YouTube-Star Angelo Bissanti spricht über seine Liebe zu Metal und Anime, seine Karriere, Japan-Pläne und warum Covers seine Leidenschaft sind.
Text: Mia Lada-Klein
Angelo Bissanti! Merkt euch den Namen. Mit inzwischen über 89.400 Abonnenten auf YouTube (und täglich mehr) spielt er längst in einer Liga, von der viele Musiker nur träumen. Früher war er eher klassisch im Metal- und Cover-Bereich unterwegs, heute hat er seine ganz eigene Spielwiese gefunden: Anime Openings und Pop-Songs, die er gnadenlos in seinen Metal-Style taucht.
Und ja, ich gebe es zu: Ich bin Fan. Fan von seiner Stimme, seiner lockeren und völlig uneitlen Art und vor allem von den Coverversionen, die klingen, als hätte jemand Metal und Anime in einen Mixer geworfen und gesagt: „Shake it, Angelo.“
Im Interview wollte ich wissen, wer dieser Typ aus Sizilien eigentlich genau ist. Wie er zur Musik kam, warum er so ein Faible für Animes und japanische Kultur hat und welche Pläne er gerade schmiedet. Seine Antworten? Direkt, sympathisch und so authentisch wie seine Covers. Aber lest selbst.
Wie bist du ursprünglich zur Musik gekommen, und speziell zum Metal?
Ich glaube nicht, dass es einen bestimmten Moment gab, in dem ich mich für Musik interessiert habe, denn soweit ich mich zurückerinnern kann, war ich immer schon leidenschaftlich dabei. Ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern, wann ich mit Instrumenten angefangen habe; ich weiß nur, dass es Fotos von mir als Kind gibt, auf denen ich Instrumente in der Hand halte. Musik und Kunst im Allgemeinen hat mich schon immer fasziniert. Was Metal betrifft, war mein musikalischer Hintergrund stark von Rock und Hard Rock geprägt, da mein Vater Bands wie Deep Purple, Pink Floyd, Jethro Tull und andere hörte. Aber ich würde sagen, meine erste richtige Begegnung mit Metal kam mit ungefähr acht oder neun Jahren, und zwar mit Iron Maiden.
Was begeistert dich daran, Popsongs in Metal-Versionen zu verwandeln?
Am meisten begeistert mich, dass ich einem Song eine völlig andere Interpretation geben kann. Die Idee, etwas zu transformieren, das schon funktioniert, zum Beispiel einen Popsong, der für genau dieses Genre geschrieben wurde und ihn in meinen eigenen Stil zu übertragen, macht unglaublich viel Spaß. Natürlich eignet sich nicht jeder Song gleichermaßen für ein Metal-Arrangement, zumindest nicht so, wie ich Metal verstehe. Aber genau das ist es, was mich am meisten fasziniert.
Gibt es einen Song, den du schon immer covern wolltest, dich aber bisher nicht getraut hast?
Bei mir ist es weniger eine Frage des „Nicht-Trauens“, sondern eher, dass es bei bestimmten Songs einfach keinen Sinn ergibt. Ich möchte das mit zwei Perspektiven erklären. Die erste knüpft an das an, was ich schon erwähnt habe: Es gibt Songs, die ich sehr mag, aber die ich einfach nicht in meine musikalische Sprache übersetzen kann. Jeder von uns hat seinen eigenen Hintergrund und entwickelt daraus seinen persönlichen Stil. Manchmal finde ich bei einem Song keine Perspektive, die es mir erlauben würde, ihn so zu arrangieren, dass er mich wirklich zufriedenstellt. Die zweite Perspektive hängt mit dem Format zusammen, das ich heute nutze. Als Teenager, so mit 15 oder 16, habe ich Cover von klassischen Metal-Songs aufgenommen, einfach weil ich es liebte, diese Songs von mir gespielt zu hören. Heute basiert meine Arbeit in den sozialen Medien hauptsächlich auf zwei Formaten: Popsongs und Anime-Songs, die ich in einem Metal-Stil neu interpretiere. Daher würde es für mich wenig Sinn ergeben, ein Metal-Cover eines Songs zu machen, der ohnehin schon Metal ist. Die Leidenschaft und Energie, die ich hineinstecke, hätten nicht dieselbe Wirkung, und auch mein Publikum würde es nicht auf die gleiche Weise wertschätzen. Das heißt aber nicht, dass ich es für die Zukunft ausschließe. Wahrscheinlich würde ich dann aber einen separaten Kanal dafür eröffnen, um meine Fanbase nicht zu verwirren und die Identität meines aktuellen Projekts nicht zu schwächen.
