Soundcheck mit Mia (Kolumne)
Menowin Fröhlich gewinnt „DSDS“ 2026 und liefert das perfekte TV-Narrativ: Rückkehr, Erlösung, Quote. Eine Kolumne über Nostalgie, Gatekeeping und das ewige Recycling deutscher Unterhaltung.
Text: Mia Lada-Klein
Bild: picture alliance/dpa | Roberto Pfeil
- Warum Menowins Sieg weniger Überraschung als kalkulierte TV-Dramaturgie war
- Weshalb „DSDS“ längst von Nostalgie statt von neuen Talenten lebt
- Wie Menderes, Pietro Lombardi und die Kaulitz-Brüder das System entlarven
Menowin Fröhlich und die deutsche Obsession mit dem zweiten Aufguss
Deutschland liebt Comebacks. Nicht die eleganten, würdevollen Rückkehrgeschichten, bei denen jemand still und souverän wieder auftaucht und die Welt mit neuer Kunst überrascht. Nein, Deutschland liebt die andere Sorte: die leicht angeschlagene, dramatisch überinszenierte Rückkehr unter LED-Scheinwerfern, begleitet von bedeutungsschweren Einspielern, trauriger Klaviermusik und der immer gleichen Erzählung vom „gefallenen Engel“, der nun endlich erlöst werden soll.
Und so ist es also wieder passiert. Da stand er wieder dort: Menowin Fröhlich.
16 Jahre nach seiner legendären Niederlage gegen Mehrzad Marashi.
16 Jahre nach jener Staffel, die sich tief in das kulturelle Gedächtnis deutscher Trash-TV-Geschichte eingebrannt hat, zwischen DSDS-Tränen und RTL-Zeitlupen.
Menowin Fröhlich war schon immer mehr als einfach ein Kandidat. Er war und ist ein Phänomen. Ein wandelnder Boulevardroman mit Mikrofon. Ein Mann, dessen Leben wirkt, als hätte jemand sämtliche RTL-Nachmittagsformate in einen Mixer geworfen und anschließend versucht, daraus einen Popstar zu bauen.
Und nun also die große Rückkehr. Der Kreis schließt sich. Die Erlösung kommt zur Primetime. Oder zumindest das, was RTL dafür hält.
Menowin Fröhlich gewinnt DSDS 2026.
Wer hätte das gedacht? “Ironie off”
„DSDS“ und die Kunst, aus Nostalgie Sauerstoff zu gewinnen
Man muss „Deutschland sucht den Superstar“ aber wirklich fast bewundern. Nicht für musikalische Relevanz, versteht sich. Sondern für die beinahe übernatürliche Fähigkeit, sich selbst immer wieder künstlich am Leben zu halten. „DSDS“ ist längst keine Castingshow mehr. Es ist ein kulturelles Pflegeheim für Fernsehnostalgie. Eine Sendung, die sich weigert zu sterben und stattdessen ihre eigenen Geister wieder auferstehen lässt.
Denn natürlich war Menowins Teilnahme kein Zufall. Sie war kalkulierte Erinnerungspolitik. RTL weiß längst, dass das Publikum nicht mehr einschaltet, um neue Stars zu entdecken. Dafür gab es früher Facebook und Instagram. Jetzt gibt es TikTok, Spotify und den Algorithmus. Niemand wartet heute ernsthaft auf den nächsten Superstar aus Köln-Ossendorf.
Was die Zuschauer wollen, ist etwas anderes: Wiedererkennung. Vertrautheit. Das Gefühl, dass wenigstens im Fernsehen die Zeit stehen geblieben ist. Und Menowin war dafür perfekt. Er war also auch dieses Mal kein Kandidat. Er war eine Rückblende mit Tätowierungen.
DSDS: Zwischen Breakdance und Untergangsstimmung
Schon der gestrige Final-Abend selbst wirkte wie eine fiebrige Mischung aus Zirkus, Karneval und emotionaler Selbsthilfegruppe. Paco breakdancte sich durch Justin Bieber, Abii verabschiedete sich mit dem Selbstbewusstsein eines Menschen, der entweder kurz vor dem Durchbruch oder kurz vor einem Motivationsseminar steht und irgendwo dazwischen sprang Menderes auf die Bühne wie ein freundlicher Geist vergangener RTL-Weihnachten.
