Soundcheck Sessions mit Mia (Interview)
Sophia Wolz über Musik, Female Empowerment, Social Media, KI und ihren Weg als Künstlerin zwischen Bühne und Klassenzimmer.
Interview: Mia Lada-Klein
Foto: Laurent Daniel
Mit fünf Jahren begann Sophia Wolz, Geige zu spielen. Schon als Teenager war sie in Orchestern unterwegs und sang in Big Bands, als wäre das völlig selbstverständlich. Den ersten Gesangsunterricht bekam sie mit 16 Jahren und von da an war klar, dass Musik mehr für sie sein würde als nur ein Hobby. Die Liebe zur Musik und der Drang, sie weiterzugeben, führten sie zum Lehramtsstudium mit dem Hauptfach Musik. Heute ist Sophia eine Mischung aus Künstlerin und Lehrerin, eine, die selbst anpackt, weitergibt und gerade für ihre Schülerinnen neue Wege und Möglichkeiten eröffnet.
Kurz vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums About Life, dass am 21. März erschien, habe ich Sophia zu einem Interview eingeladen. Wir sprachen über Empowerment, das ihr besonders am Herzen liegt, über den Druck, der durch Social Media auf Künstler:innen lastet, und über Songs, die nicht nur klingen, sondern auch Kunst und Ästhetik transportieren. Dazu kamen Themen wie KI und Quoten im Musikbereich, insbesondere die Frauenquote, die oft mehr Aufmerksamkeit bekommt als die eigentliche Musik.
Wir sprachen über alles, was relevant ist: den Spagat zwischen Selbstvermarktung und künstlerischer Freiheit, die Balance zwischen digitalen Erwartungen und kreativer Authentizität, und den Mut, eigene Wege zu gehen, ohne sich von äußeren Vorgaben einschränken zu lassen.
Vom Klassenzimmer auf die Bühne – Sophias Weg zur Musikerin
Sophia, erzähl doch mal, wer du bist und was du machst.
Sophia Wolz: Also ich heiße tatsächlich so wie mein Künstlername, Sophia Wolz. Das hängt direkt mit meiner bürgerlichen Identität zusammen. Ich bin eigentlich gelernte Lehrerin für Musik, Englisch und Religion und arbeite aktuell noch vier Tage in der Schule. Aber ich hatte schon immer das Gefühl, da ist noch mehr für mich.
Mehr im Sinne von Musik?
Sophia Wolz: Ja, genau. Es gibt ja wirklich Unterschiede bei Lehrern. Ich hatte damals immer das Gefühl, Musiklehrer sind oft mehr als „nur Lehrer“. Da konnte ich mich gleich damit identifizieren und habe ausprobiert, was zu mir passt. Nach dem Abi habe ich Workshops gemacht und gemerkt, wie unglaublich viele Möglichkeiten es gibt, was das Studium angeht.
Gab es eine Phase, in der du noch unsicher warst?
Sophia Wolz: Auf jeden Fall. Ich war erstmal eine Weile orientierungslos, ein halbes Jahr in Afrika unterwegs und habe dann elementare Musikpädagogik angefangen. Ich hatte auch die Anmeldung für die Musikhochschule Würzburg in der Hand, also Jazzgesang, war aber noch nicht bereit. Ich hatte nicht den Mut, mir meinen persönlichen, relativen Erfolg zu erschließen. Deshalb hat es länger gedauert, bis ich wusste, wer ich bin. Und alles das ist auch Teil meiner Musik.
Du bist also nach wie vor eine Art Hybrid zwischen Pädagogin und Musikerin?
Sophia Wolz: Genau. Ich leite einen Mädchenchor, also nur Mädels und habe bewusst auf Female Empowerment gesetzt. Das mache ich jetzt seit sieben Jahren und parallel habe ich seit vier Jahren meine eigene Musik aufgebaut.
Musik, Social Media und der Alltag einer Solokünstlerin
Dein Stil ist dabei eher poppig, Indie-Pop, oder?
Sophia Wolz: Ja, genau. Ich mache kein Metal, sondern eher diese Mischung aus Indie-Pop.
Musiker sein, ist das heute eigentlich ein Luxusjob, oder? Es gibt nur wenige, die davon wirklich ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Viele machen nebenbei noch andere Jobs. Selbst große Acts müssen noch strugglen. Wie sieht das bei dir aus?
