Metal-Newcomerband muss nicht bei Inas Nacht auftreten, das wäre am Anfang einfach nicht relevant. Uns geht es nicht darum, Namen oder Zahlen zu verkaufen, sondern den richtigen Weg für jede Band zu finden. Ein Pop-Act funktioniert anders als eine Metalband, und nicht jeder Künstler passt zu jedem Format. Genau darin liegt unsere Stärke, denn wir entwickeln Strategien, die wirklich zu den Künstlern passen.
Jo Halbig: “Wir wollen, dass Künstler mit uns am Tisch sitzen”
Du sagst, ihr arbeitet individuell und nicht alles muss über Social Media laufen. Wie genau sieht euer „All in One®“-Konzept in der Praxis aus?
Jo Halbig: Wir haben mittlerweile Tausende Kontakte in allen Medienbereichen – Print, Online, Radio, TV, Podcast, Influencer. Es kommt ständig Neues dazu, anderes verschwindet wieder. Unser Ziel ist es, jederzeit flexibel darauf zugreifen zu können. Ich halte es für falsch, zu sagen, Social Media sei das einzige Tool, das heute funktioniert. Natürlich ist es wichtig, aber es ist eben nur ein Teil des Ganzen. Wir schalten beispielsweise auch Werbeanzeigen für Künstlerinnen und Künstler, aber nicht für jeden ist das der richtige Weg. Seit diesem Jahr haben wir außerdem einen neuen Bereich, den sogenannten Solutions-Bereich. Da geht es um Content Creation, also um Ideenentwicklung für Social Media und kreative Umsetzung. Wir arbeiten mit den Künstlern gemeinsam an Strategien, wie sie ihren Content authentisch gestalten können. Im Grunde besteht unsere Arbeit aus mehreren Bausteinen, die wir individuell kombinieren. Nur Social Media bringt manchen etwas, anderen gar nichts. Nur klassische Promotion funktioniert bei manchen, bei anderen nicht. Die Kombination aus unserer Promotion– und Solutions-Abteilung ist daher das Rückgrat unserer Firma.
Ein weiterer wichtiger Bestandteil eurer Arbeit ist das sogenannte Rockstar Coaching. Was steckt dahinter?
Jo Halbig: Das Rockstar Coaching kam 2019 dazu und ist ein Beratungszweig, der noch tiefer greift. Es geht darum, Künstlerinnen und Künstlern beizubringen, ihre Abläufe zu verbessern: Wie plane ich Releases? Wie organisiere ich Social Media? Wie denke ich über Einnahmen und Rückflüsse nach? Wir sind dabei keine klassischen Dienstleister, die einfach etwas übernehmen, sondern eher Sparringspartner. Man kann sich das wie ein Management auf Zeit vorstellen. Wir arbeiten für eine bestimmte Phase sehr eng mit den Künstlern zusammen, um sie zu befähigen, künftig selbst strukturierter und unabhängiger zu arbeiten und arbeiten hier gerade an einer großen Neuerung, die 2026 ansteht und für ordentlich Wirbel sorgen wird.
Gerade im Bereich Promotion gibt es viele schwarze Schafe, Magazine oder Influencer, die zwar gut aussehen, aber keine echte Reichweite haben. Prüft ihr solche Kontakte?
Jo Halbig: Absolut. Das ist uns extrem wichtig. Der Markt verändert sich ständig, neue Player kommen, alte verschwinden. Unser erster Schritt ist immer, zu prüfen, wer professionell arbeitet und wo eine thematische Verbindung besteht. Wenn jemand zum Beispiel für ein Metal-Magazin schreibt, bekommt er von uns natürlich keine Pop-Acts zugeschickt. Man merkt schnell, ob ein Kontakt zuverlässig ist. Und ja, wir machen Social-Media- und Spotify-Screenings – sowohl für unsere Partner als auch für die Künstler, mit denen wir zusammenarbeiten. Wenn wir sehen, dass jemand angeblich tausende monatliche Hörer hat, die aber aus Städten wie Bogotá oder Jakarta kommen, obwohl es sich um einen deutschsprachigen Singer-Songwriter handelt, sprechen wir das an. Wenn dann behauptet wird, das sei alles echt, wissen wir: Das wird nichts.
