Spillflower mischen Progressive Metal mit Herz, Hirn und Humor. Ivonne und John sprechen über Sound, Zusammenhalt und Szeneklischees.
Interview: Mia Lada-Klein
Spillflower, das ist Metal mit Köpfchen und Karacho. Die Band zieht Grenzen nur, um sie im nächsten Breakdown wieder einzureißen. Zwischen tiefgestimmten Gitarren, wuchtigen Riffs und progressivem Feingefühl treffen Emotion und Energie mitten ins Zwerchfell.
Frontfrau Ivonne Parungao und Gitarrist John Rieker haben mit uns über alles gesprochen, was das Musikerleben so mit sich bringt: über Schubladendenken im Metal, dumme Sprüche im Backstage, die große Bandfamilie und warum es heute schwieriger ist, Konzerttickets zu verkaufen als einen Song mit Taktwechseln zu schreiben.
Ihr seid John und Ivonne von Spillflower. Schön, dass ihr da seid! Ihr werdet ja häufig dem Progressive Metal zugeordnet. Progressive Metal ist schon so etwas wie die Königsdisziplin. Dieses ganze schnelle Bang Bang Bang, das können viele Bands. Aber Progressive bedeutet für mich: längere Strukturen, mehr Jam, mehr Anspruch. Seht ihr euch selbst als Progressive-Metal-Band?
John: Ich würde sagen, teilweise. Ich nenne uns gerne Mortal Metalcore, weil das eigentlich besser beschreibt, was wir machen. Ich weiß nicht, ob du schon alle unsere Songs gehört hast, da sind definitiv progressive Elemente drin, etwa Taktwechsel oder unkonventionelle Songstrukturen. Wir haben Songs, die sich völlig frei entfalten, aber nicht alle sind so.
Von Rap bis Herzschmerz – Emotionen und Vielschichtigkeit im Sound
Wenn euch jemand noch nicht kennt, welchen Song sollte man sich unbedingt anhören, um ein Gefühl für euren Sound zu bekommen?
Ivy: (lacht) Das ist tatsächlich schwer, weil unsere Songs sehr unterschiedlich sind. In einem Song gibt es einen Rap-Part, in einem anderen klassischen Metalcore, und wieder andere sind sehr progressiv aufgebaut. Einen einzigen Song zu nennen, der alles widerspiegelt, ist echt schwierig.
John: Stimmt, aber wenn ich einen wählen müsste, dann wäre es “Vessel”. In dem Song stecken so ziemlich alle Elemente, die man auch in unseren anderen Stücken findet. Vessel also – wie der Sänger von Sleep Token!
Aber Ivy, du hast Rap-Elemente erwähnt. Das klingt spannend, wie funktioniert Metal mit Rap bei euch?
Ivy: Das passiert in unserem Song “Nova”. Da haben wir einen Rap-Part eingebaut, ganz am Anfang, bevor es in einen richtig druckvollen Break übergeht. Das knallt ordentlich!
Worum geht es in “Nova”?
Ivy: Um Liebe, aber metaphorisch erzählt. Es geht nicht um eine klassische Liebesgeschichte, sondern eher um eine platonische Verbindung zwischen zwei Menschen.
John: Genau. Die beiden lieben sich, aber sie haben den Zeitpunkt verpasst, an dem sie hätten zusammenkommen können.
Also quasi die zwei Königskinder, die sich nicht kriegen können.
Ivy: Ganz genau.
Sind Liebe und zwischenmenschliche Themen das, worüber ihr hauptsächlich schreibt? Oder steckt auch Politik in eurer Musik?
John: Politisch sind wir eigentlich gar nicht. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, weil das zu sehr polarisiert. Natürlich sind wir als Menschen politisch interessiert, aber das tragen wir nicht offen in die Musik.
Ivy: Genau. Unsere Songs sind eher lyrisch und metaphorisch angelegt. Wir sagen die Dinge nicht direkt, sondern umschreiben sie gerne. Die letzte EP beschäftigt sich zum Beispiel stark mit inneren Kämpfen, mit Inner Struggles.
Kannst du das an einem Beispiel festmachen?
Ivy: Ja, im Song “Vessel”, zu dem wir auch ein Musikvideo veröffentlicht haben, geht es unter anderem um Sucht. Und in “Lullaby” verarbeiten wir den Verlust eines geliebten Menschen. All das ist sehr bildhaft und emotional beschrieben.
Wer schreibt bei euch eigentlich die Songs? Entstehen die gemeinsam oder bringt jeder eigene Ideen ein?
