Instagram: Viele Follower, aber kein echter Ruhm

Fotografen um einen Promi herum

Soundcheck mit Mia (Kolumne)

10.000 Follower und schon ein Star? Instagram macht aus Menschen vermeintliche Promis. Doch Likes sind keine Huldigung und Reichweite kein Ruhm. Willkommen in der digitalen Parallelwelt.

Text: Mia Lada-Klein

Mias WhatsApp Kanal

  • Warum 10.000 Follower noch lange keine Berühmtheit bedeuten
  • Wie Likes und Algorithmen digitale Größenfantasien befeuern
  • Weshalb ein Instagram-Account kein Ersatz für ein echtes Leben ist

 

Herzlichen Glückwunsch, du bist jetzt jemand. NICHT!

Du bist nicht berühmt. Du hast nur Instagram.

Es gibt eine neue Form von Größenwahn. Sie braucht keine Villa, keinen Privatjet und auch keine goldene Kreditkarte. Sie braucht nur Instagram. Ein Smartphone reicht also. Und plötzlich ist man jemand.

Nicht im echten Leben natürlich. Dort ist man weiterhin der Mensch, der morgens Brötchen kauft und von der Kassiererin nicht erkannt wird, obwohl man gestern noch eine Story darüber gemacht hat, wie wichtig die eigene Arbeit ist.

Aber online?

Online ist man eine Persönlichkeit.

Eine Marke.

Ein Creator.

Eine öffentliche Figur.

Man hat eine Community.

Das klingt beeindruckend.

Bis man sich einmal die Frage stellt, was diese sogenannte Community eigentlich ist.

Du bist nicht bedeutend, nur weil du Instagram hast 

Nehmen wir einmal 10.000 Follower. Zehntausend. Das klingt nach ziemlich vielen Menschen. Wenn 10.000 Leute auf einem Marktplatz stehen und deinen Namen rufen, darfst du meinetwegen kurz überlegen, ob du jetzt berühmt bist.

Wenn 10.000 Menschen allerdings irgendwann auf einen Button mit der Aufschrift „Folgen“ gedrückt haben, ist die Sache etwas weniger spektakulär. Denn diese Menschen kennen dich nicht. Sie kennen deinen Account, wenn überhaupt. Das ist ein ziemlich großer Unterschied. Und trotzdem entsteht im Kopf mancher Menschen eine erstaunliche Rechnung:

10.000 Follower = 10.000 Menschen interessieren sich für mich.

Nein.

10.000 Follower = 10.000 Follower.

Mehr erst einmal nicht.

Instagram: Die digitale Parallelwelt

Das Interessante ist, dass diese Illusion nicht einmal besonders gut versteckt ist. Man muss nur durch Instagram scrollen. Da sitzen Menschen in ihren Wohnungen und reden in ihre Handykamera, als würden Millionen Menschen gespannt auf die nächste Ansage aus dem Oval Office warten.

„Ich wollte heute mal mit euch über ein Thema sprechen.“

Mit euch.

Wer ist eigentlich „euch“?

Egal.

Denn diese Leute denken, sie haben eine Community.

Eine Community klingt schließlich besser als:

Menschen, die irgendwann auf Folgen gedrückt haben.

Und so entsteht eine Parallelwelt. Eine Welt, in der man sich wichtig fühlt. Nur leider existiert diese Welt außerhalb des Bildschirms nicht.

Instagram und die eigene kleine Promi-Blase

Das wirklich Absurde daran ist, dass Menschen irgendwann anfangen, ihre digitale Reichweite mit ihrem gesellschaftlichen Stellenwert zu verwechseln. Sie halten sich für bekannt. Sie sprechen von ihrer „Community“. Sie reden von ihrer „Personal Brand“. Sie erklären, wie wichtig ihre Stimme sei. Und währenddessen könnte man sie in der eigenen Stadt auf die Straße stellen und niemand würde stehen bleiben. Nicht einmal ein Hund. Selbst der würde wahrscheinlich weiterlaufen. Das ist keine Beleidigung. Das ist schlicht die Realität für fast alle Menschen. Wir sind nicht berühmt. Die meisten von uns sind vollkommen unbekannt. Und das ist auch völlig in Ordnung. Es wäre sogar ziemlich gesund, endlich wieder zu akzeptieren, dass man kein Star ist. Aber Social Media hat uns eine kleine Maschine gebaut, die uns jeden Tag das Gegenteil erzählt.