Euer Ansatz klingt sehr partnerschaftlich. Was ist euch in der Zusammenarbeit mit Künstlern am wichtigsten?
Jo Halbig: Transparenz. Wir wollen keine klassische Kundenbeziehung, bei der der Promoter auf einer Seite sitzt und der Künstler auf der anderen. Unser Anspruch ist: Wir sitzen nebeneinander am Tisch. Wir gehen den Weg gemeinsam, oft über mehrere Monate. Am Ende soll der Künstler sagen können: „Ihr wart mehr als Dienstleister – ihr wart Partner.“ Diese Haltung basiert auf Ehrlichkeit, Nachhaltigkeit und Vertrauen. Ich bin seit über 24 Jahren im Musikbusiness, und mein Name sowie der Name meiner Firma bedeuten mir zu viel, um kurzlebige oder undurchsichtige Deals zu machen. Nachhaltigkeit, im Umgang mit Menschen, Musik und Medien, ist für uns kein Schlagwort, sondern der Kern unserer Arbeit.
Social Media muss nachhaltig sein
Du hast gesagt, dass Nachhaltigkeit im Musikbusiness entscheidend ist. Wie zeigt sich das in deiner Arbeit und das gerade in einer Branche, die oft auf schnellen Erfolg setzt?
Jo Halbig: Ich glaube, man kann nur langfristig erfolgreich sein, wenn man nachhaltig mit Menschen arbeitet, egal, ob als Musiker oder hinter den Kulissen. Wer nur auf den schnellen Kick oder den nächsten Job aus ist, bleibt nicht lange. Schwarze Schafe gibt es überall, nicht nur in den Medien, sondern auch auf Promoter-Seite. In den ersten Jahren, also seit 2019, vielleicht bis letztes Jahr, war es mir deshalb besonders wichtig, zu zeigen, dass wir mit Leidenschaft und Professionalität arbeiten. Wenn du etwas Neues aufbaust, musst du dich erst beweisen. Das haben wir getan, und inzwischen haben wir durch viele tolle Referenzen diesen Druck nicht mehr. Unsere Partner wissen, dass wir abliefern, transparent, ehrlich und mit echter Hingabe.
Viele Künstler jagen dem viralen Erfolg hinterher. Wie siehst du das Thema Viralität und Nachhaltigkeit?
Jo Halbig: Natürlich ist Social Media enorm wichtig. Ich würde aber sagen, wir haben inzwischen den Peak erreicht und vielleicht sogar überschritten. Wir waren 2019 eine der ersten Partneragenturen von TikTok und haben damals mit einem Rap-Artist sehr früh wertvolle Erfahrungen gesammelt. Seitdem haben wir unzählige Kampagnen begleitet, die viral gingen, zuletzt etwa mit Paula Carolina oder Wackelkontakt, deren Song dieses Jahr überall lief, vom Karneval bis zum Oktoberfest. Aber: Viralität ist kein Selbstzweck. Sie kann ein Türöffner sein, aber nicht das Fundament einer Karriere. Ich wünsche jedem Künstler, einmal viral zu gehen, denn das ist ein tolles Gefühl. Doch entscheidend ist, was danach passiert. Eine virale Idee bringt nichts, wenn sie nicht zu einer wiedererkennbaren Identität führt.
Was meinst du mit Identität?