Du kommst aus Sizilien – wie sieht die Metalszene dort aus, und wie unterscheidet sie sich von der in Deutschland oder Skandinavien?
Ja, ich bin Sizilianer, und das ist eine ziemlich komplexe Frage. Es gibt hier definitiv extrem talentierte Musikprojekte von wirklich hoher Qualität, die deutschen oder skandinavischen Bands in nichts nachstehen. Leider sind sie aber stark benachteiligt, so wie ich es früher war und es auch heute noch sein könnte, durch die Tatsache, dass es für diese Art von Musik schlicht keinen wirklichen Markt gibt. Dadurch gibt es nur sehr wenige Orte, an denen Metal gespielt werden kann. Ja, es gibt sie, aber eben nicht viele, und alles bleibt sehr nischig. Auch wenn es leidenschaftliche Fans gibt, ist das Hauptproblem, dass ein echter Markt für Metal hier einfach nicht existiert.
Viele sagen, Metal sei „Nischenmusik“. Stimmst du zu, oder hat Metal deiner Meinung nach längst den Mainstream erobert?
Zu sagen, dass Metal immer noch Nischenmusik sei, halte ich nicht für ganz zutreffend, es hängt wirklich vom Ort und vom Kontext ab. Heute ist Metal extrem im Mainstream angekommen. Selbst Menschen, die sich nicht als „Metalheads“ sehen, kennen zahlreiche Metal-Songs. Ich gehe jetzt nicht auf bestimmte Genres oder Titel ein, aber es ist offensichtlich, dass Metal weit verbreitet ist und riesige Zahlen erreicht. Wir sehen das immer öfter in Mainstream-Produkten. Da ich viel mit Anime arbeite, fällt mir besonders auf, dass Openings und Soundtracks häufig stark von Metal geprägt sind: Riffs, Sounds und Arrangements, die klar aus dem Metal stammen. Deshalb kann ich Metal heute nicht mehr als Nischenmusik bezeichnen. An manchen Orten, wo es keinen Markt gibt, mag es noch so wahrgenommen werden, aber nicht darüber hinaus.
Welche Rolle spielen YouTube und Social Media heute in der Musikindustrie – Fluch oder Segen?
Ich sehe das weder als Fluch noch als Segen, sondern vielmehr als die natürliche Weiterentwicklung unseres gesellschaftlichen Wegs in den Künsten. Früher gab es andere Wege, um bekannt zu werden, und man musste diese gehen. Heute haben sich die Werkzeuge verändert, und Social Media sowie YouTube sind die Plattformen, auf die man setzt. Der große Vorteil ist, dass heute viel mehr Menschen als früher die Chance haben, wahrgenommen zu werden und sogar eine Karriere aufzubauen. Gleichzeitig gilt: Je mehr Menschen sichtbar werden, desto größer und konkurrenzintensiver wird der Markt. Ich würde nicht sagen, dass er übersättigt ist – solange Nachfrage besteht, ist er das nicht – aber es ist definitiv schwerer geworden, aufzufallen. Der einzige potenziell negative Aspekt ist, dass manche Menschen eher Trends folgen, als ihrer eigenen Leidenschaft nachzugehen. Aber auch das sehe ich nicht als Kritik, sondern als eine andere Herangehensweise. So funktioniert es heute, und daran ist nichts falsch, denn es gibt viel mehr Menschen die Chance, sich zu verwirklichen.
Wie entscheidest du, welchen Anime-Song oder Soundtrack du coverst? Achte dabei mehr auf die Melodie, die Lyrics oder die emotionale Wirkung?
Die Wahl des Songs oder meist eher des Openings, da ich mich heutzutage vor allem auf Anime-Themes konzentriere, hängt von mehreren Faktoren ab. Zum Beispiel: Wenn meine Fans sich seit langer Zeit einen bestimmten Song wünschen, ist das ein guter Grund, ihn umzusetzen, auch wenn er mich persönlich nicht immer begeistert. Wenn ich einen Song jedoch wirklich gar nicht mag oder wenn ich beim Hören keine positive Energie spüre, dann lasse ich es lieber. Abgesehen davon würde ich deine Frage fast genauso beantworten, wie du sie gestellt hast: Es kann die Melodie sein, die emotionale Wirkung oder manchmal auch der Text. Ich spreche zwar kein Japanisch, aber ich spüre trotzdem, wie der Rhythmus und die Klangfarbe der Sprache zur Wirkung des Songs beitragen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Format, dem ich folge: Ich wähle auch nach den Vorlieben meines Publikums aus. Wenn man meinen Kanal im letzten Jahr verfolgt hat, fällt auf, dass ich häufig Songs aus älteren, klassischen, kultigen Anime covere. Der Grund ist, dass mein Publikum größtenteils zwischen 30 und 60 Jahre alt ist und da ein starker Nostalgie-Faktor mitschwingt. Das heißt nicht, dass ich nie neuere Tracks oder welche aus den letzten 10–15 Jahren covere, aber der Schwerpunkt liegt eindeutig auf den ikonischen Serien.
