Soundcheck Sessions mit Mia (Interview)
Kellerecho sprechen über “Mädchen aus Spandau”, KI und die Realität als junge Band. Sänger und Schlagzeuger Arji erzählt, warum Kommunikation, Durchhaltevermögen und echte Kunst wichtiger sind als schnelle Erfolge.
Interview: Mia Lada-Klein
Bild: Pressebild-Kellerecho
Kellerecho ist eine ambitionierte Punkrock- und Alternative Rock Band aus Berlin. Die Formation um Martin, Arji und Oleksii wurde im September 2025 gegründet und legte nach ihrer Debütsingle “Berlin 2026” am 19. Juni mit “Mädchen aus Spandau” nach. Ein knackiger Sommerhit, der beweist, dass selbst Spandau bei Sonnenschein plötzlich romantisches Potenzial entwickeln kann.
Im Interview spreche ich mit Schlagzeuger & Co-Sänger Arji über die neue Single, die Struggles einer jungen Band und die Eigenheiten der Musikbranche. Dabei blieb es allerdings nicht. Unser Gespräch führte uns von Künstlicher Intelligenz über Medienkompetenz und mentale Gesundheit bis zu der Frage, woran Bands eigentlich häufiger scheitern als an mangelndem Talent.
Musiker zu finden, die Lust auf eine Band haben, ist laut Arji noch die leichteste Übung. Musiker zu finden, die langfristig Zeit, Ehrgeiz und Verlässlichkeit mitbringen, wird schon deutlich anspruchsvoller. Die passenden Mitstreiter zu finden, gleicht mitunter der Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Warum das so ist, welche Fehler viele Bands schon zu Beginn machen und weshalb Kommunikation oft wichtiger ist als das nächste Gitarrenriff, erklärt Arji mit einer guten Portion Selbstironie. Ganz nebenbei verrät er auch, warum ein wenig Rücksicht auf fragile Künstleregos manchmal genauso hilfreich sein kann wie ein gelungener Refrain.
Du kannst dich ganz kurz mal vorstellen?
Arji: Ja, ich bin der Arji. Ich spiele tatsächlich Schlagzeug und bin der zweite Sänger bei uns in der Band. Demnächst wird ein Wechsel stattfinden, da werde ich dann tatsächlich nicht mehr an den Drums sein, aber dazu vielleicht später mehr.
OK, schade. Die Drums sind das beste Instrument. Ich finde Schlagzeuger sind die allerbesten. Es ist mein absolutes Lieblingsinstrument. Aber lass uns über Kellerecho reden. Ihr habt jetzt eine neue Single rausgebracht. Kannst du ein bisschen was dazu erzählen?
Arji: Tatsächlich stehen wir mit der Band noch ziemlich am Anfang und wollten bewusst mit Leichtigkeit starten. In „Mädchen aus Spandau“ verarbeiten wir Dating-Erfahrungen und das Thema Fernbeziehung. Gleichzeitig nehmen wir den Berliner Stadtteil Spandau augenzwinkernd aufs Korn. Für viele Berliner:innen liegt Spandau gefühlt so weit draußen, dass eine Beziehung dorthin fast schon als Fernbeziehung gilt. Am Ende erzählt der Song aber etwas Positives: Nicht der Ort macht eine Stadt besonders, sondern die Menschen. Begegnungen, gemeinsame Momente und Nähe können selbst einen vermeintlich unscheinbaren Ort besonders machen. Mit genau dieser Leichtigkeit wollten wir in den Sommer starten. Grundsätzlich lässt sich Kellerecho aber ohnehin nicht auf einen einzigen Sound festlegen.
Kellerecho: Zwischen Schubladen, KI und echter Kunst
Das ist aber auch ein spannender Punkt. Warum ist es denn so schwierig bei euch, euch festzulegen? Wollt ihr das gar nicht oder lasst ihr das bewusst offen oder spielt ihr damit?
