Das Ackerfest Open Air steht bevor – am 23. und 24. August findet das zweitägige Festival statt. In diesem Jahr sind Engst und Jack Pott die Headliner, unterstützt von Bands wie Awesome Scampis, Polaroit, Joking Aside und vielen weiteren. Wir wollten einen genaueren Blick hinter die Kulissen des Festivals werfen und haben dazu mit dem Vorstandsvorsitzenden Sebastian Niehoff gesprochen. In unserem Gespräch ging es nicht nur um das Festival selbst, sondern auch um Musik und die Arbeit der Vereinsmitglieder, die sich dafür einsetzen, die Kulturlandschaft im Landkreis zu bereichern und Kultur für alle zugänglich zu machen.

Hallo Sebastian. So, jetzt kennen wir deinen Namen. Am besten ist es aber, wenn du selbst mal sagst, wer du bist und was du machst.
Ich bin Sebastian und ich bin seit 2014/2015 beim Ackerfest Open Air dabei, weil ich auch hier im Landkreis wohne. Ich bin jetzt im sechsten Jahr Vorstandsvorsitzender des Festivals. Das kam durch meine Frau, die schon länger aktiv ist. Sie kümmert sich um unseren Merchandise und alles, was mit Werbung zu tun hat, also Social Media und Printmedien.
Was ist das Ackerfest Open Air genau?
Das Ackerfest ist eine ehrenamtliche Veranstaltung. Es wird von 25 ehrenamtlichen Planungsmitgliedern das ganze Jahr über organisiert, mit vielleicht mal einem Monat Pause zwischendurch. Jedes Jahr helfen etwa 80 ehrenamtliche Helfer beim Festival mit, und es gibt ungefähr 100 Vereinsmitglieder, die entweder aktiv mitplanen und anpacken oder als Fördermitglieder finanziell unterstützen. Seit 1999 ist das Ackerfest kostenlos, auch das Camping ist frei. Wir achten darauf, dass Getränke und Merchandise bezahlbar bleiben. Unser Ziel ist es, die Kulturlandschaft im Landkreis zu bereichern und Kultur für alle zugänglich zu machen. Dieses Jahr wird das Ackerfest zum ersten Mal barrierefrei ausgebaut.
Wie kann ich mir das Ackerfest vorstellen? Ist das wirklich auf einem Acker?
Ja, es ist tatsächlich auf einem Weizenacker. Den barrierefrei zu machen, war eine riesige Herausforderung und hat viele Planungsstunden erfordert. Zusätzlich unterstützen wir aber auch viele weitere Projekte und organisieren Konzerte in der Gegend, die wir Ackersessions nennen. Diese Konzerte sind im Bereich Rockmusik und die Erlöse werden komplett gespendet.

Das nächste Ackerfest Open Air findet im August statt?
Genau, am 23. und 24. August. Das Festival geht über zwei Tage.
Ich nehme an, ihr habt das jetzt ein ganzes Jahr lang geplant?
Richtig.
Wie sieht es mit der Musik aus? Auf dem Festival treten Bands auf. Wie wählt ihr die Bands für euer Festival aus?
Das ist tatsächlich nicht spektakulär. Unsere Struktur ähnelt einem Baukastenprinzip. Wir haben eine Abteilung, die sich um die Bands kümmert. Die suchen über das Jahr hinweg Bands. Es bewerben sich aber auch sehr viele Bands bei uns. Ich glaube letztes Jahr waren es 600 Bandbewerbungen, dann haben wir gesagt STOP. Die kamen dann auch über zwei Wochen rein. Dann wird im Vorfeld ausgesiebt und wir schauen, wer passen könnte. Die Bands werden im Planungsteam vorgestellt und wir hören uns das dann an. Wenn jemand komplett gegen eine Band ist, sprechen wir natürlich darüber und buchen sie nicht, aber oft passt es. Wir achten auf eine gute Mischung aus Bands, z.B. wie viele Female Fronted Bands wir haben oder Bands mit einem Sänger. Dann schauen wir, wie die Band politisch positioniert ist, da wir keine rechten, linken oder homophoben Bands haben wollen. Und das letzte Kriterium ist natürlich auch der Preis der Band.