Instagram und der Algorithmus als Hofnarr

Das Geniale daran ist: Die Plattform muss dich nicht wirklich berühmt machen. Sie muss dich nur davon überzeugen, dass du es bist. Das reicht.

Ein paar Likes.

Ein paar Kommentare.

Ein paar neue Follower.

Eine Story mit 1.000 Aufrufen.

Und schon bekommt das Ego seine tägliche Ration. Es ist die perfekte Illusion. Denn die Plattform sagt niemals: Du bist weltberühmt. Sie zeigt dir einfach Zahlen und lässt dein Gehirn den Rest erledigen.

5.000.

20.000.

100.000.

Die Zahl steigt.

Und irgendwann steigt die eigene Vorstellung von sich selbst gleich mit. Man denkt nicht mehr:

Ich habe einen Account.

Man denkt:

Ich bin eine bekannte Person.

Das ist der Moment, an dem aus einem Werkzeug eine Parallelwelt wird. Ähnlich einer Art Psychose.

Niemand hat auf dich gewartet

Die unangenehmste Wahrheit lautet aber: Die Welt braucht deinen Account nicht. Sie hat auch vorher funktioniert. Und wenn du morgen nichts mehr postest, wird die Erde sich weiterdrehen. Der Bus fährt. Der Supermarkt öffnet. Menschen gehen zur Arbeit. Irgendwo bekommt jemand ein Kind. Irgendwo stirbt jemand. Irgendwo wird ein Buch geschrieben. Irgendwo wird ein Lied aufgenommen. Keine Fahnen auf Halbmast. 

Die meisten Menschen werden es nicht einmal bemerken. Das klingt brutal. Ist aber eigentlich befreiend. Denn genau diese Erkenntnis könnte einem Menschen endlich ermöglichen, wieder etwas Echtes zu tun.

Das Problem durch Instagram beginnt, wenn die Illusion zum Lebensinhalt wird

Natürlich gibt es echte Influencer. Menschen, die mit ihrer Reichweite Geld verdienen. Menschen, die Unternehmen aufgebaut haben. Darum geht es aber gar nicht.

Es geht um die Millionen kleinen digitalen Königreiche, in denen der König gleichzeitig der einzige Mensch ist, der wirklich an seine Krönung glaubt. Da wird eine Story gepostet und anschließend überprüft, wer sie gesehen hat. Ein Foto wird hochgeladen und die Likes werden gezählt. Ein Follower verschwindet und es wird analysiert, warum. Ein anderer bekommt mehr Aufmerksamkeit und plötzlich ist die eigene Stimmung ruiniert. Das ist keine Berühmtheit. Das ist Buchhaltung für das Ego. Und irgendwann wird aus dem Account eine Art Lebensprotokoll. Jeden Tag muss nachgewiesen werden:

Ich existiere.

Ich bin interessant.

Ich werde gesehen.

Ich bin jemand.

Nur dass diese Bestätigung keine ist. Es klingt nach Ruhm. Ist aber meistens nur eine Ansammlung von Leuten, die gerade selbst nichts Besseres zu tun haben. Denn machen wir uns nichts vor: Ein Like ist keine Huldigung. Es ist ein Fingerzucken.

Jemand liegt auf dem Sofa, hat zu viel Zeit, langweilt sich zu Tode, öffnet Instagram und drückt auf ein Herz. Drei Sekunden später ist die große Verbindung zwischen zwei Seelen wieder vorbei. Der eine glaubt, gerade von seiner Community bestätigt worden zu sein. Der andere weiß fünf Minuten später nicht einmal mehr, was er gelikt hat.

Taylor Swift sitzt vermutlich nicht morgens beim Kaffee und arbeitet sich durch 3.847 Accounts, um wildfremden Menschen mitzuteilen, dass ihr Selfie heute „fire“ ist. Mick Jagger verbringt seine kostbare Lebenszeit vermutlich ebenfalls nicht damit, sich durch die Storys von Menschen zu klicken, von denen er noch nie gehört hat. Miley Cyrus hat wahrscheinlich auch Besseres zu tun, als den digitalen Alltag irgendeiner vollkommen unbekannten Person zu verfolgen. Warum? Weil diese Menschen tatsächlich etwas zu tun haben. Sie müssen ihre eigene Bedeutung nicht jeden Morgen im Feed nachzählen.

Das ist nämlich der größte Unterschied zwischen echter Bekanntheit und Instagram-Möchtegern-Berühmtheit: Der wirklich bekannte Mensch hat ein Leben, das außerhalb des Accounts stattfindet. Der digitale Möchtegernstar hat einen Account, der zum Ersatz für ein Leben geworden ist. Und dann sitzt er da, zählt seine Likes und denkt: Die Leute interessieren sich für mich.