Arji: Ich finde es als Künstler schwierig, sich musikalisch einzugrenzen. Wir bringen alle unterschiedliche Erfahrungen, Einflüsse und Ideen mit, deshalb ist es gar nicht so leicht, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Am Ende haben wir uns auf laute, deutschsprachige Rockmusik geeinigt. Schubladen gehören leider dazu. Viele Plattformen erlauben bei der Angabe nur ein oder zwei Genres, also haben wir uns zunächst für Punk entschieden. Tatsächlich steckt in unserer Musik aber genauso Alternative Rock, Indie und Pop. Wir wollen uns nicht auf eine einzige Richtung reduzieren lassen.
Vielleicht ist das sogar etwas Gutes. Je individueller und vielseitiger eine Band ist, desto schwieriger wird es, sie zu kopieren, auch mit Blick auf Künstliche Intelligenz. Kann eine KI so etwas überhaupt ersetzen? Und kann sich ein Mensch mit einer KI überhaupt messen?
Arji: Das wird eine spannende Diskussion. Ich würde mal sagen, wenn wir die breite Masse nehmen, dann kann die kaum unterscheiden, ob es KI-Musik ist, echte Musik oder einfach nur Autotune. Es wird auch zunehmend besser. Das muss man leider feststellen. Ich glaube, wenn wir anfangen, uns da zu messen, dann werden wir verlieren. Dann stellen wir uns gegen eine Maschinerie, die extrem schnell, sehr perfekte Ergebnisse liefert, in einer Geschwindigkeit, die wir kaum erreichen können. Wir persönlich vertreten die Haltung: Boykottiert KI-„Musik“. Das ist in der Praxis vielleicht idealistisch, das ist uns bewusst. Aber es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen. Vergesst nicht, es gibt noch Handwerk, es gibt echte Kunst, gemacht von Menschen für Menschen. Ich habe mich oft mit der Frage beschäftigt und komme je nach Zeitpunkt zu unterschiedlichen Antworten. Manchmal denke ich, vielleicht ist es unaufhaltbar und 90 Prozent aller künstlerischen Bereiche, egal ob Journalismus, Musik oder Fotografie, sind irgendwann KI. Dann bleibt Kunst vielleicht nur noch etwas Persönliches. Ich werde trotzdem nicht aufhören Musik zu machen, nur weil KI schneller oder effizienter ist. Ich habe das auch im Freundeskreis erlebt. Ein Freund hat gesagt, er hat mit KI ein ganzes Album erstellt, ohne vorher Musik gemacht zu haben. Einerseits will man ihm gratulieren, dass er etwas geschaffen hat, andererseits sehe ich das kritisch. Es nimmt anderen Künstlern Aufmerksamkeit und damit auch Einkommen weg. Und es verändert das Verständnis von echter Musik. Laien können das immer schwerer unterscheiden. Wenn dann in Playlists die Hälfte KI ist, wird das zur Normalität. Und genau das finde ich problematisch.
Ich glaube, der Ursprungsgedanke von KI war, dass sie uns im Alltag hilft. Jetzt nimmt sie eher Kreativen die Jobs weg. Sogar Synchronsprecher trifft es inzwischen. Das hätte niemand gedacht. Ich sehe aber auch einen Trend zurück. Viele löschen Social Media, ziehen sich zurück, back to the roots. Perfektion nutzt sich ab. Vor zwei Jahren waren stark bearbeitete Schönheitsideale überall, jetzt wirkt vieles künstlich und man ist es leid. Ich glaube, das passiert auch mit KI in der Musik. Handgemachte Musik und Live-Konzerte werden wieder wichtiger, vielleicht sogar stärker als heute.