Am Ende geht es natürlich auch darum. Ein wichtiger Faktor. Aber jetzt mal ganz direkt. Ich habe ja auch eine Band. Meine Jungs sind Untamed. Ist eine Rockband, die ich unterstütze. Wie würde es jetzt aussehen, wenn meine Jungs sich bei euch bewerben wollen würden? Was müssten wir tun?
Einfach auf unsere Homepage gehen, auf den Reiter “Bandbewerbung” klicken. Da ist eine E-Mail hinterlegt, an die ihr die Bewerbung schicken könnt. Am besten mit Live- und Tourmaterial.
Wann beginnt die Bewerbungsphase für das Festival 2025? Läuft die schon?
Das geht direkt nach dem Festival los, also Anfang September. Die Bewerbungsphase wird zwei bis vier Wochen offen sein.
Wie sieht es bei euch mit Werbung aus? Wie macht ihr auf euch aufmerksam? Arbeitet ihr mit Sponsoren oder Supportern oder Promotoren zusammen?
Eine professionelle Promoting-Firma haben wir nicht engagiert. Das liegt aber auch daran, dass wir kein Ticketing brauchen. Meistens ist das ja miteinander verwebt. Alles, was Online-Werbung betrifft, machen wir selbst. Für Printmedien arbeiten wir mit zwei regionalen Druckereien zusammen. Aber das Printgeschäft an sich machen wir trotzdem selber, also Aushänge, Plakate anbringen, Flyer verteilen, mit Menschen sprechen, Infostände etc.
So richtig old school also. Es gibt eben diese Dinge, die online einfach nicht funktionieren. Menschen ansprechen, mit Menschen reden, das geht eben nur direkt am besten.
Ja, absolut.
Wie lange macht ihr das schon? Das wievielte Fest ist es jetzt? In den letzten Jahren war ja auch ein bisschen was los.
Mit der Corona-Pause kann ich es gar nicht genau sagen, aber ich glaube tatsächlich, dass wir dieses Jahr bei 24 sind.
Also nächstes Jahr dann 25. Wow, Mia, du kannst zählen. Habt ihr dann was Großes geplant?
Das darf ich doch nicht sagen.
Erwischt. Aber einen Versuch war es wert. 🙂 Okay, bleiben wir in diesem Jahr, denn das Festival in diesem Jahr steht ja bevor. Wie viele Bands treten in diesem Jahr auf?
Dieses Jahr sind es 11 Bands. Als Headliner haben wir in diesem Jahr Engst und Jack Pott. Engst spielt am Freitag, Jack Pott am Samstag. Dann noch Awesome Scampis, Polaroit, Abandoned in Destiny, Igel vs Shark, Bad Assumption, Kochkraft durch KMA, Joking Aside, MKS, Achtgroschen Bande.
Alles richtig. Ich habe eben mal auf den Flyer gelinst. Aber jetzt ohne Spaß, kommen wir mal zu einem Punkt, den wir eben schon kurz angerissen haben. Die Gage. Wie sieht es da aus? Wenn jetzt eine Band kommt und sagt, sie wollen ein paar Tausend Euro haben, wie sieht es da aus?
Es ist ja immer so, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmen muss. Ab einem gewissen Preis schaut man natürlich nochmal genauer hin. Ich sage es mal so: wenn eine regionale Band zu uns kommt und bei uns spielen will, dann ist das natürlich was anderes, weil wir die Region ja auch fördern wollen. Da geben wir gerne Unterstützung. Aber wir geben ja auch sonst gerne. Wenn man sich die Headliner dieses Jahr anschaut, also Engst, das ist schon eine Band, die natürlich ihren Preis hat, aber die bringen auch ihre Gäste mit und machen eine super Stimmung. Die sind nicht umsonst Profis. Die schaffen es, dass das Publikum mitgeht und das ist das, was wir uns für die Gäste wünschen.
Wenn wir jetzt über Gage sprechen, stelle ich mal eine ganz laienhafte Frage: Denkst du, man kann sich als Band auch unter Wert verkaufen? Du hast eben von Preis-Leistungs-Verhältnis gesprochen. Kann man sich als Band auch unter Wert verkaufen? Kam mir eben so in den Sinn.