Sophia Wolz: Ich habe fränkische Eltern, die mir immer geraten haben, Prioritäten zu setzen. Deshalb hatte ich nie den Mut, alles auf die Musik zu setzen. Vor vier Jahren habe ich dann beschlossen, dass ich eine stabile finanzielle Grundlage brauche, bevor ich den Sprung wage. Ohne diese Basis geht es nicht, oder man ist auf Fördergelder angewiesen, was sehr bürokratisch ist.
Das romantische Bild des Musikers existiert also nicht mehr?
Sophia Wolz: Nein, das stimmt so nicht mehr. Früher dachte man vielleicht, man sperrt sich ins Badezimmer ein, spielt ein paar Festivals und gut. Heute hat man viele Rollen: Songwriterin, Produzentin, Show-Managerin, Booking, Social Media pflegen. Man muss alles unter einen Hut bringen.
Social Media und die Öffentlichkeitsarbeit sieht ja bei dir zudem nochmal anders aus. Du bist ja Solokünstlerin, also alles hängt an dir. Wie gehst du mit den verschiedenen Plattformen wie Instagram, Spotify, YouTube oder TikTok um? Als Solokünstlerin bist du so ein bisschen ein Ein-Mann-Zirkus. Andere Bands können mal einen Schlagzeuger oder Bassisten zu einem Interview schicken, bei mir geht das nicht. Du musst selbst in jedem Reel sein, jedem Video, jedem Posting präsent sein, weil es ja um dich und deine Identität geht. Das heißt, den Fans geht es nicht nur um die Musik, sondern auch um dich als Person.
Sophia Wolz: Genau. Es geht heute nicht mehr nur um den Song, sondern um die Identität, die dahintersteht. Das habe ich auch durch Workshops gelernt. Ich habe damals ein Produktionsstipendium bekommen, das mein Album mitfinanziert hat, und ein Teil davon waren Workshops und Netzwerkarbeit. Für mich als blutige Anfängerin war das unglaublich hilfreich.
Was war die größte Hürde am Anfang?
Sophia Wolz: Am Anfang war alles unglaublich überwältigend. Man muss herausfinden, wer Ansprechpartner in Radio, Print, Online oder Podcasts sind. Wer hört überhaupt deine Musik, wie nennt man sein Genre? All das sind Sachen, die man lernen muss. Manche Menschen studieren Jahre dafür oder haben schon Connections. Als DIY-Künstlerin startet man quasi komplett bei Null. Ich erinnere mich noch, wie erschöpfend es war, unzählige Mails zu versenden und zwei Antworten zu bekommen.
Und wie gehst du heute damit um?
Sophia Wolz: Mittlerweile habe ich gelernt, Prioritäten zu setzen. Man muss wissen, welche Kontakte auch wirklich relevant sind und worauf man verzichten kann. Es geht darum, eine Balance zu finden zwischen Netzwerken und sich nicht verrückt machen zu lassen.
Gerade in der Musikbranche gibt es ja auch viele „schwarze Schafe“.
Sophia Wolz: Absolut. Gerade im Bereich der Medien gibt es Menschen, die viel versprechen, aber wenig liefern. Hinzu kommt auch, dass die Szene sehr schnelllebig ist. Ich habe erlebt, dass Ansprechpartner aus Sendern wie Puls oder egoFM plötzlich wegfallen, obwohl sie früher eine wichtige Plattform für meine Musik waren.
Das klingt, als müsse man sowohl Musikerin als auch Medienprofi sein.
Sophia Wolz: Ja, es ist ein Spagat. Man muss seine eigene Position finden, lernen, sich klar zu artikulieren und gleichzeitig authentisch zu bleiben. Zu Beginn habe ich gefühlt auch alles mögliche gemacht. Ein guter Freund von mir, Raoul Walton, er war Bassist bei Westernhagen, hat mir mal den Rat gegeben: „Mach nur das, was du durchhältst.“ Ich habe dann in meiner Selbstständigkeit erstmal auch diese Arbeitsmoral finden müssen, also eine eigene Balance. Man muss es integrieren, ja, aber eben so, dass es zu einem selbst passt.
Das heißt, die ganze mediale Präsenz ist heute so oder so ein Teil des Künstlerdaseins?
Sophia Wolz: Absolut. Es geht nicht nur um die Musik, sondern um die Darstellung, die Reichweite, die Verbindung zu den Fans. Wer das nicht versteht, unterschätzt die heutige Realität des Musikbusiness. Und man darf sich davon nicht unterkriegen lassen, es ist eine Balance zwischen Kreativität und Organisation. Ein Punkt, den ich vielen Musiker:innen aber immer wieder ans Herz lege: Konstanz. Viele geben nach einem Jahr auf, gerade wenn es am Anfang schwierig ist und man noch wenig Resonanz bekommt.
