Soundcheck mit Mia (Kolumne)
Deutschland landet beim ESC wieder weit hinten, doch liegt es wirklich nur an den Songs? Eine Kolumne über Neid, Kommentarspalten und eine Kultur, die sich selbst im Weg steht.
Text: Mia Lada-Klein
Bid: picture alliance/dpa | Jens Büttner
- Warum Deutschland seine ESC-Acts oft schon vor dem Auftritt zerlegt
- Wie Neid und Online-Kommentare die Wahrnehmung prägen
- Warum Erfolg ohne gesellschaftlichen Rückhalt kaum möglich ist
Sarah Engels hat geliefert, aber Deutschland mal wieder nicht
Bulgarien hat den Eurovision Song Contest 2026 gewonnen. Für Deutschland stand Sarah Engels auf der Bühne, hat gesungen, getanzt, performt, geliefert und landete am Ende trotzdem irgendwo im unteren Bereich der Tabelle. Platz 23. Zwölf Punkte. Deutschland mal wieder auf Tuchfühlung mit dem musikalischen Kellergewölbe Europas.
Und natürlich dauerte es keine fünf Minuten, bis die ersten Menschen aus ihren digitalen Abwasserkanälen krochen, um Dinge zu schreiben wie:
„War ja klar.“
„Peinlich.“
„Wundert doch keinen.“
Das Faszinierende daran ist: Noch bevor in Deutschland überhaupt jemand den ersten Ton beim ESC singt, steht bereits ein Teil des Landes mit Benzinkanister und Streichhölzern daneben und wartet darauf, den eigenen Act öffentlich zu verbrennen. Andere Länder schicken ihre Kandidaten mit Fahnen, Euphorie und Nationalstolz auf die Bühne. Deutschland schickt seine Künstler oft eher mit einer passiv-aggressiven Kommentarspalte und dem kollektiven Unterton:
„Mach bloß keinen Fehler, sonst zerreißen wir dich.“
Deutschland liebt den ESC, aber nur, wenn wir gleichzeitig darüber meckern dürfen
Man muss sich das einmal vorstellen: Da tritt jemand vor hunderten Millionen Zuschauern auf einer der größten Musikbühnen der Welt auf, liefert eine saubere Performance ab, singt live, tanzt synchron und repräsentiert ein ganzes Land und das Erste, was viele Deutsche tun, ist zu erklären, warum sie sowieso nie eine Chance hatte.
Deutschland behandelt seine Künstler inzwischen ungefähr so wie manche Menschen ihren Lieblingsfußballverein: Man behauptet zwar, Fan zu sein, verbringt aber 80 Prozent der Zeit damit, alles scheiße zu finden.
Und seien wir ehrlich: Sarah Engels hat sich gut geschlagen. Wirklich gut sogar. Die Stimme saß, die Performance funktionierte, die Choreografie war stark und selbst internationale Zuschauer fanden den Auftritt solide. Das Problem war nicht Sarah. Das Problem beginnt deutlich früher.
Vielleicht bekommt Deutschland nicht wenige Punkte, weil wir schlecht sind
Jedes Jahr stellt Deutschland dieselbe Frage:
„Warum bekommen wir immer so wenige Punkte?“
Und jedes Jahr tun wir so, als hätten wir gerade ein geopolitisches Rätsel entdeckt, das nur mit einem NATO-Sondergipfel gelöst werden kann.
Vielleicht liegt es aber gar nicht nur an den Songs. Vielleicht liegt es an etwas viel Einfacherem: Niemand mag Leute, die permanent schlecht über andere reden und dazu noch jeden niedermachen, der versucht, irgendetwas zu erreichen.
Die niedrigen Punkte sind vermutlich kein Zufall, eher Europas charmante Art, uns mitzuteilen, dass Neid und Missgunst zwar starke nationale Traditionen sind, aber uns deswegen keiner leiden kann. Denn warum sollte man Mobber und Hater belohnen?
Während andere Länder ihre ESC-Kandidaten feiern wie nationale Helden, behandelt Deutschland seine Acts oft wie Leute, die versehentlich den letzten Joghurt aus dem Gemeinschaftskühlschrank geklaut haben.
