Dave Collide: Politische Haltung als Teil einer musikalischen Biografie

Prssebild Dave Collide

Dave Collide spricht im Interview über Punk, politische Haltung, Solo-Projekte, Social-Media-Druck, KI und die Bedeutung echter Live-Musik.

Interview: Mia Lada-Klein

Dave Collide begann mit 16 Gitarre zu spielen und rockte sich durch Hardcore und Skatepunk, bevor er während Corona sein Solo-Projekt startete mit Akustikgigs, einer 9-Euro-Ticket-Tour und dem Album Why Not

Ich habe ihn zum Interview eingeladen, um hinter die Kulissen seiner Musik zu blicken und um zu erfahren, wie er zu Punk, zum Leben und zur künstlerischen Freiheit steht. All das spiegelt sich in seinen Songs ebenso wider wie politische Haltung, Gesellschaftskritik und persönliche Themen.

Wir sprechen auch über Social-Media-Druck, unvergessliche Live-Erlebnisse und KI als Schreckgespenst, aber vor allem geht es um echte künstlerische Erfüllung. Für Dave zeigt sich wahre Erfolgskraft darin, den eigenen Weg zu gehen, auch wenn nicht alle applaudieren. Wie er das genau sieht, könnt ihr hier nachlesen.

 

Du warst lange Teil verschiedener Bands und bist heute vor allem solo unterwegs. Kannst du erzählen, wie dein musikalischer Weg begonnen hat?

Dave Collide: Ich mache im Grunde seit rund 20 Jahren Musik. Angefangen hat alles, als ich etwa 16 war. Ich habe mir damals zum Geburtstag eine Gitarre gewünscht und mir autodidaktisch die ersten Akkorde beigebracht. In meinem Freundeskreis haben mehrere Leute gleichzeitig angefangen zu spielen. Einer von uns hatte Unterricht und hat das Gelernte mitgebracht, so haben wir uns gegenseitig motiviert und weiterentwickelt. Daraus ist dann auch ziemlich schnell unsere erste Band entstanden.

Wo war das damals?

Dave Collide: Ich bin in Herrenberg aufgewachsen, das liegt bei Böblingen, ungefähr 20 Kilometer südlich von Stuttgart. Dort haben wir auch geprobt und unsere ersten Schritte als Band gemacht. Aus dieser Jugendband wurde mit der Zeit eine Hardcore-Band mit Geschrei, in der ich dann Frontmann war. Die Band gibt es tatsächlich heute noch. Wir haben uns nie offiziell aufgelöst.

Das heißt, das Projekt lebt noch parallel weiter?

Dave Collide: Ja, genau. Vor etwa einem Jahr kam durch Zufall eine Giganfrage rein und wir haben gemerkt, dass wir ja eigentlich nie aufgehört haben. (lacht) Heute ist das alles sehr entspannt. Wenn wir Lust auf Proben haben, treffen wir uns. Wenn ein Gig ansteht, spielen wir ihn. Viele aus der Band haben Familie gegründet, Kinder bekommen, Häuser gebaut. Ich bin da ein Stück weit in eine andere Richtung gewachsen.

Diese andere Richtung führte dich dann nach Stuttgart?

Dave Collide: Genau. 2015 bin ich nach Stuttgart gezogen und habe dort eine neue Band gegründet, eine Skatepunk-Band namens Bike Age. Auch da war schnell klar, dass es schwierig wird, wenn die eigenen Ambitionen größer sind als das, was die ganze Band leisten oder mitgehen kann. Irgendwann fühlt man sich dann innerlich unruhig, als würde man auf heißen Kohlen sitzen.

Dave Collide: Kreativität, Projekte und musikalische Freiheit

Wann kam der Gedanke auf, alleine Musik zu machen?

Dave Collide: Das Solo-Projekt hat sich während der Corona-Zeit entwickelt. Wir saßen alle zu Hause, es gab keine Konzerte, keinen Ausgleich. Also habe ich angefangen, alleine Songs zu schreiben. Als dann die ersten Biergartenkonzerte mit Sitzplatzpflicht wieder möglich waren, habe ich mich allein mit Akustikgitarre auf die Bühne gestellt. Diese Zeit war zwar total absurd, aber auch wichtig für mich. Ich hatte das Gefühl, sonst durchzudrehen, also habe ich jede Gelegenheit genutzt, wieder aufzutreten.

