Andy Feind spricht offen über Depression, Trauma und Heilung. Ein ehrliches Gespräch über mentale Gesundheit, Aufklärung und Selbstbestimmung.
Interview: Mia Lada-Klein
Andy Feind ist Autor, professioneller Sprecher und zertifizierter Genesungsbegleiter. Bekannt wurde er mit seinem Buch Gedankengewitter: Inmitten meines Depressionstornados, in dem er seine langjährige Erfahrung mit Dysthymie verarbeitet. Er spricht offen über Klinikaufenthalte, Therapie und Diagnosen wie Burnout oder bipolare Störung.
Neben dem Schreiben kämpft Andy aktiv gegen Stigmatisierung psychischer Erkrankungen. In Vorträgen, Podcasts, Hörbuchformaten und auf Social Media macht er klar: Depression ist eine Krankheit, keine Charakterschwäche. Sein Stil verbindet autobiografische Offenheit mit Ratgeber-Elementen. Ziel ist es, Betroffenen eine Stimme zu geben, Normalität für psychische Erkrankungen herzustellen und Tabus zu brechen.
Ich habe mit Andy über Depressionen, das Gesundheitssystem, Social Media und Aufklärung gesprochen. Dabei geht es tief rein in Themen, die nicht immer fröhlich sind, aber unbedingt angesprochen werden müssen. Wer sich von ernsten Themen schnell getriggert fühlt, sollte lieber auf Abstand bleiben. Alle anderen sind eingeladen, kurz in die Welt von Andy Feind einzutauchen.
Für alle, die dich noch nicht kennen, magst du dich kurz vorstellen und etwas über dein Buch erzählen?
Andy Feind: Ich bin seit 2001 von Depressionen betroffen und hatte 2008 einen Suizidversuch. Nach mehreren Therapien und Klinikaufenthalten habe ich 2016 beschlossen, ein Buch über meine Erfahrungen zu schreiben, das war sozusagen mein Weg, all das zu verarbeiten. Das Buch wurde später für zwei Preise nominiert, gewonnen habe ich zwar keinen, aber allein die Nominierung war schon ein Erfolg für mich. Dann wollte ich mein eigenes Hörbuch aufnehmen und habe dafür eine Ausbildung zum Hörbuchsprecher gemacht. Ursprünglich nur für dieses Projekt. Aber dabei habe ich eine echte Leidenschaft entdeckt. Parallel habe ich außerdem eine Ausbildung zum Genesungsbegleiter für Menschen in psychischen Krisen abgeschlossen. In gewisser Weise habe ich also innerhalb meiner eigenen Depression gearbeitet und einen Weg gefunden, sie in etwas Sinnvolles zu verwandeln.
Ich finde das wirklich beeindruckend und auch mutig. Du bist selbst betroffen und arbeitest heute als Genesungsbegleiter. Das ist ja eine doppelte Herausforderung. Wie gelingt es dir, anderen Menschen zu helfen, ohne dich selbst zu überfordern?
Andy Feind: Ich glaube, das hängt stark vom Typ ab. In Kliniken gibt es Menschen, die sich in der Gruppentherapie sehr schwer öffnen können und andere, denen das leichter fällt. Ich war jemand, der von Anfang an offen über alles sprechen konnte, weil ich dachte: Ich bin ja hier, damit mir geholfen wird, also muss ich auch ehrlich sein. Das hat mir geholfen, ein gewisses Selbstbewusstsein im Umgang mit meiner Erkrankung zu entwickeln. Ich rede viel darüber, schreibe darüber, mache Lesungen und stehe mit Menschen in Kontakt, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Dadurch habe ich gelernt, mich gut abzugrenzen, auch emotional. Das ist unglaublich wichtig, wenn man anderen helfen möchte, ohne sich selbst zu verlieren.
Du bist auch auf Social Media sehr aktiv. Viele Menschen empfinden das als Belastung, gerade wenn sie psychisch sensibel sind. Wie gehst du damit um?
