Sind gekaufte Follower illegal? Das sagt das Wettbewerbsrecht (UWG)

Follower-Zeichen in schwarz-weiß

Soundcheck mit Mia (Kolumne)

Gekaufte Follower, Scheinreichweite und Musikmagazine im Graubereich: Wenn Insta-Zahlen wichtiger werden als Inhalt, drohen nicht nur Imageprobleme, sondern auch rechtliche Konsequenzen nach dem UWG.

Text: Mia Lada-Klein

  • Gekaufte Follower erzeugen Scheinreichweite ohne echte Community oder inhaltliche Substanz
  • Künstlich aufgeblähte Zahlen können geschäftlich relevant werden und wettbewerbsrechtlich problematisch sein (UWG)
  • Für Bands und Szeneakteure entsteht ein Risiko durch falsche Wahrnehmung und mögliche Image- sowie Vertrauensverluste

Gekaufte Follower als potenziell irreführende geschäftliche Handlung (§ 5 UWG) 

Die Musikszene lebt von Leidenschaft. Zumindest sollte sie das. Von Menschen, die Konzerte besuchen, Interviews führen, Alben besprechen und Bands sichtbar machen, weil sie Musik wirklich lieben. Doch parallel dazu hat sich in den vergangenen Jahren ein Phänomen entwickelt, das immer stärker die Wahrnehmung innerhalb der Szene verzerrt: privat betriebene Musikmagazine, deren Bedeutung vor allem auf künstlicher Außenwirkung basiert.

Auf den ersten Blick wirken viele dieser Accounts beeindruckend. Hohe Followerzahlen, ständig neue Akkreditierungen, exklusive Interviews und ein professioneller Instagram-Auftritt suggerieren Relevanz. Für junge Bands sieht das oft nach wertvoller Arbeit aus. Doch hinter der Fassade bleibt häufig erstaunlich wenig übrig.

Denn Reichweite ist so eine Sache. Solange sie echt ist, kann sie Türen öffnen. Menschen erreichen. Tickets verkaufen. Diskussionen auslösen. Vielleicht sogar Bedeutung haben. Aber sobald sie hauptsächlich aus Bots, gekauften Followern und algorithmischer Kulisse besteht, wird aus Sichtbarkeit irgendwann bloß eine digitale Geisterstadt mit hübscher Beleuchtung.

Und dabei wird dann auch gerne vergessen oder sogar ausgeblendet, dass gekaufte Reichweite bzw. gekaufte Follower irgendwann auch in einen grauen Legalitätsbereich kippen können. Besonders dann, wenn künstlich aufgeblasene Zahlen plötzlich zur geschäftlichen Grundlage werden. Wenn Labels, Veranstalter oder Werbepartner Entscheidungen treffen, weil sie von echter Relevanz ausgehen. Dann ist die digitale Theaterkulisse plötzlich nicht mehr nur peinlich, sondern möglicherweise juristisch interessant.

Und Bands? Nun ja.

Dummheit schützt vor Strafe nicht.

Denn wer sich dauerhaft mit offensichtlich künstlichen Plattformen schmückt, sendet ebenfalls eine Botschaft aus. Nicht die gewünschte vielleicht, aber eine ziemlich deutliche: Hauptsache Sichtbarkeit. Hauptsache irgendein Interview. Hauptsache irgendein Logo repostet die neue Single zwischen KI-generierten Reviews und seelenlosen Copy-Paste-Fragen.

Warum echte Szenearbeit nicht käuflich ist 

Das Tragikomische daran: Die wirklich relevanten Menschen innerhalb der Musikbranche erkennen solche Konstrukte meistens erstaunlich schnell. Labels. Booker. Veranstalter. Journalisten. Sie sehen die leeren Kommentarspalten, die absurden Follower-Interaktions-Raten und die Texte, die klingen, als hätte ChatGPT nach drei Energy Drinks beschlossen, Musikredakteur zu werden.

