Breaking News: Ich habe gelebt und nichts gepostet (Social-Media-Detox)

Schmetterling in schwarz-weiß, umgeben von weißen Wolken auf schwarzem Grund

Ein persönlicher Blick auf meinen Social-Media-Detox, digitale Abhängigkeit und die Freiheit, wieder ein Leben zu führen, das keine Likes braucht.

Text: Mia Lada-Klein

Mias WhatsApp Kanal

Der kleine Entzug vom digitalen Wahnsinn

Ich musste mich eine Weile zurückziehen. Und nein, ich musste es nicht erst ankündigen mit einer Pressemitteilung an meine Follower und auch nicht mit einem Schwarzweißfoto, auf dem ich bedeutungsschwanger aus einem Fenster schaue. Ich habe einfach aufgehört, ständig auf digitalen Plattformen herumzuwandeln. Es gab davor keinen Abschiedspost mit den Worten „Wir sehen uns, wenn es sich wieder richtig anfühlt“. Ich war einfach weg.

Ein kleiner Entzug sozusagen. Social-Media-Detox.

Einfach mal raus aus diesem digitalen Irrenhaus und wieder bei mir ankommen.

Denn diese Plattformen fressen einen auf, wenn man nicht aufpasst. Sie nehmen sich erst ein bisschen Aufmerksamkeit, dann ein bisschen Zeit, dann ein bisschen Selbstvertrauen und irgendwann sitzt man da und fragt sich, warum man eigentlich seit 40 Minuten einem Menschen dabei zusieht, wie er seine Küche umräumt, obwohl man ihn nicht kennt und sich auch nicht besonders für seine Küche interessiert.

Das Verrückte daran ist, dass wir diesen Zustand längst normalisiert haben.

Wir nennen es Unterhaltung. Wir nennen es Information. Wir nennen es Austausch. Wir nennen es Networking. Wir nennen es Inspiration.

Man könnte es auch einfach Beschäftigungstherapie nennen.

Die Lüge: „Ich habe das alles im Griff“

In meinem Umfeld gibt es einige Menschen, die überzeugt davon sind, gegen diesen Wahnsinn immun zu sein. Sie sagen, sie würden Social Media ja gar nicht ernst nehmen. Sie seien schließlich nur wegen ihrer engen Freunde dort. Sie hätten das alles unter Kontrolle. Sie könnten jederzeit aufhören. Sie fänden das Ganze eigentlich sogar ziemlich lustig.

Ich habe da so meine Zweifel.

Meine Vermutung ist, dass sich viele Menschen damit selbst belügen. Denn wenn man wirklich immun wäre, müsste man nicht ständig die Apps öffnen. Und natürlich kann man sich einreden, dass man die Plattformen benutzt und nicht umgekehrt. Man kann sich sagen, dass man nur kurz schaut. Nur mal eben. Nur fünf Minuten. Nur, um zu sehen, was passiert ist.

Und plötzlich ist eine Stunde weg.

Aber immerhin weiß man jetzt, was irgendein Mensch gegessen hat, welche drei Dinge eine Influencerin morgens für ihre „Selfcare Routine“ benutzt und warum ein Fremder im Internet der Meinung ist, dass Männer unbedingt um 3:30 Uhr aufstehen müssen, um ihr volles Potenzial zu entfalten.

Das ist doch auch etwas.

Wir sind keine Nutzer mehr

Ich glaube inzwischen, dass die Vorstellung, man habe diese Apps einfach „im Griff“, ziemlich bequem ist. Denn vielleicht wollen wir gar nicht sehen, wie sehr sie uns beeinflussen. Vielleicht ist es angenehmer, sich selbst als souveränen Nutzer zu betrachten, der gelegentlich ein bisschen scrollt, als sich einzugestehen, dass man längst Teil eines Systems geworden ist, das genau darauf ausgelegt ist, möglichst viel von einem zu bekommen.

Aufmerksamkeit ist schließlich das Geschäftsmodell.

Je länger wir bleiben, desto besser.

Je häufiger wir zurückkommen, desto besser.

Je emotionaler wir reagieren, desto besser.

Und wenn wir dabei ein bisschen wütender, neidischer, unsicherer oder einsamer werden, ist das zumindest aus Sicht des Algorithmus kein Problem.

Im Gegenteil.

Ein Mensch, der zufrieden sein Handy weglegt, ist für eine Plattform ungefähr so interessant wie ein Kunde, der einen Laden betritt, nichts kauft und zufrieden wieder nach Hause geht.

Der Mensch als kleine öffentliche Aktie

Besonders absurd wird es bei der sozialen Bewertung. Wir veröffentlichen etwas und warten auf Herzen. Wir schreiben etwas und warten auf Reaktionen. Wir zeigen unser Essen, unseren Urlaub, unsere Arbeit, unsere Beziehungen, unsere Wohnungen, unsere Ausflüge, unsere Körper und manchmal sogar unsere Trauer.