Andy Feind: Ich weiß, was du meinst. Social Media kann sehr triggernd sein, viele bekommen dort negative Gefühle, vergleichen sich, oder werden von den Inhalten überflutet. Aber bei mir ist es tatsächlich so, dass ich mich nicht so leicht aus der Ruhe bringen lasse. Ich muss schon einen richtig schlechten Tag haben, damit mich etwas auf Social Media wirklich runterzieht. Wenn es mir nicht gut geht, lasse ich die Apps einfach geschlossen. Ich weiß, dass sie mir dann nicht guttun. Und klar, Social Media ist eine Dopamin-Maschine, alles wechselt schnell, man ist ständig auf Input. Deshalb achte ich darauf, wann ich das nutzen kann und wann nicht.
In deinem Buch Gedankengewitter erzählst du sehr offen von deinem Leben und deinen dunklen Phasen. Hättest du dir damals vorstellen können, dass du diese Erfahrungen einmal mit anderen teilen und sogar Menschen damit helfen würdest?
Andy Feind: Ganz ehrlich: Nein. In meiner schlimmsten Zeit hätte ich nie gedacht, dass ich irgendwann daraus etwas Positives machen könnte. Finanziell ist das Ganze auch heute nicht wirklich lukrativ, davon leben kann ich nicht. Aber das, was ich zurückbekomme, ist unbezahlbar. Wenn ich bei Lesungen bin und Menschen auf mich zukommen, um mir ihre Geschichten zu erzählen, oder wenn Angehörige sagen, dass sie durch mein Buch etwas besser verstehen, das ist Balsam für die Seele. Es passiert oft, dass jemand nicht mit seinen Eltern oder Partnern über Depression sprechen kann, aber mit mir nach einem Vortrag doch ins Gespräch kommt. Das sind die Momente, die zeigen, wie wichtig Aufklärung durch Betroffene ist.
Über Klischees, Social Media, ADHS und das deutsche Gesundheitssystem
Depression ist ein sehr vielschichtiges Thema, das immer noch mit Klischees behaftet ist. Viele stellen sich darunter jemanden vor, der nur im Bett liegt und gar nichts mehr schafft. Das ist tatsächlich eines der größten Missverständnisse. Depression hat viele Gesichter. Es gibt Menschen, die kaum aufstehen können, aber auch solche, die hochfunktional sind, die arbeiten, lächeln, funktionieren, und trotzdem innerlich zusammenbrechen. Manche kämpfen zusätzlich mit anderen Erkrankungen, zum Beispiel einer Essstörung oder Angststörung. Diese Kombinationen machen das Ganze noch komplexer. Leider wird Depression in den Medien oder auf Bildern oft sehr eindimensional dargestellt, dunkle Räume, jemand sitzt allein im Bett, alles ist grau. Dabei ist die Realität so vielschichtiger. Warum, glaubst du, halten sich diese Klischees über Depressionen so hartnäckig?
Andy Feind: Das klingt vielleicht blöd, aber ich glaube tatsächlich, dass es diese Klischees in gewisser Weise braucht. Sie machen sichtbar, dass Depression eine ernstzunehmende und potenziell tödliche Erkrankung ist. Wenn man stattdessen ein Bild von einer alleinerziehenden Mutter zeigen würde, die zwei Kinder versorgt, arbeitet und abends zusammenbricht, dann würden viele das nicht als Depression erkennen. Ein fröhliches Bild transportiert die Schwere der Krankheit nicht. Natürlich finde ich diese einseitige Darstellung selbst nervig, aber sie sorgt immerhin dafür, dass das Thema überhaupt wahrgenommen wird.
Vielleicht würde mehr Offenheit helfen, also, dass wir einfach häufiger und ehrlicher über psychische Krankheiten sprechen. Trotzdem bleibt das Thema oft in der Schublade, besonders in den sozialen Medien. Und wenn Menschen dort über ihre Probleme sprechen, kann das ja auch schnell kippen. Was denkst du darüber?
Andy Feind: Da bin ich zwiegespalten. Einerseits sehe ich den Nutzen, den Social Media haben kann. Ich selbst bin zum Beispiel über TikTok auf meine ADHS-Diagnose gestoßen. Ich habe dort viele Videos gesehen und mich immer gefragt, warum ich meine Selbstständigkeit nicht richtig auf die Reihe bekomme. Dann bin ich in diesen Algorithmus gerutscht, habe mich in vielem wiedergefunden und dachte: Das kann doch kein Zufall sein. Beim nächsten Termin habe ich das mit meinem Psychiater besprochen und tatsächlich: Die Diagnose wurde bestätigt. Er meinte sogar, hätte man das in meiner Kindheit erkannt, wäre mir womöglich meine chronische Depression erspart geblieben.
