YΛSIN: Art vs. Industry

Rapper Yasin spricht über den Spagat zwischen Kunst und Kommerz, KI, Hoffnung in der Musik und seine große Weihnachtsshow 2025.

Interview: Mia Lada-Klein

Yasin ist Rapper und Hip-Hopper. Wer jetzt an die Doku von Haftbefehl denkt, liegt nur teilweise richtig. Ja, darüber haben wir auch gesprochen, aber Yasin gehört nicht zur Fraktion Goldkettchen, Unterhemd und Zigarren, die in dunklen Nachtclubs gern mal mit einem 500-Euro-Schein angezündet werden.

Bei ihm geht es nicht darum, über die Welt zu schimpfen, sondern eher ein bisschen Frieden und gute Laune in sie zu bringen. Ich habe Yasin spät am Abend getroffen, mitten in der heißen Phase der Planung seiner Jahresabschlussshow, der Weihnachtsshow Yasin LateNightBand & Friends

Im Gespräch ging es um den Spagat zwischen Kunst und Kommerz, um Songs, die nicht die Welt kritisieren wollen, sondern sie ein Stück besser machen möchten, um KI als Schreckgespenst und um den Wunsch der Menschen, wieder mehr Tiefe in einer Welt zu erleben, die manchmal an ihrer eigenen Oberflächlichkeit zu ersticken droht.

Zwischen Kunst und Alltag – der Spagat eines Künstlers

Dann lass uns einsteigen. Du kannst heute viel über deine Musik erzählen, aber auch über die Stolpersteine, die du gerade erlebst. Seit unserem letzten Gespräch, das eigentlich noch gar nicht so lange her ist, hat sich ja trotzdem unglaublich viel verändert: KI, Streaming, die gesamte digitale Welt dreht sich immer schneller. Wo kämpfst du im Moment als Künstler?

Yasin: Mein größter Kampf ist definitiv, dass ich Musik immer noch nebenher mache. Für mich ist sie Kunst und absolute Herzensangelegenheit. Ich liebe es zu schreiben und zu produzieren. Aber es wirft einfach nicht genug ab, um davon leben zu können. Und diesen Spagat hinzubekommen, normal arbeiten, um meine Lebenshaltungskosten zu decken, und gleichzeitig genug Energie und Geld in die Musik stecken, das ist wahnsinnig schwierig. Ich würde eigentlich gerne viel mehr ins Wirtschaftliche gehen, mehr Marketing machen, noch professioneller arbeiten. Aber dafür bräuchte ich mehr Zeit und finanzielle Freiheit. In der Realität ist das super kompliziert, weil ich mein „Daily Business“ eben nicht vernachlässigen kann. Wenn ich ein paar Jahre jünger wäre, hätte ich vielleicht alles auf eine Karte gesetzt und gesagt: „Ich probiere es jetzt einfach aus.“ Aber inzwischen hängen so viele Dinge daran. Wenn ich meinen Job hinwerfe und es funktioniert nicht, wäre meine berufliche Karriere weg und ich könnte nicht einfach wieder einsteigen, als wäre nichts gewesen. Das macht natürlich Angst. Trotzdem glaube ich nach wie vor daran, dass meine Musik stark genug ist, dass ich mir eine Fanbase aufbauen kann und vielleicht irgendwann davon leben kann. Aber gerade in der heutigen Zeit ist alles extrem unsicher. Und mit dieser Unsicherheit herumzulaufen, ist ein ständiger Kampf.

Das klingt sehr nach dem Spannungsfeld „zwischen Kunst und Kommerz“. Einerseits die kreative Leidenschaft, andererseits die wirtschaftliche Realität. Und die betrifft heute fast alle Künstler. Ich habe kürzlich gehört, dass rund 80 Prozent aller Künstler weltweit nicht von ihrer Kunst leben können. Nur 20 Prozent schaffen es und selbst darunter sind viele große, renommierte Namen, die trotzdem keine Milliarden auf dem Konto haben. Und Musik allein ist es ja nicht: Merch, Promotion, Interviews, Social Media und das ist ja sogar noch unterteilt in Instagram, TikTok, YouTube, etc. Wie viel Zeit frisst Social Media bei dir?

