Soundcheck Sessions mit Mia (Interview)
Von „The Voice of Germany“ bis zum Debütalbum „Rebel Soul“: Lorena Daum spricht über ihren Weg, Rückschläge, Social Media-Hate, Grenzen im Fankontakt und Gleichberechtigung in der Musikszene.
Interview: Mia Lada-Klein
Bild: Vivian Lovasz
Am 13. Februar hat Lorena Daum ihr Debütalbum „Rebel Soul“ veröffentlicht. Einem breiteren Publikum wurde sie zuvor durch ihre Teilnahme bei „The Voice of Germany“ bekannt. Musik war für sie allerdings nie nur eine Phase, kein spontaner Karriereplan und definitiv nicht das Ergebnis einer zu emotionalen Nacht mit Gitarre und Pinterest-Zitaten.
Im Interview sprechen wir über ihren Weg, der sich stellenweise eher wie ein Dauerlauf mit Stolperfallen als wie die klassische Bilderbuchkarriere angefühlt hat. Es geht um Rückschläge, absurde Nebenjobs, Frauen im Showbusiness, Selbstzweifel, Hass im Internet und all die Dinge, die einem ziemlich schnell das Genick brechen können, wenn man nicht irgendwann lernt, sich ein verdammt dickes Fell zuzulegen.
Natürlich geht es auch um „The Voice“, um Sichtbarkeit, parasoziale Beziehungen und die Frage, warum manche Menschen im Internet offenbar glauben, ungefragt ihre komplette Meinung zur Existenz anderer veröffentlichen zu müssen.
Lorena spricht dabei offen und angenehm ungeschönt. Kein glatt poliertes PR-Gewäsch, keine künstliche „Alles war schon immer super“-Geschichte. Stattdessen gibt es ehrliche Einblicke, Klartext und genau die Art von Gespräch, bei der man merkt, dass hier jemand lieber Tacheles redet, als sich hinter perfekt einstudierten Floskeln zu verstecken. Denn wenn man schon redet, dann am besten ehrlich.
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Lorena Daum: Zwischen Nähe, Projektionen und fehlenden Grenzen
Gerade wird wieder viel über Deepfakes, Grenzüberschreitungen und die Wahrnehmung von Frauen in der Öffentlichkeit gesprochen. Du bist Sängerin und stehst permanent im Fokus. Hast du das Gefühl, dass du als Frau oft mehr auf dein Aussehen reduziert wirst als auf deine Musik? Und provokant gefragt: Sind alle Männer böse?
Lorena: Nein, natürlich sind nicht alle Männer böse. Aber Fakt ist schon, dass man als Frau immer wieder Situationen erlebt, in denen man sich fragt: Was passiert hier gerade eigentlich? Warum nehmen sich manche Männer Dinge heraus, die einfach nicht okay sind? Wobei ich auch vorsichtig sein möchte, das nur auf Männer zu reduzieren. Wenn ich öffentlich über Erfahrungen spreche, die ich gemacht habe, bekomme ich oft Nachrichten von Männern, die Ähnliches mit Frauen erlebt haben. Es gibt also definitiv auch Frauen, die übergriffig handeln. Das Problem betrifft nicht nur ein Geschlecht. Meine persönlichen Erfahrungen betreffen allerdings meistens Männer. Gerade im Internet merkt man das schon sehr deutlich. Sobald man ein Bild postet oder sichtbar ist, gibt es Menschen, die dich sofort auf dein Äußeres reduzieren. Dann geht es plötzlich nicht mehr um die Musik oder um das, was du künstlerisch machst, sondern darum, wie du aussiehst oder welche Fantasien jemand auf dich projiziert.
Wie gehst du mit solchen Situationen im Internet um?
Lorena: Online kann ich mich zum Glück relativ gut schützen. Wenn mir jemand schreibt und mich nur auf mein Äußeres reduziert oder irgendwelche komischen Angebote macht, dann blockiere ich die Person einfach. Das ist mit einem Klick erledigt. Im echten Leben funktioniert das leider nicht so leicht.
Du hattest vor Kurzem eine Situation bei einem Auftritt, die dich sehr beschäftigt hat. Was ist passiert?
