Am 26. April veröffentlichte YΛSIN sein Album LEBEN, worüber wir bereits berichtet haben. Heute wollen wir uns den Künstler genauer ansehen und herausfinden, ob Rapper und Hip-Hopper wirklich so einschüchternd sind, wie oft angenommen. Im Interview mit YΛSIN nehmen wir das genauer unter die Lupe.
Stell dich mal ganz kurz vor, wer du bist und was du machst.
Mein Name ist YΛSIN. Ich bin Rapper, würde man wahrscheinlich jetzt einfach mal so sagen. Ich persönlich finde es immer schwierig oder ich grenze mich ganz gern davon ab, weil das, was ich mache, das ist Rap, das ist Sprechgesang, das ist Hip Hop, ganz klar. Aber ich glaube, hinter Rap steht ja auch immer irgendwie so eine, so ein gewisser Lifestyle.
Da steht auf jeden Fall so eine gewisse Attitüde, mit der man das Genre verbindet, oder? Die hast du also nicht?
Das habe ich bestimmt in manchen Fällen schon, aber ich glaube, dass der typische Deutschrap-Hörer, wenn er jetzt meine Musik hören würde, wahrscheinlich in erster Linie erstmal denken würde, okay, ja, nein, das ist jetzt nicht so der klassische Rapper, den ich erwartet hätte. Ich versuche mich grundsätzlich mit meiner Musik auch einfach ein bisschen abzuheben. Dementsprechend bin ich z.B. live auch schon seit ein paar Jahren jetzt nicht mehr mit einem DJ unterwegs, so wie ich das früher gemacht habe, sondern mit einer kompletten Band.
Mit einer Band? Wie viele Leute sind dann dabei?
Wir sind neun Leute. Also es sind vier Bläser mit dabei, zwei Saxophone, Trompete und Co.
Das klingt so ein bisschen nach Jan Delay, oder? Ich war neulich auf einem Konzert von Jan Delay, deswegen der Gedanke gerade. Er hat ja auch seine Disco Number One Band mit dabei.
Ja, genau. Früher, wenn man mein erstes Album hört, war es definitiv düsterer, mit starkem Fokus auf intensiven Raps und provokativen Aussagen. Jetzt ist mein Sound viel melodischer geworden, besonders durch die Live-Performance mit meiner Band macht es einfach mehr Spaß. Ich versuche bewusst, mich von dem klassischen Rapper-Klischee abzuheben und mein eigenes Soundbild zu formen. Es ist amüsant, denn wenn Leute mich sehen und meinen Lifestyle betrachten, denken sie sofort: ‘Das ist ein typischer Rapper’. Doch sobald sie meine Musik hören, sagen sie oft: ‘Okay, das ist doch irgendwie anders’.
Wie lange machst du Musik?
Mein musikalischer Weg begann mit dem Schreiben von Texten in meiner Jugendphase, so mit 14 oder 15 Jahren. Ich hatte oft das Gefühl, dass mein Kopf überquillt und ich einfach alles rauslassen musste. Zu Beginn hatten diese Texte nicht viel mit Musik zu tun, sie reimten sich teilweise nicht einmal. Dann lernte ich durch einen Freund, der hier in der Region bereits musikalisch aktiv war, mehr über die Musikszene kennen. Zu dieser Zeit war der Einstieg in Rap noch viel komplizierter und man musste wirklich über Kontakte verfügen, um überhaupt Songs aufnehmen zu können. Heutzutage kann man mit jeder Software relativ einfach gute Aufnahmen machen und einen professionellen Sound erzeugen, besonders im Hip-Hop, wo man Beats hat und nicht unbedingt eine ganze Band benötigt. Damals war das alles ziemlich herausfordernd. Mein Freund war schon etwas weiter in der Szene, und das hat mich echt gepackt, weil ich schon immer ein Musikliebhaber war, seit ich ein kleines Kind war. Ich begann dann langsam, meine eigenen lustigen Texte zu vertonen und Beats zu produzieren. Am Anfang war es sicherlich das typische Klischee des Battleraps, denn damals dachte man wirklich, dass sei das Einzige, was cool ist und das Wahre. Doch die Musik hat sich weiterentwickelt. Anfangs machte man einfach einen Song, vielleicht drehte man ein Video und dachte dann, man sei der Held in seiner Stadt, richtig krass eben. Doch dann kam 2017 ein wirklich einschneidender Moment: Ich hatte einen schweren Motorradunfall, der auch hätte schlimm ausgehen können.
Willst du vielleicht näher darauf eingehen?