Yasin: Sehr viel und da kommt noch etwas Entscheidendes hinzu: Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen Bands und Solokünstlern. Ich habe zwar eine Band, aber im Kern bin ich Solo Artist. Wir spielen meine Songs, wir arrangieren sie gemeinsam, wir treten als Team auf, ich liebe die Jungs, aber die Grundlage bleibt meine Arbeit. Und deshalb kann ich nicht einfach sagen: „Hey Bassist, mach du das Interview.“ Es geht ja um meine Kunst. Also übernehme ich alles selbst: Social Media, Booking, Management, Merch, wirklich alles. Damit wächst der Spagat noch einmal. Ich muss nicht nur meinen normalen Job und die Musik unter einen Hut bekommen, sondern innerhalb der Musik gefühlt zehn Jobs gleichzeitig machen. Und wie du sagst: Es reicht nicht, Instagram zu verstehen. Ich muss auf TikTok funktionieren, auf YouTube präsent sein, ich muss die Streamingdienste bedienen. Jetzt zum Jahresende habe ich eine To-Do-Liste, die einfach immer länger wird. Ich streiche Punkte ab und gleichzeitig kommen doppelt so viele neue dazu.

Ich kenne das Gefühl, wenn sich eine To-do-Liste wie eine Hydra anfühlt: Man streicht einen Punkt ab, und drei neue entstehen. Wie äußert sich dieses Gefühl gerade bei dir?

Yasin: Genau so ist es. Ein Punkt ist erledigt, und plötzlich wachsen zwei neue nach. Momentan spüre ich das besonders stark, weil wir unseren Jahresabschluss mit einer großen Weihnachtsshow vorbereiten. Das bringt unendlich viele Aufgaben mit sich.

Was steckt alles hinter dieser Weihnachtsshow?

Yasin: Eine ganze Menge. Ich veröffentliche an dem Tag zusätzlich einen Song, der thematisch ein bisschen weihnachtlich angehaucht ist. Dafür brauche ich Promo davor und danach, muss Reels drehen, TikToks machen und so weiter. Dann kommt die organisatorische Seite: Technik absprechen, Location koordinieren, Merch vorbereiten und überlegen, welche Specials wir für die Weihnachtsshow einbauen. Dazu kommt: Es ist eine „Yasin Band & Friends“-Show. Das heißt, ich muss auch mit allen Gästen sprechen, Termine und Abläufe abklären. Das muss alles gleichzeitig passieren und nebenher arbeite ich ganz normal Vollzeit.

Wie sieht so ein Tag bei dir aus, wenn beides zusammenkommt, normaler Job und Musik?

Yasin: Heute ist ein gutes Beispiel. Ich habe um sieben Uhr morgens angefangen zu arbeiten und hatte eine halbe Stunde vor unserem Interview Feierabend gemacht. Also habe ich gute elf Stunden Arbeit hinter mir. Und danach geht’s direkt weiter mit Musikaufgaben. Es kommt alles auf einmal, und das macht’s so intensiv.

Das klingt, als wäre dein Alltag deutlich voller als bei den meisten Menschen. Fragst du dich manchmal selbst, wie lange du das durchhalten kannst?

Yasin: Ja, total. Und ich bekomme die Frage auch oft gestellt. Ein Kollege sagt regelmäßig zu mir: „Ich bin gespannt, wie lange du das noch machst, bevor du zusammenbrichst.“ Aber ich kann mich gut reflektieren. Ich weiß, wann ich an meiner Grenze bin. Trotzdem habe ich objektiv viel weniger Freizeit als die Menschen um mich herum, einfach, weil ich zwei Vollzeitbaustellen habe.

Viele unterschätzen wahrscheinlich, wie viel Arbeit ein Musikprojekt wirklich ist, oder?

Yasin: Absolut. Gerade Solo-Künstler trifft es da gefühlt noch einmal härter. In einer Band kann der Bassist vielleicht mal schnell ein Reel drehen, bei mir geht das nicht. Es geht immer um mich. Ich stehe im Fokus. 