So wie ich das verstehe heißt das aber auch, dass du deinen Output angepasst hast?
Sophia Wolz: Absolut. Gerade in Workshops hieß es damals: fünf Reels oder fünf Beiträge pro Tag, weil das für den Algorithmus optimal ist. Aber das führt zu Social Burnout. Man muss eine Balance finden, wie viel man geben kann, ohne sich selbst zu überfordern. Für mich bedeutet das zum Beispiel, nur ein Reel pro Woche, wenn überhaupt und mir bewusst Pausen von den Socials zu nehmen.
Diese Konstanz klingt nach einem zentralen Thema in deiner Arbeit.
Sophia Wolz: Ja, Konstanz bedeutet für mich nicht nur regelmäßig posten, sondern auch kontinuierlich an sich selbst arbeiten, Songwriting, Produktion, Performance und trotzdem den Realitätsbezug behalten. Man muss sich fragen: Was will ich überhaupt? Will ich dieses Leben führen? Und kann ich es authentisch vertreten?
Wie gehst du mit dem Auf und Ab der eigenen Musik um?
Sophia Wolz: Es ist ein ständiges Auf und Ab. Ich höre einen Song, denke am einen Tag, er ist perfekt, am nächsten Tag finde ich ihn schrecklich. Ich kann meinem Produzenten in den Wahnsinn treiben, weil ich noch Kleinigkeiten ändern möchte. Man ist als Musikerin nie ganz zufrieden. Deswegen ist es ein großes Ziel, lernen zu können, seine Arbeit auch wirklich zu genießen.
Glaubst du, das betrifft alle Künstler, unabhängig vom Genre?
Sophia Wolz: Auf jeden Fall. Dieses Streben nach Verbesserung, dieses Hinterfragen, das ist universell. Manchmal hilft es, den Druck rauszunehmen und die Entwicklung zuzulassen. Kunst ist ein Prozess. Es gibt immer noch Seiten, die man entwickeln kann, neue Klangwelten, neue Themen, neues Artwork.
Das klingt, als sei künstlerische Arbeit eine ständige Reise zu sich selbst.
Sophia Wolz: Ja, genau. Es ist eine Reise. Man beschäftigt sich immer wieder mit eigenen Emotionen, aktuellen Themen, gesellschaftlichen Fragen, neuen Techniken. Man bleibt nie stehen. Für mich ist das das Spannende an der Selbstständigkeit und am Musikmachen: Es ist ein ständiger Austausch mit sich selbst und der Welt.
Also ist Erfolg für dich weniger eine Zahl, mehr ein Prozess?
Sophia Wolz: Absolut. Erfolg bedeutet für mich, dass ich die Musik selbst genießen kann, dass ich kontinuierlich wachse und experimentiere, dass ich authentisch bleibe. Followerzahlen oder Klicks sind schön, aber sie definieren nicht den Wert meiner Arbeit. Es geht um die Konstanz, die Entwicklung, das Dranbleiben und das Entdecken neuer Seiten an sich selbst.
Es hat immer viel mit sich selbst zu tun. Ich merke ja selbst bei Interviews oft, dass wir als Journalist:innen nicht völlig neutral sein können. Selbst bei Reviews hat man immer einen emotionalen Bezug. Eigene Erfahrungen, eigene Trigger. Man ist es immer irgendwie auch selbst.
Sophia Wolz: Absolut. Selbst die Forschung ist ja nicht vollkommen sachlich. Der Mensch ist einfach kein rein sachliches Wesen. Es ist ganz normal, dass ein emotionaler Bezug entsteht, auch hier gerade jetzt zwischen uns. Das beeinflusst, wie man Dinge wahrnimmt oder bewertet.
Sophia Wolz: Female Empowerment, Vorbilder und Chancen für Musikerinnen
Dann lass uns über deine Musik sprechen. Was sind denn die Themen, die dich beschäftigen, gerade beim Songwriting? Sind es eher persönliche Erlebnisse oder auch gesellschaftliche Themen?