Menderes ist inzwischen keine Person mehr, sondern ein Naturgesetz. Wenn bei „DSDS“ irgendetwas passiert, erscheint er automatisch. Vielleicht wohnt er mittlerweile hinter den Kulissen. Vielleicht materialisiert er sich einfach, sobald Dieter Bohlen „Superstar“ sagt. Jedenfalls performte er seinen neuen Song, während das Publikum kollektiv so tat, als sei das alles völlig normal. Aber von all den Geistern, die seit Jahrzehnten durch die Kulissen von „DSDS“ spuken, ist Menderes vermutlich der freundlichste. Eine Art Casper des deutschen Privatfernsehens. Harmlos, treu, seltsam unkaputtbar. Während andere ehemalige Kandidaten irgendwann in Skandalen, Schlagzeilen oder fragwürdigen Reality-TV-Experimenten verschwinden, taucht Menderes einfach wieder auf, lächelt höflich in die Kamera und singt weiter, als hätte ihn das Konzept von Niederlage nie wirklich interessiert.
Menderes verkörpert etwas, das im modernen Medienbetrieb fast ausgestorben ist: absolute Beharrlichkeit ohne Zynismus. Dieses beinahe kindliche „Ich will das unbedingt“, das sich nicht davon beeindrucken lässt, dass die halbe Nation seit Jahren zwischen Fremdscham und Sympathie schwankt. Er kam immer wieder. Jahr für Jahr. Staffel für Staffel. Nicht ironisch, sondern ernsthaft.
Man könnte darüber lachen. Viele haben es getan. Aber irgendwann kippt Spott manchmal in Respekt.
Denn Menderes zeigt gleichzeitig auch die grausame Wahrheit hinter all den Durchhalteparolen der Unterhaltungsindustrie. Dieses ewige „Wenn du nur fest genug an dich glaubst, kannst du alles schaffen“ klingt wunderbar auf Motivationspostern oder unter Instagram-Reels mit Klaviermusik. Aber das Leben funktioniert selten so sauber. Manchmal reicht Wollen eben nicht. Manchmal reicht Ehrgeiz nicht. Manchmal reicht selbst grenzenlose Leidenschaft nicht aus, um aus jemandem einen großen Sänger oder Superstar zu machen.
Und trotzdem machte Menderes weiter. Vielleicht ist er deshalb inzwischen weniger ein Kandidat als vielmehr ein festes Inventar deutscher Popkultur. Eine Figur, über die man längst hinausgewachsen sein müsste und die einem trotzdem irgendwie ans Herz wächst. Weil sie erinnert, dass Hartnäckigkeit nicht immer mit Erfolg belohnt wird, Würde aber manchmal schon.
Constance sang, aber Menowin erzählte eine Erlösungsgeschichte
Das eigentlich Faszinierende am Finale war aber auch dieses Mal nicht die Musik. Die war wie immer nebensächlich. Solide, aber austauschbar.
Interessanter war die Dramaturgie.
Denn während Kandidatin Constance objektiv betrachtet vermutlich die stärkste Stimme des Abends hatte, trat Menowin mit etwas auf, das im deutschen Fernsehen oft wichtiger ist als Talent: narrative Schuldüberwindung.
Er war die Geschichte.
Der geläuterte ehemalige Problemfall.
Der „erwachsen gewordene Wiederholungstäter“.
Der Mann, der gefallen war und nun wieder aufstand.
Deutschland liebt solche Geschichten. Sie erlauben moralische Katharsis ohne echte Konsequenzen. Man darf jemanden erst verurteilen und später emotional wieder aufnehmen. Das Publikum fühlt sich dabei gleichzeitig streng und großzügig. Eine perfekte Unterhaltungssymbiose.
Constance konnte singen.
Menowin konnte aber Vergangenheit. Und Vergangenheit gewinnt im Fernsehen fast immer.
Pietro Lombardi und die heilige Regel, die plötzlich keine mehr war
Pietro Lombardi hat bereits im Vorfeld öffentlich darauf hingewiesen, dass Menowins Teilnahme eigentlich gegen die bisherigen Regeln der Show verstoße.