Ich denke, sowas muss eine Band immer zunächst für sich festlegen. Für welchen Betrag sie spielen wollen. Da würde ich auch nicht reinreden. Ich bin nicht der Mensch, der ihnen sagt, wie sie sich verkaufen sollen. Auf der anderen Seite ist es so, dass der Band, wenn sie bei uns spielt, es an nichts fehlen wird. Wir sorgen dafür, dass sie in einem Hotel unterkommen. Bei uns gibt es Essen und Trinken for free, das sollte auch Standard sein. Sie bekommen alles, was sie brauchen. Zum Beispiel im letzten Jahr fehlte jemandem eine Zahnbürste, da sind wir losgefahren und haben ihm diese besorgt.
Das ist aber mega süß.
Ja, so ist das. Wenn die Leute dann hier sind, sind wir alle eine große Familie und so verhalten wir uns auch gegenüber den Bands. Natürlich ist das auch ein Zwei-Seiten-Geschäft. Wir haben es leider auch schon erlebt, dass Bands total abgehoben waren, was wir nicht erwartet haben. Man muss dann trotzdem mit ihnen umgehen, aber man ist dann auch froh, wenn sie wieder fahren.
Das hast du schön gesagt. Kann ich mir gut vorstellen, nach dem Motto: Tschüß, gute Heimfahrt. Tschüß, fahrt vorsichtig. Bon Voyage. Tschüß. Auf Wiedersehen. Oder auch nicht.
Genau. Auf der anderen Seite muss man auch sagen, dass wir am Ende des Festivalsommers sind. Das heißt, die meisten Bands haben dann auch ihre 15 Festivals gespielt. Da habe ich dann tatsächlich auch Verständnis dafür, dass die dann ankommen und etwas fertig sind. Da bringen wir dann doch genug Feingefühl auf, um das auch richtig einzuschätzen. Da sind wir schon lange genug im Geschäft. Wir haben alle auch schon mal in einer Band gespielt oder selbst eine gegründet und können uns dann auch in die Musiker hineinversetzen.
Das ist sehr nachsichtig. Aber es gibt ja auch einen Unterschied zwischen müde, fertig und erschöpft und wirklich unfreundlich und es gibt natürlich auch viele Stufen dazwischen.
Das ja.
Wie sieht es bei euch mit Regeln aus? Du hast gesagt, links, rechts, Homophobie nein. Finde ich gut. Was ist euch noch wichtig? Worauf achtet ihr sonst noch?
Klar, Gewalt wird nicht akzeptiert. Weder körperliche noch emotionale. Da verstehen wir keinen Spaß. Auch Homophobie und natürlich alles, was in sexuelle Belästigung hineingeht. Wir erwarten von einem Gast, dass er sich bei uns so verhält, wie in seinem Wohnzimmer. Und klar, jetzt wird nicht jeder in seinem Wohnzimmer gleich sein, aber es sollte den Leuten eben gut gehen. Der gesunde Menschenverstand sollte da mitspielen. Wir wissen als Veranstalter, worauf wir uns da einlassen und es gibt jedes Jahr einen Auswurf und es wird auch jedes Jahr einmal die Polizei gerufen. Das liegt aber nicht daran, dass das alles böse Menschen sind, sondern oft liegt es auch an sowas wie Alkohol, der Menschen dazu bringt, etwas über Grenzen hinauszugehen. Dann treffen vielleicht zwei Menschen aufeinander, die sich nicht riechen können und dann kann natürlich auch mal was passieren. Wir haben auch viel Sicherheitskräfte auf dem Festival. Also viel mehr als wir eigentlich bräuchten und am Ende geht es immer gut aus. Es ist also tatsächlich noch nie passiert, dass jemandem was Schlimmes passiert ist. Zum Glück. Wenn es grenzwertig wird, dann wird eben die Polizei gerufen, dann müssen sie das Festivalgelände verlassen und dann ist gut. Und die Leute können am nächsten Tag, wenn sie wieder bei klarem Verstand sind, auch wieder zu uns kommen und sich entschuldigen oder die Situation erklären. Das hatten wir auch schon.

Ihr habt auch freien Eintritt. Das ist ja auch eher selten der Fall. Wieso ist das bei euch komplett kostenfrei?