Was hat diese Phase mit dir gemacht?

Dave Collide: Die ersten Solo-Erfahrungen haben mir unglaublich viel gegeben. Nur ich, meine Gitarre und das Publikum, oft draußen, oft unter sehr speziellen Bedingungen. Dadurch entstand der Wunsch, mehr daraus zu machen. Später, 2022 und 2023, lief zwar auch wieder etwas mit Bike Age, aber der innere Antrieb war nicht mehr derselbe. Also habe ich mich entschieden, stärker alleine zu spielen und zu touren.

Du hast sogar eine Tour mit dem 9-Euro-Ticket gemacht? Wie kann ich mir das vorstellen?

Dave Collide: Ja, einen ganzen Monat lang bin ich mit der Bahn durchs Land gefahren und habe mir meine Gigs selbst organisiert. Das war extrem prägend. Es hatte etwas von einem Jakobsweg, allein unterwegs zu sein, viel Zeit zum Nachdenken zu haben. In diesem Monat hat sich für mich vieles sortiert. Ich habe gemerkt, was ich wirklich will und dass es grundsätzlich möglich ist, zumindest zu versuchen, von Musik zu leben.

War das der Punkt, an dem du dich klar für den Solo-Weg entschieden hast?

Dave Collide: Ja. Nach dieser Tour bin ich nach Hause gekommen und hatte tatsächlich Geld verdient. Kurz davor hatte ich meinen Job gekündigt und noch eine Kündigungsfrist vor mir. Das alles hat mir gezeigt, dass ich diesen Weg gehen will. Heute bin ich hauptsächlich solo unterwegs, ohne dass das für meine anderen Projekte ein Problem ist. Ich habe immer noch Zeit für Bands, wenn es passt.

Du bist in einer Position, von der viele Musiker träumen: Du verdienst mit Musik tatsächlich Geld. Gleichzeitig sagst du aber auch, dass du an mehreren Projekten beteiligt bist, wenn auch nur nebenbei. Dein klarer Fokus liegt also auf deinem Solo-Projekt. Glaubst du, dass man mehrere Projekte parallel mit der gleichen Intensität betreiben kann?

Dave Collide: Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube nicht, dass man drei oder vier Bandprojekte gleichzeitig mit derselben Energie nach vorne bringen kann. Und das ist auch völlig in Ordnung. Jeder Mensch hat Dinge, die er ausprobieren will. Ich bin selbst jemand, der hin und her springt: mal schreibe ich eine Akustikpop-Ballade, dann habe ich wieder Lust, einen Hardcore-Song zu machen und ins Mikro zu schreien. Diese Freiheit brauche ich.

Trotzdem gibt es Bands, deren Mitglieder parallel mehrere Projekte verfolgen, was mitunter zu Spannungen führen kann. Sollte man das vermeiden, oder ist das kreative Ausprobieren wichtig?

Dave Collide: Klar, das kann zu Spannungen führen. Ich finde aber, man sollte sich von niemandem einschränken lassen. Neues auszuprobieren gehört für mich persönlich zum Musiker-Sein dazu. Natürlich stecke ich nicht in jedes Projekt gleich viel Energie. In mein Solo-Projekt investiere ich deutlich mehr, weil ich damit gerade versuche, mir eine Basis aufzubauen, von der ich meine Miete bezahlen kann. Nicht, weil ich dort alleiniger Chef bin, sondern weil es im Moment mein Weg ist.

Hast du das deiner Band damals offen gesagt, so nach dem Motto: „Keine Sorge, ich bin nicht weg, ich mach nur kurz mein eigenes Ding“? Und wie kam das an?

Dave Collide: Ja. Bei Bike Age gab es phasenweise Spannungen. Es gab Vorwürfe, ich hätte keine Zeit mehr für die Band und würde nur noch mein Solo-Ding machen. Das hat Druck erzeugt, und dieser Druck war wirklich belastend.

Hat das was mit dir gemacht?