Sagen wir es mal so: Ich hatte wirklich viele Schutzengel bei mir, als ich nach einem schweren Unfall mit nur einem gebrochenen Bein davonkam und nichts Schlimmeres passierte. Das hat mich damals aber sehr zum Nachdenken gebracht, über mein ganzes Leben. Ich habe erkannt, wie wichtig mir Musik wirklich ist. Ich wollte nicht länger nur nebenbei Musik machen, sondern mich darauf konzentrieren. Für mich war das Jahr 2018 entscheidend, nach meiner Operation und der Reha, als ich mich wieder fit fühlte. Da habe ich beschlossen, meine Musik ernsthaft voranzutreiben. Ende 2017 begann ich mit meinem ersten Album, das ich dann 2018 veröffentlichte. Seitdem habe ich mich ständig weiterentwickelt. Eine Band kam dazu, die Auftritte wurden größer, ich habe mehr Singles veröffentlicht. Letztes Jahr entschied ich mich, wieder ein Album zu machen, das ich vor zwei Monaten herausgebracht habe. Während der Covid-Zeit haben ein Freund aus der Musikszene und ich uns einen großen Traum erfüllt und ein Tonstudio gebaut, das auch anderen in unserer Region zur Verfügung steht. Es ist mit unserem Budget professionell aufgebaut worden. Musik war immer ein Teil von mir, aber erst seit 2018 nehme ich es wirklich ernst, es ist nicht mehr nur ein Hobby.
Rückt so ein heftiger Schicksalschlag tatsächlich Dinge in Perspektive? Brauchen wir manchmal diesen “Schlag vorn Bug”, so eine Art Realitätsprüfung?
Ich persönlich habe diesen Moment definitiv gebraucht. Ich kann aber nicht für jeden sprechen. Einige Menschen finden ihren Weg und sind glücklich damit. Andere brauchen vielleicht kleinere Anstöße. Für mich war dieser Unfall notwendig, um zu erkennen, was im Leben wirklich zählt. Mein Leben war vorher nicht schlecht oder so, aber dieser Vorfall war ein Wendepunkt. An einem schönen Tag, mitten auf meinem Motorrad, änderte sich alles in Sekunden. Ich wurde mir bewusst, wie schnell das Leben vorbei sein kann, wie schnelllebig es ist. Ich erkannte, dass es Dinge gab, die mich nicht voranbrachten oder glücklich machten. Ich entschied, nie wieder unglücklich zu sein. Musik war und ist für mich enorm wichtig.Und ich weiß, dass es Menschen gibt, die das vielleicht nicht verstehen oder sich nicht trauen, aus ihrer Komfortzone auszubrechen und etwas Verrücktes zu tun, etwas, das die Leute für ungewöhnlich halten würden. Das wollte ich in meine Musik einfließen lassen. Meine Musik soll den Menschen sagen: Das Leben ist schön, auch wenn es viel Schlimmes gibt. Selbst an schlechten Tagen gibt es etwas Gutes, etwas, das einen motivieren kann. Das Bewusstsein dafür, diese Motivation zu finden, selbst wenn ich selbst einen schlechten Tag habe, ist ein Antrieb für mich, Texte zu schreiben, die andere motivieren können. Dieses Verständnis hat definitiv diesen Unfall gebraucht, um mir klar zu machen, wie wichtig all das ist.
Ja, kommen wir auch tatsächlich zu den Texten. Dein Album hast du ja auch schon erwähnt. Gibt es da irgendwie spezielle Themen, die du behandelst, die dir auf diesem Album wichtig sind?
Es sind einige. Das Album heißt nicht umsonst “Leben”. Ursprünglich hatte ich einen ganz anderen Arbeitstitel für das Album. Es sollte eigentlich ein Sommeralbum mit vielen positiven Vibes und feel-good Songs werden. Der ursprüngliche Titel sollte “Euphorie” oder “Euphoria” sein. Aber während der Produktion des Albums passierten Dinge, die mir gezeigt haben, dass das Leben nicht nur aus guten Zeiten besteht. Es gibt auch Herausforderungen und schwierige Themen, die dazu gehören. Zum Beispiel behandele ich in dem Song “Weiße Taube” den Tod eines Freundes, der ebenfalls Musiker war. Wir haben uns in unserer Jugend auf Rap-Battles und Veranstaltungen kennengelernt und hatten immer guten Kontakt. Sein Selbstmord aufgrund einer schweren Krise hat mich zutiefst erschüttert. Obwohl ich ursprünglich einen euphorischen Sound erzeugen wollte, konnte ich diese Erfahrung nicht ignorieren und musste sie in meinen Song einfließen lassen. Es ist definitiv ein sehr persönliches Thema. Ähnliche persönliche Themen fließen auch in meine anderen Songs ein. Mein persönlicher Hintergrund und meine Erfahrungen prägen meine Musik. Zum Beispiel versuche ich in “Tränentanz” Hoffnung zu vermitteln und Menschen dazu zu ermutigen, sich nicht von negativen Meinungen anderer beeinflussen zu lassen. Ich habe selbst erlebt, wie es ist, an den Rand gedrängt zu werden und sich selbst nicht mehr zu lieben, weil man nicht den Erwartungen anderer entspricht. Diese Erfahrungen sind tief in meinem Songwriting verwurzelt. Jeder meiner Songs enthält daher einen persönlichen Anteil aus meinem Leben.
