Soundcheck mit Mia
Social Media kann Sichtbarkeit schaffen, ersetzt aber keine Musik oder echte Verbindungen. Erfolg braucht mehr als Likes. Es braucht ehrliche Inhalte, echte Community und Leidenschaft jenseits von Zahlen.
Text: Mia Lada-Klein
- Sichtbarkeit durch Social Media ist wichtig, aber kein Erfolgsgarant.
- Echtheit und echter Kontakt sind entscheidender als Follower-Zahlen.
- Likes und Reichweite können täuschen, Musik bleibt der Kern.
Nach einem kurzen Gespräch mit der Horror-Punk-Band Derry habe ich beschlossen, mich intensiver mit einem Thema zu beschäftigen, das viele junge Musiker heute umtreibt: Musik machen, posten, Reichweite aufbauen, viral gehen. So soll das Musikerleben heute aussehen. Zumindest hört man das oft. Das wünschen sich einige junge Bands, die gerade am Anfang stehen und hoch hinaus wollen.
Derry hat mich darauf gebracht, als wir uns über den Fluch und Segen von Social Media unterhalten haben.
Aber wie wichtig ist Social Media für Bands wirklich? Was bringt es, ständig Content zu posten, wenn kaum jemand wirklich hinhört? Diese Fragen stellen sich viele junge Acts, und sie sollten es tatsächlich auch. Denn zwischen dem Wahnsinn der Algorithmen und der Jagd nach Likes verlieren viele das Wesentliche aus den Augen: die Musik und den echten Kontakt zur Szene.
Und Derry, damit seid ihr nicht gemeint!!! Ihr wart nur der erste Dominostein für das Thema der Kolumne.
Kann man von Likes leben?
Nein. So simpel ist die Antwort. Likes, Streams und Klicks sind schön, sie schmeicheln dem Ego, aber sie zahlen keine Miete. Es sei denn, du willst nur digitalen Applaus, dann kannst du dich in den Zahlen verlieren. Wer allerdings ernsthaft daran interessiert ist, mit Musik Geld zu verdienen, muss andere Wege gehen. Und das bedeutet: investieren. In Wissen. In professionellen Support. In Dinge, die dich wirklich weiterbringen. Und nein, damit ist nicht gemeint, irgendeinem Magazin mit 33k Followern und 100 Likes pro Post Geld in den Rachen zu werfen oder sich dort anzubiedern.
Lohnt sich bezahlter Support?
Vielleicht. Aber sicher nicht immer. Und vor allem nicht überall. Die Frage sollte nicht lauten: „Was kostet es?“ Sondern: „Was bringt es mir?“ Will jemand nur deinen Beitrag teilen, ohne wirklich Reichweite oder Kontext zu liefern? Dann spar dir das Geld. Will jemand dich wirklich begleiten, sichtbar machen, einordnen? Dann überleg es dir. Investitionen in professionelle Unterstützung können sinnvoll sein, aber nur, wenn sie strategisch erfolgen. Alles andere ist Geldverbrennung.
Reicht Musik heute nicht mehr aus?
Leider nein. Musik ist die Basis, aber nicht das gesamte Fundament. Du kannst ein fantastisches Album schreiben, wenn niemand davon weiß, wird es niemand hören. Wer Social Media nur als digitale Litfaßsäule nutzt, wird schnell enttäuscht sein. Ein Post mit dem neuen Albumcover, ein Bild vom Konzert, vielleicht ein Reel vom Backstage-Bereich? Ja, das ist alles nett. Aber es berührt niemanden. Es verbindet nicht. Und es bleibt nicht hängen. Erst recht nicht bei Menschen, die dich noch nicht kennen.
Was wollen Leute wirklich sehen?
Ehrlichkeit. Haltung. Nahbarkeit, aber auch nicht zu viel davon. Es geht nicht darum, sich täglich mit Kopfschmerzen, Paarfotos oder Morgenkaffee auf Insta zu zeigen. Künstler*innen müssen nicht zum offenen Tagebuch mutieren. Was zählt, ist das richtige Maß zwischen Einblick und Geheimnis. Musik lebt von Emotion, aber auch von Distanz, von dem Gefühl, dass da mehr ist als nur ein weiterer Content Creator im Feed.