Dass ausgerechnet Pietro Lombardi den Regelhüter gab, besitzt dabei eine fast poetische Ironie. Der einstige „DSDS“-Sieger, der selbst zum festen Inventar des Reality- und Boulevardkosmos geworden ist, meldete sich im Podcast „Patchwork Boys“ mit deutlicher Kritik zu Wort. Laut Pietro sei die Sache eigentlich glasklar: Wer einmal in den Liveshows stand, dürfe normalerweise nicht noch einmal antreten. Dass Menowin Fröhlich trotzdem zurückkehren durfte, widerspreche den bisherigen Regeln der Sendung.
Trotz seiner Kritik traute Pietro Lombardi Menowin Fröhlich gleichzeitig erstaunlich viel zu. Mehr noch: Er sagte den Ausgang praktisch voraus. Gegenüber Oliver Pocher mutmaßte er schon früh, Menowin werde „das Ding wahrscheinlich auch gewinnen“.
Und damit sollte er recht behalten.
Nicht unbedingt, weil Pietro über prophetische Fähigkeiten verfügt oder heimlich die Fernsehzukunft lesen kann. Sondern weil er das System versteht. Er kennt die Mechanik dieser Formate inzwischen vermutlich besser als viele der Menschen, die sie produzieren.
Menowin war keine Ausnahme.
Er war Content-Recycling.
Die Kaulitz-Brüder und das Reich der immer gleichen Gesichter
Genau hier schließt sich der Kreis zu einem Problem, das längst die gesamte deutsche Medienlandschaft durchzieht.
Denn Menowins Comeback folgt derselben Logik wie Bill und Tom Kaulitz als Moderatoren von „Wetten, dass..?“.
Die Branche kreist obsessiv um dieselben Gesichter, dieselben Namen, dieselben sicheren Marken. Nicht, weil niemand Neues existiert. Sondern weil Bekanntheit inzwischen wichtiger geworden ist als Talent und neue Gesichter.
Die Medienwelt funktioniert heute wie ein exklusiver Freizeitpark für bereits etablierte Personen. Wer einmal Eintritt bekommen hat, darf für immer Karussell fahren.
Alle anderen stehen draußen und hören aus der Ferne das Lachen.
Natürlich verkauft man das gern als „Publikumsnähe“ oder „moderne Ansprache“. Tatsächlich aber ist es vor allem Angstmanagement. Sender vermeiden Risiko wie Vampire das Sonnenlicht. Lieber ein mittelmäßig funktionierender Prominenter als ein unbekanntes Talent mit tatsächlichem Potenzial.
Denn Potenzial garantiert keine Quote.
Bekanntheit schon.
Nachwuchstalente im Hamsterrad der Sichtbarkeit
Für junge Künstler ist diese Branche inzwischen ein kafkaeskes Labyrinth geworden. Talent reicht nicht mehr aus. Talent ist bestenfalls die Eintrittskarte zur nächsten Warteschlange.
Man soll sichtbar sein, bevor man sichtbar werden darf. Man soll Reichweite mitbringen, bevor man eine Plattform bekommt. Man soll funktionieren wie ein fertiges Produkt, bevor irgendjemand bereit ist, überhaupt in Entwicklung zu investieren.
Castingshows wie „DSDS“ verkaufen weiterhin den Mythos vom Aufstieg des Nobody zum Superstar. Aber das nur nach außen.
Menowin Fröhlich gewinnt. Aber was eigentlich genau?
Am Ende stand Menowin Fröhlich unter Konfetti-Regen auf der Bühne, 100.000 Euro reicher und offiziell Deutschlands neuer Superstar. Und für einen kurzen Moment wirkte es tatsächlich wie ein Happy End. Doch vielleicht war es eher etwas anderes: ein Symbol dafür, wie sehr sich deutsche Unterhaltung inzwischen in der Vergangenheit eingerichtet hat.
Die Rückkehr alter Figuren.
Die ewige Wiederverwertung bekannter Namen.
Die Sehnsucht nach Geschichten, die man schon kennt.
„DSDS“ suchte einmal Superstars.
Heute sucht die Sendung vor allem Einschaltquoten.
Und dafür war Menowin perfekt.
Nicht trotz seiner Vergangenheit.
Sondern exakt wegen ihr.
Mehr Soundchecks mit Mia findet ihr auf meiner Website.
Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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Das war ein herausragender Artikel. Dezidiert, punktgenau und mitten rein in das schwarze Loch der Nicht-Unterhaltungsindustrie. Zumindest dann wenn man die geistige Gesundheit als oberste Prämisse für sich selbst ausgibt. Danke hierfür, Mia.