Alles wird potenziell zu Content.

Und plötzlich wird aus dem eigenen Leben eine Art Aktiengesellschaft, deren Kurs täglich anhand kleiner roter Herzchen bewertet wird.

Ein guter Tag ist dann nicht mehr unbedingt ein guter Tag.

Ein guter Tag ist ein Tag, der sich gut posten lässt.

Ein schöner Urlaub ist nicht mehr nur schön.

Er muss auch beweisen, dass man einen schönen Urlaub hatte.

Und selbst das vermeintlich Authentische wird inzwischen produziert. Wir filmen unsere Unperfektheit, bearbeiten unsere Verletzlichkeit und veröffentlichen unsere spontanen Gedanken nach sorgfältiger Auswahl.

Das ist schon fast wieder Kunst.

Nur leider keine besonders gute.

Was passiert beim Social-Media-Detox, wenn niemand zuschaut?

Als ich mich zurückgezogen habe, ist etwas Merkwürdiges passiert. Ich hatte plötzlich wieder mehr Zeit. Und noch schlimmer: Ich hatte wieder mehr Gedanken. Gedanken, die nicht sofort von irgendeinem Video unterbrochen wurden.

Ich habe angefangen, mich wieder stärker mit meinen eigenen Gedanken und Gefühlen auseinanderzusetzen. Ich habe mich weniger verglichen. Ich war besser drauf. Ich habe mich stärker auf mich selbst konzentriert.

Und irgendwann habe ich gemerkt, wie frei Denken eigentlich sein kann, wenn einem nicht alle paar Sekunden jemand erklärt, was man gerade denken, fühlen, kaufen oder über sich selbst denken sollte. Das war fast schon unheimlich. Denn plötzlich war da wieder Platz.

Social-Media-Detox: Das Leben findet erstaunlicherweise auch offline statt

Und während ich offline war, ist mein Leben nicht stehen geblieben. Im Gegenteil.

Ich habe Texte geschrieben, die nach und nach veröffentlicht werden. Ich habe an einem Buch gearbeitet. Ich habe mich auf meinen Job konzentriert. Ich habe Interviews geführt. Ich schreibe inzwischen für ein neues Magazin. Weitere Schreibaufträge sind dazugekommen. Demnächst erscheint sogar eine Titelstory von mir. Ich war also ziemlich umtriebig. Nur musste ich es nicht jeden Tag dokumentieren. Niemand musste sehen, dass ich gearbeitet habe. Niemand musste mir dafür ein Herz geben. Niemand musste kommentieren, dass ich „so inspirierend“ sei „empfindlich“ oder „zu kritisch“. Und der vielleicht angenehmste Teil daran: Ich konnte einfach etwas machen, ohne jegliche Bewertung, weder positiv noch negativ. 

Aufmerksamkeit ist gar nicht das Problem

Aber versteht mich nicht falsch. Natürlich wollen Menschen gesehen werden. Ich auch. Das ist nichts Ungewöhnliches und auch nichts Verwerfliches. Wir sind soziale Wesen. Wir wollen Anerkennung, Nähe und Verbindung. 

Ich hatte während dieser Zeit aber genug echte Aufmerksamkeit.

Ich hatte Menschen um mich, mit denen ich reden konnte. Menschen, die mir tatsächlich gegenübersaßen. Menschen, die mich angeschaut haben, ohne dass dafür ein Bildschirm zwischen uns lag. Ich konnte Menschen ansehen. Und sie konnten mich ansehen. Ganz ohne Frontkamera. Ganz ohne Filter. Ganz ohne Kommentarspalte. Das ist inzwischen fast schon radikal.

Vielleicht brauchen wir nicht mehr Resilienz, sondern mehr Ehrlichkeit

Ich finde es deshalb auch schwierig, wenn Menschen behaupten, sie seien besonders resilient gegenüber Social Media. Vielleicht sind sie das. Vielleicht auch nicht.

Vielleicht wäre es auch einfach ehrlicher zu sagen: Diese Apps tun mir nicht gut und ich will sie nicht nutzen. Ich habe nämlich schon gehört, ich bräuchte mehr Resilienz, weil mich die Apps mit der Zeit extrem genervt haben und ich mich ständig darüber aufgeregt habe. Aber das greift zu kurz. Denn ein toxisches Umfeld wird nicht weniger toxisch, nur weil ich resilient genug bin, mich ihm weiterhin auszusetzen. Ich werde ja auch nicht immun gegen Gewalt, nur weil ich gelernt habe, sie besser auszuhalten.

Ich glaube auch nicht, dass besonders viele Menschen wirklich immun gegen diese Mechanismen sind. Wir sind nicht stärker als Systeme, die von Psychologen, Datenanalysten, Entwicklern und ganzen Unternehmen darauf optimiert wurden, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange festzuhalten.

