Soundchecks mit Mia (Interview)
Dan Ganove spricht über Aufstieg, Zufall und Kontroversen, den Tod seiner Mutter und einen Song, der alles veränderte. Ein Gespräch zwischen Punk, Politik, Schmerz und der Frage nach dem Danach.
Text: Mia Lada-Klein
Bild: Michael Corleone
Dan Ganove nennt sich selbst den „allerletzten Punk“. Am 6. März erschien sein Album Sexunfall. Da auf dem Cover ein Pferd zu sehen ist, sollte man das vermutlich nicht zu genau hinterfragen. Ich habe es konsequent vermieden und mich stattdessen auf andere, völlig harmlose Themen konzentriert.
Im Interview mit Dan ging es dann aber tatsächlich ziemlich schnell in die Tiefe, oder besser gesagt in andere Sphären. Dabei fing alles ganz unschuldig an: Erst ging es um alltägliche Struggles und Selbstzweifel, dann um Hildmann-Songs und zerkratzte Aufkleber, die weniger nach Sachbeschädigung als nach einer ziemlich persönlich gemeinten, stillen Drohbotschaft aus der Nachbarschaft wirken, inklusive unterschwelligem „wir wissen, wo du wohnst“-Vibes. Danach ging es weiter mit einer potenziellen Bombe im Bus. Soweit, so gut, ganz normale Gesprächsentwicklung im Kulturbetrieb.
Und dann wurde es plötzlich leicht seltsam. Wir landeten bei Nahtoderfahrungen, dem Universum und der Frage, ob das Leben nach dem Tod vielleicht doch ein bisschen mehr ist als nur ein sehr endgültiges „Update wird nicht mehr unterstützt“.
Wer also mehr erfahren will, liest das Interview mit Dan Ganove am besten jetzt selbst nach.
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Dan Ganove: Zwischen Leidenschaft, Realität und dem Faktor Glück
In sozialen Netzwerken wirkt es ja manchmal so, als würden Musiker über Nacht erfolgreich werden. Einfach mal so und ganz easy. Du hast aber schon mal angedeutet, dass die Realität oft anders aussieht. War dein Weg eher von Struggles geprägt?
Dan: Klar, es war nicht immer alles leicht. Wobei ich auch sagen muss, dass Musik mir trotzdem immer Spaß gemacht hat. Sonst hätte ich das wahrscheinlich keine 20 Jahre lang durchgezogen. Wenn es nur um Erfolg gegangen wäre, hätte ich vermutlich schon viel früher aufgehört.
Das heißt, die Leidenschaft war immer größer als der Gedanke an Erfolg?
Dan: Auf jeden Fall. Du musst Musik wirklich lieben, sonst hältst du diesen Weg gar nicht durch. Natürlich wünscht man sich Aufmerksamkeit und schöne Möglichkeiten, aber das allein trägt dich nicht über so viele Jahre.
Viele stellen sich das Musikerleben trotzdem relativ leicht vor. Label, Management, viele Follower und dann läuft alles irgendwie von selbst.
Dan: Ja, genau dieses Bild gibt es oft. Dabei ist es eigentlich ziemlich schwer, sich als Band oder Künstler wirklich durchzusetzen. Heute ist manches vielleicht leichter als noch vor 20 Jahren, weil man durch Social Media viel besser vernetzt ist. Über Facebook oder Instagram findet man plötzlich Veranstalter oder Leute aus ganz anderen Städten. Aber trotzdem bleibt es schwierig, überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen.
Glaubst du, dass man heutzutage ohne Social Media überhaupt noch sichtbar werden kann?
Dan: Schwierig. Ich glaube schon, dass Social Media mittlerweile ein riesiger Faktor ist. Früher lief vieles anders, heute passiert Aufmerksamkeit oft über TikTok oder Instagram. Plötzlich geht ein Video viral und auf einmal interessieren sich Menschen für deine Musik. Das ist mittlerweile fast der typische Weg geworden.
Talent allein scheint also nicht auszureichen?
Dan: Leider nein. Talent ist wichtig, aber Glück gehört genauso dazu. Das wollen viele vielleicht nicht hören, aber es ist einfach so. Du kannst die beste Idee haben und trotzdem haben gefühlt eine Million andere Leute gerade dieselbe Idee. Dann musst du dich trotzdem irgendwie durchsetzen.