Arji: Alles konsolidiert sich. Früher am Anfang des 20. Jhr. In Deutschland dachte man auch, Autos ersetzen Pferde nicht, wegen all der Jobs und Infrastruktur drumherum. Und trotzdem hat es sich entwickelt, nur anders. Ich bin kein Nostalgiker. Aber ich sehe auch diese Gegenbewegung. Das ist typisch. Wenn etwas Neues kommt, entsteht immer auch eine Gegenbewegung. Das war bei Streaming so, und plötzlich kam Vinyl wieder. Heute wird mehr Vinyl verkauft als früher. Ich selbst mache auch Schwarz-Weiß-Fotografie und kenne viele, die analoge Fotografien machen. Da gibt es viele, die bewusst zurückgehen, weil sie sagen, ich will etwas Echtes, etwas Greifbares. Am Ende muss man sich fragen: Was wollen wir mit Kunst erreichen? Viele reden über Ideale, aber am Ende geht es auch um Geld und Lebensrealität. Ich habe heute einen Vollzeitjob neben der Musik. Wenn ich ausschließlich davon leben müsste, würde ich wahrscheinlich nur noch darüber klagen, wie schwer und schlecht alles ist. Und genau da verliert Kunst manchmal auch etwas Würde und Leichtigkeit.
Kellerecho: Der Wunsch, Spuren zu hinterlassen
Das stimmt. Man muss dabei aber mehrere Dinge bedenken. Wollen Menschen wirklich nur davon leben oder geht es auch um etwas anderes? Ich erlebe das auch beim Schreiben. Ich lebe vom Schreiben, aber viele würden meine Situation trotzdem als nicht ausreichend empfinden. Man will oft alles gleichzeitig: davon leben, Reichweite haben, Anerkennung, Erfolg, Sichtbarkeit, und dass die ganze Welt einen feiert. Das ist bei vielen Künstlern und denen, die es gerne wären ersichtlich, wenn man manche von ihnen in den Socials beobachtet.
Arji: Und da sind wir beim „Was wollen die Leute?“ Deswegen finde ich deine Frage gut. Man sollte sich diese Frage immer ganz ehrlich beantworten können: Was willst du wirklich? Willst du wirklich davon leben? Dann hast du vielleicht ein Haus, aber keiner kennt dich und du lebst komplett von der Musik. Oder soll dich jeder kennen? Was ist der innere Drang wirklich?
Wie ist es bei euch in der Band?
Arji: Der innere Antrieb ist, und ich glaube, wenn man alle Bandmitglieder fragen würde, kämen da im Detail unterschiedliche Antworten, aber für mich ist es definitiv, ein künstlerisches Vermächtnis zu hinterlassen. Ich bin mir bewusst, dass ich nur ein kleiner Mensch in diesem großen Universum bin und nicht alles verändern kann, auch wenn ich es für einen guten Zweck gerne würde. Aber ich kann vielleicht etwas schaffen, das Menschen inspiriert oder ihnen Freude gibt, etwas, das bleibt. Vielleicht ein Impuls, ein Instrument zu lernen oder selbst Kunst zu machen und dadurch wieder andere zu inspirieren. Wenn ich irgendwann auf meinem Totenbett liege und sagen kann, ich habe es versucht, ich habe etwas hinterlassen, dann reicht mir das. Keine Villa, aber eine lange Liste an Songs auf Spotify, die auch in 70 Jahren noch jemand hört und vielleicht ein Enkel fragt: „Opa, was hast du früher gemacht?“
Du sagst, du willst etwas hinterlassen. Wenn man auf die Welt schaut, dann wirkt vieles gerade nicht besonders stabil. Egal wohin man blickt, es gibt viele Entwicklungen, die beunruhigend wirken. Hast du manchmal Angst, wenn du auf die Welt schaust, ganz unabhängig von der Musik?