Und Musik ist längst kein 40-Stunden-Job. Wenn man’s ernst meint, sind es eher 80 oder 90 Stunden. Das unterschätzen viele. Glaubst du, dass es irgendwann leichter wird, vielleicht, wenn du deinen großen Durchbruch hast?

Yasin: Nein, das glaube ich nicht. Die Probleme verschieben sich einfach nur. Wenn du wächst, wächst auch deine Verantwortung. Dann hängen vielleicht Mitarbeiter an dir, die monatlich bezahlt werden müssen. Du trägst plötzlich nicht nur dich selbst, sondern ein ganzes Team. Und auch dann würde sich mein innerer Antrieb nicht verändern. Wenn du als Künstler so bist wie ich, dann arbeitest du weiter, auch wenn du theoretisch Geld ohne Ende hättest. Du bist ja immer noch derselbe Mensch. Ich habe auch deine Kolumne über Haftbefehl gelesen und da sagst du einiges, was wirklich sehr stimmig ist. 

Ich denke, egal ob man wenig oder viel Geld verdient, echte Künstler hören ohnehin nicht auf. Da ist was in einem, das raus muss. Und das hat nichts mit Geld zu tun.

Yasin: Genau. Wenn du Kunst machst, weil du sie machen musst, dann würde sich das mit einer Million auf dem Konto nicht ändern. Man hört nicht einfach auf, kreativ zu sein. Natürlich ist Geld schön, keine Frage. Aber wenn man Kunst nur wegen des Geldes macht, dann ist man am Ende kein Künstler, sondern jemand, der einfach finanzielle Erfolge sucht.

Du hast vorhin kurz gesagt, dass es unterschiedliche Typen von Kreativen gibt, reine Künstler, solche mit wirtschaftlichem Denken und Menschen, die künstlerische Arbeit als Firmenaufbau begreifen. Wo siehst du dich?

Yasin: Ich habe gerade erst in einem Podcast gehört, wie unterschiedlich das sein kann. Manche wollen einfach nur Kunst machen. Andere denken wirtschaftlich. Und wieder andere bauen sich als Marke auf, als Influencer, Musiker, Videograf in einer Person. Bei mir war es von Anfang an klar: Ich will Musik machen. Nicht Geld anhäufen. Wenn ich eine Million bekomme, sage ich natürlich nicht nein. Aber es ist nicht mein Antrieb. Mein Antrieb ist Musik.

Viele sehen auch gar nicht, welche Gefahr mit zunehmendem Erfolg entsteht. Je erfolgreicher du wirst, desto mehr Menschen tauchen plötzlich auf. Leute, die früher nichts mit dir zu tun hatten, kommen aus ihren Löchern gekrochen und wollen auf einmal deine besten Freunde sein. Vielleicht jemand, dem du im Kindergarten mal einen Bagger an den Kopf geworfen hast, plötzlich meldet er sich. Und natürlich gibt es auch Menschen, die nur Geld wittern und ein Stück vom Kuchen wollen. Diese Gefahr darf man nicht unterschätzen. Du triffst durch größere Shows auch auf immer mehr bekannte Namen. Wie erlebst du das?

Yasin: Ja, wir spielen inzwischen auf größeren Festivals. Wir sind dort immer der kleinste Act, keine Frage, aber wir sind da. Und dadurch begegne ich auch Künstlern, die viel mehr Reichweite haben. Früher hat mich etwas daran extrem genervt: Wenn man auf solche Leute zugeht, wirken viele zunächst unfassbar arrogant. Ich bin ein offener Mensch. Ich spreche gerne Leute an, ich interessiere mich ehrlich für sie. Ich bin erst einmal freundlich, ohne Gegenleistung zu erwarten. Und manchmal bin ich damit einfach zu naiv. Wenn man aber auf Künstler mit großem Namen trifft, wirken die oft distanziert oder abweisend. Mit der Zeit habe ich jedoch verstanden: Das ist keine Arroganz. Das ist Selbstschutz.

Wovor schützen sie sich?

