Jeffrey Silverstein: „Doggone“ und die Kunst, nicht zu singen

Albumcover des Musikers Jeffrey Silverstein und seines Albums Doggone

Review zu Jeffrey Silverstein und seinem Album „Doggone“.

Jeffrey Silverstein macht Country, Folk und Krautrock, nur singen will er nicht. Auf „Doggone“ wird lieber gesprochen oder geschwiegen. Nicht mal Summen ist drin. Für den Gesang sind die Gäste zuständig.

Ein Mann, ein Wort, kaum Gesang

Jeffrey Silverstein, nicht zu verwechseln mit Jeffrey Epstein. Diese Assoziation sei hiermit aus dem Weg geräumt. Wobei wir alle wissen: Hat sich eine solche Verbindung erst einmal im Kopf festgesetzt, wird man sie nur schwer wieder los.

Jeffrey Silverstein ist aber Musiker und hat demnach mit derlei Verwechslungen und Skandal-Themen ohnehin wenig zu tun. Auf seinem Album „Doggone“ widmet er sich lieber den großen Fragen des Lebens, dem Älterwerden, der eigenen Begabung, Gemeinschaft und der Kunst, irgendwo Wurzeln zu schlagen. Vor allem aber beschäftigt er sich ganz offensichtlich mit einer Frage, die sich beim Hören unweigerlich aufdrängt: Muss man als Musiker eigentlich singen?

Aufgenommen wurde „Doggone“ im Januar 2025 im Center for Sound, Light and Color Therapy in Portland, Oregon, gemeinsam mit Silversteins langjährigem Weggefährten Ryan Oxford. Dana Buoy am Schlagzeug, Rick Pedrosa an Gitarre und Pedal Steel sowie Alex Chapman am Bass sorgen für ein recht solides musikalisches Fundament. Devendra Banhart und Merle Law schauen als Gäste ebenfalls vorbei. Das klingt erstmal nach einer illustren Runde und tatsächlich entwickelt Silverstein eine eigene musikalische Welt zwischen einsamem Folk, kosmischem Country und Krautrock.

Jeffrey Silverstein: Ein Erzähler übernimmt das Mikrofon

Das Opening macht „Coming Back Around“. Eine Countrygitarre schwebt sanft durch den Raum, während Silverstein leise vor sich hin spricht. Von Gesang keine Spur. Das Stück wirkt weniger wie ein ausgewachsener Song als wie eine Einführung. Doch wer nun glaubt, Silverstein müsse sich erst warm laufen, unterschätzt die Konsequenz seines Konzepts.

Auch „Out of Tune“ setzt auf gesprochene Worte statt auf Gesang. Ein paar Sätze, eine Melodie, die mit leichter Soul-Schlagseite um die Ecke biegt, dazu Gitarren, die sich angenehm zurückhalten. Das funktioniert durchaus, zumal Silverstein ein Gespür für Melodien besitzt. Nur stellt sich irgendwann die Frage, ob der Mann noch zum Singen ansetzt oder ob man versehentlich bei einer musikalisch begleiteten Lesung gelandet ist.

Mit „Portland Works“ verschwindet schließlich auch das gesprochene Wort. Der Track kommt ganz ohne Stimme aus. Silverstein scheint sich damit endgültig auf zwei Ausdrucksformen festgelegt zu haben: Er spricht oder er schweigt. Singen gehört offenbar nicht zu seinem bevorzugten Repertoire.

Bei Jeffrey Silverstein dürfen Andere singen

Bei „Realize“ übernimmt Merle Law den Gesang, während Silverstein weiterhin seine Gedanken in gesprochener Form beisteuert. Das ist eine durchaus reizvolle Arbeitsteilung, auch wenn man sich dabei ertappt, auf den Moment zu warten, in dem der Gastgeber selbst einmal die Stimmbänder für was anderes bemüht, als nur um zum Sprechen. Vielleicht ist das aber auch ungerecht. Nicht jeder Musiker muss schließlich singen, nur weil ein Mikrofon in Reichweite steht. Und doch erzeugt die konsequente Abwesenheit einer klassischen Gesangsstimme eine Erwartung, die das Album immer wieder ins Leere laufen lässt.

Auch „Patchouli“ verzichtet komplett auf Gesang und fügt sich in eine Tracklist ein, die sich lieber über Melodien und musikalische Extravaganzen als über große Refrains definiert. Gitarren, gelegentlicher Hall und kleine experimentelle Einsprengsel bilden ein Geflecht, das weder besonders aufdringlich noch sonderlich spektakulär ausfällt. Hier und da blitzt eine schöne Melodie auf. Das ist angenehm, solange man nicht ständig darauf wartet, dass jemand den Raum auch mit einer Stimme füllt.

Eine Frage der Erwartung

„Onlyness“, der Abschlusstrack, bleibt ebenfalls instrumental. Damit ist die Sache endgültig geklärt: „Doggone“ ist kein Album, auf dem Silverstein irgendwann doch noch zum großen Sänger wird. Es ist ein Album, das diese Erwartung konsequent unterläuft. Wer sich darauf einlässt, entdeckt eine stimmige Mischung aus Country, Folk und leicht entrückten musikalischen Experimenten. Wer auf markante Gesangslinien hofft, dürfte dagegen ein gewisses Vakuum verspüren.

Das ist nicht unbedingt ein Mangel der Musik, sondern womöglich eine Frage der Hörgewohnheiten. Silverstein hat durchaus etwas zu sagen, nur eben nicht unbedingt singend. Seine Stücke haben einen zurückhaltenden Charme, aber gerade deshalb wirken sie gelegentlich auch etwas blass. „Doggone“ ist somit eine angenehme, aber auch eigenwillige Platte, die nicht jedes Versprechen einlöst, das man als Hörer an ein Album heranträgt. Man muss Silverstein nicht zum Singen überreden. Wahrscheinlich würde man das auch nicht schaffen, aber ein bisschen mehr musikalischer bzw. singender Nachdruck hätte auch nicht geschadet. Und wenn er auch nur bei einem Song ein bisschen gesummt hätte.

7 von 10 Punkten.

Jeffrey Silverstein veröffentlicht sein Album „Doggone“ am 23. Oktober via Full Time Hobby.

TRACKLIST:

Coming Back Around

Out of Tune

Drop a Dime

Portland Works

Realize (ft. Merle Law)

Patchouli

Amblin’

Helluva

Onlyness

Mehr zu Jeffrey Silverstein findet ihr in den Socials.

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Interviews mit den im Review erwähnten Künstlern findet ihr auf der Website.

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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

 

 


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