Jo Halbig: Ich spreche gern von Brand Consistency. Das heißt: Wenn jemand über einen viralen Clip auf dich aufmerksam wird, sollte er auch danach bei dir bleiben, weil du als Künstler Persönlichkeit zeigst und eine Geschichte erzählst. Dafür braucht es eine Social-Media-Strategie, die über den nächsten Klick hinausgeht. Viele scheitern daran, weil sie Viralität mit Relevanz verwechseln. Auch Social Media kann und muss nachhaltig sein. Am Ende sollen Menschen Tickets kaufen, Merch bestellen oder einfach Teil deiner Community werden. Das ist viel wertvoller als kurzfristige Reichweite. Ich glaube auch, dass sich das System rund um Social Media und Streaming in den kommenden Jahren stark verändern wird. Bestehen werden nur diejenigen, die echte Relevanz haben, als Marke, als Künstler, als Mensch.
Also geht es dir weniger um diesen schnellen „Hack“, sondern um nachhaltigen Aufbau?
Jo Halbig: Genau. Jede Band, die unbedingt viral gehen möchte, kann sich gern bei uns melden, wir würden aber niemals nur auf dieses Ziel hin mit ihr zusammenarbeiten. Wir können zehn Hooks ausprobieren, eine davon wird ziemlich sicher viral gehen. Aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist, dass du danach Tickets verkaufst, dass du Menschen erreichst, die bleiben. Dafür braucht man mehr Fundament als nur eine gute POV-Headline.
Viele junge Bands glauben ja, Viralität bedeute automatisch Erfolg. Was entgegnest du ihnen?
Jo Halbig: Viele Musiker sagen: Wir brauchen einfach nur mehr Reichweite. Viele setzen Viralität mit Reichweite gleich. Aber das eine hat mit dem anderen nicht automatisch zu tun. Du kannst ein virales Momentum haben und trotzdem komplett verpuffen, wenn du kein „Auffangbecken“ hast, also keine Struktur, um neue Hörer:innen langfristig zu halten. Das ist etwas, das wir auch im Coaching oft erleben. Es freut mich riesig, wenn jemand für seine Arbeit auf Social Media belohnt wird. Aber für dauerhaften Erfolg müssen die Grundlagen stimmen: Live spielen können, sich ein Publikum aufbauen, echte Fans gewinnen und einen Funnel zu bauen, der all das richtig filtert.
Und was ist mit Künstlern, die Musik eher als ambitioniertes Hobby betreiben?
Jo Halbig: Ich hoffe, dass es genau diese Menschen weiterhin gibt! Sie sind das Herz der Musikszene. Ohne die Bands, die einfach aus Leidenschaft Musik machen und nicht zwangsläufig in die Charts wollen, ohne die wäre das alles ziemlich eintönig. Unser Anliegen ist es, den Künstler:innen die Kontrolle zurückzugeben. Du brauchst heute kein Label mehr, kein klassisches Management. Du hast alle Tools zur Hand, aber das ist eben auch überfordernd. Und genau da kommen wir ins Spiel: Wir helfen, diese Tools sinnvoll einzusetzen, individuell, mit Erfahrung aus hunderten Kampagnen pro Jahr.
Du hast früher selbst Musik gemacht. Wie hat sich das Business seither verändert?
Jo Halbig: Enorm. Als ich angefangen habe, war mein Traum, bei MTV oder Viva zu laufen, denn das war damals gleichbedeutend mit Reichweite. Und es hat für uns geklappt. Heute ist es einfacher, Aufmerksamkeit zu bekommen, aber gleichzeitig auch schwieriger, weil es so viele Künstler:innen gibt. Es gibt keine Gatekeeper mehr, aber du musst dich gegen eine riesige Konkurrenz durchsetzen. Deshalb ist es so wichtig, originell zu bleiben, nicht die Kopie einer Kopie zu sein.
Das heißt, einfach erfolgreiche Strategien anderer zu kopieren, funktioniert nicht?
