Alana Leidig: Zwischen Jugendförderung, Metal und KI

Foto: Alana Leidig

Alana Leidig über Social Media, KI, Musikszene & Jugend: Chancen, Risiken und wie Kreativität trotz Druck und Algorithmen bestehen bleiben kann.

Interview: Mia Lada-Klein

Alana Liedig ist ausgebildete Sozialarbeiterin mit dem Schwerpunkt auf der offenen Jugendarbeit und ihren vielfältigen Facetten. Dabei spielen Medien und soziale Netzwerke heute eine immer größere Rolle. Daneben mischt sie bei Metal.de kräftig mit, wo sie sich um alles kümmert, was laut, sichtbar und nach außen wirkt: Pressearbeit, Social Media, Tourpräsentationen etc. Kurz, sie bringt die Musikszene unter die Leute. Diese Kombination aus Jugend, Social Media und Musik macht sie zu einer spannenden Schnittstelle zwischen digitalen Trends und der harten Welt der Metal-Bühnen.

Ich habe Alana zum Talk geladen, um sie genau damit zu löchern: Wo lauern die Fallen von Social Media? Wie beeinflusst KI unsere Musikszene? Haben Bands heutzutage überhaupt noch eine Chance auf den großen Durchbruch? Und natürlich die alles entscheidende Frage: Welche Bands stehen auf Alanas Playlist, und wie sieht sie die Zukunft der Festivalbranche? Antworten auf all das gibt’s im Interview.

Hallo Alana, schön, dass du heute da bist! Zum Einstieg eine klassische Frage: Wer bist du, was machst du, und wie bist du dahin gekommen, wo du heute stehst?

Alana: Ich bin Alana, gelernte Sozialarbeiterin mit dem Schwerpunkt auf Medienarbeit, insbesondere mit jungen Menschen. Darüber habe ich auch meine Bachelorarbeit geschrieben. Momentan arbeite ich in der offenen Jugendarbeit, engagiere mich aber nebenbei ehrenamtlich bei einem Musikmagazin. Dort kümmere ich mich um Pressearbeit, Social Media und Tourpräsentationen, also um vieles, was nach außen hin sichtbar ist.

Zwischen Social Media und Realität: Chancen und Gefahren

Social Media ist heute ja ein riesiger Teil dieser Arbeit. Früher, vor zwanzig Jahren, gab es das alles noch gar nicht. Kein Spotify, keine Streamingdienste, keine sozialen Netzwerke. Wie stehst du persönlich zu Social Media? Ist es für dich eher Fluch oder Segen?

Alana: Ganz klar beides, Fluch und Segen zugleich. Auf der einen Seite ist Social Media eine großartige Kommunikationsplattform und kann für junge Künstlerinnen und Künstler ein echtes Sprungbrett sein. Aber es ist eben kein Garant. Vieles ist auch eine Art Trugbild. Die sozialen Medien haben ihren ursprünglichen sozialen Faktor, also das wirklich Menschliche darin, weitgehend verloren. Das finde ich schade, gerade wenn man bedenkt, welchen Einfluss diese Plattformen auf junge Menschen haben.

Du hast erwähnt, dass du beim Musikmagazin Metal.de im Bereich Presse- und Social-Media-Arbeit tätig bist. Wie läuft das genau ab? Bekommst du viele Anfragen, und wie entscheidet ihr, worüber ihr berichtet?

Alana: Ja, es kommen wirklich viele Anfragen rein, von kleinen Bands bis hin zu größeren Künstlern. Wir schauen uns alles erst einmal offen an und prüfen, ob es stilistisch zu unserem Magazin passt. Wenn ja, besprechen wir im Team, ob und wie wir das Thema aufgreifen. Das ist eine echte Teamleistung, ich entscheide da nichts allein. Wichtig ist uns, dass wir offen bleiben, aber auch eine klare Linie behalten, was zu uns passt.

Da ist bestimmt auch eine Menge Kram dabei, der so gar nicht überzeugt, oder? Ich meine, wie viel Schund begegnet euch da eigentlich? Ganz ehrlich: Du und ich, wir schnappen uns jetzt einfach ‘ne Gitarre und’n Bass, toupieren uns die Haare ordentlich, machen fix einen Instagram-Account auf und zack, schon sind wir eine Band. Fertig. Easy.