Und genau dort liegt die eigentliche Ironie:
Je verzweifelter manche versuchen, Bedeutung zu simulieren, desto sichtbarer wird oft die eigene Bedeutungslosigkeit. Denn echte Szenearbeit hinterlässt Spuren. Echte Communities diskutieren. Echte Leser erinnern sich an Texte. Echte journalistische Arbeit braucht Haltung, Wissen und Persönlichkeit.

Sichtbarkeit ohne Wirkung 

Viele dieser “Magazine” besitzen aufgrund ihrer gekauften Followerzahlen kaum echte Communitybindung. Beiträge erhalten trotz hoher Followerzahlen nur minimale Interaktion, Kommentare wirken austauschbar oder wurden vom eigenen Team verfasst, Diskussionen finden praktisch nicht statt. Dazu hatte ich in meiner Kolumne 33 K und 100 Likes bereits geschrieben. 

33K Follower, 100 Likes – wirklich relevant?

Oft entsteht der Eindruck, dass die Zahlen größer sind als der tatsächliche Einfluss. Genau das macht gekaufte oder künstlich aufgebaute Reichweite so problematisch: Sie erzeugt Sichtbarkeit ohne Substanz.

Und genau diese fehlende Substanz merkt man häufig auch an der Qualität.

Viele Beiträge wirken oberflächlich, austauschbar oder nahezu identisch formuliert. Interviews bestehen oft aus denselben Standardfragen, die keinerlei echte Auseinandersetzung mit der Musik erkennen lassen. Reviews bleiben nicht selten bei generischen Aussagen wie „druckvolle Riffs“, „intensiv“ oder „mitreißender Sound“, ohne musikalisch oder inhaltlich wirklich in die Tiefe zu gehen.

Wo Inszenierung wichtiger wird als Musik 

Gerade kleinere Bands merken häufig gar nicht, dass sie am Ende lediglich Teil einer Content-Maschinerie geworden sind und die Reichweite, die sie sich wünschen niemals bekommen, denn wo nichts ist außer Schein, ist nichts zu holen. 

Für manche dieser “Magazine” steht nicht die Szene im Mittelpunkt, auch wenn das gerne behauptet wird, sondern die eigene Inszenierung:

  1. Akkreditierungen als Statussymbol.
  2. Backstagebilder als soziale Währung.
  3. Interviews als Beweis vermeintlicher Relevanz.
  4. KI-generierte Reviews, die letztlich nichts aussagen. Hauptsache positiv bewertet, damit die Band den Beitrag auch ja teilt und kostenlose Werbung für das Medium macht. 
  5. Oder oberflächliche Fragen im Beitragsfeed wie: ‚Welche Stars habt ihr schon getroffen?‘ Es ist ziemlich offensichtlich, was hier als wirklich wichtig erachtet wird.

Die eigentliche Arbeit gerät dabei zunehmend in den Hintergrund.

Wenn Support zum Imageschaden wird 

Für Bands entsteht dadurch ein Problem, das oft unterschätzt wird. Viele freuen sich zunächst über jede Form von Aufmerksamkeit. Verständlicherweise. Gerade kleinere oder unabhängige Künstler hoffen auf Reichweite, neue Hörer und Sichtbarkeit. Doch Support ist nicht automatisch wertvoll, nur weil er existiert.

Ein Interview bringt wenig, wenn es niemand liest.
Eine Review bringt wenig, wenn keine echte Community dahintersteht.
Ein Beitrag bringt wenig, wenn die Reichweite hauptsächlich aus Bots, Karteileichen oder desinteressierten Accounts besteht.

Mehr noch: Auf Dauer kann die falsche Art von Support sogar dem eigenen Image schaden.

Denn auch innerhalb der Szene beobachten Labels, Veranstalter, Medien und andere Bands sehr genau, mit wem man sich umgibt. Wer wahllos jedes noch so fragwürdige Magazin teilt, signalisiert oft vor allem eines: dass Quantität wichtiger erscheint als Qualität.