Lorena: Während meines Konzerts kam plötzlich ein betrunkener Mann auf die Bühne und hat mich einfach umarmt. Mitten im Auftritt. Das war total übergriffig und ehrlich gesagt auch gefährlich.
Wie hast du in dem Moment reagiert?
Lorena: Ehrlich gesagt war ich komplett überrumpelt. Mein Gitarrist hat mich angeschaut und gefragt, ob ich den Typen kenne und ich dachte nur: „Nein.“ Aber in solchen Momenten funktioniert man erstmal weiter. Erst später realisiert man richtig, wie unangenehm die Situation eigentlich war.
Du hast ja sogar einen Song über genau solche Erfahrungen geschrieben.
Lorena: Ja, der Song heißt „Pretty Please“. Darin geht es genau um diese Grenzüberschreitungen, die man als Sängerin immer wieder erlebt. An dem Abend habe ich den Song dann angekündigt und den Mann sogar direkt angesprochen. Ich habe ihm erklärt, dass sein Verhalten nicht okay war. Man kann nicht einfach während eines Konzerts auf eine Bühne stürmen und eine fremde Person umarmen. Viele denken vielleicht, sie kennen einen, weil man sich als Künstlerin auf der Bühne öffnet. Aber das bedeutet nicht, dass persönliche Grenzen verschwinden.
Wie hat er darauf reagiert?
Lorena: Das Schlimmste war eigentlich: gar nicht. Ich war erst stolz auf mich, weil ich die Situation direkt angesprochen habe. Aber ungefähr eine Stunde später hat er genau das Gleiche noch einmal gemacht. Da habe ich gemerkt, dass er überhaupt nichts verstanden hat.
Du hast es eben schon selbst gesagt, dass solche Grenzüberschreitungen nicht nur Frauen betreffen. Kürzlich gab es ja auch diesen Vorfall mit Machine Gun Kelly, bei dem eine Frau ihn auf der Bühne bedrängt hat. Da spielt wahrscheinlich auch dieses Thema parasoziale Beziehungen mit hinein, oder?
Lorena: Total. Das ist wirklich ein großes Thema geworden. Menschen konsumieren ja heute ständig Inhalte von Künstlern über Social Media und bekommen dadurch schnell das Gefühl, sie würden einen persönlich kennen. Für sie ist man dann vielleicht Teil ihres Alltags, während man selbst diese Person überhaupt nicht kennt.
Wie gehst du als Künstlerin damit um?
Lorena: Ehrlich gesagt ist das für mich gar nicht so einfach, weil ich ein totaler People Pleaser bin. Wenn Fans mir schreiben, wie viel ihnen meine Musik bedeutet, oder unter jedem Video kommentieren und mich unterstützen, dann berührt mich das natürlich auch. Genau dafür mache ich ja Musik. Ich möchte Menschen erreichen und emotional etwas auslösen.
Aber genau dadurch verschwimmen wahrscheinlich auch Grenzen, oder?
Lorena: Genau das ist das Schwierige. Ich freue mich über diese Nähe und über den Austausch, aber gleichzeitig muss man irgendwann eine Grenze ziehen. Im Moment bin ich noch an dem Punkt, dass ich theoretisch jede Nachricht und jeden Kommentar beantworten kann. Aber dadurch entsteht bei manchen Menschen leider auch das Gefühl: „Ah, wir sind Freunde.“
Und dann wird es problematisch?
Lorena: Ja, weil man irgendwann erklären muss: „Hey, ich freue mich total über deinen Support, aber wir sind nicht privat befreundet.“ Das klingt hart, weil man niemanden verletzen möchte, aber diese Grenze ist wichtig. Sonst entwickelt sich das schnell in eine Richtung, die unangenehm oder sogar creepy werden kann.
Hate, Reichweite und die Schattenseiten von Social Media
Hast du manchmal Angst davor, dass Fans diese Grenzen irgendwann komplett überschreiten?
Lorena: Ja, schon. Gerade weil heutzutage alles so öffentlich ist. Man ist auf allen Plattformen präsent, teilt viel von sich und wirkt dadurch extrem zugänglich. Menschen aus meinem Umfeld sagen mir auch oft: „Lorena, du musst stärker Grenzen setzen. Das kannst du nicht ewig so weitermachen.“ Und sie haben wahrscheinlich recht.