Dave Collide: Es gab eine Phase, in der ich tatsächlich Angst hatte, die Band verlassen oder auflösen zu müssen. Jedes Mal, wenn ich in den Proberaum kam, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Und das ist eigentlich absurd. Man sollte in eine Probe gehen, weil man Lust darauf hat. Wenn man ständig das Gefühl hat, Erwartungen nicht zu erfüllen, verliert ein Projekt seinen Spaßfaktor.

Gerade weil du als Songwriter ohnehin viel Verantwortung trägst.

Dave Collide: Genau. Mein Aufgabenpaket ist ohnehin groß, weil ich die Songs schreibe, Texte verfasse, Demos aufnehme. Das sind oft 20 oder 30 Stunden Arbeit zwischen zwei Proben. Diese Arbeit sieht aber niemand, weil man sich ja „nur“ einmal die Woche oder alle zwei Wochen im Proberaum trifft. Wenn mir dann vorgeworfen wird, ich würde nichts für die Band tun, fühlt sich das unfair an. Diese unsichtbare Arbeit wird oft unterschätzt.

Klingt fast wie Familie, oder? Ein bisschen Knatsch, ein bisschen Chaos und am Ende trotzdem Liebe.

Dave Collide: Das ist es auch. Eine Band ist wie eine Familie oder wie ein kleines Unternehmen. Unterschiedliche Charaktere treffen aufeinander, es gibt Streit, Missverständnisse und emotionale Phasen. Wichtig ist, dass man darüber spricht. Bei uns ist das mittlerweile geklärt. Aber diese Erfahrung hat mir auch gezeigt, wie wichtig es ist, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und sich nicht aus Schuldgefühlen heraus selbst zu blockieren.

Dave Collide: Punk, Politik und gesellschaftliche Haltung

Du bist im Punk-Genre zu Hause, also einer Szene, die seit jeher laut, unbequem und gesellschaftskritisch ist. Punk reagiert auf Missstände, auf Ungerechtigkeit, auf politische Schieflagen. Wenn du heute auf die aktuelle politische Entwicklung blickst, was macht das mit dir persönlich? Spürst du eher Wut, Angst, Ohnmacht, oder vielleicht auch den Drang, noch deutlicher Stellung zu beziehen?

Dave Collide: Angst vielleicht noch nicht, aber ich bin sehr aufmerksam und gespannt, was die nächsten Jahre bringen. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Man merkt, dass sich gesellschaftlich und politisch viel verschiebt, und das bleibt nicht folgenlos.

Spiegeln sich diese politischen und gesellschaftlichen Themen auch in deiner Musik wider?

Dave Collide: Ich glaube, ich habe so gut wie nie einen unpolitischen Song geschrieben. Ich bin in der Punk-Szene groß geworden, meine ersten Konzerte habe ich in besetzten Häusern, linken Zentren und soziokulturellen Einrichtungen gespielt. Sozialkritik, Gesellschaftskritik und Politik waren dort immer präsent. Das hat mich stark geprägt und ich bin da ganz selbstverständlich hineingewachsen.

Was bedeutet das konkret für dein Songwriting?

Dave Collide: Mir war es immer wichtig, meinen Texten einen Ausdruck zu geben, der über reine Befindlichkeiten hinausgeht. In Bands war Politik oft der gemeinsame Nenner, auf den sich alle einigen konnten. Persönliche Themen sind schwieriger, wenn vier oder fünf Leute beteiligt sind und man allen gerecht werden möchte. Deshalb habe ich lange vor allem über politische Themen geschrieben, über Krieg, globale Konflikte und Ungerechtigkeit.

Mit deinem Solo-Album Why Not? hat sich das geändert?

Dave Collide: Die Platte, die ich letztes Jahr veröffentlicht habe, war das erste Mal, dass ich mich wirklich frei gefühlt habe, sehr persönliche Dinge zu thematisieren. Es geht um meine eigene Entwicklung, meinen Schritt raus aus dem Job und rein in die Musik. Das hätte ich mich in früheren Bandkonstellationen so nicht getraut.

Punk gilt ja traditionell als politisches Genre. Trotzdem gibt es immer wieder Bands, die sagen, sie seien „unpolitisch“. Wie stehst du dazu?