Was ist für dich dann der wichtigste Punkt, um dranzubleiben?
Dan: Ich glaube, dass man bei seiner eigenen Sache bleiben muss. Nicht ständig versuchen, sich komplett neu zu erfinden, sondern daran glauben, was man macht. Und dann einfach konstant weitermachen. Irgendwann kommt vielleicht genau der Moment, in dem plötzlich etwas funktioniert.
Viele glauben ja auch, wenn man nur fest genug an sich glaubt, hart arbeitet und die richtigen Leute kennt, dann klappt Erfolg irgendwann automatisch. Aber ich glaube auch, dass immer ein Stück Glück dazugehört. Vielleicht Schicksal oder einfach der richtige Moment. Wie siehst du das?
Dan: Absolut. Ich würde sogar fast behaupten, ohne diesen Faktor funktioniert es gar nicht. Du kannst die besten Promoter haben, du kannst als Vorband von riesigen Bands spielen und trotzdem interessiert es am Ende niemanden. Man braucht einfach wirklich Glück.
Dan Ganove: Vom Zufall zur öffentlichen Kontroverse
Gab es bei dir einen Moment, wo du gemerkt hast, wie entscheidend so ein Zufall sein kann?
Dan: Ja, total. Bei mir war das zum Beispiel durch diese „Kartpunk-Meisterschaft“. Das war eine Aktion vom Ole. Der ist einfach ein unfassbar kreativer Typ mit richtig verrückten Ideen. Er hat diese Kartpunk-Meisterschaft organisiert und da waren einige bekannte Leute aus der Punkszene dabei, Leute von Betontod, Massendefekt, Sondaschule etc. Ich habe damals vorher schon riesige Sprüche geklopft und mich quasi selbst zum Kartpunk-Meister erklärt, bevor das Ganze überhaupt stattgefunden hat. Ich habe ständig Videos gepostet und gesagt: „Warum heißt das eigentlich Kartpunk-Meisterschaft, wenn ich der einzige echte Punk bin?“ Solche Sachen eben. Natürlich habe ich dabei auch die anderen Bands verlinkt.
Also ein bisschen provoziert und mit Humor gespielt?
Dan: Ja, genau. Einfach so eine große Schnauze gehabt. Und dadurch wurde dann Alex Schwers auf mich aufmerksam. Der fand diese Videos irgendwie lustig und hat mich schließlich gefragt, ob ich als Support mit Slime auf Tour gehen möchte.
Das ist natürlich eine riesige Chance.
Dan: Total. Aber genau da sieht man eben auch diesen Glücksfaktor. Andere Bands verlinken ebenfalls Leute oder posten lustige Videos. Aber ob das dann wirklich die richtige Person sieht, ist eben Zufall. Vielleicht schaut jemand genau in dem Moment aufs Handy oder vielleicht eben nicht. Das sind alles so Kleinigkeiten, die am Ende trotzdem entscheidend sein können.
Also eine Mischung aus Eigeninitiative und Glück zur richtigen Zeit.
Dan: Genau. Und ohne diese Kartpunk-Geschichte hätte ich vermutlich nie als Support für Slime gespielt. Deshalb sage ich auch ganz ehrlich: Da war unfassbar viel Glück dabei.
Du hast auch eine spannende Hildmann-Geschichte erlebt. Das war ja irgendwie dann gleichzeitig Glück und Pech, oder?
Dan: Ja, das kann man wirklich sehen, wie man möchte. Im Nachhinein war es für mich wahrscheinlich eher Glück.
Wie kam es damals eigentlich dazu?
Dan: Das fing alles während der Corona-Zeit an. Eigentlich wollte ich mir nur ein Logo zeichnen lassen. Von einem Künstler namens Sbäm aus Österreich, also Stefan Beham. Er hat auch ein eigenes Label mit richtig coolen Bands und ich dachte mir irgendwann: Frag ihn doch einfach mal, ob er Lust hätte, deine EP auch zu veröffentlichen. Dann kam die Antwort: „Ja, gerne, aber dann machen wir direkt ein Album.“ Da dachte ich natürlich: Wie krass ist das denn? Das ist so eine Chance, die musst du nutzen. Das Problem war nur, dass ich gar kein Album hatte. Ich hatte vielleicht drei oder vier fertige Songs.