Also beschäftigst du dich aktuell bewusst mit dem Thema Abgrenzung?
Lorena: Definitiv. Das ist tatsächlich etwas, woran ich gerade arbeite. Ich muss lernen, besser auf mich selbst aufzupassen und klarer zu unterscheiden, wo die Verbindung zu Fans aufhört und wo mein privater Raum beginnt.
Glaubst du, dass das auch ein Grund ist, warum manche Künstler ihre Social-Media-Kanäle irgendwann komplett abgeben?
Lorena: Ja. Früher dachte ich oft, das machen Leute vielleicht einfach nur wegen Zeitmangel. Aber inzwischen verstehe ich total, dass das auch Selbstschutz sein kann. Denn irgendwann kommt der Punkt, an dem man merkt: Ich kann nicht mehr jedem antworten. Und dann fühlt man sich schnell schlecht oder hat Angst, jemanden zu enttäuschen.
Das klingt nach einem enormen mentalen Druck.
Lorena: Ist es auch. Und dabei geht es ja nicht nur um solche Grenzüberschreitungen oder parasoziale Beziehungen, sondern auch um Hate im Internet. Wo Erfolg ist, kommen eben auch Neider und negative Kommentare dazu. Das alles dauerhaft auszuhalten, ist mental schon echt anstrengend.
Man sagt ja oft auch, dass man tausend positive Kommentare lesen kann und sich am Ende trotzdem die zwei negativen ins Gedächtnis brennen. Kennst du das auch?
Lorena: (lacht) Total. Und das war für mich wirklich ein Lernprozess. Am Anfang hat mich das extrem getroffen, weil ich überhaupt nicht darauf vorbereitet war. Bevor ich bei „The Voice of Germany“ war, fand mein Social Media eigentlich nur in meiner eigenen Bubble statt. Das waren Menschen, die meine Musik mochten, die mir bewusst gefolgt sind und die Teil meiner Community waren. Da war alles sehr supportiv und liebevoll. Dann war ich plötzlich im Fernsehen und damit auf einmal für so viele Menschen sichtbar. Und dann kommen natürlich auch Menschen dazu, die mit deiner Musik oder generell mit dir nichts anfangen können. Was mich daran immer irritiert hat, ist dieses Bedürfnis, alles kommentieren zu müssen. Wenn mir etwas nicht gefällt, dann scrolle ich doch weiter oder schalte um. Aber viele Menschen haben scheinbar das Bedürfnis, ihre negative Meinung unbedingt öffentlich rauszuhauen.
War das für dich ein Schock, plötzlich mit Hate konfrontiert zu werden?
Lorena: Absolut. Vor allem war ich nicht darauf vorbereitet, dass manche Kommentare ganz bewusst darauf abzielen, jemanden zu verletzen. Da wird ja oft mit „Meinungsfreiheit“ argumentiert. Aber ganz ehrlich: Manche Dinge werden absichtlich so formuliert, dass sie treffen sollen. Das hat dann nichts mehr mit konstruktiver Kritik zu tun, sondern einfach damit, jemanden kleinzumachen. Gerade die Zeit rund um „The Voice“ war dafür wahrscheinlich auch besonders extrem. Das war mitten in der Corona-Zeit, die Leute saßen zu Hause, waren permanent online und das Internet hat damals noch einmal eine ganz andere Dynamik bekommen. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass Hate für manche Menschen zu einer Art Hobby geworden ist.
Mittlerweile gibt es ja sogar Inhalte, die extra provozieren sollen. Rage Baiting nennt sich das schöne Phänomen. Wie nimmst du diese Entwicklung wahr?
Lorena: Das Traurige daran ist, dass genau solche Inhalte inzwischen oft am besten funktionieren. Leider funktioniert das hervorragend. Ich habe das selbst einmal ausprobiert, einfach aus Interesse und sofort gingen die Zahlen durch die Decke. Das Reel wurde viral und hatte plötzlich viel mehr Reichweite als andere Inhalte. Das zeigt schon ziemlich deutlich, wie sehr Negativität inzwischen Aufmerksamkeit erzeugt. Menschen reagieren stärker auf Dinge, über die sie sich aufregen können. Und ehrlich gesagt finde ich das schon ziemlich traurig.