Es gibt in Deutschland 70 Festivals, die umsonst und draußen sind. Wir sind eins davon und das bietet uns ein Alleinstellungsmerkmal. Das ist ein Fakt, der unbezahlbar ist. Und wie ich schon erwähnt habe, ist uns die kulturelle Teilhabe viel wichtiger, als unser Festival mit Tickets zu refinanzieren. Deswegen versuchen wir es immer, durch Spenden, Sponsoring oder durch die Einnahme von Verkäufen auf dem Festival zu refinanzieren. Wir haben diese Diskussion auch wirklich jedes Jahr. Es geht jedes Jahr darum, wann wollen wir Tickets verkaufen? Wollen wir Tickets verkaufen? Wie sieht es aus? Aber wie gesagt, wir haben uns eben für diese Art entschieden.
Ganz ehrlich, ich feiere euch ab. Ihr seid Helden für mich. Ich werde mich nächstes Jahr bei euch als freiwillige Mitarbeiterin bewerben. Wirklich jetzt. Ich finde eure Idee und diese Hingabe und diese Ansichten, die ihr vertretet und lebt, großartig. Auch wir Montagslyriker haben diese Werte. Passt wie Arsch auf Eimer. Wir machen das ja auch alles auf freiwilliger Ebene und ich finde das ist eine sehr schöne Sache. An dieser Stelle wirklich mal ein Lob.
Danke.
Aber jetzt zurück zum Thema. Siehst du seit der Pandemie einen Einbruch, was die Besucherzahlen angeht? Da beschweren sich ja auch einige, dass die Leute nicht mehr kommen, weil sie vielleicht doch noch zu ängstlich sind oder sonstwas.
Ich glaube, Corona wird oft als Vorwand genommen, wenn es bei einem Festival oder einem Konzert nicht läuft. Dann sagt man gerne mal, es sind Corona-Nachwehen. Sicherlich kann das zum Teil irgendwie da mit reinspielen, aber ich muss sagen, nach Corona haben wir einen Zuschauerzuwachs bekommen. Ich kann also nicht erkennen, dass es durch Corona weniger geworden ist.
Festivals werden auch immer teurer. Persönlich würde ich sagen, dass das auch ein Grund dafür sein kann. Wie siehst du das?
Das, was du sagst, dass es eben immer teurer wird und vielleicht auch immer ausgebuffter. Ich denke, wir steuern da auf eine Situation hin, wo einfach jedes Festival komplett durchgestylt ist und jedes Festival 200 Euro Eintritt haben will, aber die Leute dann 8 Euro auf dem Festivalgelände für ein Getränk bezahlen müssen. Und ich muss sagen, wenn es irgendwann nur noch um Umsatz und Gewinn geht, dann muss man sich selbst als Veranstalter auch mal die Frage stellen: Mach ich das wegen der Musik oder mache ich es nur, um am Ende eventuell in die eigene Tasche zu stecken? Uns liegt das fern und wir möchten einfach eine schöne Zeit für unsere Gäste, das Team, die Helfer und die Bands und ich will echt coole Musik spielen lassen.
Ich kann deine Worte so nachfühlen. So geht es nicht nur dir, so geht es auch mir in dem, was ich mache. Man fragt sich manchmal schon, wo die Leute ihren Anreiz wirklich sehen. Kann man bei euch auch spenden? Also könnte ich jetzt auch sagen, ich will euch unterstützen, eben auch monetär?
Ja, man kann bei uns spenden. Die meisten Sponsoren und Spender sind oft auch Privatleute. Wir sind ein gemeinnütziger Verein und wir sind auch eingetragen und können auch Spendenquittungen ausstellen. Das ist auch für Unternehmen ein sexy Punkt, um eine Spende dazulassen. Aber viele wollen die Quittung gar nicht. Aber grundsätzlich sind Spenden natürlich willkommen und wir machen dann auch bestimmt was Vernünftiges damit.
Vielen Dank, Sebastian, für dieses inspirierende Gespräch. Wir sehen uns spätestens nächstes Jahr.
Sebastian Niehoff(rechts) bei einer seiner letzten Aktionen, bei der der Verein die Tabaluga Stiftung in einem Projekt für benachteiligte Kinder unterstützt hat. Das Foto wurde vor dem Roten Rathaus in Berlin aufgenommen. Auf dem Bild Sebastian Niehoff und Manfred Kramer, der die Aktion durchgeführt hat. Credits: Ackerfezt e.V.
Weitere Informationen zum Ackerfest Open Air findet ihr in den Socials.
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