Ivy: Die Texte schreiben Lukas und ich. Meistens hat einer von uns eine erste Idee oder ein Konzept, und dann entwickeln wir es zusammen weiter. Lukas schreibt den Großteil der Parts, die seine Shouts betreffen, weil er am besten weiß, wie sie wirken sollen. Ich übernehme meist die Clean-Vocals und arbeite an den Gesangsmelodien. Oft schreiben wir auch gemeinsam an den Melodien, wenn ich zum Beispiel an einer Stelle nicht weiterkomme, frage ich die anderen nach Feedback oder Ideen.
Ivy, eine Frage direkt an dich, sie ist vielleicht ein bisschen klassisch, aber wichtig: Wie ist es für dich als Frau im Metal? Gerade im Musikbusiness gibt es ja nach wie vor wenig Frauen. Wirst du auf Festivals oder Konzerten schon mit Vorurteilen oder blöden Sprüchen konfrontiert?
Ivy: Ehrlich gesagt, bisher wurde ich in der Szene mit sehr viel Respekt behandelt. Ich fühle mich in der Metal-Bubble total wohl und vertraue meinem Publikum. Natürlich habe ich auch andere Erfahrungen gemacht, früher war ich viel in der Gaming-Branche unterwegs, und dort musste ich mir den Respekt oft auch hart erkämpfen. Das ist ein sehr männerdominierter Bereich, und da wurde ich auch so behandelt.
Und jetzt, in der Musik?
Ivy: Ganz anders. Mit Spillflower fühle ich mich richtig angekommen. Die Musiker, mit denen wir bisher zusammengearbeitet haben, sind super, und auch das Publikum ist unglaublich respektvoll. Ich hatte bisher nur gute Erfahrungen.
John: Das kann ich bestätigen. Hier im Rhein-Main-Gebiet gibt es mittlerweile viele Bands mit Frauen, sei es als Sängerinnen oder Musikerinnen. Klar, es gab auch Situationen, in denen wir ein bisschen auf Ivonne aufpassen mussten, besonders bei auswärtigen Gigs. Aber das war immer harmlos. Insgesamt begegnet man ihr mit großem Respekt.
Das ist schön zu hören. Ich bekomme in Gesprächen mit Frauen aus der Branche leider oft auch andere Geschichten erzählt: Fixierung auf die Optik, abwertende Kommentare oder die Unterstellung, man sei nur „wegen eines Typen“ dabei. Es scheint, als wäre es immer noch schwer, als Frau einfach nur professionell wahrgenommen zu werden.
Ivy: Ja, das stimmt leider. Solche Klischees gibt es immer noch. Aber ich hoffe, dass sich das weiter ändert und dass man irgendwann einfach nur als Musikerin wahrgenommen wird, nicht als „Frau im Metal“.
Zwischen Bandfamilie und Zusammenhalt
John, ich gebe die nächste Frage mal an dich weiter. Frauen bringen in Bands ja oft noch einmal eine besondere Perspektive und viel Gefühl mit. Ihr habt euch bewusst für eine Sängerin entschieden. Was macht Ivy für euch als Band so besonders, abgesehen von ihrer starken Ausstrahlung?
John: (lacht) Vor allem hat sie eine Mega-Stimme! Das war für uns ausschlaggebend. Wir kannten sie über unseren Gitarristen Steffen. Aber vielleicht fange ich ein bisschen früher an: Steffen und ich haben vorher schon zusammen in einer anderen Band gespielt, Infinite Swarm. Die Band hat sich irgendwann aufgelöst, und danach wollten wir etwas Neues starten, das war der Beginn von Spillflower.
Wie habt ihr dann euer jetziges Line-up gefunden?
John: Das war gar nicht so leicht. Einen Schlagzeuger zu finden, war anfangs das Schwierigste und am Ende ging es dann doch am schnellsten. (lacht) Unser Drummer hat sich mit einem unserer technisch anspruchsvollsten Songs beworben. Ich dachte mir: „Okay, perfekt ist es noch nicht, aber der Typ wird das draufhaben.“ Und ich hatte recht. Danach kam Lukas dazu, und Ivy stieß als Letzte zur Band.
Ivy, erzähl du doch mal, wie das genau gelaufen ist.
Ivy: Ja, klar! Steffen und ich kennen uns tatsächlich schon aus der Schulzeit. Wir waren damals gute Freunde und haben in Freistunden oft bei ihm zu Hause Musik gehört oder einfach abgehangen. Ich war dabei, als er gerade angefangen hat, Gitarre zu spielen, also wirklich noch ganz am Anfang. Ich hätte damals nie gedacht, dass wir Jahre später mal gemeinsam Musik machen würden.
Und irgendwann habt ihr euch dann wiedergefunden?
