Mit „About Life“ legt Sophia Wolz ein Debüt zwischen Soul, Pop und Jazz vor, das mit großer Stimme und klarer Vision mühelos mit den ganz Großen wie Adele mithalten kann. (Review)
Text: Mia Lada-Klein
Am 20. März erschien „About Life“, das Debütalbum von Sängerin Sophia Wolz. Zwölf Stücke, eingerahmt von Intro und Outro. Und je älter man wird, desto mehr weiß man genau solche Entscheidungen zu schätzen. Ein Anfang, ein Ende, ein klarer Rahmen.
Das Intro eröffnet diesen Rahmen mit Klavierklängen, leicht düster, wie es Klaviermusik nun einmal manchmal gerne ist. Unweigerlich setzt Kopfkino ein. Es erinnert an Filmmusik, ich denke an Filmszenen, die sich langsam vor meinem inneren Auge aufbauen. Und dann kommt diese Stimme.
Und hier lohnt es sich, kurz innezuhalten. Denn während man sich im digitalen Alltag regelmäßig durch eine Flut halbfertiger Gesangsversuche kämpfen darf, bei denen Enthusiasmus oft die fehlende Substanz ersetzen soll, steht hier plötzlich jemand, der schlicht singen kann. Nicht ein bisschen, nicht solide, sondern einfach bemerkenswert gut. Sophia Wolz bringt eine Stimme mit, die absolut herausragend ist.
Sophia Wolz: Zwischen Soul, Pop und großem Kino
Es dauert nicht lange, bis klar wird, in welche Richtung sich dieses Album bewegt. Songs wie „Run“ bewegen sich mühelos zwischen Pop, Soul und R&B. Die Arrangements sind durchdacht, die Dynamik stimmt, im Hintergrund bauen sich chorartige Elemente auf, die dem Ganzen eine fast cineastische Dimension verleihen. Es klingt nach großer Bühne.
Ich ertappe mich dabei, mich selbst ein wenig zu hinterfragen. Plötzlich schießen da Gedanken in meinen Kopf, Erinnerungen kommen hoch. Denn hier passiert etwas, das im besten Sinne selten geworden ist. Diese Songs gehen unter die Haut. Sie bohren sich regelrecht darunter und ich ertappe mich dabei, für einen Moment den Atem anzuhalten, wenn Sophia Wolz stimmlich in die Höhe geht. Und das ganz ohne kalkulierte Effekte, sondern mit handwerklicher Präzision.
Ein echtes Highlight folgt mit „Fusion“. Ein Song, der problemlos als Titeltrack für den nächsten James Bond Film durchgehen könnte. Die Verbindung aus Klavier und Stimme funktioniert hier auf einem Niveau, das man eher bei etablierten Größen erwarten würde. Es ist elegant, es ist kraftvoll. Chapeau!
Auch „Hello Again“ setzt eigene Akzente. Leicht poppig angelegt, mit einem Hauch Leichtigkeit, der an Urlaub erinnert, an Cocktails am Pool bei Sonnenuntergang. Irgendwo zwischen Nostalgie und Gegenwart erinnert der Song auch leicht an den Soundtrack von Dirty Dancing 2. Man sieht förmlich einen tanzenden Diego Luna vor sich. Cha cha cha. Songs, die solche Bilder hervorrufen, wirken fast wie Magie. Sie knüpfen an längst vergangene Momente an, holen Erinnerungen zurück, die schon leise verblasst waren, und lassen sie plötzlich wieder lebendig werden. Augenblicke, von denen man dachte, man hätte sie längst vergessen, tauchen wieder auf und machen spürbar, wie viele Geschichten und Gefühle sich im Laufe eines Lebens ansammeln.
Genau das gelingt Sophia Wolz auf eine ganz besondere, fast mühelose Weise. Ihre Musik öffnet eine Tür zu diesen Erinnerungen, als hätte sie einen Schlüssel gefunden, von dem ich selbst gar nicht mehr wusste, wo ich ihn verloren habe.
Und dann legt der Track noch einmal zu, das Klavier wird kräftiger und habe ich die Stimme eigentlich schon erwähnt? Die sollte nämlich definitiv erwähnt werden.
Mit dem „Kings & Queens Interlude“ schlägt das Album dann kurz eine andere Richtung ein. Synthesizer, ein dezenter elektronischer Einschlag. Kein Bruch, sondern eher ein bewusst gesetzter Akzent. Ein Moment zum Durchatmen, bevor es weitergeht.
Zwischen den Welten, irgendwo an der Hotelbar
Der darauffolgende Track „Kings & Queens“ führt zurück in ruhigere, jazzigere Gefilde. Man fühlt sich, als säße man an einer Hotelbar, irgendwo zwischen Melancholie und Erwartung.
