Tom Lubowski: Qualitätsjournalismus im Zeitalter von Blogs und Social Media

Foto: Vinzenz Tüllmann

Tom Lubowski spricht über Musikjournalismus, Qualitätsstandards, Reviews, Live-Shows, KI in der Musik und die Zukunft von Rock und Metal.

Interview: Mia Lada-Klein

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Tom Lubowski ist seit vielen Jahren im Musikjournalismus unterwegs, unter anderem beim Metal Hammer und beim Rock It. Von dort kennen wir uns übrigens auch. Zum Interview habe ich ihn eingeladen, weil der Mann, der mich jedes Mal durch Berlin lotst, denn sonst würde ich hilflos in einer Seitenstraße stranden und jämmerlich verhungern, einfach der ideale Gesprächspartner ist.

Wir haben über alles gesprochen, was Spaß macht und gleichzeitig weh tut. Die Zukunft des Musikjournalismus, die Frage nach echter Qualität und der stille Verfall einer Branche, die sich manchmal selbst im Weg steht. Dazu gab es einen ausgedehnten Exkurs über gute Interviews und wie man Rezensionen schreibt, ohne am Ende alle Bands gegen sich aufzubringen.

Tom hat außerdem über sein Buch erzählt, das den herrlich provokanten Titel “Wild Side: Sex, Drugs und Heavy Metal” trägt. Zwischendurch hat er noch Aussagen von Björk und Billy Corgan seziert und so klug eingeordnet, dass ich glatt vergaß zu blinzeln.

Am Ende war es genau das, was ich erwartet habe. Ein eloquenter, leicht frecher und wunderbar runder Streifzug durch Musik, Kultur und die großen Fragen unseres journalistischen Alltags.

Zum Einstieg: Stell dich doch mit eigenen Worten vor. Wer bist du und was machst du? Und ich weiß, du hasst das, aber zu dem Punkt komme ich noch. 

Tom Lubowski: (lacht) Ich bin Tom und seit vielen Jahren im Musikjournalismus unterwegs, unter anderem für den Metal Hammer und das Rock It!. Ich habe also schon einige Zeit in diesem Bereich verbracht.

Wir kennen uns ja privat und haben schon über viele Themen gesprochen. In Berlin, in dieser etwas heruntergekommenen Bar, du weißt sicher noch welche ich meine, hast du einmal gesagt, dass der Musikjournalismus in der Form, wie wir ihn heute praktizieren, eigentlich keine Zukunft hat. Siehst du das wirklich so? Und wenn ja, warum?

Tom Lubowski: Vielleicht habe ich es damals etwas fatalistischer formuliert, aber die Tendenz stimmt. Besonders im Rock- und Metal-Journalismus ist man extrem konservativ, was die Art der Berichterstattung angeht. Printmagazine haben immer noch riesige Bedeutung, während Websites oft nicht gut gepflegt sind. Plus-Abos sind selten, digitale Angebote kaum ausgebaut. In Ländern wie den USA oder Großbritannien, wo die Printkultur weniger stark ist, verschwinden traditionsreiche Magazine inzwischen vom Markt. Deshalb würde ich nicht sagen, dass der Musikjournalismus keine Zukunft hat, aber sein Fundament bröckelt definitiv.

Qualitätsjournalismus im neuen Zeitalter

Wir haben schon einmal über Qualitätsjournalismus gesprochen und darüber, dass dieser Begriff heute oft verwässert wirkt. Jeder kann sich Redakteur nennen, Blogs und Social Media geben jedem eine Bühne. Schmälert das nicht die Qualität journalistischer Arbeit?

Tom Lubowski: Es kommt darauf an, wie man Qualitätsjournalismus definiert. Das Internet sorgt dafür, dass Menschen Öffentlichkeit bekommen, die vielleicht nicht das Talent oder die Ausbildung dafür haben. Das ist im Musikbereich ja genauso: Heute kann jeder Songs hochladen, ohne einen Plattenvertrag zu benötigen. Natürlich hat es nach wie vor Gewicht, für ein großes Magazin zu schreiben. Aber ich sehe darin keine Gefahr für seriösen Journalismus. Wichtig ist, dass man selbst weiß, welche Standards man anlegt, ob als Leser oder als Journalist.