Sophia Wolz: Es sind verschiedene Einflussfaktoren. Vor allem spielen Emotionen eine große Rolle. Kunst ist ein Raum für Gefühle und Impulsives. Gleichzeitig bin ich ein Fan von Ästhetik. Ich möchte eine bestimmte Welt schaffen, in die man eintauchen kann, in der man vielleicht eigene Lebenssituationen wiedererkennt.
Kannst du ein Beispiel geben?
Sophia Wolz: Klar. In meinem Song „Ocean (Relief)“ geht es um Metaphern rund um die Natur. „Relief“ kann eine Meeresvertiefung bedeuten, aber auch Befreiung. Ich habe den Song in Kanada am Meer geschrieben, nach einem Jetlag, in einem Moment, in dem mich dieser Ort stark inspiriert hat. Das Leben kann wie ein Meer sein, mal ruhig, mal stürmisch. Die Ästhetik wollte ich auch durch die Produktion unterstreichen, etwa mit sehr ruhigen Vocals, so dass es wirkt, als würde ich dir direkt ins Ohr singen.
Und Themen wie Female Empowerment tauchen auch immer wieder auf, richtig?
Sophia Wolz: Ja, das ist mir sehr wichtig, sowohl durch meine Arbeit mit meinem Mädchenchor als auch durch meine eigenen Erfahrungen. Mein Album „About Life“, das am 21. März erscheint, beschäftigt sich mit der Unabhängigkeit von Frauen. Jeder Song erzählt ein Stück davon, wie man lernt, für sich selbst einzustehen, eigene Entscheidungen zu treffen und sich von gesellschaftlichen Zwängen zu lösen. Selbst banale Dinge wie eine Autoversicherung abzuschließen können einen darin bestärken, sich unabhängig zu fühlen.
Man sieht Female Empowerment ja überall, zum Beispiel auf Instagram. Siehst du das in der Musikbranche genauso stark?
Sophia Wolz: Leider nicht so stark, wie es propagiert wird. Weniger Musikerinnen werden auf Festivals gebucht, weniger erreichen Führungspositionen in der Branche. Aber es gibt Initiativen, die das ändern wollen. Alicia Keys hat zum Beispiel ein Kollektiv für Produzentinnen und Musikerinnen aufgebaut, mit Programmen und Finanzspritzen. Auch lokal in München gibt es Gruppen wie Flinta, die sich gegenseitig unterstützen, Gigs weitergeben und Netzwerke pflegen.
Gibt es auch Herausforderungen im Miteinander?
Sophia Wolz: Klar, es gibt immer mal Zickenkriege oder Menschen, mit denen man einfach nicht viben kann. Aber das hängt nicht vom Geschlecht ab. Man muss aktiv Netzwerke suchen, sich Mentorinnen suchen, sich ein Umfeld schaffen. Es kommt nicht einfach so vorbei, also Förderung, Kontakte oder Unterstützung muss man aktiv annehmen und gestalten.
Und das gibst du auch weiter, in deinem Unterricht?
Sophia Wolz: Ja, definitiv. Im Chor und im Musikunterricht schreiben die Mädchen eigene Stücke, arrangieren sie und tragen sie vor. Sie erleben, dass sie nicht nur etwas vorsingen, das schon da war, sondern selbstwirksam Musik erschaffen. Das ist ein zentraler Punkt von Empowerment: aktiv werden, Verantwortung übernehmen und eigene Kreativität ausleben.
Also ist Female Empowerment für dich nicht nur ein Schlagwort, sondern eine Haltung, die man aktiv lebt?
Sophia Wolz: Genau. Man muss es annehmen, leben und weitergeben. Nur so wird es spürbar und wirksam.
Sophia, es ist ja auch ein gutes Beispiel, dass wir hier zusammensitzen und uns gegenseitig supporten. Aber trotzdem, wie sieht es in deiner Branche aus?
Sophia Wolz: Es ist nach wie vor so, dass es weniger Frauen als Männer gibt. Besonders im Jazzbereich ist das auffällig. Ich bewege mich eher im Soul- und Jazzbereich, manchmal Experimental Soul Pop. Da sehe ich oft in Jam Sessions: Es gibt eine Sängerin und die Band drumherum besteht überwiegend aus Männern. Zum Beispiel gibt es in München auch diesen einen Pianisten, der immer gebucht wird. Er ist unglaublich talentiert, das steht außer Frage, aber es zeigt, dass Frauen oft in der zweiten Reihe bleiben.
Also eher die „Quotenfrau“?
