New Years of Suffering (NYOS): Kein Platz für Floskeln

Eine Band als Bollwerk gegen das Verdrängen

New Years of Suffering (NYOS): Die internationale Metalcore-Band spricht im Interview über Verlust, mentale Gesundheit und Musik als Lebenshilfe. Kein Eskapismus, keine Floskeln, nur pure Ehrlichkeit.

Geführt und verfasst: Mia Lada-Klein

New Years of Suffering machen keine halben Sachen. Ihr Sound? Düster, wütend, intensiv und irgendwo zwischen Metalcore und Melodic Death Metal. Ihre Texte sind nah am Abgrund, aber ehrlich. Während sich andere in Watte packen und „Good Vibes Only“ predigen, reißen NYOS die rosa Brille kurzerhand vom Gesicht.

Die Bandmitglieder kommen aus Budapest, Galway, Montana und Garmisch. Es ist ein wilder Mix, der sich auch musikalisch niederschlägt: international, emotional, kompromisslos. NYOS liefern keine Eskapismus-Soundtracks. Sie liefern das Kontrastprogramm. Die Realität ist eben nicht immer Zuckerguss und genau das thematisieren sie in ihren Songs.

Im Gespräch mit Schlagzeuger Ben Eder und Gitarrist Peter Suba wird klar: Wer bei NYOS auf Feel-Good-Mentalität hofft, ist an der falschen Adresse. Hier geht’s ums Eingemachte, um Verlust, Sucht, Wut, Schmerz. Deshalb vorweg: Dieses Interview ist nichts für schwache Nerven. Da Trigger-Themen vorhanden sind, geht hier die Warnung raus. Nur lesen, wenn man sich stabil genug fühlt.  

Alle anderen: Willkommen in der Dunkelheit.

Schön, dass ihr euch Zeit nehmt. Mögt ihr euch kurz vorstellen?

Ben: Ich bin Ben Eder und spiele bei New Years Of Suffering Schlagzeug.

Peter: Ich bin Peter und spiele Gitarre. 

Ich fange mal ganz standardmäßig an: Euer Bandname klingt ziemlich traurig. Dafür ist die Abkürzung aber umso cooler.

Peter: Ursprünglich wollten wir uns NYOS nennen. Wir hatten schon eine WhatsApp-Gruppe und drei Songs aufgenommen. Dann hab ich gesehen, dass es eine Band gleichen Namens gibt und auch einen See, der so heißt. Der fließt in Afrika und in dem gab es auch einmal einen CO₂-Ausbruch, der fast ein ganzes Dorf ausgelöscht hat. Ziemlich düster, aber irgendwie passend. (lacht)

Ben: Unser Sänger kam dann drauf, dass man das als Abkürzung nehmen könnte und New Years Of Suffering wurde dann der Hauptname. 

Ich habe euch über Instagram gefunden. Also, lasst uns direkt starten: Instagram: Fluch oder Segen für Musiker?

Ben: Social Media ist Fluch und Segen zugleich. Du kannst alles teilen, Leute erreichen, aber du bist eben auch einer von vielen. Du musst ständig Inhalte posten, Reichweite aufbauen, präsent sein. Früher hast du Platten gepresst, bist auf Konzerte gegangen, heute musst du zusätzlich Content liefern. 

Peter: Und es gibt Momente, da willst du eigentlich kein Video drehen oder posten, weil dir nicht danach ist, aber du musst dann so tun, als wäre alles super. Dabei steht unsere Musik genau für das Gegenteil.

Ja, der Bandname ist ziemlich eindeutig und leider auch sehr passend, wenn man sich die aktuelle Weltlage anschaut. Für mich ganz klar: Prädikat „Bester Bandname der heutigen Zeit“. Aber kommen wir mal dazu: Ihr seid ja auch ziemlich international aufgestellt, oder? 

Ben: Ja. Ich komme aus Garmisch-Partenkirchen, genauso wie unser zweiter Gitarrist. Unser Sänger David kommt aus Galway in Irland. Peter kommt aus Ungarn, Budapest. Unser Bassist ist Amerikaner, aus Bozeman in Montana. Und unser Tontechniker Paddy lebt auch in Deutschland, aber nicht in Bayern. Also ja, wir sind eine wilde, internationale Mischung. Aber wir wohnen alle hier in Garmisch. 

Euer Song „Are You Happy Now“ erschien Anfang des Jahres und klingt wie ein musikalischer Abschiedsbrief. Er wirkt sehr düster. Könnt ihr ein bisschen über den Song erzählen? Ich finde, man kann unglaublich viel hineininterpretieren: Sucht, Sehnsucht, ein Beziehungsende? All das scheint darin auf.

Peter: Echt gut. Also du bist wahrscheinlich eine von wenigen, die wirklich richtig reingehört haben in den Song. Also, der Refrain kam von unserem Gitarristen Andi und der Rest kam von unserem Sänger David. Und selbst die zwei, die maßgeblich am Schreiben des Songs beteiligt waren, waren unterschiedlicher Auffassung, was der Song eigentlich aussagen sollte. Der ursprüngliche Gedanke im Refrain „Want you help me, you keep on push me away“ war erst als reines Beziehungslied, ganz klassisch, gemeint. David hat das in eine andere Richtung gedreht. Plötzlich ging es viel mehr um Sucht, wie du es auch schon erkannt hast. Nicht nur im klassischen Sinne, sondern auch um emotionale Abhängigkeit in einer Beziehung.

Ich hatte beim Hören das Gefühl, dass es auch um Selbstzerstörung geht. So, als ob jemand in eine Spirale aus Sucht und Selbsthass gerät.