Arji: Ich bin eher jemand, der sich ein bisschen als Hobbyhistoriker versteht. Ich mag den Satz nicht, dass sich Geschichte wiederholt. Ich glaube eher, sie reimt sich. Es gibt Muster, die sich wiederholen. Natürlich kann das beunruhigend sein. Aber ich versuche optimistisch zu bleiben. Ich bin kein Schwarzmaler. Es gibt dieses Buch von Florence Gaub „Zukunft: Eine Bedienungsanleitung“, das ich sehr spannend finde. Wenn man Menschen fragt, wie sie die Zukunft der Welt sehen, ist das oft sehr düster. Aber wenn man fragt, wie sie ihre persönliche Zukunft sehen, ist sie meist sehr positiv. Diese Diskrepanz ist interessant. Wenn man in die Geschichte schaut, war es immer wieder so: Beim Ersten Weltkrieg dachte man, es ist das Ende der Welt. Beim Zweiten Weltkrieg genauso. Auch bei früheren Krisen wie Pest oder Spanische Grippe, dachte man, die Welt geht unter. Es wirkt immer aus der Perspektive der Betroffenen wie das Ende. Ich glaube aber, dass es an uns liegt, die Zukunft mitzugestalten. Es fängt beim Mindset an. Wenn wir düster denken, handeln wir auch entsprechend und lassen uns leicht von einfachen Antworten beeinflussen. Gefährlich wird es, wenn Menschen anfangen, sich komplett zurückzuziehen, keine Nachrichten mehr konsumieren und dann Informationen nur noch aus sozialen Medien oder Hörensagen beziehen. Dann fehlt Verantwortung im Denken und Handeln und das wird gesellschaftlich problematisch.
Ja, sehr weise formuliert. Warum glaubst du, haben Menschen manchmal solche Scheuklappen? Manche denken wirklich: Wenn es bei Facebook steht, ist das schon Wahrheit genug.
Arji: Ja …
Kellerecho: Scrollen, Suchen und sich selbst wiederfinden
Social Media lässt die Leute auf jeden Fall verblöden, das ist meine persönliche Meinung. Und auch KI nimmt vielen das Denken ab. Das Gehirn ist wie ein Muskel, der nicht mehr trainiert wird. Warum ist das so? Woran liegt das? Ist das geschichtlich? Geht es uns zu gut oder zu schlecht?
Arji: Man muss dazu sagen, dass der durchschnittliche Mensch heute, egal aus welcher Nation, deutlich mehr Zugang zu Wissen hat und im Schnitt nicht weniger intelligenter ist als früher. Wir filtern nur viel stärker. Früher hatte man andere Belastungen, heute haben wir Informationsüberfluss, Alltag, Erschöpfung. Dadurch wird automatisch mehr ausgesiebt. Die Verantwortung liegt trotzdem beim Einzelnen, aber auch bei Gesellschaft und Institutionen. Es gibt viele Analysen zum Internet, viele wissen um die Risiken, aber es passiert zu wenig, zum Beispiel auch in Richtung Medienkompetenz in Schulen. Wir könnten viel mehr dafür tun, Menschen früh zu schulen, Inhalte zu hinterfragen, Quellen zu prüfen und nicht einfach alles zu konsumieren. Stattdessen wird Verantwortung oft hin- und hergeschoben zwischen Plattformen, Politik und Gesellschaft. Wenn man Inhalte sieht, sollte man sich fragen: Was ist der Hintergrund? Was ist die Absicht dahinter? Diese Art des Denkens müsste viel stärker vermittelt werden.
Die Leute hören aber nicht gerne zu. Manche wollen zudem gar nicht nachdenken. Du gibst ihnen Quellen, erklärst alles und trotzdem passiert nichts. Ich beschäftige mich viel mit Medienkompetenz, aber oft fehlt schon die grundlegende Denkfähigkeit, um sie überhaupt aufzunehmen. Und viele Menschen verstehen auch die Mechanismen gar nicht. Instagram zum Beispiel ist extrem suchtfördernd. Viele wissen das nicht oder unterschätzen es massiv. Dazu kommt auch Erschöpfung. Wenn man den ganzen Tag Instagram scrollt, ist man danach mental komplett ausgelaugt, selbst ohne etwas „geleistet“ zu haben. Unser Gehirn ist einfach nicht für diese Menge an Eindrücken gemacht. Das macht es schwerer, Dinge zu verarbeiten.
