Warum greifen Fremde im Alltag immer öfter ungefragt in das Leben anderer ein?

Frau im Outfit schwarz-weiß

Soundcheck mit Mia (Kolumne)

Schwarzes Shirt bei Sommerhitze, ein Bus im Abendlicht und ein Muffin in der Pause: kleine Alltagsszenen, in denen Fremde plötzlich beginnen, das Verhalten anderer ungefragt zu kommentieren und zu bewerten.

Text: Mia Lada-Klein

  • Warum ungefragte Kommentare im Alltag immer normaler werden
  • Zwischen Bushaltestelle und Bäckerei: Begegnungen mit der Moralpolizei
  • Weshalb wir endlich aufhören sollten, fremde Menschen zu belehren

 

Die selbst ernannte Moralpolizei hat Ausgang

Gestern war der heißeste Tag des Jahres. Und offenbar schmolz dabei auch der letzte Rest Anstand bei einigen Menschen.

Es war extrem warm. Nicht dieses angenehme “T-Shirt reicht”-warm, sondern dieses “die Luft fühlt sich an wie nasses Handtuch”-warm. Ich war abends noch unterwegs, stand an der Bushaltestelle und wartete. Schwarzes Shirt, schwarze Leinenhose. Ja, schwarz.

Mein Kleiderschrank sieht aus wie die Farbpalette eines Bestattungsunternehmens. Nicht aus Überzeugung. Nicht, weil ich Gothic bin. Nicht, weil ich Metal höre. Nicht, weil ich eine Botschaft in die Welt tragen möchte. Es hat sich einfach über die Jahre so ergeben. Andere sammeln bunte Sneaker, ich eben schwarze Shirts. Fertig.

Doch genau das schien für eine fremde Frau Grund genug zu sein, mich ungefragt anzusprechen.

“Sie sollten bei dem Wetter kein Schwarz tragen.”

Ach wirklich? Danke. Gut, dass Sie da sind. Ohne diese bahnbrechende Erkenntnis wäre ich vermutlich spontan in Flammen aufgegangen.

Früher sprach man über das Wetter. Heute bewertet man den Menschen daneben.

Das eigentlich Faszinierende ist nicht einmal der Satz selbst. Es ist diese Selbstverständlichkeit, mit der fremde Menschen glauben, sie dürften andere kommentieren.

Stellen wir uns die Situation einmal vor:

Zwei Menschen stehen an einer Bushaltestelle. Sie kennen sich nicht. Haben sich noch nie gesehen. Werden sich wahrscheinlich nie wiedersehen. Der Bus kommt gleich. Und trotzdem entscheidet sich eine Person dazu, ungefragt die Kleidung der anderen zu bewerten.

Warum?

Was geht in einem Kopf vor, der denkt: Das ist jetzt mein Moment. Jetzt muss ich dieser fremden Person erklären, welche Farbe sie tragen sollte.

Es ist, als hätten Instagram-Kommentare beschlossen, den Bildschirm zu verlassen und auf Linienbusse umzusteigen.

Jeder hält sich inzwischen für den Endgegner der Vernunft

Früher gab es Klugscheißer im Freundeskreis. Heute lauern sie überall.

An der Bushaltestelle.

Im Supermarkt.

Beim Bäcker.

Im Fitnessstudio.

An der Kasse.

Man kann kaum noch existieren, ohne dass irgendein selbsternannter Lebensberater aus dem Gebüsch springt und einem erklärt, wie man sein Leben angeblich besser führen sollte.

Nicht aus Sorge.

Nicht aus Mitgefühl.

Sondern aus diesem merkwürdigen Drang heraus, sich moralisch überlegen zu fühlen.

Vielleicht kam ich von einer Beerdigung

Was wissen fremde Menschen eigentlich über mich? Gar nichts. Vielleicht war ich gerade auf einer Beerdigung. Vielleicht war ich auf dem Weg zu einer. Vielleicht hatte ich einfach Lust, Schwarz zu tragen. Oder vielleicht wollte ich vorsorglich passend gekleidet sein, weil ich mich noch nicht entschieden habe, wer als Nächstes stirbt.

Die Möglichkeiten sind endlos.

Doch offenbar genügt heute ein schwarzes T-Shirt, damit jemand glaubt, er müsse mir eine kostenlose Stilberatung aufdrängen.

Die Kalorienpolizei schlägt wieder zu

Es war übrigens nicht das erste Mal. Vor einigen Wochen stand ich in meiner Mittagspause beim Bäcker. Ich wollte einen Muffin kaufen.

Ja. Einen Muffin. Keinen Brokkoli. Keinen Selleriesaft. Keinen Chia-Samen-Auflauf mit Haferluft.

Einen Muffin.

Neben mir stand eine Frau, die sich offenbar berufen fühlte, meinen Einkauf zu kommentieren.

“Das ist aber nicht sehr gesund. Muffins haben viel Zucker.”