Peter: Du bist ehrlich gesagt die Erste, die das so rausgehört hat. Und das Musikvideo greift das auch auf. Da war die Idee von David und mir, dass unser Sänger sich selbst anschreit. Es ist eine Art Konfrontation mit dem eigenen Ich, kein typisches Beziehungslied. Es geht um innere Kämpfe, Probleme mit sich selbst. Und ganz ehrlich, wenn David hier wäre, könnte er das noch viel besser erklären. Er hat sich da richtig Gedanken gemacht, während wir „nur die blöden Musiker“ sind. (lacht)

Ben: Wir machen nur die Melodie und den Takt und den Rhythmus.

Also steckt viel Persönliches drin. Es ist auf jeden Fall ein Song, den man auf viele Arten deuten kann. Es ist selten, dass ein Lied so viele Interpretationen zulässt.

Ben: Das ist auch unser Ziel. Bei „Brainwashed“ war das ähnlich. Da hatten wir auch total unterschiedliche Meinungen im Publikum und sogar bei uns in der Band.

Was sind denn generell die Themen, die euch beim Songwriting wichtig sind? Geht es auch um Politik oder eher um persönliche Themen?

Ben: Politisch sind wir eigentlich kaum. Uns geht es vielmehr um mentale Gesundheit, um innere Kämpfe, Sehnsucht, das Leben selbst.

Peter: Uns ist jeder einzelne Zuhörer wichtig. Es geht nicht um die große Masse, sondern um den Menschen, der sich darin wiederfindet und vielleicht sogar ein Stück heilen kann.

Ben: Wir haben zum Beispiel den Song „Living With Loss“ der davon erzählt, wie unser Sänger in Irland in einer Band war und dort seinen besten Freund durch Suizid verloren hat. Wir haben den Song live gespielt und Monate später kam eine Nachricht über Instagram: Ein Besucher von damals hatte den Song so oft gehört, da ein Freund von ihm sich das Leben genommen hatte. Der Song hatte damals kaum Klicks, aber dieser eine Typ hat ihn rauf und runter gehört. Es war seine Art, mit der Trauer klarzukommen. Für uns war das krass, aber auch schön zu sehen, dass unsere Musik so viel bedeuten kann.

Also lieber ein Leben retten als eine Revolution starten?

Peter: Ganz genau. Wenn wir mit unserer Musik auch nur einer Person helfen, dann war es das wert.

So wie es klingt, sind eure Texte eher autobiografisch als fiktional. Kann man das so sagen?

Ben: In den meisten Fällen steckt schon etwas Persönliches drin. Das sind keine Geschichten, die wir irgendwo aufschnappen, es sind Dinge, die wir oder Menschen in unserem Umfeld erlebt haben. Vor allem unser Sänger bringt sehr viel Selbsterfahrung in die Texte ein.

Peter: Aber das gilt eigentlich für uns alle. Unsere Musik entsteht aus dem, was wir fühlen, manchmal komplett hemmungslos emotional.

Wollt ihr also lieber Menschen berühren als große Bühnen füllen?

Ben: Beides wäre natürlich toll.

Wenn ich euch jetzt einen Major-Deal im sechsstelligen Bereich anbieten würde, aber dafür müsstet ihr auf eure Tiefe verzichten und fröhliche Popsongs schreiben. Würdet ihr das machen?

Ben: Das wäre eine sehr schwere Entscheidung.

Peter: Was heißt denn „fröhlich“? Die Frage, die ich mir stellen würde, wäre eher: Können wir damit Leben retten? Also kann ich jemanden mit dieser Musik so berühren, dass er sich nicht umbringt? Dann ja, aber sonst …  Wenn wir jemanden erreichen und unterstützen können, ist das viel mehr wert. Das ist unser Antrieb.

Ich denke, man kann auch mit fröhlichen Popsongs Menschen „retten“, wie du es nennst, Peter. Schauen wir uns Britney Spears an: Gerade in ihrer Anfangszeit hat sie vermutlich viele junge Mädchen in einer schwierigen Phase wie der Teenagerzeit abgeholt und mit ihrer Musik aufgefangen. Peter, ist das dein persönlicher Antrieb als Musiker? Menschen berühren, unterstützen und vielleicht auch vor Unheil, falschen Entscheidungen etc., zu bewahren? 

Peter: Ja, absolut. 

Ben: Wir wollen Menschen zum Nachdenken bringen. Wenn wir mit unserer Musik andere Perspektiven eröffnen können, dann haben wir etwas richtig gemacht.

Ihr scheint auch live sehr nah am Publikum zu sein, oder?

Ben: Ja, uns ist der Bezug und die Interaktion sehr wichtig. Vor dem Song „Living With Loss“ hält David auch oft eine Rede. Er spricht das Thema Verlust sehr direkt an, das berührt viele im Publikum. Es gab Konzerte, bei denen Tränen geflossen sind. Diese Nähe ist uns extrem wichtig. Wir wollen einfach die Message transportieren: Dass man das Beste aus seinem Leben machen muss. Es geht immer weiter, auch wenn es eben mal nicht so gut läuft. 

Der Metalszene wird ja oft nachgesagt, dass sie sehr familiär ist. Seht ihr das auch so oder ist das eher ein Gerücht?

Ben: Das würde ich schon sagen. Ob das in anderen Genres auch so ist, weiß ich nicht, aber im Metal ist das definitiv Familie.

Vielen Dank!

Band des Monats Juli: New Years Of Suffering

Weitere Infos zur Band NYOS findet ihr in den Socials. 

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