Ivy: Genau. Nach der Schulzeit hatten wir keinen Kontakt mehr, man verliert sich ja leicht aus den Augen. Aber Jahre später haben wir uns zufällig auf dem Geburtstag einer gemeinsamen Freundin wiedergesehen. Zu dem Zeitpunkt war ich auf der Suche nach einer Band und Steffen suchte gerade eine Sängerin. Das hat natürlich perfekt gepasst.
Wie lief das dann mit dem Einstieg?
Ivy: Steffen meinte, ich solle erstmal etwas aufnehmen, um zu zeigen, was ich kann. Er schickte mir was und sagte: „Schreib dazu bitte Lyrics und eine Melodie.“ Ich hab mich gleich drangesetzt, ein paar Tage später alles aufgenommen und rübergeschickt. Den Jungs hat’s gefallen und damit war ich dabei.
John: (nickt) Ja, das war ein richtiger Glücksfall. Als wir Ivys Aufnahme gehört haben, wussten wir: Das passt perfekt. Ihre Stimme bringt genau das Gefühl und die Dynamik, die unsere Songs brauchen.
Das ist ja wirklich eine tolle Geschichte, wie ihr zueinander gefunden habt. Manchmal heißt es ja: Was zusammengehört, findet auch wieder zusammen, egal, wie viel Zeit vergeht.
John: Absolut. Und um noch mal auf deine Frage zurückzukommen, was Ivy in die Band einbringt, ganz ehrlich: Für mich ist sie einfach ein Bro wie wir alle. Ich sehe da nichts Geschlechtsspezifisches. Klar, sie hat natürlich ein anderes Temperament, vielleicht auch mal die typisch weibliche Note, aber im Kern ist sie einfach ein gleichwertiger Teil der Band.
Also kein Sonderstatus als Frontfrau?
John: Überhaupt nicht. Sie ist voll im Team integriert. Und was sie besonders macht, ist ihre enorme stimmliche Präsenz. Ivy bringt eine Wucht an Stimme mit, dazu ist sie Multiinstrumentalistin. Sie singt nicht nur, sie versteht Musik auf mehreren Ebenen, und das merkt man in jedem Song.
Ganz schön viel Lob!
Ivy: (lacht) Ja, das tut echt gut! Aber ich weiß auch, dass ich von der Band sehr geschätzt werde. Ich hab vor Kurzem in einem anderen Podcast gesagt, dass die Band für mich wie eine Familie ist und das meine ich genauso.
Also keine reine Zweckgemeinschaft, sondern wirklich eine Art Patchwork-Family?
Ivy: Genau. Für mich ist Spillflower meine Familie.
John: Das kann ich nur bestätigen. Ich bin 43 und hab in meinem Leben schon in einigen Bands gespielt, nie professionell, aber mit Leidenschaft. Doch das hier ist die erste Band, bei der ich sagen kann: Es stimmt einfach alles. Vom Zwischenmenschlichen bis zum Musikalischen. Natürlich knirscht es auch mal. Ich hatte zum Beispiel im Winter eine depressive Phase, da war ich ziemlich unausstehlich. Aber wir fangen uns gegenseitig immer wieder auf.
Das klingt wirklich nach einem starken Zusammenhalt.
Ivy: Ja, es ist wie in einer typischen Familie. Es läuft nicht immer rund, man streitet sich, diskutiert, ist mal genervt voneinander, aber am Ende halten wir zusammen und haben uns trotzdem alle lieb.
Ich wechsle jetzt mal das Thema: Ich bin auf euch aufmerksam geworden, weil ihr auf einen meiner Beiträge reagiert habt. Ihr seid ja auf Social Media sehr aktiv. Früher war das ja anders, keine Netzwerke, keine globalen Plattformen. Heute hat man theoretisch Zugang zur ganzen Welt, aber trotzdem ist es schwer, Leute zu erreichen oder Tickets zu verkaufen. Wie nehmt ihr das wahr, John?
John: Das ist ein spannendes Thema. Ich glaube, die Leute tun sich heute schwer, sich langfristig festzulegen. Wenn du zum Beispiel ein Ticket für ein Festival kaufst, das du noch nicht kennst, dann überlegst du dir bis zum Schluss, ob du wirklich hingehst. Dieses „Ich halte mir alles offen“-Denken ist weit verbreitet und das merkt man auch beim Konzertbesuch.
Also ein generelles Problem im heutigen Konsumverhalten?
John: Genau. Die Spontaneität ist größer geworden, die Verbindlichkeit kleiner. Das sehen wir bei lokalen Shows besonders deutlich: Viele haben zwar Interesse, aber entscheiden sich erst am Abend selbst, ob sie kommen. Und das macht es natürlich schwer, zu planen oder als junge Band Reichweite aufzubauen, selbst mit Social Media.
John und Ivy, ich danke euch für eure Einblicke.
Mehr zur Band Spillflower findet ihr in den Socials.
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