Foto: Leodays
Vom Indie-Set bis zur Metalcore-Bühne: Kevin Hein spricht über Schlagzeug, Session-Gigs und eigene Projekte.
Interview: Mia Lada-Klein
Kevin Hein ist kein Drummer, der nur im Takt bleibt, er lebt Musik. Ob Punkrock, Indie, Metalcore oder sogar Country, er mischt als Session-Drummer, Solo-Künstler und Bandmitglied alles auf, was nach Schlagzeug klingt. Mit Mitte zwanzig hat er schon London erobert, Shows gespielt, eigene Projekte gestartet und seinen eigenen Style am Schlagzeug entwickelt. Im Interview erzählt er, wie man als Jugendlicher spontan nach England zieht, warum englische Bands für ihn mehr als nur Musik sind und wie Leidenschaft und Rampenlicht bei ihm zusammenkommen.
Hi Kevin, lass uns mal ganz am Anfang anfangen, quasi als Gott oder wer auch immer die Drumsticks erfunden hat und du in der ersten Reihe standest. Ich kenne dich als Schlagzeuger von Casino Blackout, aber gleichzeitig jonglierst du ja auch mit eigenen Projekten und scheinst sowieso eher als Solo-Künstler unterwegs zu sein. Also mal Butter bei die Fische: Wer bist du eigentlich wirklich?
Ich hab mit neun oder zehn angefangen, Schlagzeug zu spielen. Zuerst in der Schule in Bands und dann wurde schnell klar, dass ich das professioneller machen möchte. Ich wollte einfach mehr Zeit in die Musik stecken. Mit 14 oder 15 habe ich mich informiert, welche Optionen es gibt, und bin nach der Schule nach London gezogen. Damals noch relativ einfach, weil England in der EU war. Ich wollte ein anderes Land kennenlernen und schauen, wie die Szene dort ist. Seitdem bin ich eigentlich hier geblieben. Ich habe Shows gespielt, Schlagzeugunterricht gegeben und mir ein breites Standbein aufgebaut. Irgendwann habe ich entschieden: Ich bleibe hier.
Du bist noch ziemlich jung, Mitte zwanzig. Wann genau bist du nach London gezogen? Ich stelle mir gerade einen Jugendlichen vor, der einfach sagt: “Ach, ich gehe jetzt mal nach London.”
(lacht) Ja, das war tatsächlich nach dem Abi. Ich hatte mir verschiedene Universitäten angeschaut, zum Beispiel die Popakademie in Mannheim, aber dahin wollte ich nicht unbedingt. Berlin wäre noch eine Option gewesen, aber mich hat es nach London gezogen. Ein Bekannter von mir ist damals nach Los Angeles gegangen, was wegen der Arbeitsgenehmigungen aber komplizierter war. Ich wollte eher etwas Langfristiges. Und da England EU-Mitglied war, konnte man relativ unkompliziert rüberziehen. Das war ein Flug von nicht mal einer Stunde.
Du machst aber sehr viele verschiedene Dinge. Casino Blackout ist da ja fast schon ein Nebenprojekt, weil du beruflich schon mitten im Musikbusiness stehst. Kannst du das ein bisschen erklären?
Klar. Ich bin in erster Linie Session-Drummer. Das heißt, ich helfe bei unterschiedlichen Projekten aus, egal ob bei Bands oder Solokünstlern und werde für die Shows oder Recordings gebucht. Bei Casino Blackout war es so, dass sie für die Rogers-Tour einen Drummer gesucht haben. Flo von der Band hatte mich über Social Media gefunden, weil ich Drum-Cover poste und über Spotify auch mal mit einem Rapper aus Wien zusammengearbeitet habe. So kam der Kontakt zustande. Ich hatte ohnehin Lust, mal wieder Punkrock zu spielen, weil ich hier in England eher mit Indie-Acts unterwegs bin. Also habe ich zugesagt. Auf der Rogers-Tour war auch Sperling dabei, und weil deren Drummer krank wurde, bin ich dort spontan eingesprungen. Das hat so gut funktioniert, dass ich später noch einmal für ein paar Shows angefragt wurde. So greifen die Dinge oft ineinander.
Was ist denn deine Hauptmusikrichtung? Geht es eher ins Elektronische, ins Rockige? Was ist dein Ding?
Schwer zu sagen, weil es bei mir ziemlich gemischt ist. In Deutschland habe ich in meiner Jugend viel Metalcore gespielt. Das war meine musikalische Schule. In London habe ich dann viel Pop und Indie gespielt, weil die Szene hier riesig ist. Mittlerweile reicht mein Spektrum von Indie über Punkrock bis hin zu Country. Ich habe sogar mit einer US-Country-Sängerin gearbeitet. Aber wenn ich es einordnen müsste: Ich komme eher aus der Alternative- und härteren Ecke, das macht mir nach wie vor am meisten Spaß.
Metallica ruft! Würdest du alles hinschmeißen?