Noch ein anderes Thema, das ich spannend finde: Nähe zu Bands oder zur Szene. Wir sind ja beide viel unterwegs, bauen zwangsläufig Beziehungen zu Künstlern auf. Wie gehst du damit um? Kann man in so einem Umfeld noch objektiv bleiben?

Tom Lubowski: Ob man emotional involviert ist, lässt sich kaum steuern. Aber ich habe eine klare Regel: Ich schreibe keine Reviews über Bands oder Musiker, mit denen ich befreundet bin. Wenn mir so etwas zugeteilt wird, gebe ich es mit entsprechender Notiz zurück. In Redaktionen weiß man meistens ohnehin, wer wen kennt. Interviews führe ich gelegentlich auch mit befreundeten Musikerinnen oder Musikern, aber dann bin ich umso kritischer, damit mir niemand mangelnde Distanz vorwerfen kann.

Zwischen Härtetest und Wohlfühlzone: Über Genres

Lass uns ein bisschen über Genres sprechen. Du hast mir mal gesagt, dass du zum Beispiel diesen klassischen Highschool-Rock eher ungern rezensierst. Stimmt das? Hörst du persönlich lieber die dunkleren, härteren Sachen?

Tom Lubowski: Ja, absolut. Ich tendiere schon zu den härteren Spielarten. Ich mag es, wenn es richtig scheppert, Death Metal, Black Metal, Thrash Metal. Das sind so meine Wohlfühlbereiche. Aber das ändert sich auch phasenweise. Manchmal erwischt mich eine Heavy-Metal-Phase, in der ich eher klassisches Zeug höre. Dann plötzlich wieder mehr Rock. Und neulich war ich voll im Prog-Rock drin. Da liefen Pink Floyd und Emerson, Lake & Palmer rauf und runter. Der Schwerpunkt verschiebt sich, aber grundsätzlich fühle ich mich in den härteren Metal-Genres zu Hause.

Trotzdem könntest du theoretisch auch eine Highschool-Rock-Platte rezensieren, also etwas in Richtung Blink-182 oder Sum 41?

Tom Lubowski: Klar, das kann ich. Es ist einfach nicht mein Steckenpferd. Und wenn 2025 ein Album erscheint, das klingt, als wäre es 2001 entstanden, wird es als Journalist eben schwierig. Du bist dann schnell an dem Punkt, an dem du sagst: „Klingt wie schon mal da gewesen.“ Und dann stellt sich mir die Frage: Warum soll ich das neue Album hören, wenn ich auch ein Original aus der Zeit auflegen könnte? Da fehlt mir dann oft die Relevanz.

Das sehe ich genauso. Ich sage dann immer: Wenn es klingt wie früher, kann ich mir auch direkt die Originalband anhören.

Tom Lubowski: Genau. Das bringt es eigentlich gut auf den Punkt.

Du hast mal etwas Spannendes über gute Interviews gesagt. Du meintest, ein Interview müsse ein rundes Gesamtbild ergeben und sich organisch erschließen. Kannst du das noch einmal erklären? Also: Was macht für dich ein gutes Interview aus? Und wie gehst du selbst an die Arbeit heran?

Tom Lubowski: Es gibt da sicher unterschiedliche Ansätze. Frag zehn Journalistinnen oder Journalisten, und du bekommst elf Meinungen. Aber für mich ist eine Sache klar: In einem Print-Interview ist die erste Frage entscheidend. Die muss direkt sitzen, die muss knallen. Das ist deine Visitenkarte als Journalist. Wenn du mit „Wie geht’s?“ anfängst, verlierst du die Leserinnen und Leser sofort. Die erste Frage sollte etwas sein, das überrascht, etwas, das man nicht überall liest. Und dann sollte sich daraus ein roter Faden entwickeln, kein wildes Springen zwischen Themen, sondern ein organischer Gesprächsverlauf.

Also lieber nicht die Standardfragen à la „Wer schreibt die Songs?“ oder „Worum geht’s in euren Texten?“?

Tom Lubowski: Genau. Das interessiert mich ehrlich gesagt nicht besonders. Für mich geht es darum, die Person greifbar zu machen. Das gelingt nicht, wenn man Fragen stellt, die jeder stellen könnte. Egal, wie schlecht ich was finde, Respekt vor der Kunst muss da sein. Dazu gehört für mich, konkrete, individuelle Fragen zu stellen und sich wirklich mit dem Material auseinanderzusetzen.