Dave Collide: Ich glaube nicht, dass es unpolitische Bands gibt. Jeder Schritt auf eine Bühne ist ein politisches Statement, ob man das möchte oder nicht. Auch wenn sich eine Band als unpolitisch bezeichnet, transportiert sie Werte, Haltungen und Bilder. Das fängt bei Ästhetik an und hört bei dem auf, was auf und hinter der Bühne passiert.

Das heißt, selbst Verweigerung ist ein Statement?

Dave Collide: Wenn man sich hinstellt und sagt, man habe mit Politik nichts zu tun, ist das an sich schon politisch. Man signalisiert, dass man den Status quo akzeptiert. Das zieht wiederum Menschen an, die das genauso sehen. Insofern gibt es diese Neutralität aus meiner Sicht nicht.

Wünschst du dir von Bands manchmal, dass sie ihre Reichweite bewusster nutzen? 

Dave Collide: Ich erwarte keine politische Umerziehung nach einem Konzert. Niemand muss komplett verändert nach Hause gehen. Aber ich finde es schade, dass viele Bands ihre Reichweite nicht nutzen, um zumindest Haltung zu zeigen. Gerade auf großen Bühnen wäre da so viel möglich. Viele Musiker sind gute, intelligente Menschen, trauen sich aber nicht, das offen zu zeigen. Und das finde ich ehrlich gesagt verschenktes Potenzial.

Mir fällt immer wieder auf, dass gerade jüngere oder unbekanntere Bands oft kein klares Standing haben. Sie wollen Musik machen, aber wissen gar nicht so genau, wofür sie eigentlich stehen. Wie nimmst du das wahr?

Dave Collide: Ich sehe das ähnlich. Viele Bands haben Angst, Haltung zu zeigen. Dabei gehört das für mich zum Künstlersein dazu. Ich habe mir nie angewöhnt, Aussagen zu relativieren oder zurückzunehmen. Wenn ich etwas sage, dann meine ich das auch so und stehe dahinter. Ich habe mein Mundwerk unter Kontrolle und sage nur Dinge, die ich vertreten kann, auf der Bühne, in Interviews und in meiner Musik.

Glaubst du, diese Zurückhaltung hängt mit der Angst vor öffentlicher Kritik zusammen?

Dave Collide: Definitiv. Die Angst vor einem Shitstorm ist riesig, vor allem durch Social Media. Heute wird man unglaublich schnell abgestempelt. Aber meiner Erfahrung nach passiert das eigentlich nur dann, wenn man sich wirklich danebenbenimmt. Wenn man sich klar für etwas Korrektes positioniert, für Menschlichkeit oder eine bessere Welt, dann kann eigentlich nicht viel schiefgehen. Ich habe jedenfalls noch nie einen Shitstorm erlebt.

Trotzdem gibt es Fälle, in denen politische Haltung sehr reale Konsequenzen hat, bis hin zu Bedrohungen. Wenn man sich zum Beispiel ZSK anschaut. Hast du so etwas auch schon erlebt?

Dave Collide: In dem Ausmaß nicht. Da muss man differenzieren. Jemand wie Joshi von ZSK, der mit „Kein Bock auf Nazis“ ein riesiges politisches Projekt anführt, ist natürlich eine ganz andere Zielscheibe. Diese Initiative ist extrem präsent, leistet wichtige Aufklärungsarbeit und ist den Rechten ein Dorn im Auge. Dass da Bedrohungen entstehen, überrascht leider nicht.

Aber grundsätzlich kann doch jeder zum Ziel werden.

Dave Collide: Ja, das stimmt. Hass trifft leider viele, oft auch völlig unverschuldet. Trotzdem glaube ich, dass man sich davon nicht lähmen lassen darf. Man muss auch ehrlich einschätzen, in welcher Reichweite man sich bewegt. Wenn ich mich auf die Bühne stelle und klar gegen die AfD positioniere, dann habe ich damit kein Problem. Ich habe auch schon erlebt, dass Leute daraufhin den Raum verlassen haben. Das ist okay. Dann sind wir offensichtlich nicht auf einer Wellenlänge.