Das klingt nach ziemlichem Stress.
Dan: Ja, total. Ich habe dann meinen Produzenten angerufen und gesagt: „Hör mal, wir können ein Album releasen, aber das muss bis Oktober fertig sein.“ Und seine erste Reaktion war einfach nur: „Bist du bescheuert?“ Aber wir haben dann wirklich Vollgas gegeben und das irgendwie durchgezogen. Danach war klar, dass wir zum Release natürlich auch noch einen Videosong brauchen, um das Ganze zu promoten. Und so nahm das alles plötzlich eine viel größere Dimension an, als ursprünglich geplant war. Und dann kam Corona dazwischen. Eigentlich hatten wir einen komplett anderen Videodreh geplant, mit mehreren Leuten und einer größeren Idee dahinter. Dann kam aber plötzlich die erste Corona-Verordnung. Da war sofort klar: Okay, so können wir das Video nicht drehen.
Das muss extrem frustrierend gewesen sein.
Dan: Total. Vor allem, weil wir auch nicht warten konnten, bis die Maßnahmen irgendwann gelockert werden. Der Release stand ja fest und bis dahin wäre alles schon vorbei gewesen. Also mussten wir überlegen: Welcher Song funktioniert überhaupt mit minimalem Aufwand und möglichst ohne viele Leute? Und so sind wir am Ende beim Hildmann-Song gelandet. Der war ursprünglich gar nicht als Single geplant. Eigentlich sollte das einfach nur ein Albumtrack werden. Aber plötzlich war das der einzige Song, zu dem wir überhaupt noch irgendwie ein Video umsetzen konnten. Ohne diese Corona-Verordnungen wäre das wahrscheinlich nie passiert. Wir haben das Video veröffentlicht und ungefähr zehn Minuten später ging das plötzlich komplett los. Ich bekam irgendwann eine Nachricht: „Sag mal, was ist denn bei deinem Hildmann-Song los?“ Und ich dachte erst: Was soll denn los sein? Dann hieß es plötzlich, das Video hätte schon tausend Aufrufe. Für mich war das völlig absurd, weil ich sonst vielleicht nach Jahren mal solche Zahlen hatte. Dann habe ich reingeschaut und gesehen: ganz viele Kommentare, ganz viele Dislikes. Erst dachte ich noch, die Leute finden das einfach nur richtig scheiße. Bis ich irgendwann gelesen habe, dass Hildmann selbst in seiner Telegram-Gruppe dazu aufgerufen hatte, das Video zu disliken.
Das heißt, plötzlich standest du richtig im Fokus.
Dan: Ja, und das war schon heftig. Ich war damals selbst gar nicht bei Telegram und hatte keine Ahnung, was dort eigentlich gepostet wurde. Freunde von mir haben sich dann dort angemeldet und mir Screenshots geschickt. Da wurde ziemlich gegen mich geschossen. Später haben auch Fanzines darüber berichtet und selbst diese Artikel wurden wieder in der Gruppe geteilt und kommentiert. Da habe ich dann zum ersten Mal gemerkt, wie schnell so etwas kippen kann.
Das klingt nach einer Entwicklung, die eventuell immer größere Kreise ziehen kann.
Dan: Ja. Es kam dann auch irgendwie eins zum anderen. Ich wohne in Oberhausen und irgendwann habe ich bemerkt, dass Sticker von mir nicht einfach überklebt oder abgerissen wurden, sondern richtig zerkratzt waren. Da hast du schon gemerkt: Okay, da finden dich Leute wirklich aktiv scheiße.
Künstler zwischen gesellschaftlicher Spannung und der Verantwortung im Netz
Trotzdem bist du politisch weiterhin präsent geblieben.
Dan:Ja. Ich habe zum Beispiel Aktionen begleitet, die über rechte Parteien aufgeklärt haben. Die standen dann oft direkt gegenüber von AfD-Ständen und ich habe dort Musik gemacht. Interessant war: Ich konnte linke Songs spielen oder Hannes Wader covern, das hat niemanden interessiert. Aber sobald ich den Hildmann-Song gespielt habe, kamen sofort Buhrufe.
Das heißt, die Leute haben dich direkt erkannt?