Wenn du einen Anime-Song in einen Metal-Stil verwandelst, welche Veränderungen sind dir dabei am wichtigsten (z. B. Tempo, Verzerrung, Vocals, Struktur)?
Am wichtigsten ist für mich ganz klar die Struktur. Für meinen Geschmack ist es entscheidend, die ursprüngliche Stimmung und die Intention des Komponisten zu bewahren. Auch wenn ich den Song stark verändere, darf er seine Essenz nicht verlieren, sonst wird er einfach zu einem anderen Stück, das zwar Akkorde oder Lyrics übernimmt, aber nichts mehr von der ursprünglichen Botschaft hat. Und das ist etwas, das ich persönlich nicht mag. Natürlich hängt das auch vom jeweiligen Song ab. Wenn die Gesangslinien sehr prägnant sind und es sich lohnt, sie noch stärker in den Vordergrund zu stellen, dann forme ich das Arrangement in diese Richtung. Manchmal geht es auch mehr um Tempo, Groove oder andere Elemente. In jedem Fall beginne ich immer mit der Intention des Originals – und damit, wie ich den Song im Kopf höre. Wichtig ist außerdem, dass das Arrangement zu meinem eigenen Stil passt – dem, den ich mir speziell für Anime-Cover aufgebaut habe. Dazu kommt noch die sehr begrenzte Zeit, die ich habe: Montags beginne ich und bis Freitag muss das Cover fertig sein. Das bedeutet, ich habe etwa zweieinhalb Tage für Songauswahl, Produktion, Mixing und Mastering, und weitere zweieinhalb Tage für Videodreh, Schnitt sowie Social-Media- und Marketingarbeit. Deshalb muss die Struktur in ein Format passen, mit dem ich innerhalb dieser Deadline das bestmögliche Ergebnis liefern kann. Es ist nicht das Maximum, was ich schaffen könnte, wenn ich mehr Zeit hätte, aber es ist die beste Balance zwischen Qualität und Konstanz.
Wie gehst du mit Vocals um, vor allem wenn das Original in einer anderen Sprache wie Japanisch ist? Singst du selbst auf Japanisch und wie hast du die Aussprache gelernt?
Tatsächlich hatte ich nie große Schwierigkeiten damit – aus drei Gründen. Erstens habe ich schon immer ein natürliches Talent zur Imitation gehabt. Es fällt mir nicht schwer, einen anderen Akzent anzunehmen oder die Klänge einer Sprache möglichst exakt nachzubilden. Natürlich muss ich dafür im richtigen Kontext sein: Wenn ich mittendrin bin, geht es sehr schnell; außerhalb eher weniger. Der zweite Grund hat mit Lauten zu tun: Das japanische Alphabet hat sehr klare Konsonanten, ähnlich wie im Italienischen. Und in Sizilien neigen wir ohnehin dazu, fast alle Konsonanten zu verstärken oder zu verdoppeln. Dadurch fällt es mir leichter, die korrekten Klänge japanischer Wörter wiederzugeben. Der dritte Grund: Ich schaue extrem viele Anime im Originalton, meistens mit Untertiteln auf Italienisch oder Englisch. Dadurch habe ich die Klänge und Nuancen der Sprache sehr verinnerlicht. Mit der Zeit und Übung wird es immer leichter, die Aussprache natürlich wiederzugeben. Perfekt bin ich natürlich nicht, aber das Feedback zeigt mir, dass die Leute meine Aussprache sehr schätzen. Tatsächlich ist eines meiner Ziele, Japanisch richtig zu lernen und damit habe ich kürzlich begonnen.
Welche Reaktionen bekommst du von Anime-Fans im Vergleich zu klassischen Metal-Fans, wenn du solche Songs coverst?
