Fotos: A Shrine to Failure
A Shrine to Failure sprechen über Anonymität, Dystopian Post-Pop, Scheitern, offene Texte und die Balance zwischen Kunst und Realität.
Interview: Mia Lada-Klein
Aus Frankfurt am Main stammt A Shrine to Failure, ein Musikprojekt, das bewusst darauf setzt, die Musik für sich selbst sprechen zu lassen. Zwischen den Grenzen von Dark Wave, Electro Wave und melancholischem Synth-Wave bewegt sich ihr Klang und schafft ein einzigartiges Spannungsfeld, das sie selbst als „Dystopian Post-Pop“ bezeichnen.
Für A Shrine to Failure steht dabei nicht das Gesicht der Künstler im Vordergrund. Anonymität ist Teil ihres künstlerischen Statements und ein bewusster Schritt, um den Fokus voll auf die Musik, die Atmosphäre und die Emotionen zu lenken. Im Interview erläutern sie, warum dieser Ansatz für sie essenziell ist und wie er ihre kreative Arbeit prägt.
Darüber hinaus sprechen sie darüber, wie sie Emotionen in Klang übersetzen, wie sie Fragmentarisches und Scheitern als zentrale Elemente ihres Ausdrucks nutzen und warum Melancholie nicht nur ein Thema, sondern ein Grundton ihres Schaffens ist.

Identität, Emotionen und künstlerische Freiheit
Ihr haltet eure Identität bewusst anonym. Ist das für euch eher ein Schutzschild vor der Außenwelt oder ein künstlerisches Statement, um den Fokus ausschließlich auf die Musik zu lenken?
Wir haben nie das Bedürfnis verspürt, selbst in den Vordergrund zu treten. In einer Zeit, in der alles überpersonalisiert und auf Gesichter oder einzelne Biografien reduziert wird, möchten wir genau das vermeiden. Wenn man zu viel Gewicht auf die handelnden Personen legt, verengt sich der Blickwinkel. Wir wollen, dass sich die Hörer:innen vollständig auf die Stimmung, die Geschichte und die Atmosphäre einlassen können, ohne durch Projektionen auf unsere Identitäten abgelenkt zu werden. In gewisser Weise ist es also sowohl ein Schutzschild als auch ein künstlerisches Statement. Wir möchten dabei auch nicht irgendwelchen Klischees entsprechen, sondern einfach wir selbst sein.
In eurer Musik schwingt viel Melancholie und Fragmentarisches mit. Was ist für euch stärker: der Versuch, persönliche Gefühle zu verarbeiten, oder die Absicht, universelle Emotionen anzustoßen?
Wir verstehen unsere Musik in erster Linie als Erzählung. Wir wollen düstere bis dunkle Geschichten erschaffen, die Bilder in den Köpfen unserer Hörer:innen entstehen lassen. Natürlich fließen unsere eigenen Gefühle und Erfahrungen mit ein, das lässt sich beim kreativen Arbeiten nicht vermeiden. Aber das eigentliche Ziel geht darüber hinaus: Wir wollen Emotionen anstoßen, Atmosphären erzeugen, eine Welt öffnen, die größer ist als unsere eigene Innenwelt. Wenn jemand unsere Musik hört und sich darin wiederfindet, vielleicht sogar eigene Bilder oder Erinnerungen darin erkennt, dann haben wir erreicht, was wir wollten.
Ihr nennt euren Stil „Dystopian Post-Pop“. Welche Bilder oder Atmosphären habt ihr selbst im Kopf, wenn ihr diesen Begriff hört?
Am ehesten das Bild einer Pflanze, die in einer Betonruine wächst. Etwas Fragiles, das in einer kalten, zerstörten Umgebung überlebt. Wir denken dabei an Brüche, an Kontraste: Zerstörung und Zerfall auf der einen Seite, aber auch kleine Spuren von Leben, von Hoffnung, die sich trotz allem behaupten. Unsere Musik soll genau diese Spannung einfangen, zwischen Schönheit und Verfall, zwischen Eingängigkeit und Dunkelheit, zwischen etwas Vertrautem und etwas Fremdem.
Euer Debütalbum trägt den Titel „Undone“. Was bedeutet für euch „unvollendet sein“? Ist es eher eine Last oder eine Form von künstlerischer Freiheit?
Undone bedeutet für uns mehr als nur „unvollendet“. Es trägt auch die Bedeutung von „ruiniert“ in sich. Genau darum geht es auf unserem Album: um Leben, die aus der Bahn geraten sind, um Existenzen, die Risse haben, um Geschichten, die nicht zu einem harmonischen Abschluss kommen. Dieses Unvollendete verstehen wir aber nicht als reine Last, sondern auch als Spiegel der Realität. Denn kaum etwas im Leben ist wirklich abgeschlossen oder „fertig“.