Dan: Ja, und das war schon verrückt. Der Song beginnt eigentlich ganz harmlos mit den Zeilen: „Ja, du hast recht, das wolltest du doch hören.“ Aber die Leute wussten sofort, welcher Song gemeint ist. Da habe ich gemerkt, dass die das wirklich auf dem Schirm hatten. Und in solchen Momenten wird einem bewusst, dass man sich da schon auf einem schwierigen und teilweise auch gefährlichen Terrain bewegt.
Ich habe momentan aber sehr oft das Gefühl, dass alles auch immer extremer wird. Der Ton im Netz, die Stimmung allgemein, auch die gesellschaftliche Entwicklung. Manchmal macht mir das ehrlich gesagt wirklich Angst. Wie geht es dir damit? Hast du als Künstler, gerade bei der Geschichte, die du eben erzählt hast, manchmal Sorge, dass dir auch im echten Leben etwas passieren könnte?
Dan: Also Angst vor der allgemeinen Entwicklung habe ich auf jeden Fall. Da gebe ich dir vollkommen recht. Ich finde schon, dass die Menschen insgesamt sensibler und angespannter geworden sind. Man merkt einfach, dass viele Situationen heute ganz anders wahrgenommen werden als noch vor ein paar Jahren.
Inwiefern?
Dan: Ich fahre zum Beispiel viel mit Bus und Bahn. Vor zwei Wochen ungefähr hatte ich morgens auf dem Weg zur Arbeit eine Situation, die mir das ziemlich deutlich gezeigt hat. Ich hatte Kopfhörer drin und plötzlich stand die Busfahrerin auf, kam aus ihrer Kabine raus und lief durch den Mittelgang. Ich saß direkt hinter ihr und dachte erst: Was passiert denn jetzt? Dann habe ich die Kopfhörer rausgenommen und sie meinte nur: „Wenn jemand mit so einem Behälter einsteigt, muss ich erstmal schauen. Es passiert heutzutage einfach zu viel.“
Das zeigt schon, wie aufmerksam und vorsichtig Menschen mittlerweile geworden sind.
Dan: Ja, total. Ich habe die Person mit dem Behälter gar nicht gesehen und weiß bis heute nicht, was das überhaupt war. Vielleicht war es komplett harmlos. Aber allein die Reaktion zeigt eben, wie sehr die Leute mittlerweile sensibilisiert sind. Das merkt man ja auch an Bahnhöfen oder öffentlichen Orten. Wenn irgendwo ein herrenloser Koffer steht, dauert es nicht lange und sofort wird alles abgesperrt und kontrolliert. Die Menschen sind einfach viel alarmierter als früher.
Beeinflusst dich das persönlich im Alltag? Also gehst du manchmal mit einem mulmigen Gefühl raus?
Dan: Nicht so, dass ich mit Angst das Haus verlasse. Natürlich bekommt man mit, was überall passiert. Es sind ja nicht nur große Dinge wie Anschläge, sondern auch ganz normale Gewalt oder Auseinandersetzungen im Alltag. Man hört ständig von Schlägereien oder ähnlichen Situationen. Aber ich bin jetzt nicht an dem Punkt, dass ich zum Beispiel keine Kopfhörer mehr tragen würde, weil ich Angst hätte, etwas nicht mitzubekommen. Oder dass ich denke: „Vielleicht passiert gleich irgendwas.“ So lebe ich nicht.
Also eher aufmerksam, aber nicht dauerhaft verängstigt?
Dan: Genau. Ich finde auch, man darf sich nicht komplett vom Weltgeschehen einschüchtern lassen. Natürlich sollte man nicht naiv sein, aber wenn man anfängt, ständig nur noch Angst zu haben, dann verliert man irgendwann auch die Freude am Leben. Und das wäre ja auch traurig.
Ich arbeite als Redakteurin und Journalistin und beschäftige mich täglich mit gesellschaftlichen Entwicklungen. Irgendwann kommt man da an einen Punkt, an dem man wirklich am Menschen zweifelt. Und ich rede gar nicht nur von Politik oder Figuren wie Trump. Was mich mittlerweile fast mehr erschreckt, ist dieser Hass im Netz. Dieses extreme Gegeneinander. Genau dieses Schwarz-Weiß-Denken macht mir Sorgen. Dass man irgendwann gar nicht mehr miteinander redet, sondern nur noch gegeneinander arbeitet. Zudem habe ich momentan auch das Gefühl, dass es so überschlägt auch noch in Männerhass von Frauen und dann auch Frauenhass von Männern.