Du nimmst also in Kauf, Publikum zu verlieren?

Dave Collide: Absolut. Wenn jemand findet, Politik habe auf einem Konzert nichts zu suchen, dann ist das deren Meinung. Aber ich werde meine nicht dafür zurückhalten. Ich zwinge niemanden, mir zuzuhören. Wenn jemand geht, ist das für mich kein Verlust, sondern eine klare Linie.

Viele argumentieren ja mit Eskapismus und sagen, sie wollen Musik hören, um nichts von der Welt mitzubekommen.

Dave Collide: Dieses komplette Ausblenden, dieses „Ich schaue keine Nachrichten mehr“, ist wie der berühmte Vogel-Strauß-Moment. Das Problem verschwindet ja nicht, nur weil man nicht hinschaut. Im Gegenteil: Man kapselt sich ab, verliert den Überblick und rutscht eher in eine innere Schwere oder Gleichgültigkeit.

Für dich ist Informiertsein also eher entlastend als belastend?

Dave Collide: Ja. Natürlich sind Nachrichten oft schwer zu ertragen, weil man fast nur Schlechtes sieht. Aber sobald ich weiß, was auf der Welt passiert, habe ich das Gefühl, wieder einen Standpunkt zu haben. Wenn ich mich längere Zeit nicht informiere, habe ich eher das Gefühl, etwas aufholen zu müssen. Sobald ich wieder lese, recherchiere oder Podcasts höre, wird mein Kopf ruhiger. Eigentlich ist das Internet in diesem Zusammenhang ja etwas total Positives. Man kann sich informieren, man hat Zugriff auf unzählige Quellen und kann sich selbst ein Bild machen. Das bedeutet aber nicht, dass man nur eine Quelle konsumieren und alles andere pauschal als Lüge abstempeln sollte.

Wie gehst du persönlich mit Nachrichten um?

Dave Collide: Ich versuche, mir das bewusst zu dosieren. Wenn ich mir jeden Tag die Tagesschau oder die 20-Uhr-Nachrichten anschauen würde, würde ich irgendwann durchdrehen. Dann hätte ich seit Jahren gefühlt nur noch Krieg, Krise und Katastrophe. Natürlich ist zum Beispiel der Gaza-Krieg furchtbar, keine Frage. Aber es reicht mir, mich einmal pro Woche intensiver damit zu beschäftigen und zu schauen, was in den letzten Tagen passiert ist.

Bedeutet das, dass du klassische Nachrichtenformate meidest?

Dave Collide: Nicht grundsätzlich. Ich finde die öffentlich-rechtlichen Medien wichtig und richtig, und es ist gut, dass es sie gibt. Aber als einziges Nachrichtenportal würden sie für mich nicht funktionieren. Dafür ist mir das zu einseitig und zu dauerhaft belastend. Ich brauche die Möglichkeit, mir selbst Schwerpunkte zu setzen.

Diese Möglichkeit bietet dir vor allem das Internet?

Dave Collide: Genau. Wenn mich gerade interessiert, was in der Ukraine passiert, dann lese ich mich gezielt ein. Manchmal sitze ich stundenlang da, schaue Reportagen, durchforste Mediatheken oder lese Analysen zum Kriegsverlauf. Das finde ich auch spannend und wichtig. Aber irgendwann ist auch wieder gut. Der Krieg geht weiter, und in dem Moment kann ich konkret nichts daran ändern.

Das heißt, du ziehst bewusst eine Grenze?

Dave Collide: Ja. Ich sehe keinen Sinn darin, mich jeden Tag mit denselben schlimmen Nachrichten zu überfluten. Das macht einen nur mürbe. Das Gute am Internet ist, dass man diese Dosis selbst regulieren kann. Man kann informiert bleiben, ohne sich den Kopf dauerhaft vollzustopfen.

Hilft dir diese Herangehensweise auch künstlerisch?

Dave Collide: Absolut. Wenn ich Dinge kontrolliert aufnehme, kann ich sie besser verarbeiten, auch in Songs. Zu viel Input lähmt eher, während ein bewusster Umgang damit sogar kreativ sein kann. Für mich funktioniert das sehr gut.