Alana: (lacht) Ich bin ehrlich gesagt noch nicht so lange dabei, erst seit gut einem Jahr und bisher bin ich noch nicht über etwas gestoßen, das völlig unbrauchbar war. Aber wovor ich tatsächlich mehr Angst habe, ist etwas anderes: die Künstliche Intelligenz. Ich glaube, es wird in Zukunft schwieriger, echte Künstlerinnen und Künstler von KI-generierten Projekten zu unterscheiden. Es ist heute schon möglich, ganze Alben mit KI zu erstellen und das macht mir sowohl für Journalisten als auch für die Musikszene insgesamt Sorgen.

Das kann ich gut nachvollziehen. Ich sehe es auch im Journalismus: Viele halten sich plötzlich für Journalistinnen oder Journalisten, nur weil sie zwei gerade Sätze schreiben können, ähnlich wie jemand, der drei Akkorde auf der Gitarre spielt und sich dann Musiker nennt. Siehst du da auch eine Gefahr, dass Social Media ein verzerrtes Bild davon vermittelt, was echte Arbeit und echtes Talent ist?

Alana: Absolut. Social Media und KI sind in dieser Hinsicht eine gefährliche Kombination. Deepfakes sind da nur ein Beispiel, man kann heute mit wenigen Klicks Aussagen manipulieren oder Bilder so verändern, dass sie komplett neue Geschichten erzählen. Ich bekomme das als Sozialarbeiterin in Fortbildungen immer wieder mit. Diese Verfälschungen sind brandgefährlich, nicht nur gesellschaftlich, sondern auch für junge Menschen, die noch keine ausgeprägte Medienkompetenz haben. In der Musikszene sehe ich das ähnlich: Da wird viel beschönigt, und nicht alles, was glänzt, ist echt.

Du bist ja auch regelmäßig auf Konzerten und Festivals unterwegs. Wie hat sich die Szene deiner Meinung nach in den letzten Jahren verändert, gerade im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie?

Alana: Die Veränderungen sind deutlich spürbar. Ich war mit 17 auf meinem ersten großen Festival und habe das damals total gefeiert. Früher waren viele Festivals innerhalb kürzester Zeit ausverkauft, das ist heute oft nicht mehr so. Gerade kleinere Festivals und Herzensprojekte kämpfen mit schlechten Vorverkäufen und müssen teilweise abgesagt werden. Das finde ich wirklich traurig. Ich weiß noch nicht genau, woran es liegt, vielleicht an gestiegenen Kosten, vielleicht an der Überflutung mit Musik.

Das kann gut sein. Man hat ja heute quasi endlosen Zugriff auf Musik, jeden Freitag erscheinen zig neue Releases, man kommt gar nicht mehr hinterher. Und durch KI wird der Pool an „Künstlern“ ja noch größer. Glaubst du, es ist für echte Bands heute überhaupt noch möglich, richtig groß rauszukommen?

Alana: Das ist wahnsinnig schwierig geworden. Ich denke, man braucht heute ein enormes Maß an Talent, Ehrgeiz und Glück, um sich noch durchzusetzen. Außerdem kommt es darauf an, was man als Band überhaupt will. Manche möchten einfach regelmäßig auftreten und ein bisschen Reichweite aufbauen und das ist legitim. Aber wer wirklich davon träumt, international erfolgreich zu werden, hat es heute schwerer denn je. Es gibt so viele Genres und Untergenres, dass der Wettbewerb immer größer wird. Und wenn dann noch KI-Bands hinzukommen, verschwimmt die Grenze zwischen echt und künstlich immer weiter. Das ist für alle Musikerinnen, Musiker und Medien eine echte Herausforderung.

Musik, Leidenschaft und der Druck der Aufmerksamkeit

Medien und Psychologie. Das ist ja auch durchaus dein Thema. Findest du, dass klassische Marketingregeln, wie etwa die „Seven Times Rule“, also dass man etwas siebenmal sehen muss, um es zu mögen, heute überhaupt noch funktionieren?

Alana: Vielleicht in Teilen, aber ganz sicher nicht mehr so wie früher. Man teilt auf Social Media denselben Beitrag fünfmal, aber die Wirkung ist nicht dieselbe. Natürlich erreicht man Menschen, aber die Aufmerksamkeitsspanne ist viel geringer. Ich habe das Gefühl, dass sich kaum jemand noch wirklich intensiv mit etwas auseinandersetzt, sei es Musik, Kunst oder einer bestimmten Person. Wir werden ständig von Werbung und gezielten Inhalten überrollt, weil Algorithmen uns nur noch das zeigen, was wir vermeintlich mögen. Alte Strategien greifen da kaum noch. Es ist fast ein Kampf gegen Windmühlen.