Dan: Ja, absolut. Und gerade dieser Männerhass, den du angesprochen hast, ist so ein Punkt, bei dem ich merke, wie schwierig die Diskussion mittlerweile geworden ist. Du merkst ja schon fast beim Reden, dass man aufpassen muss, wie man etwas formuliert, damit man nicht sofort falsch verstanden wird. Ich bin da selbst schon mal richtig in ein Fettnäpfchen getreten.
Was ist passiert?
Dan: Jemand, den ich gut kenne, hatte bei Facebook einen Post gemacht und nach Ideen für einen Magazintitel gefragt. Ich liebe Wortspiele und dachte einfach: Okay, da haue ich jetzt einen blöden Spruch drunter. Wirklich komplett harmlos gemeint. Plötzlich wurde ich von einer Frau, die in der Szene ein bekanntes Magazin leitet, richtig öffentlich angegriffen. Und das war kurz nach dem Hildmann-Song. Sie schrieb dann sowas wie: „Gerade du mit deinem Hildmann-Track hätte gedacht, dass du dich anders positionierst.“ Und ich dachte nur: Hä? Worum geht es hier gerade überhaupt? Ich wollte doch einfach nur einen doofen Wortwitz machen.
Also ein völliges Missverständnis?
Dan: Ja. Ich habe dann auch direkt geschrieben, dass das überhaupt nicht meine Absicht war und ich mich entschuldige, wenn das falsch angekommen ist. Aber selbst danach ging das weiter. Irgendwann habe ich gemerkt: Okay, ich muss mich hier ausklinken. Ich wollte keine öffentliche Diskussion führen über etwas, das nie als Angriff gemeint war.
Und genau da merkt man eben, wie angespannt vieles mittlerweile ist. Ich finde das auch schwierig, weil man ja trotzdem über Missstände sprechen muss. Aber sobald es in pauschalen Hass umschlägt, läuft irgendetwas falsch. Dann entfernt man sich eigentlich wieder von dem, worum es ursprünglich mal ging. Ich frage mich oft, ob Social Media diese Entwicklung extrem verstärkt hat. Viele Menschen bewegen sich nur noch in ihrer eigenen Bubble, bekommen dort ständig Zustimmung und irgendwann entsteht dieses Gefühl: „Ich habe recht und alle anderen liegen falsch.“
Dan: Ja, ich glaube auch, dass Social Media da eine riesige Rolle spielt. Es ist irgendwie eine perfekte Waffe für Leute geworden, die einfach schießen wollen. Früher hattest du vielleicht mal diese typischen Gespräche an der Pommesbude oder an der Supermarktkasse, wo jemand ungefragt seinen Senf dazugegeben hat. Aber Social Media verstärkt das enorm. Selbst Menschen, die im echten Leben vielleicht total zurückhaltend wären, fühlen sich dort plötzlich dazu berufen, alles kommentieren zu müssen.
Der allerletzte Punk zwischen Erinnerung, Verlust und der Suche nach Bedeutung
Dann kommen wir jetzt vielleicht zu einem etwas philosophischeren Thema. Du darfst gerne die Geschichte hinter „The Clash“ erzählen, also auch den Zusammenhang mit deiner Mutter.
Dan: „The Clash“ habe ich tatsächlich ein oder zwei Tage nach dem Tod meiner Mutter geschrieben. Ich lag damals heulend auf meinem Bett und habe den Song geschrieben. Das war wahrscheinlich der erste wirklich ehrliche Song, den ich gemacht habe, zumindest emotional gesehen. Sonst schreibe ich meistens eher Klamauk-Sachen oder humorvolle Songs, weil ich eigentlich ein ziemlich positiv eingestellter Mensch bin. Klar hat jeder Sorgen oder Probleme, aber ich hatte bisher nie das Gefühl, dass ich meine Emotionen unbedingt musikalisch verarbeiten muss. Bei dem Song war das komplett anders.
Weil der Verlust es verändert hat?