Lorena Daum: Vom Kindergarten-Solo zu „The Voice of Germany“
Dann wechseln wir das Thema, damit wir nicht noch trauriger werden. Mich deprimiert das nämlich auch extrem. Du warst ja Teil von „The Voice of Germany“. Wie hat aber eigentlich alles angefangen? War Musik für dich schon früh ein Thema?
Lorena: Ja, tatsächlich schon sehr früh. Meine Eltern erzählen immer die Geschichte, dass ich mich mit vier Jahren im Kindergarten beschwert habe, warum ich immer nur mit den anderen Kindern auf der Bühne stehen muss und nie einen Soloauftritt bekomme. Daraufhin habe ich dann beim Sommerfest des Kindergartens meinen ersten Soloauftritt bekommen und „Pack die Badehose ein“ gesungen. (lacht) Das Lustige daran ist: Ich habe das damals wohl komplett ernst genommen. Wenn man das Video heute sieht, könnte man denken, ich wäre dazu gezwungen worden, weil ich kein einziges Mal lächle. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Ich wollte das unbedingt. Für mich war das damals schon ein richtiger Job.
Das klingt so, als hättest du schon sehr früh gewusst, dass du Sängerin werden willst.
Lorena: Ja. Es gab für mich nie wirklich einen anderen Berufswunsch. In Freundebücher habe ich immer „Sängerin“ geschrieben, manchmal auch „berühmt“. Meine Mutter erinnert mich heute noch daran. Musik war einfach schon immer mein Ding. Ich war dann auch auf einem musischen Gymnasium, wo Musik Hauptfach war. Ich habe sechs Jahre Klarinette gespielt, Keyboard gelernt, Gitarre gespielt und natürlich gesungen. Nach dem Abitur habe ich eine Ausbildung zur Musicaldarstellerin in Berlin und Hamburg gemacht, also Gesang, Tanz und Schauspiel.
Wow, das ist beeindruckend. Ich hatte schon mit Blockflöte Schwierigkeiten. Wie ging es danach weiter bei dir?
Lorena: Nach der Ausbildung habe ich angefangen, mir Bands zu suchen, damals noch ganz klassisch über Facebook-Gruppen. So bin ich irgendwann in der Hamburger Musikszene gelandet und habe auf dem Kiez und der Reeperbahn in Rockclubs gespielt. Dort bin ich eigentlich erst zu der Rampensau geworden, die ich heute bin. Am Anfang war ich nämlich auf der Bühne noch total zurückhaltend. Einer meiner damaligen Bandkollegen meinte später mal, er hätte beim ersten Auftritt hinten am Schlagzeug gesessen und gedacht: „Mädchen, beweg dich doch mal.“ Ich kam eben aus dem Musicalbereich. Dort spielt man immer eine Rolle und hat dadurch einen gewissen Schutz. Aber plötzlich musste ich herausfinden: Wer ist eigentlich Lorena auf der Bühne? Und ehrlich gesagt war der Kiez dafür die perfekte Schule. Dort musst du die Leute mitreißen, sonst gehen sie einfach in den nächsten Laden weiter. Das hat mich extrem geprägt.
Du warst ja dann schon hauptberuflich Musikerin, bevor „The Voice“ überhaupt kam.
Lorena: Genau. Ich habe auf Events gesungen, hatte Bands mit eigener Musik und war außerdem auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs. Im Winter war ich oft in der Karibik oder im Orient unterwegs und habe dort performt. Das war eine richtig spannende Zeit. Und dann kam Corona. Ich weiß noch genau, dass ich damals gerade in der Karibik war. Wir konnten irgendwann keine Häfen mehr anlaufen, die Reise wurde abgebrochen und die Gäste mussten nach Hause. Ich dachte noch: „Okay, ich muss auch zurück, ich habe bald wieder Auftritte in Hamburg.“ Tja und dann kam der Lockdown und plötzlich war alles weg. Keine Auftritte, keine Jobs, nichts.