Jo Halbig: Genau. Viele sagen: Das hat bei der Band XY auch funktioniert, das machen wir genauso. Aber die Band, die das zum ersten Mal gemacht hat, war originell. Wenn du dasselbe wiederholst, ist es nichts Neues. Wenn man aus Managementsicht klug ist, nimmt man gute Beispiele, passt sie individuell an, verändert Details und dann kann daraus wieder etwas Einzigartiges entstehen. Aber wer nur Cover hochlädt oder Formeln kopiert, wird nicht bestehen. Punkt.
Stichwort Konkurrenz und Künstliche Intelligenz. Etwas, dass ich auch in meinem Interview mit Alana Leidig, einer Redakteurin von Metal. de hatte. Viele fürchten, dass KI-generierte Musik echte Bands verdrängen könnte. Wie siehst du das?
Jo Halbig: Es wird definitiv mehr werden. Plattformen wie Spotify werden schon jetzt mit KI-Musik geflutet. Aber ich bin überzeugt, dass echte, handgemachte Musik in den nächsten fünf bis zehn Jahren eine Renaissance erleben wird. Rockmusik, Gitarrenmusik, alles, was live, unperfekt und emotional ist, hat eine riesige Chance. Wer es schafft, Menschen wirklich emotional mitzunehmen, wird immer einen Vorteil gegenüber einer KI haben.
Also siehst du KI eher als Werkzeug denn als Konkurrenz?
Jo Halbig: Absolut. KI kann ein hilfreiches Tool sein, für Ideen, Content, vielleicht auch zur Unterstützung im Social-Media-Bereich. Aber sie ersetzt keine echte Musik und keinen echten Austausch zwischen Menschen. Und da sehe ich auch die Verantwortung der Medien: wieder mehr Leidenschaft und Haltung zu zeigen, statt nur Copy-Paste-Pressemeldungen zu veröffentlichen. Das ist doch genau das, was Musik eigentlich ausmacht, echte Emotion, nicht generierte Perfektion.
Ich muss auch ehrlich sagen, ich könnte mich über manche Entwicklungen im Musikjournalismus aufregen. Ich schreibe für große Redaktionen. Ich habe das gelernt, ein Volontariat gemacht, ich weiß, wie man Interviews führt und mit Musik umgeht. Und dann kommen da Leute, die einfach nur ein paar Fragen von ChatGPT raushauen und das Ganze als Interview verkaufen. Auch diese Copy-Paste-Reviews, die acht oder neun Punkte bekommen, nur damit Bands den Beitrag teilen, das nervt mich wirklich. Ich habe sogar Angst, dass viele nicht einmal erkennen, wenn ein Text von KI geschrieben wurde. Das ist so eine Fake-Welt geworden. Wie siehst du das?
Jo Halbig: Ich verstehe das total. Und ich glaube, genau deshalb werden Formate wie deins, also echte Gespräche mit Substanz, wieder an Relevanz gewinnen. Das merkt man ja jetzt schon. Wer gute Interviews führen kann, wer sich wirklich mit dem Thema beschäftigt, wird immer stärker sein als jemand, der Texte einfach „hinrotzt“.
Also keine Angst vor KI?
Jo Halbig: Nein, Angst ist der falsche Ansatz, in jedem Bereich. Egal ob als Musiker:in, Medium oder Marketingfirma: KI ist längst da und wird jeden Tag größer. Man kann sie nicht ignorieren, aber man kann entscheiden, wie man damit umgeht. Ich sehe das eher als Chance, um sich neu zu positionieren und Dinge, die in den letzten Jahren überdreht waren, wieder geradezurücken.
Was meinst du mit „überdreht“?
Jo Halbig: Zum Beispiel die ganze Playlist-Promotion-Szene. Da gab es ebenfalls unzählige schwarze Schafe, Leute, die gemerkt haben, dass man mit ein paar Fake-Playlists schnell Geld verdienen kann. Künstler:innen haben sich dort eingekauft, und es sah aus wie Reichweite, war aber nichts wert. Ich finde es gut, dass sich das langsam auflöst. Viele dieser dubiosen Services gibt es nicht mehr, weil klar wurde, dass es Scam war.