Das ist wirklich beeindruckend. Aber Social Media kann ja auch gefährlich werden, gerade mit diesen Algorithmen, die negative Inhalte verstärken.
Andy Feind: Absolut. Technisch gesehen ist der Algorithmus von TikTok genial, aber psychisch gesehen eine Katastrophe. Wenn du einmal etwas Dunkles anklickst, wirst du mit immer mehr traurigem oder belastendem Content bombardiert. Darum ist es so wichtig, dass Kinder und Jugendliche früh lernen, wie man gesund mit Social Media umgeht. Schon in der Schule sollte man vermitteln, was Glück bedeutet, was Mobbing anrichtet, was psychische Erkrankungen sind und wo man Hilfe bekommt. Dann müssten Menschen später nicht online nach Antworten suchen, weil sie wüssten, wo sie Unterstützung finden. Und ja, dieser Unterricht sollte eigentlich schon im Kindergarten anfangen. Kinder bekommen heute früh Handys oder Tablets, und je eher sie verstehen, welche Auswirkungen ihr Verhalten online haben kann, desto besser.
Das Internet ist kein sicherer Raum, das stimmt. Und ADHS ist mittlerweile ein großes Thema in den sozialen Medien. Früher wurde das ja kaum erkannt, glaubst du, dass sich da heute etwas verbessert hat?
Andy Feind: Ich denke schon, dass sich etwas bewegt hat. Früher wurde vieles einfach übersehen, Kinder, die unruhig waren oder träumten, galten als „faul“ oder „unaufmerksam“. Heute weiß man, dass da oft mehr dahintersteckt. Ich hoffe sehr, dass Diagnosen heute früher gestellt werden und dass Kinder schneller Hilfe bekommen. Das könnte langfristig viele Folgestörungen verhindern.
Du hast viele persönliche Erfahrungen im Gesundheitssystem gesammelt. Wie siehst du die aktuelle Situation, besonders im psychischen Bereich?
Andy Feind: Ich persönlich hatte bisher relativ viel Glück. Ich habe meist schnell Termine bekommen, aber das ist leider nicht die Regel. Als ich 2009 in die Klinik ging, habe ich etwa vier Monate gewartet, damals war das noch akzeptabel. Heute ist das eine sehr lange Zeit, besonders wenn man in dieser Phase ums Überleben kämpft. Viele Praxen führen gar keine Wartelisten mehr, weil die Nachfrage so hoch ist. Und leider gibt es auch Menschen in diesen Berufen, die dort nicht arbeiten sollten. Ich hatte selbst eine Psychiaterin, die so unmenschlich mit mir umging, dass ich sie bei der Ärztekammer gemeldet habe. Hätte ich in dieser Situation zum ersten Mal Hilfe gesucht, hätte mich ihr Verhalten vielleicht das Leben kosten können. Solche Personen haben im Gesundheitswesen nichts verloren. Sie sollten keine Patient*innen betreuen, sondern Verwaltungsarbeit machen. Und dann kommt natürlich noch hinzu, dass das gesamte System kaputtgespart ist, egal ob in der psychischen oder somatischen Medizin. Es fehlt an Personal, an Strukturen und an Verständnis. Das ist ein strukturelles Problem, das dringend angegangen werden muss. Wie kann man eigentlich ein Gesundheitssystem privatisieren? Das klingt doch absurd, kritische Infrastrukturen sollten doch in öffentlicher Hand bleiben. Dadurch entstehen Lücken, und stattdessen werden neue Berufe geschaffen, um diese irgendwie zu füllen, zum Beispiel der Genesungsbegleiter.
Der Genesungsbegleiter. Was genau ist das?