Lustig, denn mein Ansatz ist ein bisschen anders herum. Ich fange gerne ganz locker an, damit die Leute sich wohlfühlen, und bringe die härteren Fragen erst in der Mitte oder am Ende. Dann sind sie manchmal überrascht, aber deutlich entspannter. Was deine Aussage von eben untermauert: Frag zehn Journalistinnen oder Journalisten, und du bekommst elf Meinungen.

Tom Lubowski: Das kann ich nachvollziehen. Es gibt natürlich auch Fragen, bei denen ich vorher überlege: Könnte die so kritisch sein, dass das Gegenüber wütend wird und das Interview abbricht? Solche Fragen stelle ich dann auch eher am Schluss. Wenn alles gesagt ist, kann nichts mehr schiefgehen.

Das ist nämlich mein Ansatz. Sobald genug Material im Kasten ist, kann man die riskanteren Fragen platzieren.

Interviews von Tom Lubowski bei Metal Hammer:

Halestorm (Interview)

Tom, du bist ja nicht nur Journalist, du bist auch Autor. Du hast unter anderem ein Buch geschrieben. Magst du davon erzählen?

Tom Lubowski: Das ist eigentlich recht unspektakulär entstanden. Ich hatte 2023 einen großen Artikel im Metal Hammer über die Geschichte von Erotik im Rock und Metal, „Sex Sells“, Untertitel „Erotik als Rebellion“. Darin habe ich die Entwicklung von den 70ern bis heute nachgezeichnet und mit einigen Leuten gesprochen: Rob Halford, Doro Pesch, Rudy Sarzo von Quiet Riot und Sonja Anubis von Cobra Spell. Ich habe das Thema anhand von Outfits, Bühnenperformance, Songinhalten und Vermarktung beleuchtet. Der Artikel kam wohl in den richtigen Kreisen sehr gut an. Zwei Wochen nach Veröffentlichung bekam ich eine E-Mail vom Kohlhammer-Verlag. Die meinten: „Wir planen eine Metal-Buchreihe. Willst du ein Buch dazu schreiben?“ Und ich habe einfach gesagt: Ja, mache ich. Und so ist das Projekt entstanden.

Wie man ein Album fair bewertet

Kommen wir zurück zur Musik. Was ist dir wichtig, wenn du eine Rezension schreibst? Ich habe heute eine Umfrage bei Insta gemacht: Reviews mit Punkten oder ohne? Wie machst du es lieber? Reichen dir Worte oder brauchst du eine Skala? Und wie bewertest du überhaupt? Was ist eine gute oder schlechte Bewertung? Sind sieben von zehn gut oder schlecht? Und darf man auch mal vier geben oder sind Bands dann beleidigt?

Tom Lubowski: Fangen wir vorne an. Mit Punkten oder ohne, da habe ich keine Wahl. Alle gängigen Magazine haben irgendeine Form von Wertung. Mal eins bis zehn, mal eins bis sieben, manche auch 15. Am Ende funktioniert alles ähnlich. Ich finde eine Punktzahl wichtig, weil du damit Leser direkt informierst. Zwei Infos sieht man sofort: die Punkte und wer den Text geschrieben hat. Wenn man das Magazin kennt, weiß man, was dieser Autor gern hört. Dadurch kann man einschätzen, ob die eigene Meinung dazu passen könnte, oder ob man das komplette Gegenteil erwartet. Klar besteht die Gefahr, dass die Leute nur die Zahl sehen und nicht den Text. Aber das kann sogar funktionieren. Wenn ich zwei von sieben Punkten vergebe und jemand liest gern meine Verrisse, dann schauen solche Leute vielleicht sogar deshalb erst rein. Zu sieben von zehn: Für mich ist das gut. Das ist die Schwelle, bei der ich ein Album auch nach der Rezension noch einmal hören würde. Es ist aber immer subjektiv. Ob eine Band es doof findet, wenn ich eine Platte mal abwerte, ist mir ziemlich egal. Ich bin nicht Journalist geworden, um neue Freundschaften zu schließen, sondern weil ich gerne schreibe und mich mit Musik beschäftige.