Was passiert, wenn man Social Media ignoriert?
Man bleibt unsichtbar. Genauso unsichtbar bleibt aber auch, wer sich überschätzt. Wer denkt, das Selfie mit dem Bühnenoutfit bringt Leute zum nächsten Konzert, irrt. Wer glaubt, Reels und Hashtags ersetzen echte Verbindungen, ebenfalls. Wer sich zu wichtig nimmt, verliert an Glaubwürdigkeit. Wer sich gar nicht zeigt, verliert an Relevanz. Die Wahrheit liegt dazwischen: Sei sichtbar, aber sei echt. Sei präsent, aber nicht beliebig.
Warum echte Community mehr zählt als Reichweite?
Weil Menschen kein Algorithmus sind. Wer sich nur auf Zahlen verlässt, vergisst, dass es am Ende um Menschen geht. Um Begegnungen. Um Energie. Um Austausch. Eine kleine, echte Community ist mehr wert als tausend gekaufte Follower. Denn gekaufte Reichweite zieht dich nach unten, auch im Algorithmus. Und spätestens, wenn deine Inhalte niemandem mehr angezeigt werden, wird klar: Fake bringt nichts. Ehrliche Verbindung hingegen bringt alles.
Muss man Social Media also ernst nehmen?
Ja, aber nicht überhöhen. Der wahre Erfolg beginnt offline. In Proberäumen. Auf kleinen Bühnen. Bei echten Gesprächen nach Konzerten. Wer dort Menschen berührt, wird auch digital wachsen. Ganz automatisch. Nicht weil ein großes Magazin über dich berichtet hat, sondern weil Menschen dich wirklich erlebt haben. Und weil sie bleiben wollen. Der Weg ist länger, ehrlicher und oft auch härter. Aber nur so funktioniert es wirklich.
Ist Social Media wirklich der Schlüssel zum Erfolg?
Social Media ist kein Selbstzweck! Das darf man nie vergessen. Es kann helfen, sichtbar zu werden, aber es ersetzt weder musikalisches Talent noch die Energie eines Live-Auftritts. Wer langfristig bestehen will, braucht mehr als nur gut inszenierte Reels, glänzende Bewertungen oder fünf Sterne.
Ein kritischer Blick ist nötig: Haben Magazine oder Medien, die über euch berichten, sich wirklich mit eurer Musik auseinandergesetzt? Oder wird schlicht positiv bewertet, um sich keine Ärgernisse einzuhandeln? Werbung für Werbung ist nichts Neues, trotzdem scheinen viele Bands das längst vergessen zu haben. Ihr macht also Werbung, aber für wen eigentlich? Für euch selbst oder nur für die anderen? Denkt mal drüber nach.
Es geht nicht darum, wann und wie oft man postet. Es geht darum, Substanz zu liefern. Mehr zu bieten als bloßen Content.
Geht es nur ums Posten oder um echten Mehrwert?
Wenn Likes und Follower eure Maßstäbe für Erfolg sind, dann verkennt ihr, was wirklich zählt. Geht raus, sucht den echten Kontakt zu Menschen, zu euren Zuhörern. Instagram und Co. sind nur Werkzeuge, niemals Erfolgsgaranten. Die Nutzer sind übersättigt, müde von endlosen Inhalten und wenig echtem Mehrwert. Das Problem liegt nicht allein in den Algorithmen, sondern auch darin, dass viele Künstler sich hinter Zahlen verstecken, in einer Illusion von Größe, Originalität und Bedeutung, die oft nicht der Realität entspricht.
Die bittere Wahrheit ist: Manchmal muss man ehrlich zu sich selbst sein. Man ist nicht automatisch herausragend oder einzigartig, nur weil die Zahlen es suggerieren. Diese Selbsttäuschung wird durch Likes und Follower leicht verstärkt. Es ist ein gefährlicher Nebel, der vom Wesentlichen ablenkt: der Musik. Wer das vergisst, verliert langfristig mehr als nur Reichweite.
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Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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