Würdest du eigentlich mal richtig fest in einer Band sein wollen? So mit voller Kreativität, Tourbus-Chaos und allem Drum und Dran? Stell dir mal vor: Metallica ruft an, also ein James Hetfield weint am Telefon, weil Lars Ulrich plötzlich keine Lust mehr auf Schlagzeug hat. Natürlich müsstest du dafür alle anderen Projekte in die Tonne kloppen. Würdest du das in Erwägung ziehen oder ihm sagen: “Nee, ich bleib lieber bei meinen eigenen Eskapaden”?
Ja, wir hatten ja schon mal drüber gesprochen, dass das eigentlich meine Intention ist, ein festes Projekt zu finden, wo man sich kreativ einbringen kann und nicht nur die fertigen Songs spielt. Mit denselben Leuten dauerhaft unterwegs zu sein, eine gemeinsame Richtung zu haben, das wäre schon das Ziel. Das Schwierige ist, Mitmusiker zu finden, die dasselbe Level an Engagement mitbringen. Musik Vollzeit zu machen bedeutet, sehr viel Zeit und auch Geld zu investieren, in Touren, Hotels, Equipment. Da müssen alle bereit sein, diese Priorität zu setzen. Das Finanzielle ist für mich weniger das Problem, weil ich mir als Session-Drummer und Lehrer ein stabiles Fundament aufgebaut habe. Wichtiger ist, dass die Bandmitglieder Erfahrung haben, wissen, was dazugehört, und wirklich 100 Prozent hinter dem Projekt stehen.
Du sagst es selbst, eine Band kostet Geld, Zeit, Nerven. Viele haben einfach nicht die nötige Erfahrung und unterschätzen, wie das Business wirklich läuft. Bei dir stelle ich mir das aber augenblicklich besonders schwer vor, weil du ja ständig auch zwischen verschiedenen Projekten wechselst. Fühlt man sich da trotzdem als Teil einer Familie oder ist es für dich letztlich eher ein Job, wenn du ein paar Monate oder Wochen quasi “aushilfst”?
Beides, würde ich sagen. Natürlich ist es ein Job, gerade weil ich viel als Session-Drummer arbeite. Aber gleichzeitig hängt es extrem von den Persönlichkeiten ab. Ich habe schon Bands erlebt, mit denen es menschlich sofort gepasst hat, und andere, wo es schwieriger war. Wenn man aber mit einer Band auf der Bühne steht, dann entsteht fast automatisch so ein Gemeinschaftsgefühl. Es ist ein Unterschied, ob du als Begleiter für eine einzelne Frontperson spielst oder ob die komplette Band als Einheit performt. Gerade in Rock- und Alternative-Umgebungen macht mir das viel mehr Spaß, weil es eben mehr nach “Wir” und weniger nach “Begleitung” klingt.
Heißt das für dich, dass deine nächste Band schon eher in die härtere Richtung gehen sollte? Also keine Polka-Band?
(lacht) Nein, Polka wäre nichts für mich. Ich hatte zwar auch Anfragen aus der Indie-Szene, aber wenn ich mich wirklich langfristig an eine Band binde, dann muss es schon eine Richtung sein, die ich mit voller Leidenschaft spiele. Post-Hardcore, Metalcore, Alternative Rock, das ist die Musik, mit der ich groß geworden bin und in der ich mich auch kreativ am besten ausdrücken kann.
Welche Bands wären da für dich prägend?
Bands wie A Day to Remember oder Bring Me the Horizon. Diese ganze Alternative-Szene ist für mich spannend und inspirierend.
Du hast mit Casino Blackout gespielt. Wie war das für dich so? Pure Ekstase oder eher sanftes Kopfschütteln? Jetzt hast du offiziell die Lizenz, hemmungslos abzulastern. Keine Sorge, das bleibt unter uns *hust*, ich verspreche, ich veröffentliche es nicht.
Nein, die waren super. Das sind echt liebe Jungs, und die Tour war ein Highlight für mich. Wir sind auch immer noch in Kontakt. Mit Flo oder Roman tausche ich mich immer mal wieder aus. Ich habe auch gesagt: Wenn sie irgendwann noch mal einen Drummer brauchen, helfe ich jederzeit gern aus. Für eine langfristige Zusammenarbeit wäre die Entfernung ein Problem, weil ich in England lebe und sie im Süden von Deutschland sind. Aber die Erfahrung mit ihnen war wirklich top.
Aber mal im Ernst: Suchst du deine nächste feste Band eher in England oder wäre Deutschland auch eine Option?
Grundsätzlich ist mir das gar nicht so wichtig, es geht eher um die Ausrichtung der Band. Was für mich immer ein ausschlaggebender Punkt war: Die Sprache. Englischsprachige Bands haben einfach eine größere Reichweite. Man kann international touren, ob in Tschechien, Polen, Italien oder Spanien. Bei deutschsprachigen Bands bist du stärker auf den deutschsprachigen Raum beschränkt. Natürlich hat Deutsch im Songwriting seinen Reiz, das habe ich auch mit Sperling oder Flo diskutiert. Für mich als Drummer ist Englisch aber einfach spannender, weil ich auch selbst fast nur englische Musik höre.