Yasin: Vor genau dem, was du beschrieben hast: Opportunisten. Menschen, die sich an dich dranhängen, solange du für sie interessant bist und dich sofort fallen lassen, wenn es ihnen nichts mehr bringt. Ich habe das selbst schon erlebt, und zwar auf viel kleinerem Level. Nach einem Konzert gehst du in die Menge, willst dir die nächste Band ansehen, und dann kommen Leute auf dich zu, oft mit einer Erwartungshaltung. Sie sehen nicht mehr den Menschen, sondern eine Art Figur, die du auf der Bühne verkörperst. Und ab einem bestimmten Punkt brauchst du eine harte Schale. Nicht um arrogant zu sein, sondern um dich selbst zu schützen.

Hoffnung und Gegenentwurf: gesellschaftliche Themen in Musik

Siehst du das auch in der Haftbefehl-Doku, über die wir vorhin gesprochen haben?

Yasin: Absolut. Viele dieser großen Künstler wurden schon so oft hintergangen, dass sie gar nicht mehr anders können. Und bei Haftbefehl kommt noch seine eigene Geschichte dazu, dieser Druck, den er seit der Kindheit in sich trägt. Da ist es nicht verwunderlich, dass jemand versucht auszubrechen, vielleicht auch durch Konsum. Was mich an der Doku am meisten schockiert hat, war dieses ständige „Wir können ihn nicht aufhalten“. Das ist doch Unsinn. Universal könnte einfach keine Shows buchen, wenn sie wollten. Dass sie es trotzdem tun, hat nur einen Grund: Geld. Das hast du ja auch erwähnt.

Diese Schicksale sieht man immer wieder, Britney Spears, Amy Winehouse, nun Haftbefehl. Am Ende ist es fast immer ein Systemproblem. Da werden Menschen auf die Bühne gestellt, obwohl sie kaum stehen können. Es ist verantwortungslos. Aber es geht eben ums Geschäft. Nicht um die Person. Und das macht etwas mit einem. Lass uns aber über deine Themen sprechen: Weltgeschehen, gesellschaftliche Probleme, KI, Kriege. Beschäftigt dich das als Künstler und fließt das in deine Musik ein?

Yasin: Als Mensch beschäftigt es mich sehr. Ich denke viel nach und reflektiere viel. Und das überträgt sich natürlich auf meine Musik. Früher waren meine Texte deutlich düsterer und direkter. Auf meinem ersten Mixtape gab es z. B. den Song „Free Egypt“, über die Revolution in Ägypten. Der war hart, real, roh, es ging um die Angst meiner Familie dort und darum, dass jeden Tag Menschen starben.

Heute gehst du anders an solche Themen heran?

Yasin: Ja. Heute will ich einen Gegenpol setzen. Wir werden täglich mit Negativität überschüttet: Nachrichten, Social Media, alles zeigt, wie schlecht die Welt ist. Aber kaum jemand sagt: „Es ist nicht alles hoffnungslos. Du hast Freunde, Familie, ein Dach über dem Kopf.“ Ich glaube, dieses permanente Negative macht uns kaputt. Es macht unsere Herzen kalt. Und deshalb will ich mit meiner Musik Hoffnung geben.

Wie sieht das konkret in deinen Songs aus?

Yasin: Meine aktuelle Single heißt „abgefuckt“. Der Titel klingt hart, aber der Kern ist Hoffnung. Der Refrain lautet:  „Wir sind abgefuckt, fühlen uns ausgebrannt, alles schon weg – doch ich bin da, wenn du mich brauchst.“ Genau das ist, was meine Musik ausdrücken soll: Die Welt kann düster sein, wir alle fühlen uns manchmal leer und müde, aber du bist nicht allein. Wenn ich jemandem mit einem Song einen Moment Ruhe, Trost oder Licht geben kann, dann ist das mein Gegenpol zur Weltlage.

Also kein politischer Kommentar im direkten Sinne, sondern eher ein emotionaler Gegenentwurf?

Yasin: Genau. Ich thematisiere nicht eins zu eins Krieg oder Krisen. Ich versuche, etwas Schönes zu geben. Wenn jemand mein Album hört, auf ein Konzert kommt oder einfach einen Song durchlaufen lässt, soll er für einen Moment abschalten können. Ein kleiner Lichtblick. Das ist meine Antwort auf die Welt.