Und dann kam „The Voice“ ins Spiel?
Lorena: Genau. Ich lag nachts im Bett und habe einfach durchs Handy gescrollt, als plötzlich eine Anzeige auftauchte: „The Voice Last Chance Day! Jetzt noch für die aktuelle Staffel bewerben.“ Und ich dachte nur: „Naja, ich habe ja gerade sowieso nichts zu tun.“ Also habe ich spontan Videos eingeschickt. Dann wollten sie noch mehr Material sehen und irgendwann kam plötzlich die Nachricht, dass ich bei den Blind Auditions dabei bin. Das war wirklich mein Corona-Notfallplan für 2020.
Hat dir die Teilnahme am Ende wirklich etwas gebracht?
Lorena: Total. Das klingt jetzt vielleicht kitschig, aber „The Voice“ hat mein Leben verändert. Ohne die Show würden wir wahrscheinlich heute gar nicht dieses Interview führen. Mein Soloprojekt gäbe es in dieser Form wahrscheinlich nicht. Vor allem das Battle mit „Enjoy the Silence“ ist damals viral gegangen. Das Video hat mittlerweile Millionen Aufrufe auf YouTube und genau dadurch wurde mein heutiges Management auf mich aufmerksam. Mein Manager hat das Video zufällig vorgeschlagen bekommen, immer wieder angeschaut und irgendwann angefangen, nach mir zu suchen. Dann kam er zu meinen Auftritten nach Hamburg und nach mehreren Konzerten haben wir angefangen zusammenzuarbeiten.
Vom Scheitern, Weitermachen und dem Glauben an die Musik
Trotzdem klingt dein Weg alles andere als geradlinig.
Lorena: Überhaupt nicht. Wenn man sich mein Album anhört, hört man eigentlich sehr deutlich, wie viele Selbstzweifel und Rückschläge dahinterstecken. Schon am Anfang musste ich mich gegen viele Sorgen aus dem Umfeld behaupten. Gerade Eltern sagen natürlich schnell: „Mach doch erst mal etwas Sicheres.“ Dann kommen die Aufnahmeprüfungen an Schauspiel- und Musikschulen. Ich habe mich damals an mehreren staatlichen Schulen beworben und überall Absagen bekommen. Erst nach einer Studienvorbereitung in Berlin wurde ich schließlich in Hamburg aufgenommen. Das war ein riesiger Moment für mich, weil ich dachte: „Jetzt geht mein Traum endlich los.“ Aber nach einem Jahr wurde ich wieder rausgeschmissen, weil ich Prüfungen nicht bestanden habe. Ausgerechnet die Gesangsprüfung. Da hieß es dann sogar, meine Bühnenausstrahlung sei nicht stark genug. Also genau das Gegenteil von dem, was man heute vielleicht mit mir verbindet.
Das muss unglaublich hart gewesen sein. Es klingt nach hinfallen, wieder aufstehen, zurückgeworfen werden, erneut aufstehen, auf die Fresse kriegen und trotzdem weitermachen.
Lorena: Ja. Vor allem, weil man in solchen Momenten natürlich anfängt, an sich zu zweifeln. Und von außen kamen dann auch Stimmen wie: „Vielleicht reicht es eben doch nicht beruflich.“ Aber ich konnte das einfach nicht akzeptieren. Tief in mir wusste ich immer, dass Musik mein Weg ist. Natürlich musste ich mich jahrelang durchkämpfen. Ich hatte Nebenjobs, habe alles Mögliche gemacht, um meine Miete zu bezahlen. Eine Zeit lang habe ich sogar Dildo-Partys organisiert. Man wird da sehr kreativ. (lacht) Und ehrlich gesagt habe ich lange mehr Neins als Zusagen bekommen. Absagen bei Castings, geplatzte Projekte, Verträge, aus denen am Ende doch nichts wurde. Irgendwann hatte ich sogar angefangen zu glauben, dass meine eigene Musik vielleicht nur ein Hobby bleiben würde. Dass ich zwar von Musik leben kann, aber eben nicht als eigene Künstlerin.