Gerade ernstzunehmende Künstler sollten deshalb lernen, zwischen echter Szeneunterstützung und bloßer Selbstvermarktung zu unterscheiden.

Wichtige Fragen wären etwa:

  • Gibt es echte Interaktion innerhalb der Community?
  • Werden Inhalte tatsächlich gelesen und diskutiert?
  • Beschäftigt sich das Magazin ernsthaft mit Musik?
  • Sind Interviews individuell vorbereitet?
  • Haben Texte Qualität?
  • Existiert überhaupt eine erkennbare Haltung oder Linie?

Denn Reichweite ohne Glaubwürdigkeit bleibt letztlich bedeutungslos.

Die Entwertung der Szene  

Besonders problematisch wird die Entwicklung, weil soziale Medien große Zahlen automatisch belohnen. Ein Magazin mit 50.000 Followern wirkt zunächst relevanter als eines mit 2.000, selbst wenn letzteres deutlich engagiertere Leser besitzt. Genau diese Logik führt dazu, dass künstlich aufgeblähte Accounts oft mehr Aufmerksamkeit erhalten als kleinere Magazine mit echter journalistischer Arbeit.

Das verzerrt nicht nur die Wahrnehmung innerhalb der Szene, sondern entwertet langfristig auch die Szene selbst.

Denn wenn Interviews nur noch Content sind, Reviews nur noch SEO-Material und Reichweite wichtiger wird als Qualität, verliert Musikberichterstattung ihren eigentlichen Zweck: kulturelle Einordnung, kritische Auseinandersetzung und echte Begeisterung für Kunst.

Natürlich gibt es weiterhin viele unabhängige Magazine, Blogs und Redakteure, die mit enormem Einsatz hochwertige Arbeit leisten. Oft ohne große Einnahmen, ohne künstliche Zahlen und ohne strategische Selbstinszenierung. Gerade diese Projekte tragen die Szene häufig deutlich nachhaltiger als Accounts, die vor allem von Algorithmen leben.

Und genau deshalb lohnt sich für Bands ein genauer Blick.

Nicht jede Aufmerksamkeit ist gute Aufmerksamkeit.
Nicht jede Reichweite ist echte Reichweite.
Und nicht jedes “Magazin” besitzt automatisch Relevanz, nur weil die Zahlen danach aussehen.

Langfristig werden Bands meistens dort ernst genommen, wo auch ihre Umgebung ernst genommen wird. Wer versteht, wie oberflächliche Social-Media-Mechanismen funktionieren, kann bewusster entscheiden, welche Unterstützung tatsächlich einen Mehrwert bietet und welche lediglich den Eindruck von Bedeutung verkauft.

Wenn Zahlen plötzlich Konsequenzen haben  

Denn echte Szenearbeit erkennt man selten an den lautesten Zahlen.
Sondern daran, ob hinter den Beiträgen tatsächlich Menschen stehen, die Musik verstehen, einordnen und wirklich etwas beitragen wollen.

Und es darf nicht vergessen werden, dass gekaufte Follower die Grenze der Legalität etwas schrammen. 

Das Kaufen von Followern ist in Deutschland nicht grundsätzlich verboten. Strafrechtlich ist der reine Kauf künstlicher Reichweite zunächst kein klar geregelter Tatbestand. Problematisch wird es jedoch dort, wo die aufgeblähte Reichweite geschäftlich genutzt wird. Das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) verbietet irreführende geschäftliche Handlungen. Wer also durch manipulierte Zahlen eine größere Bedeutung oder Reichweite suggeriert, könnte sich rechtlich in einem sensiblen Bereich bewegen und auf Dauer könnte das ein Fall für Juristen werden. Viel Spaß dabei. 

@miasraum

Weitere Artikel zum Soundcheck mit Mia findet ihr auf dieser Website.

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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

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