Andy Feind: Das ist ein Beruf, den es in Deutschland tatsächlich schon seit 2007 gibt, aber kaum jemand kennt ihn. Es handelt sich um eine einjährige Fortbildung, die ausschließlich Menschen machen dürfen, die selbst einmal im psychiatrischen System waren – also Betroffene. Der Gedanke dahinter ist, dass so ein echter Austausch auf Augenhöhe entstehen kann. Aber das Traurige ist: Selbst viele Ärzt*innen wissen gar nicht, dass es diesen Beruf gibt. Ich habe zum Beispiel mal in einer Klinik nachgefragt, ob sie jemanden in Teilzeit einstellen würden. Die Oberärztin schaute mich nur fragend an: „Was ist ein Genesungsbegleiter?“ Da war ich ehrlich fassungslos, immerhin reden wir hier über eine Berufsbezeichnung, die es seit fast 20 Jahren gibt.
Das zeigt ja, wie viel Aufklärungsarbeit noch nötig ist. Du meintest, du seist sogar der einzige Selbstständige in Baden-Württemberg?
Andy Feind: Ja, richtig. Ich musste beim Finanzamt buchstäblich Pionierarbeit leisten. Dort wusste niemand, wie mein Beruf einzuordnen ist. Ich habe gefragt: „Bin ich freiberuflich tätig?“ – weil ich ja im Prinzip wie ein Therapeut arbeite, aber eben keiner bin. Die Antwort war: „Hm, machen Sie einfach mal Ihre Steuererklärung, dann sehen wir weiter.“ Und als ich noch mal nachfragte, hieß es: „Für weitere Fragen wenden Sie sich bitte an einen Steuerberater.“ Also, ich soll jemanden bezahlen, damit er mir erklärt, was das Finanzamt mir eigentlich erklären müsste, das sagt doch alles über die Bürokratie in diesem Land.
Das klingt wirklich nach einem strukturellen Problem. Und das betrifft offenbar nicht nur die Genesungsbegleiter, sondern das ganze System. Ich erinnere mich auch noch an eine Erfahrung aus meiner Jugend – ich war 18 oder 19, Magersucht, Bulimie, das volle Programm und suchte dringend psychologische Hilfe. Bei einer Probesitzung meinte die Therapeutin tatsächlich zu mir: „Wenn Sie zunehmen wollen, kaufen Sie sich doch ein paar Müsli-Riegel beim Aldi.“ Das sind genau die Menschen, die in diesem Beruf nichts verloren haben. Und es gibt leider viele davon. Die gleiche Sorte sagt dir bei einer Panikattacke: „Atmen Sie doch einfach ruhig.“ Das ist entwürdigend. Du hast ja auch selbst Einblicke in die Verwaltung bekommen, du hast bei einer Krankenkasse gearbeitet, richtig?
Andy Feind: Ja, ich habe 2013 eine Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten gemacht und später als Pflegefallmanager bei der AOK gearbeitet. Da siehst du dann das System von innen und ehrlich gesagt, der Stellenwert psychischer Gesundheit dort ist erschreckend niedrig. Selbst Mitarbeiter, die täglich mit solchen Fällen zu tun haben, werden verheizt. Viele brennen aus, steigen aus, so wie ich. Ich war gut in dem Job, aber der mentale Druck war irgendwann zu groß.
Denkst du, dass psychische Erkrankungen heute tatsächlich zunehmen, vielleicht auch durch soziale Medien und den ständigen Vergleich?
Andy Feind: Ich glaube, wir haben heute nicht unbedingt mehr psychische Erkrankungen, aber sie werden sichtbarer. Social Media spielt dabei eine Rolle, positiv wie negativ. Einerseits wird offener darüber gesprochen, andererseits erzeugt der ständige Vergleich immensen Druck. Niemand ist perfekt, aber online sieht es so aus. Das Problem ist: Wir haben nie gelernt, das zu reflektieren. Kinder sollten früh verstehen, dass Social Media kein realistisches Abbild der Welt ist. Das müsste eigentlich in der Schule vermittelt werden.
Du hast auch über transgenerationale Traumata gesprochen. Meinst du, dass wir heute noch immer mit den Nachwirkungen vergangener Generationen kämpfen?