Ich finde das ehrlich gesagt oft ziemlich gruselig. Als Redakteurin sehe ich ja auch, was gelesen wird und es ist erschreckend, wie stark sich Menschen auf das Extreme stürzen. Je grausamer eine Geschichte ist, desto besser läuft sie. Da muss jemand leiden, gemobbt werden, psychisch am Ende sein oder sogar sterben, damit geklickt wird. Positive oder konstruktive Nachrichten gehen dagegen fast unter. Das heißt, Sensationslust bestimmt stark, was Aufmerksamkeit bekommt.

Dave Collide: Ja, definitiv. Aber ich glaube auch, dass das nichts Neues ist. Der Mensch war schon immer sensationslustig. Früher waren es Kämpfe im Kolosseum oder öffentliche Hinrichtungen, heute sind es Klickzahlen und Schlagzeilen. Das Medium hat sich verändert, nicht unbedingt der Mensch.

Trotzdem leben wir doch in einer vermeintlich aufgeklärten, modernen Zeit. Passt das für dich zusammen? Biologisch und gesellschaftlich könnten wir viel weiter sein. Stattdessen tragen wir immer noch dieses Reptiliengehirn mit uns herum. 

Dave Collide: Und manche sehnen sich sogar trotzdem aktiv noch nach einer Rückkehr zu alten Strukturen. Zum Beispiel auf Seiten der AfD, die offen von einer konservativen Revolution sprechen. Da geht es darum, gesellschaftliche Entwicklungen zurückzudrehen und Menschen wieder in alte Rollen zu pressen. Für mich ist das völlig unvorstellbar. Wir leben in einer modernen Welt, und man kann diese Entwicklung weder sinnvoll zurückdrehen noch sollte man das wollen.

Was wäre aus deiner Sicht der richtige Weg?

Dave Collide: Solidarität. Nicht diskriminieren, nicht ausgrenzen, sondern anerkennen, dass viele dieser alten Gesellschaftsformen schon existiert haben und gescheitert sind. Zeiten, in denen Frauen hinter den Herd gehören und Männer allein entscheiden, sind vorbei. Zum Glück.

Das ist historisch betrachtet ja noch gar nicht so lange her.

Dave Collide: Eben. Frauenwahlrecht, Gleichberechtigung, all das ist noch relativ jung. Und trotzdem gibt es heute wieder Menschen, die das infrage stellen. Für mich ist das absolut unverständlich. Ich möchte auf keinen dieser Fortschritte verzichten.

KI, Social Media und die Zukunft der Musik

Lass uns den Blick etwas enger ziehen. Weg von der großen Weltlage, hin zu dir als Musiker. Was regt dich in deinem Alltag besonders auf?

Dave Collide: Ganz klar der Druck durch Social Media. Ich habe zum Beispiel TikTok wieder gelöscht. Zweimal sogar. Von Labels, Coachings und Seminaren hört man ständig: TikTok, TikTok, TikTok. Das sei der einzige Weg, um heute in der Musikbranche voranzukommen.

Und du siehst das anders?

Dave Collide: Total. Ich brauche TikTok nicht. Es ist nicht meine Zielgruppe und nicht meine Art, mich auszudrücken. Ich habe keine Lust, mich als Musiker mit Tänzchen oder irgendwelchen Trends zum Affen zu machen. Das bin ich nicht.

Nervt dich dieser Erwartungsdruck?

Dave Collide: Extrem. Man wird von allen Seiten bombardiert: Du musst das machen, du musst so auftreten, du musst sichtbar sein. Aber nein, muss ich nicht. Ich bin Musiker. Punkt. Und wenn ein Kanal nicht zu mir passt, dann lasse ich ihn weg.

TikTok folgt ja auch ganz eigenen Mechanismen und Zielgruppen. Das ist eine eigene Welt mit eigenen Regeln. Da funktionieren extreme Reize, viele Schnitte, viel Oberfläche. Und natürlich auch Dinge, die mit Aufmerksamkeit oder auch durch Sexualisierung arbeiten. Das ist einfach Fakt. Trotzdem heißt es oft, TikTok sei unverzichtbar, um Reichweite aufzubauen.