Du hast vorhin erwähnt, wie wichtig es dir ist, den Blick nicht nur auf das Negative zu richten. Das erinnert mich an mein Gespräch mit Ingmar Stadelmann, er hat etwas Ähnliches gesagt: dass wir eigentlich in einer sehr schönen Welt leben, wenn wir es denn zulassen. 

Yasin: Lustigerweise gibt es sogar ein ziemlich lustiges Foto von Ingmar und mir. Wir stehen nebeneinander, beide mit Bart, beide mit Cap, wir sehen aus wie die Gebrüder Bärtig. (lacht)

Dann komme ich jetzt mal zu einem aktuellen Thema unserer Zeit. Hast du Angst vor KI, gerade als Künstler? Ich habe in letzter Zeit einiges an KI-Musik gehört. Einiges ist überraschend gut. Für euch Musiker ist Konkurrenz ja ohnehin ein Thema, der Kampf um Aufmerksamkeit ist real. Und nun kommt KI dazu. Viele Dinge werden ohnehin schon durch KI ersetzt. Belastet dich das? Hast du Angst, dass KI die Kunst übernimmt oder den Künstler verdrängt?

Yasin: Nein, ich habe keine Angst vor KI. Als das Internet damals aufkam, haben die Leute sicher dieselben Diskussionen geführt wie wir jetzt. Natürlich ist KI viel schneller, aber am Ende zählt in der Musik doch etwas anderes: Wenn ein Song funktioniert, funktioniert er, egal, ob er handgemacht ist oder von jemandem stammt, der eine KI einfach gut gefüttert hat. Wenn ein Song die Leute abholt, hören sie ihn. Punkt. Niemand fragt nach, wer den Text geschrieben hat. Ich komme aus dem Hip-Hop, und damals hieß es: Wenn jemand deine Texte schreibt, bist du ein Toy. Heute interessiert das keinen Menschen mehr. Hauptsache, der Song ist gut. Ich glaube außerdem, dass die Leute gerade einfach damit spielen. Das sieht man ja: Erst diese große Sora-App, alle haben Memes gemacht und jetzt merkt man schon, wie viele sagen: „Okay, reicht wieder.“ Genauso wird es mit KI-Musik sein. Es wird ausprobiert, dann ebbt es ab. Und gleichzeitig sehe ich einen Gegentrend: Menschen wollen wieder echte Künstler sehen. Sie wollen Konzerte, sie wollen Persönlichkeit. Ich kann, wenn es nötig ist, meinen ganzen kreativen Prozess livestreamen. Dann sieht jeder, wie ich arbeite. Wenn jemand behauptet, es sei KI, okay, dann soll er sich den Stream anschauen. Natürlich wird KI viele Dinge übernehmen. Aber Menschen werden weiterhin Musik von Menschen wollen, Geschichten, Emotionen, Persönlichkeiten. Technik kann das nicht ersetzen.

Das beobachte ich tatsächlich auch. Als ich mit den Soundcheck Sessions begonnen habe, dachte ich erst, das Format sei zu lang. Instagram hat ja eine Schnell-und-kurz-Kultur geprägt. Aber es ist erstaunlich: Die Leute wollen offensichtlich wieder mehr Tiefe. Meine Soundchecks laufen aktuell extrem gut, obwohl es ein Leseformat ist. Ich habe das Gefühl, die Menschen wünschen sich wieder echte Gespräche statt oberflächlichem Standard.

Yasin: Absolut. Und YouTube bestätigt das komplett. Videos werden wieder länger. 30 Minuten gelten schon als Kurzvideo. Früher waren 10 Minuten für viele eine Zumutung. Heute freuen sich viele, wenn ein Creator, den sie mögen, ein 50-Minuten-Video hochlädt. Die Leute wollen sich wieder auf Inhalte einlassen, langfristig, tiefgehend, ohne Hektik. Und ich merke das auch bei mir selbst: Wenn ein YouTuber, den ich feiere, ein neues Video hochlädt und da steht „50 Minuten“, dann denke ich: Perfekt. Genau das will ich mir jetzt anschauen.