Arji: Stimmt. Und trotzdem gab es schon immer irgendeine Form von Berieselung. Früher Zeitung, heute Smartphone. Wir brauchen das irgendwo auch. Aber das ist ein sehr schönes Stichwort, weil Mental Health für mich ein extrem wichtiges Thema ist. Ich habe selbst viel damit zu tun gehabt. Ich war lange in Therapie und bin es immer noch. Ich habe auch Suchterfahrungen gemacht und gehe offen damit um. Ich nutze jede Bühne, um darüber zu sprechen und aufzuklären. Ich habe mir vorgenommen, bei Konzerten auch kurze Ansagen zu machen, um zu zeigen, dass das kein Tabuthema sein sollte. Öffnen ist keine Schande, Therapie ist keine Schande. Niederlagen gehören dazu, wichtig ist, wieder aufzustehen. Ich habe manchmal sogar den Gedanken, dass alle ab einem gewissen Alter eine Therapie machen sollten.
Da bin ich komplett bei dir. Ich glaube auch, dass es hilft, wenn man im Leben mal richtig auf die Fresse bekommt und durch tiefe Täler geht. Dann wird man wachgerüttelt und versteht erst, wie wichtig mentale Gesundheit ist. Ich glaube, jeder Mensch sollte eigentlich einen eigenen Psychiater haben, der ihn im Alltag begleitet.
Arji: Ich finde auch, dass man die Verantwortung da nicht komplett wegschieben sollte. Es wäre schön gewesen, wenn frühere Generationen da schon mehr gemacht hätten. Das Positive ist, dass das Thema heute durch Social Media viel mehr präsent ist. TikTok und Instagram sind zwar nicht perfekt, aber psychische Gesundheit, Selbstreflexion und Verhaltensmuster werden viel häufiger thematisiert. Das führt dazu, dass unsere Generation da teilweise weiter ist. Ich habe Hoffnung, dass Menschen, die jetzt damit aufwachsen, später auch mehr Verantwortung übernehmen. Veränderung beginnt klein. Und ich glaube, viele Menschen profitieren bereits davon. Gleichzeitig braucht es eine gewisse Demut und Selbstreflexion. Oft braucht es auch schwierige Erfahrungen, damit man überhaupt beginnt, sich selbst zu hinterfragen. Ohne dieses Hinterfragen bleibt alles stabil, auch wenn es nicht gut ist. Erst wenn man sich fragt „Bin ich vielleicht selbst Teil des Problems?“, kann echte Veränderung beginnen. Dann wird auch Therapie sinnvoll. Aber viele haben eine falsche Vorstellung davon. Therapie ist kein schneller Rettungsweg, sondern ein Prozess. Man muss selbst aktiv weiterarbeiten.
Kellerecho: Zwischen Wunschbesetzung und Proberaum-Realität
Ich glaube auch, es gibt Menschen, die haben eine romantische Vorstellung von Therapie. Ich habe selbst in meiner Therapie Dinge gehört, die ich erst Jahre später wirklich verstanden habe. Therapie wirkt auch oft zeitversetzt und nicht sofort, weil das Gehirn die Inhalte erst verarbeiten muss. Es gibt auch unterschiedliche Ebenen: tiefenpsychologische Themen, Verhaltenstherapie, toxische Muster. Das alles braucht Zeit, um wirklich verstanden zu werden. Oft erkennt man erst später, was überhaupt passiert ist. Viele Dinge werden auch über Generationen weitergegeben, ohne dass man es merkt. Aber wir schweifen von der Band weg. Also back to the roots. Zurück zu Kellerecho. Was sind bei euch gerade die größten Struggle als junge Band? Was nervt euch aktuell am meisten und wo liegen die Schwierigkeiten? Und vielleicht kannst du auch noch ein paar motivierende Worte da lassen für andere Bands, die gerade zweifeln, keinen Bock mehr haben auf den ganzen Content-Druck oder denken, sie stellen ihr Instrument einfach für immer in die Ecke.