Dave Collide: Ja, das hört man ständig. Facebook und Instagram für den Freundeskreis, TikTok für die ganze Welt. Mag sein. Aber um dort zu funktionieren, muss man Dinge tun, auf die ich schlicht keine Lust habe. Und das ist für mich ein klarer Punkt: Wenn der Preis ist, mich zu verbiegen, dann mache ich es nicht.

Könnte es sein, dass Social Media manchmal dazu dient, fehlende musikalische Qualität zu kaschieren? Steile These von mir, ich weiß.

Dave Collide: Das ist nicht abwegig. Es gibt Künstlerinnen, Künstler oder Bands mit extrem starken Social-Media-Auftritten und beeindruckenden Zahlen. Aber die Songs sind dann einfach nicht so gut oder sprechen mich zumindest nicht an. Das muss nicht objektiv schlechte Musik sein, aber oft steht der Content stärker im Vordergrund als der Song selbst.

Und das spiegelt sich dann auch live wider.

Dave Collide: Ja. Viele haben hohe Klickzahlen, aber die Musik wird nicht gehört und die Leute kommen nicht auf die Konzerte. Für mich ist das der entscheidende Punkt. Ich will die Menschen vor der Bühne sehen, nicht nur Zahlen auf einem Bildschirm.

Streaming-Zahlen sind aber trotzdem wichtig, oder?

Dave Collide: Klar, für Konzertagenturen, Labels und Veranstalter sind Spotify, YouTube und solche Kennzahlen relevant. Das gehört heute dazu. Aber emotional ist mir das relativ egal. Ich bin in erster Linie Live-Musiker.

Was bedeutet dir das Live-Spielen?

Dave Collide: Alles. Der größte Spaß an dem, was ich tue, passiert auf der Bühne. Gerade jetzt auf Tour, wenn ich an den Wochenenden vor ein paar hundert Leuten stehe, Musik mache und danach am Merch-Stand mit den Menschen rede. Genau deshalb mache ich Musik.

Es geht dir also nicht um Verehrung oder Aufmerksamkeit?

Dave Collide: Überhaupt nicht. Es geht um dieses Gefühl, gemeinsam mit dem Publikum einen Moment zu schaffen, der einzigartig ist. Diese Atmosphäre, dieses Miteinander. Ich bin nach diesem Gefühl regelrecht süchtig.

Was genau erfüllt dich daran?

Dave Collide: Zu sehen, dass das, was ich mache, Menschen berührt. Dass sie nach Hause gehen und sagen: Das war ein richtig guter Abend, ich habe mich wohlgefühlt. Das ist der Kern von allem für mich.

Aber Studioarbeit und Produzieren gehören trotzdem auch dazu.

Dave Collide: Ja, das macht auch Spaß. Ich nehme auch viel zu Hause auf. Aber lebendig fühle ich mich wirklich nur auf der Bühne, in dieser direkten Verbindung mit Menschen.

Egal, wie groß das Publikum ist?

Dave Collide: Völlig egal. Ob 500 Leute oder zehn in einer kleinen Kneipe. Solange ich die Menschen erreiche und ihnen etwas mitgeben kann, erfüllt mich das.

Glaubst du, dass diese Live-Kultur in Zukunft gefährdet ist? Gerade mit Blick auf KI, Digitalisierung und sinkende Konzertverkäufe?

Dave Collide: Nein, das glaube ich nicht. Ich denke eher, das Gegenteil ist der Fall. Der Mensch wird immer Mensch bleiben und immer nach Zwischenmenschlichem suchen.

Also keine Angst vor einer rein digitalen Musikwelt?

Dave Collide: Nein. Wir verbringen ohnehin schon den ganzen Tag vor Bildschirmen. Gerade deshalb sehnen sich Menschen in ihrer Freizeit danach, echte Begegnungen zu erleben. Handgemachte Musik, echte Emotionen, echte Menschen.

Auch KI wird daran nichts ändern?

Dave Collide: Nein. Konzerte sind eine Form von Realitätsflucht. Das war schon immer so. Zumindest bei mir. Als Teenager auf Festivals, später als Ausgleich zum Job, egal ob der Alltag digital oder handwerklich ist. Diese Flucht aus dem Alltag wird es immer geben. Und solange das so ist, wird auch die Live-Szene nicht aussterben.