Trotzdem hast du nie aufgegeben. Warum?
Lorena: Das kann ich gar nicht richtig erklären. Tief in mir war einfach immer dieses Feuer. Egal, wie oft Menschen versucht haben, mir zu sagen, dass es nicht reicht oder dass ich mir etwas anderes suchen soll, also irgendetwas in mir hat trotzdem weitergemacht. Vielleicht auch, weil es zwischendurch immer wieder kleine Erfolge gab, die gezeigt haben: Da ist doch etwas möglich. Und „The Voice“ war dann letztendlich der Moment, der mir den Glauben an mich selbst als Artist zurückgegeben hat.
Wie wäre dein Weg wohl ohne „The Voice“ verlaufen? Glaubst du, man kann heutzutage überhaupt noch den großen Durchbruch schaffen, ohne so ein Format oder einen besonderen Push von außen?
Lorena: Ich glaube schon, dass es möglich ist. Aber ich bin auch überzeugt davon, dass es ohne extrem viel Arbeit und Durchhaltevermögen kaum funktioniert. Dieses romantische Bild von „man wird entdeckt und plötzlich klappt alles“ gibt es vielleicht manchmal noch, aber in den meisten Fällen steckt jahrelanger Hustle dahinter. Es gibt ja diese berühmte Zehn-Jahres-Regel, dass Menschen, die etwas wirklich konsequent über viele Jahre verfolgen, irgendwann Erfolg damit haben. Und ehrlich gesagt kenne ich tatsächlich viele Beispiele, bei denen das genauso war. Nicht unbedingt durch TV-Shows, sondern einfach durch permanentes Dranbleiben.
Trotzdem hattest du zwischendurch selbst den Glauben daran verloren, als Artist durchzustarten.
Lorena: Ja, ich hatte natürlich auch meine Zweifel. Mein Ziel hat sich irgendwann auch verändert. Ich wollte einfach von Musik leben können. Aber das bedeutete für mich damals nicht mehr unbedingt, mit eigener Musik erfolgreich zu sein. Ich habe Coverjobs gespielt, auf Events gesungen, Hochzeiten gemacht, Firmenevents, Reeperbahn-Gigs. Also klassische Dienstleistungsmusik. Und davon kann man tatsächlich leben. Das ist auch ein richtiger Beruf und absolut legitim. Aber es ist eben etwas anderes, als mit eigenen Songs sichtbar zu werden.
Würdest du sagen, dass es leichter ist, als Musikerin mit Coversongs Geld zu verdienen als mit eigener Musik?
Lorena: Definitiv. Natürlich muss man sich auch da erst einmal einen Namen machen und hart arbeiten, damit der Kalender voll wird. Aber eigene Musik ist noch einmal eine ganz andere Liga. Du musst Songs schreiben, sie produzieren, aufnehmen, veröffentlichen, vermarkten. Das kostet unglaublich viel Zeit, Energie und vor allem Geld. Ich produziere zum Beispiel nicht selbst. Das bedeutet, ich brauche Produzenten, Studios, Menschen, die mit mir daran arbeiten. Und das muss alles finanziert werden. Deshalb habe ich mit meinen Coverjobs letztendlich das Geld verdient, um überhaupt eigene Musik machen zu können.
Glaubst du denn, dass eine „Max-Mustermann-Band von nebenan“ heute trotzdem noch erfolgreich werden kann?
Lorena: Ja. Wenn diese Band wirklich daran glaubt und bereit ist, alles dafür zu geben, dann kann das funktionieren. Gerade durch Social Media gibt es heute Möglichkeiten, die es früher gar nicht gab. Man kann sich über TikTok, Instagram oder YouTube eine komplette Fanbase aufbauen, ohne zuerst ein großes Label zu haben. Mittlerweile ist es ja sogar oft so, dass Labels eher auf Künstler aufmerksam werden, die bereits Reichweite oder eine Community aufgebaut haben. Wenn jemand online viral geht oder viele Follower hat, entsteht daraus oft erst das Interesse der Musikindustrie. Und dann kommen irgendwann vielleicht auch Verträge oder finanzielle Unterstützung dazu.