Arji: Wo fängt man da an? (lacht) Wenn wir bei den Struggles bleiben, dann war es zum Beispiel extrem schwierig, überhaupt passende Bandmitglieder zu finden. Leute in unserem Alter, die wirklich das gleiche Engagement und Commitment mitbringen. Und ich rede da noch gar nicht von Talent. Ich hatte vor Kellerecho selbst vorher keine großen Ambitionen in die Richtung. Ich habe zwar Schlagzeug gespielt, auch in anderen Projekten Songs geschrieben und verschiedene Instrumente gespielt, aber hier ging es mir einfach darum, wieder Rock zu machen, wieder Schlagzeug zu spielen und etwas Energie rauszulassen. Dann standen wir vor der Situation, dass wir Sängerinnen und Sänger gesucht haben. Am Ende hatten wir 122 Leute da. Und ehrlich gesagt war das eine der anstrengendsten Phasen überhaupt. Da war wirklich alles dabei. Leute, die gesagt haben, das Schlagzeug ist mir zu laut, ich möchte eigentlich außerhalb vom Proberaum stehen. Oder Leute, die eigentlich Rock oder Punk machen wollten und dann plötzlich fragten, ob wir nicht doch ein ganz anderes Genre machen könnten. Andere kamen mit großen Ansagen in den Proberaum und meinten, sie würden jetzt alles verändern, alles englischsprachig machen, neue Richtung, komplett umkrempeln. Und du sitzt da und denkst dir nur, okay…..! Und dann gibt es natürlich auch die Klassikerausreden. Ich kann nicht zur Probe kommen, meine Katze ist krank. Oder das Auto hat zufällig bei jeder Probe eine Panne. (lacht)
Du lachst, aber das sind genau die typischen Musiker-Ausreden. Ich kenne das komplett. Ich arbeite mit Musikern. Hamster ist krank, Hund der Freundin aus Brasilien, alles schon gehört. Kreativ sind sie auf jeden Fall. Ich sage aber immer gerne auch, Kreativität und Intelligenz wohnen manchmal nicht im gleichen Raum. Das eine ist Küche, das andere ist Badezimmer.
Arji: Zum Glück haben wir mittlerweile einen ziemlich guten Bullshit-Filter entwickelt. Wir sind da mit der Zeit deutlich strenger geworden. Das ist teilweise fast wie Online-Dating geworden, was die Auswahl angeht. Am Ende haben wir keinen perfekten Kandidaten für die Gesangsposition gefunden, aber genau dieser Prozess hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind Und das Ergebnis ist eben die Band, die du jetzt siehst; Martin und ich als Sänger der Band. Vielleicht nicht perfekt, aber echt. Und wir haben Spaß daran.
Und wie sieht es denn mit der Konkurrenz aus? Neidkultur ist ja ganz stark in dieser Branche vertreten.
Arji: Ja, aber nicht nur in der Branche, sondern generell in der Welt. Bei Künstlerinnen und Künstlern ist es besonders stark, weil viel Vergleich entsteht. Wir vernetzen uns ja bewusst mit vielen Bands, auch um Erfahrungen auszutauschen, Gigs zu teilen und zu sehen, wie es in anderen Städten oder beim Booking läuft. Dadurch entsteht automatisch ein enger Kontakt. Und natürlich spricht man dann auch über Musik. Dabei fällt mir oft auf, dass viele sehr bei sich bleiben und kaum lobende Worte für andere finden. Du gibst viel, aber bekommst nicht immer etwas zurück. Ich nehme das nicht persönlich, aber es ist ein Muster, das mir aufgefallen ist. Ich selbst bin sehr dankbar für das, was wir machen. Als wir zum Beispiel 5000 Streams erreicht haben, waren wir total überwältigt und haben das gefeiert. Für manche war das vielleicht wenig, aber genau das ist der Punkt: Wenn man seine Messlatte immer an den Größten wie Taylor Swift oder Toten Hosen ausrichtet, wird jeder eigene Erfolg klein wirken. Selbst wenn du etwas Großes erreichst, fühlst du dich dann trotzdem klein. Wer seine Ziele unrealistisch hoch setzt, wird langfristig unglücklich. Dann sucht man die Schuld bei anderen: bei der Welt, den Fans oder der Band. Aber das bringt nichts. Ich glaube, mehr Demut, Dankbarkeit und weniger Neid würden vielen in der Medien- und Musikbranche guttun.