Wir sind Menschen.

Keine algorithmischen Superhelden.

Und es ist auch gar kein Zeichen von Stärke, sich einzureden, dass man jederzeit aufhören könnte. Es ist ein Zeichen von Stärke, tatsächlich aufzuhören, wenn man merkt, dass einem etwas nicht gut tut. 

Vielleicht sind es gerade diejenigen, die einem vorwerfen, zu empfindlich zu sein, diejenigen, die sich selbst etwas vormachen. Vielleicht fällt es ihnen leichter, mir zu sagen, ich sei zu sensibel, als den eigenen Umgang mit diesen Apps zu hinterfragen. Vielleicht wollen sie ihren eigenen Schatten nicht sehen und sagen lieber mir, was mit mir nicht richtig ist.

Social-Media-Detox: Plötzlich braucht man keine Likes mehr

Das Schönste an diesem kleinen digitalen Entzug war deshalb nicht einmal, dass ich weniger am Handy war. Es war, dass ich irgendwann vergessen habe, dass ich etwas hätte posten können. Ich habe gearbeitet und es war mir egal, ob jemand davon wusste. Ich habe geschrieben und musste nicht sofort zeigen, dass ich geschrieben habe. Ich habe mich mit Menschen getroffen und musste keinen Beweis dafür produzieren, dass ich ein soziales Leben besitze. Ich hatte Dinge, die mir etwas bedeutet haben. Und das reichte.

Und das ist auch die eigentliche Freiheit.

Nicht unbedingt, komplett aus dieser digitalen Welt zu verschwinden.

Sondern festzustellen, dass man ein Leben hat, das auch dann stattfindet, wenn niemand zusieht. Ein Leben, das keine Likes braucht, um passiert zu sein.

Und Menschen, deren Augen mehr zählen als irgendein kleiner roter Herzbutton. 

Menschen, die zuhören, die mich nicht analysieren, nichts in meine Posts oder Aussagen hineininterpretieren, mir nicht erklären, wie ich bin, obwohl sie mich kaum kennen. 

Das ist für mich inzwischen deutlich mehr wert als jede noch so große digitale Aufmerksamkeit.

Mehr Soundchecks mit Mia findet ihr auf meiner Website.

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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.


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6 Gedanken zu „Breaking News: Ich habe gelebt und nichts gepostet (Social-Media-Detox)

  1. Wenn einem jemand sagt, man sei „zu empfindlich“, klingt das irgendwie nach Gaslighting und nach einer Bewertung, die kein Mensch braucht. Wer definiert denn bitte, wann jemand „zu empfindlich“ ist? Bin voll bei dir: Einfach mal bei sich selbst anfangen, bevor man das Leben anderer Leute auseinandernimmt.

  2. Liebe Mia,
    was soll ich noch sagen? Wie immer hervorragend. Wie du weißt, erging es mir ähnlich.
    Liebsten Dank für deine Erkenntnis, für dein Leben (im besten Sinne) und für deine Mühe, uns alles vorzuhalten.

    1. Danke fürs Lesen und für deine Zeit. Und ja, ich kenne deine Geschichte und fand schon immer, du machst es richtig. Danke auch für deine Zeit, die du dir in Zukunft zum Lesen meines Buchs nehmen wirst. Ich freue mich auf deine Meinung.

  3. Menschen reden sich ihren eigenen Social-Media-Konsum schön, weil sie sich die Wahrheit darüber nicht eingestehen wollen. Es geht ums Gesehenwerden, um Aufmerksamkeit, Selbstdarstellung, Bewertung, Bestätigung und darum, anderen ungefragt die eigene Meinung um die Ohren zu hauen. Für manche ist es sogar ne Datingplattform. Wer behauptet, er sei davon völlig unabhängig und nutze das alles nicht deswegen, belügt sich doch selbst. Das ist verlogen und Selbstbetrug. Gut auf den Punkt gebracht.

  4. Ich habe mich gerade voll über deinen Text gefreut und zwischendurch immer mal wieder geschaut, ob es etwas Neues gibt. Ich freue mich auf alles, was hier textlich noch kommt und natürlich auch auf die Interviews. Ich kann dir bei vielem nur zustimmen und würde sogar noch einen Schritt weitergehen, Mia. Wer mit über 35 noch täglich seine Zeit auf solchen Plattformen verbringt, sollte sich vielleicht wirklich einmal fragen, was im eigenen Leben eigentlich so schiefgelaufen ist.

    1. Liebe Nicole, vielen Dank für deine Worte, das freut mich wirklich sehr zu lesen. Ja, ich werde hier definitiv wieder mehr schreiben. Zu deiner Ansicht: Ich mag es, wenn jemand Dinge klar und direkt ausspricht. Kein Herumdrucksen, kein „Man könnte vielleicht eventuell darüber nachdenken“, einfach raus damit. Go on, girl!

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