Reviews von Tom Lubowski bei Metal Hammer:

Midnight: STEEL, RUST AND DISGUST

Was macht für dich eine gute Liveshow aus? Gibt es Bands, die du allein wegen der Show anschaust? Vielleicht gehst du heimlich zu Michael-Wendler-Konzerten? Wahrscheinlich nicht. Aber was packt dich live? Viele feiern zum Beispiel Electric Callboy wegen der Show, nicht unbedingt wegen der Musik.

Tom Lubowski: Das hängt stark davon ab, auf welchem Konzert ich bin und welche Erwartungen ich mitbringe. Bei einer klassischen Hard-Rock-Show muss auf der Bühne Action sein. Licht, Inszenierung, Gitarrensoli, da will ich schon etwas sehen. Wenn ich zu Judas Priest gehe, erwarte ich Lederoutfits und dass Rob Halford bei Hell Bent for Leather auf dem Motorrad auftaucht. Bei härteren Bands wie Slayer, Behemoth oder Heaven Shall Burn gehört Feuer für mich einfach dazu. Bei Festivals freue ich mich über Gastauftritte, wenn mal jemand vorbeischaut, der auf dem Album mitgewirkt hat. Beim Black Metal darf es gern nochmal extremer werden. Eine tote Ratte im Publikum oder Blut, dass von der Bühne spritzt. Passt für mich zum Genre. Es hängt eben davon ab, wo ich mich bewege. Verschiedene Genres, verschiedene Erwartungen.

Ist Rock am Ende? Eine Szene zwischen Nostalgie und Innovation

Wie nimmst du die Musikbranche im Moment wahr? Ich habe im Interview mit Andy Brings gesprochen und er meinte, die Metal-Szene sei am Aussterben. Siehst du das ähnlich? Manche sagen ja sogar, Rock sei tot und gleichzeitig ist irgendwie alles tot und doch immer noch da.

Tom Lubowski: Diese Sätze hört man eigentlich, seit es Rock und Metal gibt. Ich sehe das nicht so drastisch. Klar, man kann bestimmte rückläufige Tendenzen beobachten, aber das hängt stark davon ab, in welchen Subgenres man unterwegs ist. Vor ein paar Jahren gab es zum Beispiel eine richtig starke Heavy-Metal-Welle. Viele Bands klangen wie die großen Achtziger-Acts, hatten aber trotzdem etwas Eigenes und haben den Sound weiterentwickelt. Gerade aus Kanada kamen damals spannende Bands: Riot City, Traveler, Smoulder. Auch Visigoth aus den USA waren Teil dieser Bewegung. Da hattest du wirklich das Gefühl, dass etwas passiert. Aktuell sehe ich keinen großen, übergeordneten Trend, oder ich bekomme ihn einfach nicht mit. Aber grundsätzlich ist es immer eine Frage der Perspektive. Die Riesen unserer Szene sind inzwischen am Ende ihrer Live-Karriere angekommen. Iron Maiden feiern 50 Jahre, die Scorpions 60. Die meisten von ihnen haben den Großteil ihres Weges hinter sich. Gleichzeitig gibt es sehr innovative Bands, die nachkommen. The Warning aus Mexiko fallen mir da ein, die live einfach umwerfend sind. Eine richtig gute Rockshow mit starken Songs. Oder Blood Incantation, das fand ich in den letzten Jahren unglaublich spannend. Das ist progressiver Death Metal, extrem abgefahren, irgendwo zwischen Berliner Schule und Morbid Angel. Total obskur. Trotzdem sind die richtig groß geworden. Ihr letztes Berlin-Konzert war vor über tausend Leuten. Für diese Art Musik ist das gigantisch. Und live sind die unfassbar gut. Die Songs sind hochkomplex und dauern oft 20 Minuten oder länger.

Das heißt, es gibt keine einheitliche Entwicklung, aber einzelne starke Ausreißer?

Tom Lubowski: Genau. Ich würde nicht sagen, dass es den Trend für die ganze Szene gibt. Aber es gibt immer wieder Bands, die herausstechen.