Dan: Ja, total. Meine Mutter war zu Lebzeiten eigentlich immer meine größte Kritikerin. Aber sie war eben auch meine Mutter. Und man unterschätzt das, glaube ich, komplett, solange man so einen Verlust nicht selbst erlebt hat. Ich habe auch meine Großeltern verloren, aber nichts hat mich so getroffen wie der Tod meiner Mutter. Das hat wirklich alles umgekrempelt. Eigentlich wollte ich damals ein Konzeptalbum machen, musikalisch sollte alles in eine ganz andere Richtung gehen. Aber nach ihrem Tod ging das plötzlich nicht mehr. Ich hatte daran echt zu knacken.
Ich will gar nicht, dass das jetzt so realitätsfern wirkt oder zu esoterisch, aber mache Menschen haben ja das Gefühl, dass sie begleitet werden von Seelen, wie guten Geistern, die aufpassen. Denkst du, es gibt etwas, was über uns steht? Gott, das Universum oder was auch immer?
Dan: Ich bin Raucher und gehe abends immer noch einmal auf die Terrasse. Das ist so mein Ritual vor dem Schlafengehen. Dann stehe ich draußen und schaue in den Himmel. Ich liebe das Universum, Sterne, sternenklare Nächte. Das klingt vielleicht kitschig oder romantisch, aber ich finde das wirklich schön. Und seit dem Tod meiner Mutter ist es tatsächlich so, dass ich jeden Abend nach oben schaue, selbst wenn es bewölkt ist und man gar keine Sterne sieht.
Als würdest du sie dort oben suchen?
Dan: Ja, irgendwie schon. Ich schaue dann oft in verschiedene Richtungen und denke unterbewusst: Ist sie vielleicht da? Oder dort? Das passiert ganz automatisch.
Ich habe neulich über Simone Lugner geschrieben, die Witwe von Richard Lugner. Sie sagte, sie habe manchmal das Gefühl, dass ihr verstorbener Mann noch auf sie aufpasst oder ihr Zeichen sendet. Und ich finde solche Gedanken total spannend, weil man oft das Gefühl hat, dass es Dinge gibt, die wir nicht komplett erklären können. Vielleicht hält man Menschen auch genau dadurch lebendig. Durch Erinnerungen oder das Gefühl, weiterhin verbunden zu sein.
Dan: Ja, genau so empfinde ich das auch. Ich möchte auch gar nicht aufhören, an sie zu denken. Ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres, als irgendwann einen Menschen zu vergessen. Aber das ist nichts Gezwungenes. Ich denke nicht bewusst: „Jetzt muss ich an meine Mutter denken.“ Das passiert einfach automatisch. Es ist mittlerweile ein Ritual geworden, ob ich will oder nicht. Und auch live bei Konzerten spiele ich „The Clash“ eigentlich immer. Egal, wie die Stimmung sonst ist. Ich spiele manchmal Shows auf Planwagen, da wird gefeiert, getrunken, die Leute wollen Spaß haben. Trotzdem ist mir dieser Song wichtig. Ich erzähle dann auch jedes Mal die Geschichte dahinter, dass sie bei unserem Autounfall dachte, dass The Clash im Hintergrund lief. Dabei war es gar nicht The Clash.
Glaubst du denn, dass es „mehr“ gibt? Also irgendetwas nach dem Tod oder etwas, das wir nicht erklären können?
Dan: Schwierig. Ich bin eigentlich gar nicht so religiös. Ich bin zwar konfirmiert, aber ehrlich gesagt auch nur, weil ich wusste, dass ich von dem Geld meine erste E-Gitarre kaufen kann. (lacht) Ich glaube aber schon, dass es mehr gibt, als wir wahrnehmen können. Allein biologisch betrachtet sind unsere Sinne ja begrenzt. Unser Ohr filtert nur bestimmte Frequenzen, unsere Augen nehmen nur einen kleinen Teil wahr. Deshalb denke ich schon, dass es Dinge gibt, die wir einfach nicht erfassen können.
Mehr zu Dan Ganove findet ihr in den Socials.
Booking: booking@danganove.de
Mehr Soundcheck Sessions findet ihr auf meiner Website.
Tiger Lilly Marleen: “Buddyism” in der Musikbranche – wie Netzwerke über Karrieren entscheiden
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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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Ein Gedanke zu „Dan Ganove: Punk, Provokation und der Preis der Aufmerksamkeit“