Und trotzdem beklagen sich einige über sinkende Ticketverkäufe. Viele führen das auf ein schwindendes Interesse an Live-Kultur zurück. Siehst du das genauso?

Dave Collide: Nein, ich glaube, das hat ganz andere Gründe. Inflation spielt eine riesige Rolle. Die Leute haben weniger Geld zur Verfügung, alles ist teurer geworden, und Konzerttickets sind in den letzten Jahren extrem im Preis gestiegen.

Das heißt, es ist eher eine Kostenfrage als eine Frage der Lust?

Dave Collide: Genau. Früher konntest du problemlos mehrere Festivals im Sommer mitnehmen und fast jedes Wochenende auf Konzerte gehen. Heute bist du bei einem großen Festival an einem Wochenende unfassbar viel Geld los. Für den Preis konntest du früher auf zwei oder drei Festivals gehen. Das verändert natürlich das Konsumverhalten, aber nicht die grundsätzliche Sehnsucht nach Konzerten.

Dann kommen wir nochmal zu meinem Lieblingsthema, das mich nachts wachhält: KI. Mir wird als Texterin ständig die Frage gestellt: „Hast du Angst, dass irgendwann nur noch Roboter-Texte die Welt überschwemmen?“ Wie siehst du das aus künstlerischer Sicht als Songwriter?  Eher Alarmstufe Rot oder mehr so „Roboter können ruhig mal die Reime übernehmen“?

Dave Collide: Ich glaube, egal ob Musik, Texte oder Videos, wir suchen immer nach einer emotionalen Komponente. Und die entsteht durch Menschen. Ein Text von dir oder ein Song von mir hat eine Seele, weil da Erfahrungen, Gedanken und Gefühle drinstecken. Ein KI-Text oder ein KI-Song hat das nicht.

Auch wenn das Ergebnis technisch perfekt wäre?

Dave Collide: Selbst dann nicht. Sobald ich weiß, dass etwas komplett von einer KI erschaffen wurde, verliert es für mich seinen Reiz. Ich würde mir keine KI-Band anhören, selbst wenn es die „krasseste Musik der Welt“ wäre. Ich will wissen, dass da Menschen dahinterstehen.

Du nutzt KI aber trotzdem punktuell, oder?

Dave Collide: Ja, absolut. Ich finde es auch nicht verwerflich, KI als Werkzeug zu nutzen. Aber nicht als Ersatz für Kreativität, sondern als Unterstützung. Auch in Studiosoftware ist inzwischen extrem viel KI drin, gerade beim Mastering. Da gibt es Tools, die dir mit ein paar Klicks einen Sound liefern, für den man früher einen Mastering Engineer gebraucht hätte.

Siehst du darin auch eine Gefahr für bestimmte Berufszweige?

Dave Collide: Ja, definitiv. Gerade für Menschen, die in Studios arbeiten und Bands aufnehmen, wird es schwieriger. Ich habe zum Beispiel meine letzten Songs komplett zu Hause aufgenommen. Für mich ist das gerade ein Segen, weil ich mir ein Studio schlicht nicht leisten könnte.

Für dich überwiegen also aktuell die Vorteile?

Dave Collide: In meiner Situation ja. Ich bin im Karriereaufbau, versuche, von meiner Musik zu leben, und ohne diese technischen Möglichkeiten wäre das kaum machbar. Entweder nutze ich diese Tools oder ich müsste einen Haken dran machen und zurück in meinen alten Job mit Stempeluhr gehen.

KI als Werkzeug, nicht als Ersatz für den Menschen?

Dave Collide: Genau so. Solange der Mensch im Mittelpunkt bleibt, kann Technik extrem hilfreich sein. Aber die Seele, die Verbindung und das Zwischenmenschliche kann sie nicht ersetzen.

Mehr zu Dave Collide findet ihr in den Socials.

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Mehr Soundcheck Sessions findet ihr auf der Website.

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Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

 


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4 Gedanken zu „Dave Collide: Politische Haltung als Teil einer musikalischen Biografie

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