Trotz solcher Ausnahmen wirken viele Acts aber auch wie graue Masse. Deshalb die provokante Frage: Ist es heute überhaupt noch möglich, so groß zu werden wie damals die Scorpions, Metallica oder die Rolling Stones?  Gibt es für eine normale Rock- oder Metalband heute überhaupt noch die Chance, in diese Sphären vorzustoßen? Oder muss man sich damit begnügen, „guter Durchschnitt“ zu sein?

Tom Lubowski: Ich würde nicht sagen, eine Band sei Durchschnitt, nur weil sie keine Stadien füllt. Ob man heute noch so groß werden kann wie die ganz Großen? Möglich ist es theoretisch immer, aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich. Rockmusik hat nicht mehr die gesellschaftliche Bedeutung, die sie in den siebziger oder achtziger Jahren hatte. Damals war Rock ein kulturelles Leitmedium. Die Texte waren politisch, gesellschaftlich relevant, und die Musik prägte ganze Generationen.

Stimmt, das war auch die Zeit großer Rockjournalisten.

Tom Lubowski: Absolut, da lässt sich der Bogen zum Journalismus schlagen. Rockjournalismus war damals wichtig, weil er journalistisch und literarisch gleichermaßen prägend war. Das war die Ära des New Journalism. 

Darf ich Lester Bangs nennen, den ich ja liebe. Auch wenn er tot ist. Mein Männergeschmack ist etwas seltsam. 

Tom Lubowski: (lacht) Lester Bangs darfst du nennen, den hätte ich auch genannt. Hunter S. Thompson war ebenfalls stilbildend. Gleichzeitig gab es große Nähe zur Beatliteratur und zu Autoren wie Charles Bukowski, sowohl inhaltlich als auch kulturell. Diese Verbindung hat dem Musikjournalismus eine andere Relevanz gegeben.

Streaming, Ausbeutung und moralische Dilemmata

Witzig, dass du die Beat Generation erwähnt hast. Vor ein paar Monaten habe ich ein Foto gesehen von William S. Burroughs zusammen mit Kurt Cobain. Diese Verbindung zwischen Literatur, Kultur und Musik war damals noch greifbar. Und Tom, ich würde gern noch zwei Aussagen von dir einordnen lassen: Björk sagte im Interview laut “Spiegel” einmal, Spotify ruiniere Künstler. Und Billy Corgan von Smashing Pumpkins meinte in einem Interview mit der “Zeit” kürzlich, dass KI-Bands und KI-Musik immer mehr werden und Live-Musik dadurch zurückgehen könnte. Wie siehst du das?

Tom Lubowski: Ich fange mal mit Björk an. Ob Spotify Künstler „ruiniert“, hängt stark von der Größe des Acts ab. Wenn du ein paar tausend monatliche Hörer hast, bekommst du de facto nichts. Das hilft dir nicht weiter. Was man aber ganz klar kritisieren kann, ist das Geschäftsmodell. Der Streamingmarkt funktioniert überall ähnlich. Künstler werden unfair beteiligt, obwohl die Plattformen ohne sie nicht existieren würden. Gerade bei Spotify sind die Auszahlungen eigentlich eine Frechheit. Und du musst inzwischen extrem groß sein, um überhaupt etwas zu sehen. Viele Musiker, die wir als „groß“ bezeichnen, können sich davon vielleicht eine Kugel Eis im Monat leisten, wobei Eis ja auch teurer wird. (lacht)

Das zeigt ja auch, wie kaputt das System ist. Manche Bands bekommen für mehrere tausend Streams ein paar Euro. Und dazu kommen noch die Skandale rund um Daniel Ek, der in fragwürdige Bereiche investiert.

Tom Lubowski: Daniel Ek ist definitiv jemand, den man kritisch betrachten sollte. Was er persönlich im letzten Jahr verdient hat, übersteigt wahrscheinlich die Einnahmen von Stars wie Taylor Swift und Billie Eilish zusammen. Das müsste man jedoch im Detail nachprüfen, aber es zeigt, in welchen Dimensionen wir uns bewegen. Das Problem ist: Wir alle nutzen Spotify trotzdem, weil Musik hören noch nie so einfach war. Moralisch ist das aber kompliziert.