Dystopie, Live-Erfahrungen und Ausblick
In Zeiten, in denen Authentizität für viele Bands wichtiger wird als Perfektion: Wie definiert ihr für euch Echtheit in der Kunst?
Für uns bedeutet Echtheit nicht, alles eins zu eins aus unserem eigenen Leben abzubilden. Echtheit entsteht wahrscheinlich, wenn etwas Resonanz erzeugt, wenn sich jemand in einer Zeile, einer Stimmung, einem Bild oder einer Melodie wiederfindet. Wir glauben, dass Kunst dann authentisch ist, wenn sie beim Gegenüber eine echte Reaktion hervorruft, egal ob das Identifikation, Trost oder sogar Unbehagen ist. Kunst hat nicht die Aufgabe, ein vermeintlich echtes oder perfektes Bild zu zeichnen. Sie soll vielmehr der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, Reibung erzeugen und auch kritisieren. Aber wir wollen dabei keine Snobs sein, wir definieren Kunst nicht, wir können nur unseren eigenen Zugang beschreiben.
Viele eurer Texte bleiben absichtlich offen und fragmentarisch. Habt ihr das Gefühl, dass Hörer:innen heute ihre eigene Geschichte stärker in Musik hineinlesen wollen?
Unsere Texte sind absichtlich offen und fragmentarisch gehalten, weil wir möchten, dass sich die Hörer:innen ihre eigenen Erfahrungen, Vorstellungen und Bilder in diese Lücken hineinlegen können. Es ist ein bisschen wie bei einem Buch, in dem man sich die Protagonist:innen selbst vorstellt, oder wie bei einem rätselhaften Ende, das unterschiedliche Deutungen zulässt. Gerade das Offene, das Fragmentarische, schafft die Möglichkeit, dass jede:r etwas Eigenes darin entdeckt.
Der Name „A Shrine to Failure“ klingt fast wie ein Manifest. Warum gerade ein Schrein für das Scheitern und was bedeutet Scheitern für euch?
Scheitern ist ein unvermeidlicher Teil des Lebens und gerade darin liegt für uns ein großer erzählerischer Reiz. In jedem Bruch, in jeder Niederlage steckt Raum, um eine Geschichte zu erzählen, die vielleicht ehrlicher und intensiver ist als jede glattgebügelte Erfolgserzählung. Ein Schrein für das Scheitern bedeutet, diesem Aspekt des Lebens einen Platz einzuräumen, ihn sichtbar zu machen und fast schon zu würdigen. Denn Scheitern ist nicht nur Verlust, es kann auch Ursprung für etwas Neues sein.
Wenn ihr in die Zukunft blickt: Ist „Dystopie“ für euch nur ein Sound oder auch eine reale Weltsicht?
Für uns ist Dystopie nicht nur ein Sound oder eine Ästhetik, sondern auch eine Haltung gegenüber der Gegenwart. Wenn man die Welt anschaut, gibt es vieles, das sich dystopisch anfühlt: Faschisten verstecken ihre menschenverachtenden Meinungen nicht mehr, sondern platzieren sie in der Mitte der Gesellschaft. Frauenrechte und LGBTQ+ Rechte werden offen angegriffen. Statt die Mächtigen zu hinterfragen, wird immer stärker nach unten getreten. Autokraten und Superreiche versuchen, sich ihre eigenen abgeschotteten Welten zu erschaffen. In diesem Sinn ist unser Ausblick tatsächlich in gewissem Maße dystopisch, aber wir haben diesen Ausdruck auch bewusst als Warnung und mit einem Augenzwinkern gewählt. Denn bei aller Dunkelheit sollte man die Hoffnung nie aufgeben.
Live-Auftritte sind für viele Bands die wichtigste Einnahmequelle. Wie erlebt ihr aktuell die Live-Landschaft: Chance, Belastung oder beides?
Wir besuchen selbst sehr gerne Konzerte, aber unsere Musik war nie als zusätzliche Einnahmequelle geplant und sie muss es auch nicht sein. Dass wir Vinyl und CDs veröffentlicht haben, war eine Reaktion auf die überwältigende Nachfrage. Ähnlich ist es mit den Anfragen nach Auftritten, die uns regelrecht überrennen. Im Moment haben wir dafür jedoch keinen Bedarf: Zum einen aus beruflichen und familiären Gründen, zum anderen, weil wir bislang noch keine klare Vorstellung davon haben, wie wir das erzählerische Bild, das unsere Musik prägt, überzeugend auf eine Bühne transportieren könnten.
Wenn ihr nach vorne blickt: Was würdet ihr euch von der Musikindustrie wünschen, mehr Offenheit für Experimente, mehr Mut, weniger Druck?
Wenn wir von Konzernen in der Musikindustrie sprechen, erwarten wir keine Offenheit für Experimente, dort geht es am Ende immer ums Geld. Natürlich gibt es auch Überraschungen und Kurioses, aber letztlich sind es Firmen, die Gewinne erzielen müssen. Unser eigener Kontakt in die „große“ Musikindustrie war allerdings sehr angenehm, respektvoll und durchaus interessant, sodass wir aus persönlicher Erfahrung nichts Kritisches sagen können. Was wir uns vielmehr wünschen, betrifft das Umfeld: dass Streamingdienste Künstler:innen gerechter bezahlen oder dass Konsument:innen wieder mehr CDs, Platten und Merch kaufen, auch wenn sie Musik im Alltag streamen. Und noch wichtiger: kleine Konzerte und Clubs zu besuchen, nicht nur Stadien oder riesige Hallen. Das hilft vielen Künstler:innen, die von ihrer Musik leben, weitaus mehr als jede Industrie, die vermeintlich offener oder druckfreier wäre.

Mehr zu A Shrine to Failure findet ihr in den Socials.
Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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3 Gedanken zu „A Shrine to Failure: Dunkle Visionen und offene Geschichten“