Vielleicht liegt das Problem auch in der Zielsetzung. Viele Bands wissen gar nicht genau, wohin sie eigentlich wollen. Der eine ist mit 5.000 Streams zufrieden, während der andere enttäuscht ist, weil er ganz andere Erwartungen hat. Der eine freut sich, wenn die Band jedes dritte Wochenende ein Konzert spielt, der andere träumt davon, der nächste Yungblud zu werden. Wenn diese Vorstellungen nicht offen kommuniziert werden, sind Konflikte fast vorprogrammiert.
Arji: Ja, und genau darüber haben wir in der Band auch viel gesprochen. Wenn wir nur ein Hobbyprojekt wären, wäre das völlig okay. Dann würde ich das nebenbei machen und gut ist. Aber wenn wir sagen, wir wollen wirklich etwas aufbauen, dann braucht es klare Prioritäten und Einsatz. Wir haben alle ein Leben neben der Musik, deshalb ist Struktur extrem wichtig. Ich komme aus dem Bereich Unternehmensberatung, deshalb ist mir das Thema Projektmanagement vertraut. Ziele setzen, realistische und messbare Strukturen schaffen, das hilft enorm. Kommunikation wird zudem extrem unterschätzt. Nicht nur in Bands übrigens. Jeder hat seine eigene Art zu kommunizieren. Sender, Empfänger, Interpretation. Und jede Band hat auch ihre eigene Geschichte. Bei uns ist es zum Beispiel so, dass wir nicht als klassische Freundesgruppe gestartet sind, sondern als Projekt mit dem Ziel, Musik zu machen und passende Leute zu finden. Dadurch bringt jeder eine andere Lebensrealität mit. Das kann einerseits sehr bereichernd sein, andererseits entstehen auch Missverständnisse, wenn man nicht offen kommuniziert. Kommunikation ist nicht nur etwas Positives. Sie kann auch Konflikte verstärken oder dazu führen, dass sich Wege schnell trennen. Ich sehe das auch bei vielen anderen Bands. Oft liest man dann Aussagen wie „Die Band hat sich getrennt“ und zwischen den Zeilen merkt man, dass es an fehlender oder schlechter Kommunikation lag. Und genau da fehlt oft Wertschätzung. Künstler:innen brauchen viel gegenseitige Unterstützung.
Ich weiß. Aber es gibt eben auch dieses fragile Künstler-Ego. Den stereotypischen Künstler gibt es schon irgendwie, auch wenn das viele nicht zugeben würden. Ich meine damit vor allem, dass viele Künstler sehr empfindlich sind. Und wie du zwischen den Zeilen schon angedeutet hast: Am Ende ist Musik immer auch Kunst und Kommerz. Man muss sich mit vielen Dingen beschäftigen und nicht nur mit dem Musikmachen. Manchmal gehört es eben auch dazu, Aufgaben zu übernehmen, die man nicht unbedingt liebt.
Arji: Ja, leider. 90 Prozent ist oft Arbeit, die man nicht sieht oder nicht mag. Vermarktung, Organisation, Logistik, Recht, Steuern und Social Media. Ich wünschte, es wäre anders, aber es gehört dazu. Kreativ sein ist das eine, alles andere ist Arbeit.
Mehr zu Kellerecho findet ihr in den Socials.
Mehr Soundcheck Sessions findet ihr auf meiner Website.
Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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