Dann lass uns noch auf die Aussage von Billy Corgan eingehen. Er meinte, dass durch die zunehmende KI-Produktion immer mehr Musik digital entsteht und weniger echte Bands übrig bleiben. Gleichzeitig beobachtet man ja tatsächlich, dass weniger Live-Shows stattfinden, viele Veranstalter Schwierigkeiten haben, Hallen zu füllen und selbst große Bands nicht mehr so viele Tickets verkaufen. Denkst du, dass KI echte Bands verdrängt?

Tom Lubowski: Konzertmäßig würde ich das stark anzweifeln. Ich glaube nicht, dass wir irgendwann an dem Punkt landen, an dem es nur noch KI-Bands gibt oder überwiegend Hologramm-Shows wie bei ABBA oder Kiss. Das halte ich für ausgeschlossen. Viele Bands spielen aber inzwischen tatsächlich vor leereren Hallen. Alles rund um ein Konzert kostet heute mehr: Technik, Personal, Transport, Venue. Das merkst du als Band genauso wie als Besucher. Wenn du heute auf einem Rockkonzert ein Bier trinken willst, oder zehn, brauchst du gefühlt einen Kredit.

Gleichzeitig wird ja auch über Trends im Produktionsbereich diskutiert. Viele Acts nehmen digital auf, weil analog so aufwendig ist. Denkst du, das verändert die Musik?

Tom Lubowski: Absolut. Kaum jemand arbeitet heute noch mit Bandmaschinen. Vielleicht ein paar Enthusiasten, aber das ist die Ausnahme. Digital ist schneller, billiger und bequemer. Dazu kommt, dass KI längst in Studios angekommen ist und ausprobiert wird.

Du hattest sogar einmal ein Interview mit einer KI-Band geführt, richtig?

Tom Lubowski: (lacht) Ja, Frostbite Hawkings. Das ist ein Projekt von Stefan von “Van Canto”. Echte Musiker haben Soundpatterns eingespielt, und die KI hat daraus Songs komponiert. Das war spannend und witzig zu erleben. Und vielleicht geht der Trend irgendwann dahin, dass Musik komplett ohne menschliches Zutun entsteht.

Viele sagen ja, man würde sofort hören, wenn ein Song nicht von Menschen stammt. Stimmst du zu?

Tom Lubowski: Heute vielleicht, aber ich glaube, oft merkt man es auch nicht. Und niemand weiß, wohin sich das entwickelt. Mir persönlich bedeutet menschengemachte Musik immer noch mehr. Gerade weil sie nicht perfekt ist. Auf professionellen Alben gibt es Fehler, die den Charakter ausmachen.

Hast du ein Beispiel?

Tom Lubowski: Ja, bei The Velvet Underground & Nico, beim Song Heroin. Da gibt es diese Passage, in der Maureen Tucker einfach aufhört, Schlagzeug zu spielen. Ein klarer Fehler, aber der Take war so eindrucksvoll, dass sie ihn behalten haben. Eine KI würde so etwas nie erzeugen. Und wenn du versuchst, ihr künstlich einen Fehler einzubauen, klingt es selten echt.

Dann lass uns noch über Social Media sprechen. Mein Lieblingsthema und Hass-Thema zugleich. An Plattformen wie Instagram kommt man ja nicht vorbei. Wie wichtig ist das für dich als Journalist?

Tom Lubowski: Es ist definitiv wichtig. Erstens, weil es die einfachste Möglichkeit ist, mit Künstlern in Kontakt zu bleiben. Zweitens, weil man dort Bands intensiver verfolgen kann als früher. Jeden Tag passiert irgendwas, auch wenn vieles davon für die Recherche völlig irrelevant ist.

Ich finde, Social Media zerstört oft den Mythos. Ich will gar nicht wissen, was Mick Jagger isst. Und Konzertfotos sehe ich inzwischen auch kaum noch gern. 

Tom Lubowski: Da bin ich bei dir. Bands und Künstler haben ein Recht auf Privatleben, und wenn sie es in den sozialen Medien teilen wollen, sollen sie das tun. Mich interessiert vieles davon einfach nicht.

Tom, wir sind uns einig. Ich danke dir und wir sehen uns in Berlin wieder.

Mehr zu Tom Lubowski findet ihr in den Socials.

Instagram 

Mehr Soundcheck Sessions findet ihr auf der Website.

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Doppelbock: Musikalische Akrobatik mit doppeltem Boden

Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.


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