Du arbeitest hauptberuflich mit Jugendlichen. Das stelle ich mir gerade in dieser reizüberfluteten, digitalen Welt sehr herausfordernd vor. Wie erlebst du das?

Alana: Es ist anstrengend, aber auch unglaublich wichtig. Ich arbeite in der offenen Jugendarbeit und habe viel direkten Kontakt zu jungen Menschen. Wenn ich mit Eltern spreche, was selten, aber manchmal der Fall ist, rate ich ihnen oft, ganz klein anzufangen: einfach mal die Bildschirmzeit der Kinder zu prüfen. Viele haben gar kein Gefühl dafür, wie viel Zeit tatsächlich in sozialen Medien verschwindet. Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen und Eltern fit fürs Netz zu machen. Diese Social-Media-Welt ist so schnelllebig, heute ist etwas Trend, morgen vergessen. Ich habe im Rahmen meiner Bachelorarbeit sogar einen Selbsttest gemacht, wie schnell man durch Algorithmen in bestimmte Bubbles gerät. Das war erschreckend.

Mittlerweile gibt es ja Livestreams, in denen Gewalt oder sogar Todesfälle zu sehen sind. Stumpfen wir als Gesellschaft ab? 

Alana: Ja, absolut. Ich finde, das kann man ziemlich gut so sagen. Wir stumpfen ab und das ist brandgefährlich. Ich habe mich während meines Studiums mit Studien zu Gewalt und zu diesen sogenannten TikTok-Challenges beschäftigt. Es ist erschreckend, was junge Menschen tun, nur um dazuzugehören. Das Bedürfnis, Teil einer Gruppe zu sein, ist groß, aber die Hemmschwelle sinkt. Jugendliche sehen tagtäglich Gewaltszenen, ohne sie überhaupt noch als solche zu erkennen. Viele fragen sich gar nicht mehr: Was ist Gewalt eigentlich? Mentale Gewalt etwa, diese ständige Reizüberflutung, das Miterleben von Dingen, die man gar nicht sehen möchte, das alles hat Auswirkungen. Und es wird noch schlimmer dadurch, dass die Plattformen es nicht schaffen, solche Inhalte konsequent zu filtern.

Das klingt sehr beunruhigend. Gleichzeitig hast du aber sicher auch positive Beispiele, oder?

Alana: Auf jeden Fall. Ich habe großartige junge Mädchen um mich, die total reflektiert sind und sich nicht an Schönheitsidealen messen. Die sagen mir ganz klar: „Ich sehe das alles, aber ich muss doch niemandem nacheifern.“ Das macht mich richtig stolz. Trotzdem sehe ich auch, wie viel Druck durch Social Media entsteht, besonders für junge Mädchen, aber auch für Jungs. Es ist ein gesellschaftliches Problem, das wir ernst nehmen müssen.

Musik & Szene: Balance zwischen Druck und Kreativität

Kommen wir noch einmal zur Musik. Du bist ja auch in diesem Bereich aktiv und hast viele Musiker im Freundeskreis. Spürst du dort auch Veränderungen durch Social Media, etwa den Zwang, ständig präsent zu sein?

Alana: Definitiv. Egal in welchem Genre: Social Media spielt heute eine riesige Rolle. Alles muss lauter, auffälliger und schneller sein, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Ich sehe das in meinem Umfeld ganz deutlich, der Druck, sich ständig neu zu erfinden, ist enorm.

Also ein permanentes „Höher, schneller, weiter“?

Alana: Genau. Und gleichzeitig werden die Aufmerksamkeitsspannen der Menschen immer kürzer. Inhalte müssen in 30 Sekunden überzeugen, sonst wird weitergescrollt. Man kann etwas hundertmal posten, aber wenn es nicht sofort Interesse weckt, wird es einfach übersprungen, nicht nur mit dem Finger, sondern auch im Kopf. Das Gehirn ist schlicht überfordert mit all den Reizen.

Ich kenne das aus meiner Arbeit auch. Viele Bands, die ich mehrmals erwähne, müssten nach der „Seven Times Rule“ längst riesige Fanbases haben, aber das passiert natürlich nicht. Vielleicht funktioniert das nur bei Produkten, nicht bei Kunst. Musik lebt ja von Emotionen. Aber Apropos: Welche Musik spricht dich persönlich am meisten an?