Andy Feind: Definitiv. Es gibt die Theorie der transgenerationalen Weitergabe, also, dass Traumata weitergegeben werden, wenn sie nie verarbeitet wurden. Nach dem Krieg musste das Land aufgebaut werden, niemand hatte Zeit, über psychische Wunden zu sprechen. Heute haben wir mehr Raum zur Selbstreflexion, aber wir tragen noch die unverarbeiteten Traumata unserer Eltern und Großeltern mit uns. Dazu kommen Krisen wie Corona oder die Wirtschaftskrise 2008 – das alles hat unsere Generation stark geprägt. Ich glaube, vieles von dem, was wir heute durchmachen, ist Teil eines kollektiven Heilungsprozesses.
Das ist ein starkes Bild, Heilung als Generationenaufgabe.
Andy Feind: Ja, genau. Wir müssen nicht nur uns selbst heilen, sondern auch das, was uns mitgegeben wurde. Und dazu gehört, dass wir endlich anfangen, über psychische Gesundheit zu sprechen – offen, ehrlich und ohne Scham.
Über Hörbücher, Genesungsbegleitung und mentale Gesundheit
Dein Buch hast du ja auch selbst eingesprochen. Du bist ja Sprecher und hast sogar eine Sprecherausbildung. Ich muss sagen, deine Stimme ist wirklich angenehm. Sprichst du auch andere Bücher ein? Kann man dich als Sprecher buchen?
Andy Feind: Ja, absolut! Ich habe mittlerweile, warte mal… (lacht) sechs oder sieben Bücher eingesprochen – ich verliere da langsam den Überblick. Eines davon ist mein eigenes, und sechs weitere sind bereits veröffentlicht. Außerdem ist gerade ein neues Projekt in Arbeit, und etwa ein Dutzend weitere stehen schon in der Pipeline.
Das ist eine ganze Menge! Gibst du eigentlich auch Lesungen, bei denen man dich live erleben kann?
Andy Feind: Momentan leider nicht. Die letzten Termine waren alle in den vergangenen zwei Wochen. Aber ich plane auf jeden Fall, bald wieder Lesungen zu machen.
Wo kann man dein Buch kaufen? Also für alle, die es noch nicht haben?
Andy Feind: Man bekommt es eigentlich überall – auch bei Amazon, wobei es dort manchmal ausverkauft ist. Es gibt es als gebundenes Buch, E-Book und als Hörbuch.
Und wenn jemand gerade eine schwierige Zeit durchmacht – vielleicht in der dunklen Jahreszeit – was würdest du dieser Person jetzt raten?
Andy Feind: Zuerst: Man muss nicht allein da durch. Freunde können schon eine wichtige Stütze sein, auch ohne, dass sie alles „lösen“ müssen. Es reicht manchmal, gemeinsam einen Film zu schauen, etwas zusammen zu unternehmen oder einfach da zu sein. Wenn man professionelle Hilfe sucht, ist der Hausarzt die erste Anlaufstelle. Bei akuten Krisen natürlich Krankenhaus oder Psychiatrie. Und man sollte sich immer bewusst machen: Wenn man Hilfe sucht, hat man den schlimmsten Punkt der Krise bereits hinter sich. Der Moment, in dem du merkst „Ich brauche Unterstützung“, ist der Beginn der Besserung.
Das ist ein schöner Gedanke, dieser Klick-Moment, in dem man sich eingesteht, wirklich ein Problem zu haben.
Andy Feind: Ja, genau. Aber wenn du diesen Moment erreichst, in dem du dir selbst eingestehst, dass du Hilfe brauchst, bist du schon auf dem richtigen Weg. Der Weg bleibt steinig, aber du gehst ihn bewusst und das verändert alles.
Und wenn jemand auf Hilfe wartet, weil die Wartezeiten ja oft lang sind, was kann man in der Zwischenzeit tun?
Andy Feind: Da gibt es einige Möglichkeiten. Zum Beispiel Heilpraktiker oder Genesungsbegleiter, die nicht über die Krankenkasse laufen. Auch Selbsthilfegruppen sind wertvoll, jede Krankenkasse und jedes Landratsamt kann Informationen dazu geben. Das kostet nichts, man muss sich nirgendwo registrieren und bleibt völlig anonym. Das hilft, die Zeit zu überbrücken, bis man professionelle Unterstützung bekommt.
Kann man sich eigentlich auch direkt an dich wenden? Nimmst du Klienten an oder sagt man Patienten?