Das hängt stark vom jeweiligen Hörer ab. Manche Metal-Fans sind auch Anime-Fans, die genießen es doppelt, weil beide Welten zusammenkommen. Andere Metal-Fans haben gar keinen Bezug zu Anime und können sich damit vielleicht nicht verbinden oder ändern mit der Zeit ihre Meinung. Dasselbe gilt für Anime-Fans: Manche mögen Metal, andere überhaupt nicht. In meinem Fall habe ich oft einen kleinen Vorteil bei den Anime-Fans. Wenn man Anime liebt, ist man automatisch neugierig, ein bekanntes Opening in einem völlig neuen Stil zu hören, besonders wenn es in etwas Extremeres wie Metal verwandelt wird. Natürlich orientieren sich meine Arrangements eher am klassischen Heavy Metal – nicht zu modern und nicht übermäßig hart –, aber sie sind dennoch sehr weit weg vom Pop. Gerade da haben japanische Fans eine interessante Perspektive: Japanische Popmusik ist nämlich nicht wie westlicher Pop. Oft finden sich darin verzerrte Gitarren, treibende Rhythmen und wuchtige Drums. Manchmal stößt man sogar auf Songs, die eine komplette moderne Metal-Produktion haben, aber dennoch als Pop vermarktet werden. Deshalb wirkt es für Anime-Fans oft eher wie eine natürliche Erweiterung, nicht wie etwas völlig Fremdes.
Gibt es ein Projekt, das dir besonders am Herzen liegt? Du hast einmal Crowdfunding erwähnt – kannst du mehr darüber erzählen?
Das wichtigste Projekt für mich ist ganz klar: in Japan live vor meinen Fans zu spielen. Mittlerweile kommen etwa 80 % meines Publikums aus Japan und sie sind einfach fantastisch. Ich möchte dabei nicht negativ über meine anderen Zuhörer sprechen, aber die Wertschätzung und Begeisterung, die ich von meinen japanischen Fans erfahre, ist wirklich außergewöhnlich. Tausende von ihnen haben mich gebeten, dort aufzutreten. Für mich wären damit gleich zwei Träume erfüllt: Erstens könnte ich endlich etwas zurückgeben an die Menschen, denen ich so viel verdanke, denn dass ich das heute machen kann, liegt vor allem an ihnen. Und zweitens liebe ich japanische Kultur und Anime seit jeher, sodass es für mich eine riesige Erfüllung wäre, dort auch musikalisch auftreten zu können.
Vor Kurzem schlug mir ein japanischer PR-Manager vor, es mit einer Crowdfunding-Kampagne zu versuchen. Es war nicht der erste Vorschlag, in Japan zu spielen, aber dieser schien der sinnvollste erste Versuch zu sein, weil wir sehen wollten, wie das japanische Publikum auf Crowdfunding für einen nicht-japanischen Künstler reagiert. Und die Reaktion war sehr positiv. Wahrscheinlich werden wir das Ziel trotzdem nicht erreichen, vor allem wegen des Timings. In Japan ist es sehr teuer, eine Venue zu buchen, und oft muss man das ein Jahr im Voraus tun. Sobald ein Termin feststeht, muss das Crowdfunding sofort starten. In diesem Fall hatten wir nur etwas mehr als zwei Wochen, um eine große Summe zu sammeln und das ist zu wenig Zeit. Im Moment laufen noch ein paar Tage, aber das Budget wird wohl nicht zusammenkommen. Was ich aber gelernt habe – sowohl ich als auch der PR, der mich betreut –, ist, dass die Leute mich unbedingt live sehen wollen. Jeden Tag beteiligen sich noch 15–20 Leute, was zeigt: Mit einem längeren Zeitraum, etwa drei statt zwei Wochen, und einer besseren Vorbereitung wäre das Ziel definitiv erreichbar. Am meisten überrascht hat mich ein „Special Ticket“, das wir fast zum Spaß eingebaut hatten: Es kostete 900 Euro und war eines der ersten, das verkauft wurde. Das war eine riesige Motivation. Auch wenn dieser erste Versuch das Ziel nicht erreicht, war er eine große Bestätigung für mich. Mein wichtigstes Projekt bleibt also, in Japan aufzutreten, idealerweise in den nächsten ein bis zwei Jahren, und am liebsten regelmäßig. Mein zweites Projekt, das ich so schnell wie möglich starten möchte, ist ein eigener italienischer Kanal für Anime-Openings auf Italienisch. Wir haben in Italien eine starke Tradition und einen großen Markt für Anime-Songs, und ich weiß, dass es dort ein großes Publikum gibt, das darauf wartet. Viele Fans und Freunde haben mich schon oft darum gebeten. Auf meinem aktuellen Kanal würden italienische Cover jedoch keinen Sinn ergeben, weil sie dessen Identität verwässern würden. Deshalb möchte ich dafür einen eigenen Raum schaffen. Dafür muss ich aber mein Team erweitern, denn mit meinem aktuellen wöchentlichen Zeitplan wäre es unmöglich, noch mehr Inhalte allein zu produzieren.
Mehr zu Angelo Bissanti findet ihr in den Socials.
Mia Lada Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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