Das klingt aber trotzdem nach einem enormen Risiko.
Lorena: Ist es auch. Vor allem, wenn man wirklich alles darauf setzt. Ich habe das ja tatsächlich gemacht. Musik war nie „Plan B“ für mich. Natürlich macht das Angst und natürlich gibt es Rückschläge und natürlich kann sich das am Ende auch nicht auszahlen. Aber ich glaube trotzdem fest daran, dass Menschen dem folgen sollten, wofür sie brennen. Wenn jemand das Gefühl hat, Musik ist seine Aufgabe im Leben, dann sollte diese Person Musik machen. Und sich nicht von anderen ausreden lassen, dass es unmöglich ist. Denn am Ende merkt man meistens selbst am besten, was einen wirklich erfüllt.
© Andrea da Silva Nolasco
Female Fronted, FLINTA und die Realität der Musikbranche
Du hast vorhin gesagt, dass man Träume manchmal auch anpassen muss. Vielleicht wird aus der „Max-Mustermann-Band“ nicht die nächste Weltband, aber vielleicht die erfolgreichste Coverband Deutschlands. Ist Flexibilität wichtig?
Lorena: Absolut. Ich glaube, Flexibilität ist extrem wichtig. Und genauso wichtig ist es, die kleinen Erfolge nicht aus den Augen zu verlieren. Das ist nämlich ein riesiges Problem unserer heutigen Zeit. Alles ist immer höher, schneller, weiter. Man hat diese riesigen Vorstellungen davon, wie Erfolg aussehen muss und wenn das nicht sofort passiert, denkt man schnell, man hätte versagt. Ich kenne das selbst total. Dann denke ich plötzlich: „Schon wieder kein voller Festivalsommer.“ Aber gleichzeitig muss ich mich manchmal selbst stoppen und sagen: „Lorena, schau doch mal, was du alles schon erreicht hast.“ Man vergisst oft, zurückzublicken und zu sehen, wo man vor einem Jahr oder vor fünf Jahren stand. Und genau das ist wichtig. Nicht nur auf das zu schauen, was noch fehlt, sondern auch wertzuschätzen, was bereits passiert ist. Denn manchmal dauern Dinge einfach länger. Aber meine persönliche Erfahrung ist schon: Wenn man wirklich dranbleibt und durchzieht, wird es irgendwann belohnt.
Glaubst du, dass man als Frau im Musikbusiness noch zäher sein muss? Werden Männer deiner Meinung nach immer noch bevorzugt?
Lorena: Das ist ein sensibles Thema, aber ich glaube tatsächlich, dass ein Teil des Problems mit Selbstbewusstsein und Ego zu tun hat. Und das meine ich überhaupt nicht abwertend gegenüber Frauen. Im Gegenteil. Viele Männer haben einfach ein viel stärkeres Selbstbewusstsein. Sie treten selbstverständlicher auf und zweifeln weniger an sich. Frauen hingegen machen sich oft kleiner, als sie eigentlich sind. Ich merke das auch bei mir selbst. Gerade nach „The Voice“ gab es viele Hasskommentare, in denen Leute geschrieben haben, ich würde arrogant wirken. Und das hat mich damals total getroffen, weil ich mir dieses Selbstbewusstsein auf der Bühne hart erarbeiten musste. Das kam nicht einfach von selbst. Ich habe jahrelang auf der Reeperbahn gespielt, unzählige Auftritte gemacht und gelernt, mich überhaupt sichtbar zu machen. Deshalb denke ich heute manchmal ironisch: „Ich wünschte, ich wäre wirklich arrogant.“ Vielleicht wäre ich dann in meiner Karriere sogar schon viel weiter.
Also glaubst du, dass Frauen oft zu kritisch mit sich selbst sind?
Lorena: Ja und ich glaube, das ist auch gesellschaftlich geprägt. Frauen werden oft dazu erzogen, eher lieb, zurückhaltend und angepasst zu sein. Man macht sich kleiner, als man eigentlich ist. Und gerade in kreativen Berufen ist das natürlich schwierig, weil man sich sichtbar machen muss. Männer hingegen haben oft dieses Selbstverständnis von „Das passt schon“. Und ehrlich gesagt glaube ich, dass wir Frauen uns davon manchmal eine Scheibe abschneiden könnten. Mehr zu sagen: „Doch, ich kann das. Ich darf Raum einnehmen.“
In der Musikszene fällt oft der Begriff „female fronted“. Brauchen wir solche Labels überhaupt noch?