Band, Bühne und Schlagzeug: Leidenschaft trifft Realität
Kommen wir mal zu deinem Instrument. Schlagzeug ist ja ein richtiges Ganzkörper-Instrument. Man braucht Hände, Füße, Timing, Koordination. Ich persönlich finde das wahnsinnig beeindruckend. Was macht für dich einen guten Schlagzeuger aus?
Da scheiden sich die Geister. Manche legen den Fokus auf Technik, andere auf Geschwindigkeit. Für mich steht aber die Persönlichkeit im Vordergrund: Der eigene Style. Ein guter Drummer sollte sich nicht verstellen oder jemanden kopieren, sondern seine eigene Handschrift entwickeln und Spaß dabei haben und diesen Spaß auch rüberbringen. Technik ist wichtig, klar, aber das Entscheidende ist, dass man die Leute mitreißt. Es gibt unzählige Beispiele: Travis Barker etwa. Viele kritisieren ihn, andere feiern ihn. Fakt ist, er hat Millionen dazu inspiriert, überhaupt Schlagzeug zu spielen. Genauso wie Lars Ulrich bei Metallica. Der wird oft belächelt, aber er hat die prägendsten Alben mitgeschrieben und eine ganze Generation beeinflusst.
Klingt so, als ob du weniger analytisch und mehr aus Leidenschaft hörst. Aber kannst du als Schlagzeuger noch ganz entspannt Musik hören, ohne zu bewerten?
Es kommt auf die Musik an. Bei Alternative- oder Rockbands höre ich automatisch genauer hin: Was spielt die Band, wie sind die Drums eingebettet, wo liegt der Fokus? Das ist ein bisschen Berufskrankheit. Aber es ist nicht so, dass ich die ganze Zeit nur Fehler suche. Man hört eher bewusst, wie etwas gemacht ist. Gleichzeitig höre ich auch Musik, bei der Drums gar keine große Rolle spielen, deutsche Rap-Tracks, Pop, manchmal sogar Schlager. Da höre ich dann einfach nur aus Spaß.
Schlager kommt unerwartet, aber ja, wir kommen der Polka schon näher. Wie würdest du deinen eigenen Stil am Schlagzeug beschreiben? Ist das etwas, das du selbst klar definieren kannst, oder überlässt du es lieber anderen, dich einzuordnen? Oft klafft ja die Eigenwahrnehmung und die Fremdeinschätzung ziemlich auseinander.
Das stimmt, und es ist definitiv eine der wichtigsten Fragen für Drummer überhaupt. Ich denke, man weiß nie zu hundert Prozent, wer man wirklich ist am Instrument, aber es gibt immer Einflüsse, die einen prägen. Bei mir war das schon mit 14, 15 so, dass ich bestimmte Schlagzeuger bewundert habe und unbedingt so sein wollte wie sie. Heute versuche ich eher, Teile aus verschiedenen Stilen und Persönlichkeiten zu übernehmen und daraus etwas Eigenes zu formen. Das hat sich über die Jahre entwickelt und verändert.
Also eher ein Prozess, der sich aus Erfahrungen ergibt?
Genau. Es hängt auch stark davon ab, mit wem man spielt. Allein die Art, wie man sein Set aufbaut, sagt schon viel aus. Wenn ich zum Beispiel einen Session-Gig für einen Country-Sänger spiele, achte ich vor allem darauf, dass es gut klingt und nicht zu auffällig wirkt. Dann verzichte ich auf Stick Tricks oder auf ein auffälliges Outfit, ziehe vielleicht einfach ein schwarzes Shirt an und halte mich eher im Hintergrund.
Und in deinen eigenen Projekten sieht es anders aus?
Absolut. Da darf es präsent und auffällig sein. In meinen eigenen Drums habe ich zum Beispiel Farben in die Toms eingebaut. Ich spiele dann mit großen, tiefen Toms, flachen Becken, trage Tanktops, einfach so, dass der Drummer auf der Bühne sichtbar ist und eine aktive Rolle einnimmt. Dazu gehören dann auch Stick Tricks oder andere visuelle Elemente. Aber immer dosiert, was ich auf der Bühne zeige, habe ich vorher intensiv geübt, damit es nicht gekünstelt wirkt.
Spannend. Ich habe schon mehrere Interviews mit Schlagzeugern geführt und finde es faszinierend, wie unterschiedlich das Instrument inszeniert wird. Manche halten sich bewusst zurück, andere rücken ins Rampenlicht. Bei der Band Ten56 etwa tritt der Schlagzeuger Arnaud Verrier bei einigen Songs nach vorne, greift zur Gitarre und zieht alle Blicke auf sich. Und es gibt sogar Bands, in denen der Schlagzeuger gleichzeitig Frontmann ist.
Genau das finde ich so spannend. Es gibt zwei Ebenen: Im Studio oder im Proberaum zählt die Technik, da geht es um Präzision und Musikalität. Live aber kaufen die Leute ein Ticket nicht nur für den Sound, sondern auch für die Show. Und zur Show gehört heute einfach mehr als nur das reine Spiel. Es geht um Energie, Bühnenpräsenz und darum, wie die Band als Ganzes wirkt.
Vielen Dank Kevin.
Mehr zu Kevin Hein findet ihr in den Socials.
Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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