Andy Feind: (lacht) Ich sage lieber Klienten, das klingt menschlicher. Und ja, man kann mich kontaktieren, auch online. Persönliche Treffen sind natürlich intensiver, aber Online-Sitzungen funktionieren genauso gut. Ich arbeite auch mit Menschen aus anderen Städten zusammen, etwa aus Hamburg. Das erste Gespräch ist immer ein Kennenlernen: Wir schauen, ob die Zusammenarbeit passt, ob ich die passende Unterstützung bieten kann. Wenn jemand etwa mit Psychosen kämpft, verweise ich an Kolleg*innen, die darauf spezialisiert sind, das ist nicht mein Fachbereich. Wichtig ist, dass es menschlich und fachlich passt.
Sehr reflektiert. Es gibt also klare Grenzen, aber auch viel Offenheit.
Andy Feind: Genau. Es geht darum, Menschen auf ihrem Weg zu begleiten, ehrlich, auf Augenhöhe und ohne falsche Versprechen. Jeder Mensch bringt etwas Eigenes mit, aber am Ende verbindet uns alle das Bedürfnis, gesehen und verstanden zu werden.
Viele machen in Therapie oder Kliniken die Erfahrung, dass nur Symptome behandelt werden, nicht aber die Ursachen. Wie siehst du das? Was läuft deiner Meinung nach grundsätzlich schief im Gesundheitssystem?
Andy Feind: Unser System unterscheidet nicht zwischen „gesund“ und „krank“, sondern zwischen „arbeitsfähig“ und „nicht arbeitsfähig“. Das ist der größte Fehler. Es geht nicht um Genesung, sondern darum, dass man wieder funktioniert. Man wird fit gemacht, um zu arbeiten, nicht um gesund zu leben.
Ich denke, das ist eine der größten Hürden. Wenn du dir ein Bein brichst, sieht man es sofort. Aber Depression, Trauma oder auch Essstörung sieht man nicht zwangsläufig auf den ersten Blick. Und trotzdem kann jemand mit einer psychischen Erkrankung völlig arbeitsunfähig sein, ohne deutlich sichtbare Symptome. Ich erinnere mich an Zeiten, da bestand mein Tag aus Einkaufen, Essen, Erbrechen und Schlafen – da war kein Platz für Arbeit. Da war nur Platz für meine Bulimie. Wenn du heute auf deine dunkle Zeit zurückblickst, wie fühlt sich das an? Bei mir ist es so, als würde ich über eine andere Person sprechen. Ich erkenne mich selbst darin kaum wieder. Es ist weit weg, fast surreal. Und trotzdem weiß ich, dass das einmal ich war. Das zeigt mir, wie stark man sich verändern und heilen kann, wenn man bereit ist, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.
Andy Feind: Bei mir ist der Suizidversuch zum Beispiel schon lange her, und auch der Autounfall meiner besten Freundin, der damals vieles ausgelöst hat, liegt weit zurück. Trotzdem komme ich immer wieder in Phasen, die sehr tief und schwer sind. Selbst wenn ich weiß, was ich theoretisch tun müsste, kann ich es oft nicht umsetzen. Nur weil man versteht, was helfen würde, heißt das noch lange nicht, dass man die Kraft hat, es zu tun.
Trauma, Depression und falsche Dankbarkeit
Du hast gesagt, manche sagen, du sollst „dankbar“ für deine Depression sein. Wie siehst du das?
Andy Feind: Ganz ehrlich, das macht mich wütend. Ich verstehe überhaupt nicht, wie man so etwas sagen kann. Manche meinen, ich hätte das Beste daraus gemacht, klar, ich habe meine Erfahrungen irgendwie „monetarisiert“, aber Dankbarkeit empfinde ich dafür nicht. Ich bin kein Mensch, der an Vergebung oder Dankbarkeit glaubt, wenn es um sowas geht.
Es wurde dir auch geraten, dem Autofahrer zu vergeben, der den Unfall verursacht hat, oder?
Andy Feind: Ja, und das werde ich nie tun. Warum sollte ich jemandem vergeben, der sich betrunken ans Steuer gesetzt und damit das Leben meiner besten Freundin beendet hat? Nur damit es mir besser geht? Nein. Das ist nicht meine Aufgabe.