Ach. Haben sie? Ich dachte wirklich, Muffins bestehen hauptsächlich aus Feldsalat und Mineralwasser. Ich war kurz sprachlos. Zum Glück nicht die Bäckereifachverkäuferin. Die konterte trocken:

Wissen Sie, was auch ungesund ist? Anderen Menschen ihr Essen madig zu reden.

Selten hat jemand mit einem einzigen Satz mehr gesellschaftlichen Nutzen gestiftet.

Willkommen im Zeitalter der ungefragten Expertisen

Irgendwann haben wir offenbar beschlossen, dass Meinungen keine Einladung mehr brauchen. Man bewertet Kleidung. Ernährung. Körper. Haare. Sport. Haustiere. Kindererziehung. Reiseziele. Musikgeschmack. Alles wird kommentiert. Alles wird korrigiert. Alles wird optimiert.

Man könnte meinen, die Menschheit hätte keine Kriege mehr, keine Inflation, keine Klimakrise und keine echten Probleme, wenn sie genug Zeit findet, Fremde wegen ihrer Muffins oder ihrer T-Shirts zu belehren.

Kümmert euch um euren eigenen Friedhof

Mich interessiert nicht, ob jemand Neonpink trägt. Mir ist egal, ob jemand vegan lebt oder täglich drei Liter Milch trinkt. Ob jemand Tofu isst oder Mettbrötchen. Ob jemand Crocs trägt oder Designerstiefel. Es ist schlicht nicht mein Leben. Diese Erkenntnis scheint jedoch immer mehr Menschen verloren gegangen zu sein. Sie laufen durch die Welt wie wandelnde Push-Benachrichtigungen. Ständig ploppt irgendwo ungefragt eine Meinung auf.

“Das solltest du nicht essen.”

“Das solltest du nicht anziehen.”

“Das solltest du anders machen.”

“Das ist ungesund.”

“Das steht dir nicht.”

“Das würde ich aber…”

Herzlichen Glückwunsch. Niemand hat gefragt.

Die Kommentarspalte hat die Realität übernommen

Vielleicht liegt das Problem darin, dass wir verlernt haben, zwischen Internet und Wirklichkeit zu unterscheiden. In sozialen Netzwerken kommentiert heute jeder alles. Wildfremde Menschen erklären anderen, wie sie zu leben haben. Irgendwann wurde daraus offenbar ein Hobby. Jetzt findet dieselbe Kultur auf der Straße statt. Offline. In Farbe. Mit direktem Blickkontakt.

Die Kommentarspalte hat Beine bekommen.

Lasst Menschen doch einfach in Ruhe

Es wäre so einfach. Nicht alles muss bewertet werden. Nicht jede Meinung verdient einen Lautsprecher. Nicht jeder Gedanke muss ausgesprochen werden. Manchmal ist die größte Höflichkeit, einfach weiterzugehen. Denn am Ende ist es völlig egal, ob ich Schwarz trage, einen Muffin esse oder mir ein Glas Milch einschenke. Die Welt wird daran nicht zugrunde gehen. An etwas anderem vielleicht schon.

Zum Beispiel daran, dass immer mehr Menschen glauben, sie seien die Hauptfigur im Leben aller anderen. Und dass ihre ungefragte Meinung ein Geschenk sei. Ist sie nicht. Sie ist meistens einfach nur Lärm.

Mehr Soundchecks mit Mia findet ihr auf meiner Website.

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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

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8 Gedanken zu „Warum greifen Fremde im Alltag immer öfter ungefragt in das Leben anderer ein?

  1. Ist mir neulich auch passiert. Ich stehe da im Supermarkt, kaufe einfach meinen Kram und eine Frau meint ernsthaft, sie müsse mir erklären, dass mein Energy-Drink “nicht gut für mich” sei. Ich hab nicht mal reagiert, weil es einfach keinen Anfang und kein Ende hat bei solchen Kommentaren. Es wird echt immer schlimmer.

  2. Einmal mehr triffst du den Nagel auf dem Kopf. Herrlich — deine Beobachtungen und ihre Wiedergaben für die Welt. ☺️
    Einmal mehr: Danke sehr!

    1. Lieber Dirk, ich danke dir fürs Lesen. Du bist wirklich ein treuer Leser. Das freut mich, wenn es dir nach wie vor Spaß macht bei mir. Vielen Dank.

  3. Es ist tatsächlich etwas seltsam, wenn man von fremden Menschen angesprochen wird. Grundsätzlich finde ich es völlig in Ordnung, solange es respektvoll geschieht, aber so geht es eben nicht.
    Man könnte stattdessen einfach freundlich fragen: „Junge Frau, ist Ihnen nicht warm?“ Oder etwas in der Art wie: „Ich denke mir bei dem Wetter immer, dass Schwarz nicht gerade meine Farbe wäre.“
    Das wirkt doch gleich viel freundlicher, weil man bei der Ich-Form bleibt, nicht über andere urteilt und keine ungefragten Ratschläge gibt. Sehr schöner Text.

    1. Liebe Sarah, du bringst es auf den Punkt. Der Ton macht die Musik und die Ich-Form ist offenbar der geheime Endgegner jeder Eskalation. Danke für den Input!

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