Noch bevor der Wettbewerb überhaupt beginnt, laufen hierzulande bereits:
- Hate-Kommentare,
- Häme,
- Untergangsprognosen,
- „Cringe“-Analysen,
- und Hobby-Musikexperten herum, die selbst nicht einmal fehlerfrei „Happy Birthday“ auf einer Familienfeier performen könnten.
Deutschland ist eine Neid-Kultur und das merkt man
Ja, das klingt hart. Aber seien wir ehrlich: Deutschland hat ein massives Problem mit Missgunst. Erfolg wird hier oft nicht gefeiert, sondern misstrauisch beäugt. Sobald jemand sichtbar wird, kommt sofort die Frage:
„Warum eigentlich die?“
Es reicht mittlerweile, zwei Minuten durch eine Kommentarspalte auf Instagram zu scrollen und man hat das Gefühl, versehentlich in eine Gruppentherapie für chronisch Unzufriedene geraten zu sein.
Andere Länder denken beim ESC:
„Das ist UNSER Act.“
Deutschland denkt:
„Mal sehen, wie hart wir diesmal verlieren.“
Und genau das strahlt man irgendwann auch aus. Länder wirken nach außen nicht nur durch Politik oder Wirtschaft, sondern auch durch ihre Kultur und ihr Auftreten. Wenn ein Land permanent seine eigenen Leute öffentlich zerlegt, bleibt das nicht unsichtbar.
Vielleicht würden wir sogar Taylor Swift ruinieren
Man hat inzwischen fast das Gefühl, Deutschland könnte beim ESC auch: Taylor Swift, Shakira und Lady Gaga gleichzeitig auf die Bühne stellen und trotzdem würde hier irgendjemand kommentieren:
„Ja, also irgendwie fehlt da die Bühnenpräsenz.“
Das ist inzwischen fast schon eine kulturelle Spezialität geworden: Deutschlands größte Leidenschaft ist nicht Fußball, Brot oder Bürokratie, sondern das professionelle Kleinreden anderer Menschen.
Und natürlich haben wir auch mal gewonnen. Aber das ist Jahre her. Seitdem hat sich online etwas verändert. Der Ton ist aggressiver geworden. Menschen wirken gereizter, hasserfüllter und chronisch darauf vorbereitet, anderen den Erfolg madig zu machen.
Das Internet hat den deutschen Pessimismus potenziert
Früher war der grantige Nachbar wenigstens nur lokal bekannt. Heute hat jeder Mensch WLAN und eine Kommentarspalte.
Das Ergebnis ist eine digitale Dauerbeschallung aus: Zynismus, Häme, Neid, Besserwisserei und emotionaler Vollzeit-Erschöpfung.
Und genau deshalb tun mir Menschen wie Sarah Engels manchmal fast leid. Nicht einmal wegen des ESC-Ergebnisses selbst, sondern wegen des Landes, das hinter ihnen steht. Oder besser gesagt: oft eben nicht hinter ihnen steht.
Denn egal, wie gut du performst, irgendein selbsternannter Internet-Experte mit Anime-Profilbild und drei Stunden Schlaf wird dir erklären, warum du angeblich peinlich warst.
Es lag nicht an Sarah Engels
Und deshalb sollte man vielleicht einmal ganz klar sagen:
Es lag nicht an Sarah Engels.
Sie hat Deutschland professionell vertreten. Sie hat sich Mühe gegeben. Sie hat geliefert. Und sie hat etwas geschafft, woran die meisten Menschen bereits scheitern würden, wenn sie nur eine Geburtstagsrede vor zwölf Leuten halten müssten.
Das eigentliche Problem liegt eher an einem Land, das es verlernt hat, Menschen Erfolg zu gönnen.
Denn Stolz funktioniert nur dort, wo Menschen einander unterstützen. Nicht dort, wo jeder darauf wartet, dass der andere scheitert, damit man sich selbst für fünf Minuten überlegen fühlen kann.
Und genau deshalb verliert Deutschland beim ESC nicht wegen schlechter Songs, sondern vielmehr wegen der eigenen Mentalität.
Mehr Soudchecks mit Mia findet ihr auf meiner Website.
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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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Besser hätte ich das auch nicht schreiben können – genauso ist’s!