„Pain Thing“ beginnt überraschend mit einer leicht verfremdeten, fast science-fictionartigen Klangästhetik. Verzerrte Elemente, die sich langsam auflösen und Platz machen für die Stärke des Albums: Die Stimme von Sophia Wolz. Ja, man kann es nicht oft genug wiederholen. Denn auch hier zeigt sich erneut, wie souverän sie zwischen verschiedenen Welten navigiert.
Was besonders auffällt, ist die Reife dieses Albums. Es klingt nicht wie ein vorsichtiges Herantasten, wie ein Ausprobieren, sondern wie das Werk einer Künstlerin, die genau weiß, was sie tut. Jeder Song hat eine Idee, eine Funktion, eine eigene kleine Besonderheit. Nichts wirkt zufällig.
Beim Track „Ocean (Relief)“ hat man das Gefühl, das Meer selbst mitzuhören. Das Rauschen der Wellen liegt am Ende des Songs wie eine Nachwirkung im Raum. Am besten funktioniert der Track mit Kopfhörern. Dieses Rauschen hat sich bei mir so stark eingebrannt, dass es mich bis in den Schlaf begleitet hat und ich es sogar in meinen Träumen noch wahrgenommen habe.
Den Schlusspunkt setzt ein Outro. Wieder Klavier, dieses Mal aber ohne Gesang und plötzlich merkt man, dass diese Reise tatsächlich endet. Wie schade!
Sophia Wolz: Mehr als nur ein Debüt
Sophia Wolz hat mit „About Life“ ein Debüt vorgelegt, das sich erstaunlich mühelos neben großen Namen einreihen kann. Zwischendurch drängen sich Vergleiche zu Künstlerinnen wie Adele auf. Und ohne es größer zu machen als nötig, Sophia Wolz könnte dort ohne Bruch danebenstehen, auch im Duett. Das ist keine Übertreibung. Diese stimmliche Qualität und künstlerische Klarheit sprechen für sich.
Was dieses Album aber trägt, ist nicht nur die stimmliche und technische Qualität, sondern vor allem die Konsequenz, mit der hier gearbeitet wird. Jede Idee wirkt durchdacht, nichts wirkt wie bloße Zierde. Die Songs sorgen für Gänsehaut, lassen Raum, um eigenen Gedanken nachzuhängen und überraschen immer wieder mit kleinen Specials.
Und Bewertungen sind ja oft auch eine heikle Angelegenheit, gerade wenn man regelmäßig Musik bespricht. Die berühmten zehn Punkte vergibt man nicht leichtfertig. In diesem Fall sind sie jedoch mehr als gerechtfertigt.
Zehn Punkte vergebe ich kaum. Für mich steht diese Wertung für etwas Lebensveränderndes. Ein großes Wort, ja, aber genau deshalb kann nichts zehn Punkte verdienen, das man ein paar Mal hört und das dann langsam im Alltag verblasst. Und dieses Album war und ist mein täglicher Begleiter und das seit über einem Monat.
Das Album von Sophia Wolz hat in mir Erinnerungen an andere Zeiten wachgerufen. Es hat mich dazu gebracht, über mein Leben nachzudenken, über das, was mir wirklich wichtig ist, und letztlich hat es mich dazu gebracht eine Entscheidung zu treffen, die ich viel zu lange vor mir hergeschoben habe. Und all das geschieht nicht durch große Gesten, sondern durch Klang, durch Melodien, durch eine Stimme, die etwas in Bewegung setzt, das sich kaum in Worte fassen lässt.
Subjektiv, aber aus Überzeugung geschrieben
Und wer jetzt meint, dass das alles subjektiv ist, hat recht. Jedes Review ist subjektiv. Der Unterschied ist nur, dass meine tatsächlich von mir geschrieben wurde und nicht von ChatGPT. Genau darin liegt ein wesentlicher Punkt.
Es ist also ganz klar meine Meinung. Ohne maschinellen Zusatz, ohne Zusammenkopieren aus Pressemitteilungen und austauschbaren Floskeln. Am Ende sollte ein Review genau das sein: persönlich, ehrlich und greifbar.
Denn echte Musik kann so vieles entfalten. Und wer nicht einmal bereit ist, wirklich zuzuhören und sich eine eigene Meinung zu bilden, sollte sich auch nicht äußern dürfen.
Mehr zu Sophia Wolz findet ihr in den Socials.
Mehr Interviews meines Formats “Soundcheck Sessions mit Mia” findet ihr auf der Website.
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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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Bisher unbekannt, Danke für den Tipp…