Nein.

Die Leute hatten gerade fünf Minuten nichts zu tun.

Instagram und das böse Erwachen

Ich habe auch das Gefühl, dass diese ganze Sache irgendwann richtig unangenehm werden kann für solche Leute. Nicht heute. Heute funktioniert die schizophrene Illusion wunderbar. Aber Menschen werden älter. Und plötzlich merkt man, dass man zwanzig Jahre lang damit beschäftigt war, sich selbst beim Existieren zuzusehen.

Dann kommt die Frage, die kein Algorithmus beantworten kann:

Was habe ich eigentlich gemacht?

Was ist von meinem Leben übrig?

Das ist der Moment, in dem die digitale Parallelwelt plötzlich sehr klein werden kann. Vielleicht platzt sie sogar. Und vielleicht merkt der Mensch darin irgendwann, dass er eben doch nicht die Hauptfigur des Universums ist, sondern nur eine Person mit einem Instagram-Account. Davon gibt es ungefähr so viele wie Menschen, die glauben, ihr Hund würde sie wirklich verstehen.

Denn manche verwechseln diesen Account tatsächlich mit Ruhm.

Dabei ist die Sache ziemlich einfach: Solange du völlig unbehelligt ohne Bodyguard durch die Fußgängerzone laufen kannst, ohne dass Menschen kreischend nach Autogrammen oder Selfies fragen, solange keine Paparazzi hinter dir her sind und dir im Urlaub aus irgendwelchen Büschen auflauern, bist du vermutlich nicht berühmt. Wenn du dich im Hotel sogar selbst zum Frühstücksbuffet bewegen kannst, ohne dass jemand versucht, ein Foto von dir zu schießen, deutet ebenfalls einiges darauf hin.

Du bist dann höchstwahrscheinlich einfach jemand mit Instagram.

Keine Dolly Parton, bei der ein halbes Land nach ihrem Tod die Lichter ausmacht. Kein Ozzy Osbourne, dessen Tod weltweit Schlagzeilen produziert und dessen Leben plötzlich in unzähligen Nachrufen noch einmal erzählt wird. Kein Mensch, bei dessen Tod selbst Leute, die ihn nie persönlich getroffen haben, das Gefühl haben, gerade ein Stück ihrer eigenen Geschichte verloren zu haben.

Und nein, auch ein paar tausend Follower machen dich nicht automatisch zur Berühmtheit. Wenn du morgen in Buenos Aires vom Balkon eines Hotels stürzt wie Liam Payne, wird daraus nicht plötzlich eine weltweite Nachricht, nur weil dir 27.000 Menschen auf Instagram folgen und deine Outfits kennen. Liam Payne war bekannt. Sein Tod wurde international von den Medien aufgegriffen, Menschen auf der ganzen Welt teilten Erinnerungen an ihn. Wenn du dagegen als Concierge in Buenos Aires arbeitest und beim Fensterputzen vom Balkon stürzt, ist das zwar genauso tragisch, aber eben nicht so weltbewegend. Deine Familie, deine Freunde und die Menschen, die dich kannten, werden um dich trauern. Aber außerhalb dieses Kreises wird die Welt deshalb nicht stehen bleiben. Dein Instagram-Account wird nicht zur Gedenkstätte. Niemand wird tagelang deine letzten Outfitposts analysieren. Und dein Tod wird nicht plötzlich zur Weltnachricht, nur weil du vorher jeden Morgen deine neuen Klamotten ins Internet gestellt hast.

Das ist der Unterschied zwischen berühmt sein und einen Instagram-Account haben. Genau das ist die unangenehme Wahrheit, vor der sich manche Menschen in ihrer kleinen digitalen Parallelwelt so erfolgreich verstecken: Die meisten von uns sind nicht berühmt. Die meisten von uns sind nicht wichtig für diese Business-Welten in den Bereichen Musik, Bild, Text, etc.. Die meisten von uns könnten ihren Account morgen löschen und außerhalb ihres eigenen Umfelds würde ungefähr so viel passieren wie beim Löschen einer alten Einkaufsliste. Das ist keine Beleidigung. Das ist der Normalzustand des Menschseins. Nur Social Media hat daraus eine groteske Größenfantasie gemacht. Jeder kann sich dort seine eigene kleine Bühne bauen, sein eigenes Publikum zusammenfantasieren und irgendwann vergessen, dass hinter dem Vorhang gar kein Stadion steht.