Und wie siehst du die Medienlandschaft?
Jo Halbig: Ich wünsche mir, dass journalistische Arbeit wieder mehr Tiefe bekommt. Ich lese seit Jahrzehnten Magazine wie Visions, da spürt man oft noch echtes Herzblut. Beim Fuze zum Beispiel merkt man, dass viele Texte mit Leidenschaft entstehen. Auf der anderen Seite kritisiere ich Magazine wie den Musikexpress, der früher mal mein Lieblingsmedium war, heute aber oft wie eine reine Werbeveranstaltung wirkt.
Das spüren viele Leser:innen genauso. Aber es gibt ja auch neue Formate, oder?
Jo Halbig: Absolut! Es entstehen so viele spannende Nischenprojekte – Podcasts, YouTube-Formate, kleine Online-Magazine. Für uns als PR-Agentur sind gerade diese Kanäle oft wertvoller als große Medienhäuser. Wenn jemand, egal ob mit 300 oder 300.000 Abonnenten, sich wirklich Zeit nimmt, ein ehrliches Gespräch zu führen und sich in die Musik „reinnerdet“, dann ist das für uns viel mehr wert als ein lieblos zusammenkopierter Artikel.
Du hast auch das Radio erwähnt, siehst du da ähnliche Probleme?
Jo Halbig: Ja. Wir kämpfen, auch auf Verbandsebene dafür, dass inhaltlich starke Radiobeiträge nicht weiter gekürzt werden. Es geht nicht nur um Einschaltquoten oder seichtes Musikprogramm. Radio kann, genau wie Print oder Online, wieder relevanter werden, wenn es echte Inhalte bietet. Jetzt ist genau der richtige Moment für Medien, sich selbstkritisch zu fragen: Was ist eigentlich unsere Aufgabe?
Superlifepromo in Action
Das ist ein starkes Plädoyer. Danke für deine Worte. Dann machen wir mal einen kleinen Perspektivwechsel: Stell dir vor, ich bin 21, will nächstes Jahr mein erstes Album rausbringen – sagen wir, ich gehe so ein bisschen in Richtung PJ Harvey, also rockig, mit Gitarre, manchmal solo, manchmal mit Band. Ich habe 2.000 Follower auf Instagram, 300 Abonnenten auf YouTube und ein begrenztes Budget. Ich komme zu euch, was würdest du mir raten?
Jo Halbig: Ich würde zuerst fragen: Was ist dein Ziel fürs nächste Jahr, außer, dass du dein Album veröffentlichen willst? Geht’s dir um Reichweite, um Live-Auftritte, um persönliche Entwicklung? Willst du einfach mehr Follower oder geht’s dir um ein bestimmtes Gefühl, einen Meilenstein?
Mein Wunsch wäre, mit meinem Album auf Tour zu gehen, einfach viel gesehen zu werden. Natürlich träume ich davon, irgendwann Headliner auf großen Festivals wie Rock am Ring zu sein. Aber zunächst wäre es mein Ziel, vielleicht als Support mit einer größeren Band zu touren, auch international, vielleicht sogar in den USA.
Jo Halbig: Das ist eine gute Vision. Wenn du englischsprachige Musik machst, ergibt das alles Sinn, live spielen, Album veröffentlichen, Bekanntheit aufbauen. Aber realistisch betrachtet: In zwölf Monaten wirst du kein Rock-am-Ring-Headliner sein. Und auch keine große Tour mit Tausenden Zuschauern spielen. Was wir tun würden, ist, einen machbaren Plan zu entwickeln. Zum Beispiel fünf Shows in deutschen Medienstädten, Berlin, Hamburg, Köln, München, Leipzig. Das wäre schon stark für ein Jahr. Deutschland ist dein Kernmarkt, hier kannst du anfangen, Tickets zu verkaufen und dir eine Basis aufzubauen.