Ich finde es immer seltsam, wenn Menschen sagen: „Es ist gut, wie es ist. Wenn es anders gewesen wäre, wäre ich heute ein anderer Mensch.“ Da denke ich mir jedes Mal: Ja, und? Wäre das schlimm? Wie egoman muss man eigentlich sein, um zu sagen: „Ich bin so dankbar, sonst wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.“ Als wäre man selbst das Nonplusultra. Das kann ich nicht leiden, das macht mich wütend.
Andy Feind: Ja, das stimmt. Man lobt mich manchmal, dass ich all das durchgehalten habe und kein Arschloch geworden bin durch den ganzen Scheiß, den ich erlebt habe – durch Trauma, Verlust und all das. Aber das ist kein Grund, stolz zu sein. Ich habe einfach überlebt. Ich habe versucht, kein schlechter Mensch zu werden. Das war’s.
Eine Medaille kriegst du dafür auch nicht. Du kriegst Lücken im Lebenslauf und bis heute teilweise mitleidige Blicke, wenn du darüber sprichst.
Andy Feind: Ich habe heute zwar einen großen Erfahrungsschatz und kann dadurch meine Klientinnen und Klienten auf hohem Niveau betreuen. Aber ganz ehrlich, wenn ich die Wahl hätte, würde ich viele dieser Erfahrungen abgeben. Sie haben mich zwar geprägt, aber sie waren oft schmerzhaft.
In deinem Buch beschreibst du Depression mit dem Satz: „Mit einem Depressiven zusammen zu sein ist wie London – eine schöne Stadt, aber es regnet ständig.“ Ich fand das sehr treffend. Es ist nicht nur für andere so, sondern auch für einen selbst. Das Leben kann schön sein, aber diese Wolke ist eben immer da.
Andy Feind: Und manchmal sitzt sie dir nicht nur im Nacken – sie atmet dir direkt ins Genick. Du weißt, es wird bald wieder schlimmer, aber du weißt nie, wann. Das ist das Fiese daran.
Wenn solche Phasen kommen, wie gehst du damit um?
Andy Feind: Es kommt darauf an. Wenn’s richtig schlecht läuft, landet man wieder in dieser Spirale, wo man sich mit suizidalen Gedanken auseinandersetzen muss. Und das kostet wahnsinnig viel Kraft. Du kämpfst dich da raus, bekommst auch keine Medaille dafür und am Ende fragen die Leute nur: „Warum hast du dich drei Wochen nicht gemeldet?“
Das kann ich gut nachvollziehen. Bei mir äußert sich das anders. Ich funktioniere einfach weiter. Ich arbeite, um mich nicht mit mir selbst auseinanderzusetzen. Für Außenstehende sieht das produktiv aus, aber eigentlich ist es auch nur ein Symptom.
Andy Feind: Genau. Bei mir ist es das Gegenteil – ich schlafe. Wenn es mir schlecht geht, kann ich 20 Stunden am Tag schlafen. Das ist meine Flucht.
Bei mir ist es die Arbeit. Ich renne vor meinen Gedanken davon, funktioniere wie eine Maschine, esse und schlafe kaum. Hauptsache, ich bin beschäftigt.
Andy Feind: Und am Ende heißt es: „Toll, wie fleißig du bist!“ Dabei ist es nur ein Versuch, nicht zusammenzubrechen. Früher war Burnout ja fast ein Statussymbol, wer eines hatte, galt als besonders engagiert. Ich fand das schon immer absurd.
Total. Das ist für mich eher eine Horrorvorstellung. Ich mag meine Arbeit, aber ich will keinen Burnout, kein Knockout, kein neues Label für eine Erschöpfung, die niemand wirklich ernst nimmt. Ich habe genug Themen, da brauche ich nicht noch eins.
Andy Feind: Verstehe ich voll. Und wie du sagst, man sollte sich dafür nicht feiern. Es ist keine Heldentat, zu funktionieren, wenn man innerlich brennt.
Ich finde, man merkt in unserem Gespräch, dass wir ähnliche Erfahrungen gemacht haben. War ein gutes Gespräch, ehrlich und auf Augenhöhe. Andy, ich danke dir für deinen offenen Einblick und für den sehr transparenten Austausch.
Mehr Infos zu Andy Feind findet ihr in den Socials.
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