Sophia Wolz: Genau. Bei Programmen oder Förderungen wird inzwischen abgefragt, ob man eine Frau ist oder Einschränkungen hat, alles cool, keine Frage. Aber ich frage mich dann: Warum braucht es das überhaupt? Eigentlich sollte es von vornherein selbstverständlich sein.
Und letztlich sollte es doch sowieso nur um die Musik gehen, richtig? Am Ende des Tages ist es doch egal, ob eine Frau, ein Mann oder sogar ein Waschbär Schlagzeug spielt. Entscheidend ist die Qualität der Musik. Es wird oft an den falschen Stellschrauben gedreht, statt das zu fördern, was künstlerisch überzeugt. Wie kann man da deiner Meinung nach ansetzen?
Sophia Wolz: Ein zentraler Punkt ist Musikunterricht. Wenn wir schon früh anfangen, Mädchen und Jungen dieselben Möglichkeiten zu geben, etwa in Technik-AGs oder bei Produktion, vermeiden wir automatisch Rollenklischees.
Kannst du ein Beispiel nennen?
Sophia Wolz: Ja, an unserer Schule gibt es eine Kollegin, die die Technik-AG leitet. Die Schülerinnen lernen, Mikros aufzubauen, Headsets zu installieren, das Mischpult zu bedienen. Sie übernehmen die Technik selbst, ohne dass ein Mann von außen kommen muss. Dieses Modell ist großartig, weil es zeigt: Technik ist keine Frage des Geschlechts.
Und wie ist es bei dir persönlich mit Technik?
Sophia Wolz: Ich muss zugeben, ich bin nicht die technikaffinste Frau. Produktion, Mixing, Mastering gebe ich lieber ab. Aber schon allein in der Haltung fängt es an: Man muss Mädchen ermutigen, eigene Songs zu schreiben, Texte zu probieren oder mit Software wie GarageBand zu experimentieren.
Also Bildung und Vorbilder spielen hier eine entscheidende Rolle?
Sophia Wolz: Ja, genau. Wenn junge Musiker:innen sehen, dass sie selbstständig Technik und Produktion lernen können, wird die Rollenzuschreibung aufgebrochen. Es geht darum, Vorbilder zu schaffen und Möglichkeiten zu geben, die vorher oft Männern vorbehalten waren.
Sophia Wolz: Kreativität, KI und das Zyklische des Musikmachens
Kommen wir mal zu einem sehr wichtigen Punkt, der auch irgendwie mit Technik zu tun hat und zwar KI. Wie siehst du das als Musikerin? Hast du Angst, dass irgendwann Musiker:innen durch KI ersetzt werden?
Sophia Wolz: Angst zu haben, finde ich falsch. Wir stehen gerade erst am Anfang, das zu integrieren. KI hat Potenzial, stößt aber immer wieder an ihre Grenzen. Alles ist nur wiederverwendeter Input, nichts wirklich Originelles.
Also eher ein Werkzeug als ein Ersatz für Kreativität?
Sophia Wolz: Genau. Originalität ist bei KI immer zu hinterfragen. Aber genauso ist es ja bei Songwriting. Songwriting funktioniert ja auch nicht völlig neu, wir hören, sehen und fühlen, was andere schon gesehen und gefühlt haben und geben es dann in einer neuen Form wieder. Bei KI sind die Möglichkeiten aber noch ziemlich limitiert. Im Studio kann ich zum Beispiel Plugins nutzen, die Stimmen generieren, etwa einen Soulsänger für den Hintergrund. Aber das ist ein Prototyp, keine echte, individuelle Stimme.
Der Mensch kann es entweder sinnvoll nutzen oder kaputtmachen. So ist es aber bei allem, oder? Nehmen wir Social Media. Social Media selbst ist keine schlechte Idee, aber oft wird die Dynamik dort problematisch. Kommentare, Algorithmen, die Schnelllebigkeit, das kann einen echt fertig machen.
Sophia Wolz: Die Kunst wird ja auch schnelllebiger. Lohnt es sich überhaupt noch, richtige Musikvideos zu drehen, wenn alles auf Shorts und Reels reduziert wird? Manchmal frage ich mich das. Statistisch gesehen schauen die Leute die ersten drei Sekunden, dann fällt die Kurve ab. Ich habe deswegen beschlossen, dass ich Videos für die Kunst selbst mache. Wer Shorts sehen will, kann das tun, aber für mich zählt die Musik, die Geschichte dahinter, nicht die Klickzahlen.