Live-Shows, neue Songs und Jahresabschluss

Lass uns dann mal über das sprechen, was bei dir in den nächsten Monaten ansteht. Du hast vorhin schon gesagt, dass es zum Jahresende wieder eine große Live-Show geben wird. Dazu kommen neue Songs. Magst du ein bisschen erzählen, was genau geplant ist, sowohl musikalisch als auch organisatorisch?

Yasin: Sehr gern. Wir feiern dieses Jahr am 5. Dezember wieder unsere X-Mas Show – Yasin Late Night Band & Friends. Die Show haben wir vor drei Jahren zum ersten Mal gemacht. 2023 war ich mitten in der Albumproduktion und wir haben kaum live gespielt, und 2024 waren wir so viel mit Release-Show und dem Album unterwegs, dass es keinen Sinn ergab, zusätzlich noch eine Weihnachtsshow reinzuquetschen. Dieses Jahr kehrt die Show aber endlich zurück und für mich ist das etwas Besonderes. Die Weihnachtsshow 2022 gehört zu den emotionalsten Auftritten meines Lebens. Egal wie groß die Festivalbühnen waren: Diese Show war unvergesslich, weil sie so ein unglaubliches familiäres Gefühl vermittelt hat. Genau das ist auch der Kern des Konzepts. Wir öffnen die Show diesmal sogar mit einem reinen Frauenchor, 35 Frauen stehen gemeinsam auf der Bühne und singen. Danach spiele ich ein erstes Set, dann kommen nach und nach verschiedene Gäste dazu. Es ist eben nicht dieses klassische „Drei Supportacts, dann Hauptact“-Modell, sondern ein Abend, bei dem wir alle gemeinsam auftreten. Jeder steuert seinen Teil bei und so bekommen die Künstlerinnen und Künstler, die dazukommen, auch nicht diesen typischen undankbaren Opener-Slot. Ich heize das Publikum auf, die Stimmung ist warm, und dann gehen wir zusammen in die Sets. Am Ende singen wir mit der Crowd sogar Weihnachtslieder, es gibt kleine Geschenke, Überraschungen, einfach ein richtig heimeliger, intensiver Abend. Ich freue mich extrem darauf.

Du hast auch neue Musik angesprochen. Was erwartet uns da?

Yasin: Für die Weihnachtsshow habe ich ein kleines musikalisches Special geplant. Ich arbeite seit einigen Songs mit einem Producer-Duo aus Stuttgart zusammen, und gemeinsam haben wir einen Weihnachtssong produziert. Der Song heißt „Winterkinder“ und ist eine kleine Hommage an Rolf Zuckowskis legendäres Album. Das Schönste daran: Ich habe einen Kinderchor aus einer Grundschule aufgenommen, der auf dem Song zu hören sein wird, nicht viel, aber genau so, dass dieser besondere Zauber entsteht. Der Track ist gerade im Mix, und ich bin sehr gespannt, was der Engineer am Ende daraus macht. Der Song erscheint am selben Tag wie die Weihnachtsshow, also ein doppelter Jahresabschluss für mich. Danach beginnt direkt die Promo-Phase, und parallel sind wir schon mitten im Booking für 2026. Wir tauschen Material mit Festivals aus, haben bereits erste Rückmeldungen und hoffen natürlich, nächstes Jahr wieder sehr viel live unterwegs zu sein. Nebenbei fahre ich weiterhin regelmäßig nach Stuttgart und arbeite dort an neuen Songs. Mein Ziel ist, wieder eine klare Kontinuität im Release-Rhythmus aufzubauen.

Yasin, vielen Dank für deine Zeit und viel Erfolg bei der Show. Komm jetzt gut nach Hause und hab einen schönen Abend!

Mehr zu Yasin findet ihr in den Socials.

Instagram Spotify TikTok

Mehr zu Yasin und weitere Soundcheck Sessions findet ihr auf der Website:

YΛSIN: Über LEBEN und Musik

Ingmar Stadelmann: Der Sezierer gesellschaftlicher Kuriositäten

Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.


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