Da stehen selbst bei Bands ein paar Menschen mit ihren Handys. Wenn überhaupt. Viele davon sogar gelangweilt.

Du bist kein Star, nur weil dein Gesicht auf Bildschirmen auftaucht.

Du bist kein Prominenter, nur weil Menschen auf „Folgen“ gedrückt haben.

Du bist kein gesellschaftlich bedeutender Mensch, nur weil irgendein Algorithmus beschlossen hat, dass dein Video 80.000 Menschen gezeigt werden kann.

Du bist ein Mensch. Mit einem Account. Mehr nicht.

Und je schneller du das verstehst, umso besser, denn sonst wird eines Tages die Realität anklopfen und sie wird nicht liken. Sie wird nicht kommentieren. Sie wird auch nicht folgen. Sie wird einfach nur fragen:

Was hast du eigentlich mit deinem Leben gemacht?

Und dann kommt die Stille 

Das ist die größte Gefahr dieser ganzen digitalen Parallelwelt: Manche Menschen vergessen, dass sie nicht berühmt sind und dadurch vergessen sie ihr Leben zu leben.  Vielleicht sitzt irgendwann ein 70-jähriger Mensch in seiner Wohnung, öffnet zum letzten Mal seinen alten Account und sieht dort 20 Jahre lang dokumentierte Bedeutung.

18.000 Fotos.

900.000 Likes.

Millionen Aufrufe.

Und dann schaut er vom Bildschirm auf.

Stille.

Kein Algorithmus.

Kein Herzchen.

Kein „Gefällt mir“.

Nur die ziemlich unverschämte Frage, die das echte Leben einem irgendwann immer stellt:

Und was hast du sonst noch gemacht?

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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.


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4 Gedanken zu „Instagram: Viele Follower, aber kein echter Ruhm“

  1. Das ist es! Gut und ehrlich zusammengefasst. Es ist echt traurig, dass sich so viele Menschen in diesen Online-Welten verlieren. Man sieht ja förmlich jeden Tag, wie sie nach Aufmerksamkeit lechzen. Traurig ist das.

  2. Das Schlimme ist ja auch, dass es gefühlt zwei Extreme gibt: Die einen zeigen immer nur das Beste ihres Tages und meinen damit so etwas wie: Schaut her, ich bin so toll und habe ein geiles Leben. Und die anderen scheinen Instagram als eine Art Tagebuch zu nutzen: Ich bin depressiv, aber schaut her, wie ehrlich ich bin und wie offen ich darüber reden kann. Da frage ich mich dann schon immer selbst: Haben die keine echten Freunde?

  3. Mia Lada-Klein hat die Fähigkeit, mehrere Menschen zum Lesen länger Texte zu bewegen. Da kommen kein Strandbild, kein Outfit-of-the-day und auch keine “Storytime” ran. Diese messerscharfe Analyse, gespickt mit feinsten Metaphern und Vergleichen, führt mir wieder vor Augen, warum mir die Plattform von Anfang an suspekt war. Ich verbringe weiterhin täglich ein paar Minuten dort, kann mich dem Sog, von dem viele berichten, aber weitgehend entziehen. Ich kenne durchaus Leute, die haben im sogenannten Reallife (allein, dass sich dieser Begriff etabliert hat, zeigt ja schon ein gewisses kritisches Bewusstsein in der “Community”) ein geiles Leben. Aber viele Creator wirken auf mich inzwischen wie eine Art Selbsttherapie. Man möchte sie in den Arm nehmen und ihnen sagen “Triff Freunde und lasse dich therapeutisch begleiten, aber erzähle es nicht wildfremden, die dich im Zweifel entweder nur bestätigen oder noch mehr ins Unglück stoßen. Beides ist kontraproduktiv für das individuelle Glück.”

  4. Ich habe Anfang des Jahres Instagram gelöscht und seitdem geht es mir so viel besser. Diese Welt saugt einem wirklich die Lebensenergie aus. Es war die beste Entscheidung, die ich in meinem Leben getroffen habe. Genau deshalb liebe ich deine Texte so sehr. Du hörst nicht auf aufzuklären, obwohl du sicher jede Menge Gegenwind von irgendwelchen Deppen bekommst. Aber ich liebe jedes deiner Worte, weil sie wahr sind, weil sie ehrlich sind, etwas, das man bei Instagram leider immer seltener findet. Danke Mia!!!!

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