Wie siehst du die sozialen Medien? Fluch oder Segen auch für Musiker?
Es ist definitiv Fluch und Segen. Für Musiker wie mich kann Social Media eine Tür öffnen, die sonst verschlossen bliebe. Schau dir nur an, wie viele große Künstler in den letzten Jahren dank TikTok viral gegangen sind und ihre Karrieren aufgebaut haben. Das ist in der heutigen Zeit wirklich unglaublich. Auf der anderen Seite sehe ich mich nicht als Influencer. Der Lifestyle der Influencer ist nicht mein Ding. Ich möchte einfach nur Musik machen, ins Studio gehen, meine Songs schreiben und live performen. Das ist meine Leidenschaft. Aber um meine Musik zu vermarkten, muss ich heute auch ein wenig als Influencer agieren. Das bedeutet, dass ich mein Leben teilen muss, Ausschnitte davon zeigen muss. Natürlich zeigen viele Influencer nur eine polierte Version ihres Lebens. Sie arrangieren Fotoshootings und bearbeiten ihre Bilder, um perfekt auszusehen. Das ist nicht meine Herangehensweise. Ich poste, wenn mir etwas auffällt oder ich Spaß daran habe, nicht nach einem Businessplan. Ich möchte einfach authentisch bleiben. Ich finde es besonders stark, wenn Menschen bewusst ungeschönte Bilder posten, um die Realität zu zeigen. Das finde ich sehr inspirierend. Persönlich bearbeite ich meine Fotos kaum, außer vielleicht bei professionellen Shootings. Ich entferne nichts, was da ist, und füge nichts hinzu, was nicht da ist. Das wäre einfach nicht ich. Social Media kann Karrieren vorantreiben und ein starkes Netzwerk ermöglichen. Gleichzeitig kann es auch sehr belastend sein, besonders wenn man in der Öffentlichkeit steht und negative Kommentare erhält. Man braucht wirklich ein dickes Fell, um damit umzugehen.
Was ist für dich der schönste Moment, wenn du auf der Bühne stehst? Ist es das Auf-die-Bühne-Gehen, das Mittendrin-Sein oder das Danach?
Der schönste Moment für mich ist definitiv, wenn die erste Note unseres Sets gespielt wird und ich sie im Ohr habe. In diesem Moment fällt die Nervosität von mir ab. Es fühlt sich an, als ob ich in einem Film wäre und ich kann zu 100 % ich selbst sein auf der Bühne. Ich interagiere gerne viel mit meinem Publikum und versuche, so viel Liebe wie möglich zurückzugeben, denn im besten Fall erhält man viel Liebe vom Publikum zurück. Sobald ich merke, dass ich in diesem Moment bin, ist das für mich der schönste Augenblick.Danach ist es natürlich auch cool, wenn man die Leute kennenlernt, sich mit ihnen unterhält und Feedback zu den Songs und der Show bekommt. Das gibt einem extrem viel Energie und ist ein wichtiger Teil dessen, was ich an der Musik liebe. Aber der Moment, in dem ich wirklich präsent auf der Bühne bin, das ist für mich das Allerbeste.
Wie ist es denn beim Album? Ist der Prozess das Coolste oder ist es am Ende irgendwie cool, es in der Hand zu halten? Also ist der Weg das Ziel oder ist das Ziel das Ziel?
Der Albumprozess war definitiv eine Reise mit Höhen und Tiefen. Zu Beginn war mein Ziel, das Album fertigzustellen, egal was es kostet. Doch im Rückblick sehe ich jetzt den Wert der gesamten Erfahrung und all der Geschichten, die entstanden sind. Während des über einjährigen Entstehungsprozesses haben wir unser eigenes Tonstudio aufgebaut, mit unserem gesamten Ersparten finanziert. Der Raum, den wir nutzten, war ursprünglich ein Lagerraum ohne Fenster oder Heizung. Im Sommer stand ich dort in Unterhosen und schwitzte, während wir im Winter mit Wintermänteln, Handschuhen und Mützen fröstelten, um das Album aufzunehmen. Rückblickend betrachtet waren diese Zeiten zwar manchmal herausfordernd und frustrierend, aber sie waren auch unglaublich lustig und lehrreich. Es war eine Erfahrung, die uns zusammengeschweißt hat und uns gezeigt hat, wie viel wir erreichen können, wenn wir an unsere Leidenschaft glauben.
Weitere Infos zu YΛSIN findet ihr in den Socials.
YΛSIN – Leben (Review von Elfie Stab)
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Ein Gedanke zu „YΛSIN: Über LEBEN und Musik“