Da kommen wir wieder zu einem alten Thema: Erfolg. Vielleicht ist er gar nicht messbar in Followern oder Likes, sondern daran, wie viele Menschen emotional erreicht werden. Ich habe auch einen YouTube-Kanal, nicht um ein Star zu werden, sondern als publizistisches Archiv. Wenn ein paar Leute sich das anhören und genau die richtigen Menschen erreicht werden, ist das viel wertvoller, als tausende Likes von Leuten, die nur oberflächlich reagieren.
Interviewer: Absolut. Und Social Media kann auch verstörend sein. Ich habe z. B. deinen Beitrag zu Bonnie Blue gehört bei YouTube. Das war für mich wirklich verstörend, was sie da macht. Ich war mir dessen gar nicht bewusst.
Ja, wir leben in einer Zeit, in der solche Inhalte komplett legal sind. Und das Schlimme ist, dass diese Inhalte besonders gut ziehen. Ich will gar nicht werten, was das über unsere Gesellschaft aussagt. Aber ich sehe es auch bei mir. Ein Selfie bekommt Likes ohne Ende, aber Text-und Leseformate ziehen kaum. Das ist erschreckend, wie primitiv das ist.
Sophia Wolz: Absolut. Da muss man sich auch entscheiden: Will ich diese Leute bei mir haben? Oder will ich wirklich Menschen erreichen, die sich mit meiner Musik auseinandersetzen?
Mir tut das nämlich echt weh, wie tief wir gesunken sind in der Gesellschaft.
Sophia Wolz: Wir sitzen halt alle extrem viel am PC. Das tue ich als Musikerin auch. Da fehlt halt die echte Verbindung. Konzerte sind fast die einzige Möglichkeit, echte Verbindung herzustellen. Bei Festivals ist das Publikum hinter Absperrungen, bei kleinen Wohnzimmerkonzerten dagegen spürst du die Menschen direkt. Das ist zwar anstrengend, aber eigentlich das Schönste daran.
Das sagen ja eigentlich alle Musiker:innen, oder? Es geht um dieses Feeling, auf der Bühne zu stehen, die eigenen Songs zu präsentieren, die eigene Kunst zu zeigen und zu merken, dass die Leute mitsingen und Bock drauf haben.
Sophia Wolz: Absolut. Das ist genau das, was es so besonders macht.
Abschließend noch eine wichtige und entscheidende Frage: Wo soll es für dich hingehen? Hast du eine konkrete Vorstellung, oder bist du eher der Typ „der Weg ist das Ziel“?
Sophia Wolz: Mein Ziel ist, die Musik in mir zu tragen und weiterzugeben, egal, ob im pädagogischen Rahmen, als Solokünstlerin, in Kollaborationen oder bei Filmmusik-Projekten. Ich begleite oft Filme im Hintergrund, untermale Szenen quasi. Ich glaube, das Leben verläuft in Zyklen und Phasen. Es gibt Momente, in denen ich wieder auf die Bühne möchte, wieder ein Album produzieren, Zeit fürs Songwriting brauche oder mich zurückziehe und schreibe. Das Zyklische, die Musik immer bei mir zu haben, das ist mein großes Ziel.
Das klingt, als würdest du dich stark von deiner inneren Motivation leiten lassen.
Sophia Wolz: Ja, genau. Es gibt dieses Zitat aus dem Film Étoile, das ich sehr passend finde. Die Hauptfigur, eine Prima Ballerina, ist eine sehr raue Frau, man würde es ihr nie zutrauen. Sie wird gefragt, warum sie tanzt, obwohl sie schon hinschmeißen wollte. Sie antwortet: „Ich bin das Tanzen.“ Für mich fühlt es sich manchmal genauso an. Kreativität schlummert von Anfang an in einem, man erkennt schon früh, welche Persönlichkeit jemand hat.
Also ist es für dich eine Art Lebensaufgabe, die Musik nicht loszulassen?
Sophia Wolz: Genau. Jeder Mensch hat etwas Kreatives in sich, und die Aufgabe ist, das zu erkennen und zu leben. Bei mir ist das definitiv die Musik, und deswegen werde ich sie nie aufgeben.
Sophia, es hat mich sehr gefreut. Danke für deine Zeit und deinen wichtige Input.
Mehr zu Sophia Wolz findet ihr in den Socials.
Mehr Soundcheck Sessions mit Mia findet ihr auf der Website.
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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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3 Gedanken zu „Sophia Wolz im Gespräch über Musik, Social Media und ihren Weg als Künstlerin“