Alana: Das hängt ganz von meiner Stimmung ab. Grundsätzlich bin ich im Rock- und Metalbereich zuhause. Wenn ich Ruhe brauche, lege ich meine alten Platten auf, Led Zeppelin, Guns N’ Roses, diese Klassiker sind mein Rückzugsort. Wenn ich Energie brauche, starte ich mit Death Metal in den Tag. Das gibt mir Kraft. Aber ich höre mich auch quer durch alle Genres und manchmal entdecke ich eine kleine lokale Band, die mich total berührt, manchmal brauche ich aber die großen Namen. Musik ist für mich aber immer ein Gefühl, kein Genre.

Es ist eine spannende Mischung: Soziale Arbeit auf der einen Seite, Metal auf der anderen. Ist Musik für dich auch eine Art Ausgleich zu deinem Job mit Jugendlichen?

Alana: Auf jeden Fall. Musik ist mein Herzblut. Ich hatte dieses Jahr sogar ein Jugendprojekt, bei dem die Jugendlichen eine eigene Rockband gegründet haben. Da konnte ich meine beiden Welten wunderbar verbinden. Sie kommen dann zu mir und fragen nach meiner Meinung oder erzählen begeistert, dass sie etwas von mir gelesen haben, das ist total schön.

Klingt, als würdest du in beiden Bereichen richtig aufgehen.

Alana: Ja, absolut. Ich liebe die Musikszene. Sie hat mich in vielen Lebensphasen getragen, und mir ist es ein echtes Anliegen, dass sie lebendig bleibt, gerade jetzt, wo Vorverkäufe zurückgehen und digitale Formate immer mehr Raum einnehmen. Ich wünsche mir, dass Musik auch in Zukunft ein menschliches, echtes Erlebnis bleibt, nicht etwas, das von Algorithmen oder KI ersetzt wird.

Vielleicht an dieser Stelle ein Appell: Kauft mehr Tickets von lokalen Bands! Nein, im Ernst, wir sind da wieder bei einem Thema, das uns alle betrifft. Die Leute sind einfach so abgestumpft. Selbst ich, obwohl ich mich eigentlich für einen sehr achtsamen Menschen halte, merke das. Man sieht etwas auf Social Media, ist kurz berührt, und drei Scrolls später ist es einfach weg. Selbst wenn ich mir denke: „Darüber wollte ich noch schreiben“, ist es beim nächsten Mal schon wieder vergessen.

Alana: Das geht, glaube ich, vielen so. Ich merke das auch oft: Man sieht ein Video, das einen an jemanden erinnert, will es noch mal anschauen und zack, es ist weg, weil alles so schnell ist. Das ist so sinnbildlich für unsere Zeit. Diese Geschwindigkeit, in der sich Social Media bewegt, ist unglaublich. Und man kämpft da regelrecht gegen Maschinen, denn als Mensch kann man das gar nicht alles verarbeiten. Ich sehe das bei den Jugendlichen, die ich begleite, genauso wie bei Musikerinnen und Musikern in meinem Freundeskreis. Überall spürt man diese Überforderung, dieses ständige Gefühl, erreichbar sein und mithalten zu müssen, weil jemand anderes vielleicht noch eine Sekunde schneller oder auffälliger war. Es ist wie ein Dauerwettbewerb, und man fragt sich irgendwann: Wann kommt man eigentlich noch zur Ruhe?

Trotzdem hat Social Media ja auch positive Seiten, oder?

Alana: Ja, ich sehe auch viel Positives! Es gibt unglaublich kreative Jugendliche, die Reels oder kleine Kunstwerke erschaffen, bei denen ich mir denke: Wow, mit 14 schon so eine technische Affinität! Sie drehen Videos mit dem Smartphone, die locker das Niveau eines kleinen Spielfilms haben. Das ist Kunst unserer Zeit und das darf man nicht unterschätzen. Solche Fähigkeiten sind wertvoll. Man muss nur die Balance finden.

Also quasi: alles in Maßen. Wie bei Gummibärchen. Ich kann zehn Bärchen essen, aber sollte vielleicht nicht zehn Tüten essen. Das Maßhalten ist natürlich in allen Lebensbereichen wichtig, nicht nur online. Es ist schwer, den Mittelweg zu finden, aber entscheidend. 

Vielen Dank Alana für deine Zeit und für das ehrliche Gespräch.

Mehr zu Alana Leidig findet ihr in den Socials.

Instagram Metal.de

Weitere Soundchecks findet ihr hier:

Philipp Lützenburger: So pushst du deine Musik online

Andy Brings: “Ich wäre heute kein Metal-Fan mehr”

Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

 


Entdecke mehr von miasraum

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.