Klingt vernünftig. Spielen wir das Spiel weiter, Jo. Etwas, womit sich wahrscheinlich viele Bands identifizieren können. Ehrlich gesagt, meine Reels ziehen irgendwie nicht. Ich poste regelmäßig, mache viel Content, aber es kommt kaum etwas dabei rum. Ich bekomme vielleicht acht neue Follower im Monat, obwohl ich jeden Tag was poste. Ads schalte ich auch, aber das bringt kaum etwas.
Jo Halbig: Real Talk: Hör sofort auf, Ads zu schalten. Das bringt in deiner Phase gar nichts. Man kann nur etwas befeuern, das schon brennt. Wenn du organisch keine Basis hast, verbrennst du mit Ads nur Geld. Zweitens: Wenn du jeden Tag postest und nur acht Follower im Monat gewinnst, dann liegt das Problem im Content. Entweder technisch, also Qualität, Format, Timing, oder, was viel wahrscheinlicher ist, inhaltlich. Du postest Dinge, die dich interessieren, aber offenbar nicht dein Publikum.
Ich verstehe. Ich schreibe ja selbst viel über Haltung und Identität, dass jede Band eine Botschaft braucht, eine eigene Story. Nur Musik zu machen, reicht nicht. Ich glaube, das gilt auch für Social Media, oder?
Jo Halbig: Ganz genau. Und genau da würden wir mit dir ansetzen. Wir würden deine Marke komplett analysieren, wer du bist, wofür du stehst, was macht dich aus. Und wir schauen mit einem professionellen, marketingstrategischen Blick darauf. Wir machen das seit über sechs Jahren, und da sitzen echte Menschen, die verstehen, wie Künstler:innen funktionieren. Vielleicht kommen wir zu dem Schluss, dass du großartige Musik machst, aber dein Social-Media-Auftritt überhaupt nicht zu deiner künstlerischen Identität passt. Dann würden wir dich Schritt für Schritt dabei begleiten, das zu korrigieren.
Also weniger posten, aber gezielter?
Jo Halbig: Genau. Qualität vor Quantität. Weniger Posts, dafür solche mit echtem Mehrwert und Potenzial, neue Fans zu gewinnen und zu halten. Wir zeigen dir, wie du Community Management betreibst, wie du mit Medien umgehst, Netzwerke aufbaust, und wie du dich genreabhängig positionierst, etwa im Indie-Bereich.
Das klingt tatsächlich sehr ganzheitlich. All-in-One. Es geht also über reines Marketing hinaus?
Jo Halbig: Absolut. Wir arbeiten eben auch an Mindset und Persönlichkeit. Viele Künstler:innen blockieren sich selbst, durch Angst, durch falsche Glaubenssätze. Sie trauen sich nicht, über ihre Erfolge zu sprechen, oder glauben, Erfolg heißt Viralität. Dabei beginnt Erfolg im Kopf. Um’s platt zu sagen: Seit ich zwölf war, wusste ich, dass ich Rockstar werden will. Und damit meine ich nicht Lederjacken und Groupies, sondern eine innere Haltung. Eine Rockstar-Persönlichkeit bedeutet, für seinen Weg einzustehen, Selbstvertrauen zu haben, unabhängig vom Genre.
Das finde ich spannend, also quasi Künstler:innen zu helfen, sich selbstbewusster zu zeigen?
Jo Halbig: Genau. Diese Persönlichkeitsentwicklung ist der Schlüssel. Künstler:innen, die erfolgreich sind, denken anders. Sie trauen sich, authentisch zu sein, auch wenn’s mal aneckt. Viele scheitern, weil sie Angst vor Kritik haben. Aber genau da gehen wir mit unseren Klient:innen durch.
Und wie geht’s dann weiter, wenn diese Basis steht?