Lorena: Eigentlich finde ich es traurig, dass es diesen Begriff überhaupt braucht. Aber gleichzeitig zeigt genau das, warum er entstanden ist. Festivals und große Line-ups waren eben lange extrem männerdominiert. Deshalb wurde irgendwann versucht, gezielt mehr Sichtbarkeit für Frauen und FLINTA-Acts zu schaffen. Ich hoffe aber, dass wir irgendwann an einem Punkt sind, an dem das einfach normal ist und man solche Begriffe oder Quoten gar nicht mehr braucht. Im Moment befinden wir uns da noch in einer Art Übergangsphase.
Manche Festivals werben inzwischen sehr offensiv mit Diversität oder speziellen Slots für FLINTA-Acts. Wie siehst du das?
Lorena: Da wird es schwierig, wenn daraus plötzlich eher eine Marketingstrategie wird. Wenn ein Festival sagt: „Schaut mal, wie progressiv wir sind, wir haben jetzt auch einen FLINTA-Act im Line-up“, dieser Act aber dann ohne Gage spielt, während alle anderen bezahlt werden, dann läuft etwas falsch. Das wirkt dann eher wie Pinkwashing als echte Unterstützung. Man schmückt sich mit Diversität, ohne wirklich die gleichen Bedingungen zu schaffen. Und das ist natürlich problematisch.
Also braucht es deiner Meinung nach eher echte Gleichberechtigung statt symbolischer Gesten?
Lorena: Genau. Sichtbarkeit ist wichtig, definitiv. Aber sie muss ehrlich gemeint sein. Es bringt nichts, Frauen oder FLINTA-Acts als progressive Aushängeschilder zu benutzen, wenn sie am Ende trotzdem schlechter behandelt oder nicht fair bezahlt werden. Wirkliche Veränderung bedeutet, dass gleiche Chancen irgendwann selbstverständlich werden.
Abschließend, darfst du jetzt natürlich gern noch einmal die Werbetrommel rühren. Was erwartet die Fans auf deinem ersten eigenen Album?
Lorena: Ja, total gern! Mein Debütalbum Rebel Soul ist jetzt endlich draußen und ich bin unglaublich stolz darauf. Ich habe seit 2022 daran gearbeitet, also wirklich über mehrere Jahre hinweg. Für mich war das nicht einfach nur ein Albumprojekt, sondern auch eine Reise zu mir selbst. Ich musste erst einmal herausfinden: Wie klingt eigentlich Lorena? Was macht mich musikalisch aus? Und die Antwort darauf war ziemlich schnell klar: auf jeden Fall rockig. Ich bin einfach eine absolute Rockröhre. Gleichzeitig war mir aber wichtig, dass die Songs nicht nur laut und kraftvoll sind, sondern auch ehrlich und emotional. Alle Texte kommen direkt aus meinem Herzen. Es sind sehr persönliche Songs geworden, also über meinen Weg, über Zweifel, über Rückschläge und darüber, trotz aller „Neins“ immer weiterzumachen und dem eigenen Herzen zu folgen.
Der Albumtitel Rebel Soul klingt sehr persönlich. Was steckt dahinter?
Lorena: Der Titel beschreibt mich eigentlich perfekt. Diese „Rebel Soul“, also diese rebellische Seele, steckt total in mir drin. Ich wollte nie einfach nur in irgendeine Schublade passen oder Erwartungen erfüllen. Genau daraus hat sich auch mein eigener Stil entwickelt, den ich inzwischen gern „Heartrock“ nenne. Das ist für mich die perfekte Mischung aus Gefühl und Power. Einerseits emotionale, tiefgehende Texte und andererseits diese Energie und Wucht aus dem Hard Rock. Genau das bin ich. Und genau das hört man auch auf dem Album.
Mehr zu Lorena Daum findet ihr in den Socials.
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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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