Jo Halbig: Dann würden wir gemeinsam einen 12-Monats-Releaseplan aufstellen. Wir begleiten dich durch jede Phase, von der ersten Single bis zum Albumrelease. Wir geben dir Best Practices, wann du was posten solltest, und wie du Inhalte strategisch aufbaust. Ads kommen erst ins Spiel, wenn du sie wirklich brauchst, also wenn deine Reels organisch schon gut performen. Dann kann man gezielt mit kleinen Budgets pushen, um Reichweite auf Spotify oder Ticketverkäufe zu steigern.
Also ein langfristiger, nachhaltiger Aufbau statt schneller Hype?
Jo Halbig: Ganz genau. Es geht darum, eine solide Fanbase und ein authentisches Künstlerprofil zu entwickeln und das Schritt für Schritt, aber mit klarem Plan.
Hand aufs Herz! Wenn eine Band zu euch kommt, bei der ihr als Musiker denkt: Hey, da steckt Potenzial drin, die aber eigentlich jeden Marketing-Fehler macht, den man nur machen kann, wie brutal ehrlich seid ihr dann?
Jo Halbig: Sehr ehrlich. Viele im Musikbusiness sagen dir nur, wie toll alles ist. Wir sind da direkter. Wir schauen genau hin und sagen auch, was gerade nicht gut läuft, denn nur so kann man etwas verändern. Wenn du 5.000 Euro für deine Albumproduktion ausgegeben hast, aber niemand es hört, dann müssen wir gemeinsam herausfinden, woran das liegt. Unser Ziel ist, genau solche Situationen zu verhindern. Wir waren 2019 die Ersten, die ein solches Coaching im Musikbereich angeboten haben, bevor es den heutigen „Musikcoach“-Trend gab. Unser Anspruch ist, die Nummer 1 zu bleiben, und dafür investieren wir sehr viel Zeit und Energie. Wie gesagt, 2026 kommt eine große, super aufregende Neuerung, die das weiter vorantreiben wird. Wir möchten Künstlerinnen und Künstlern zeigen, dass sie die Kontrolle über ihre Karriere selbst übernehmen können. Du musst nicht warten, bis sich ein Label oder Management meldet. Wenn du diesen Weg drei, vier, fünf Jahre konsequent gehst, kannst du weiter kommen als viele, die auf den schnellen Erfolg hoffen.
Habt ihr intern auch schon eure Prozesse kritisch hinterfragt?
Jo Halbig: Ja, kontinuierlich. Wir wollen vorne dran bleiben und die Besten sein. In den Anfangsjahren mussten wir Lehrgeld zahlen und Prozesse optimieren, aber das hat uns nur stärker gemacht. Wir wollen auch Skepsis gegenüber Agenturen auflösen und den Künstlern zeigen: Es geht auch anders.
Und wie kommuniziert ihr den Preis eurer Dienstleistungen?
Jo Halbig: Ganz offen: Unsere Arbeit kostet Geld. Das ist aber gut investiertes Geld, weil wir damit einen echten Mehrwert schaffen und mittlerweile einen der größten aktuellen Datenpools für Musikmarketing und Promotion in Deutschland haben. Und zwar mit Daten, die das Business jetzt und nicht vor 15 Jahren bestimmt haben. Talent und Kreativität sind nicht automatisch gleichzusetzen mit Business-Wissen. Wir helfen den Künstlern, ihre Karriere auf ein solides Fundament zu stellen.
Was würdest du abschließend über eure Philosophie sagen?
Jo Halbig: Wir wollen, dass Künstler die Kontrolle über ihre Karriere haben, wissen, was passiert und dass sie vorankommen. Unsere Mission ist, sie langfristig zu begleiten, transparent und strukturiert, und dafür zu sorgen, dass sie nicht nur kreativ, sondern auch strategisch erfolgreich sind und mehr Fans plus finanziellen Rückfluss bekommen.
Danke Jo für diese Einblicke.
Mehr zu Jo Halbig und seiner Agentur Superlifepromo findet ihr im Netz.
Superlifepromo / Rockstar Coaching
Mehr Soundcheck Sessions findet ihr auf der Website.
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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

