Michael Gocht von den Meltdown Metal Studios spricht über Metal-Sound, harte Arbeit, Bandtipps & Social Media: So entsteht ein Mix mit Seele und Charakter.
Interview: Mia Lada-Klein
Michael Gocht ist Mastering-Engineer, Produzent und Gründer der Meltdown Metal Studios. Seit über zehn Jahren bringt er Bands zum Klingen, dass selbst die Konkurrenz hinschaut und das mit einem Charakter, den man nicht kopieren kann.
Ich habe ihn für einen Talk eingeladen, nicht nur, weil wir uns schon länger kennen, sondern auch, weil er als Klangmeister am Album Wüstenland von Versus Goliath mitgewirkt hat.
Im Interview ging es auch um die Band, aber vor allem um Sound, Studioarbeit und nützliche Tipps für junge Bands: von cleverem Social-Media-Einsatz bis zu den Dingen, die man besser lassen sollte. Und dann gibt’s da noch die Schattenseiten des Musikbusiness: Die dunklen Ecken, die hinter coolen Instagram-Posts oder glänzenden TikTok-Clips gerne mal untergehen. Michael spricht offen darüber, wie man in diesem Haifischbecken überlebt, ohne den eigenen Sound zu verlieren und das mit einer Mischung aus Fachwissen, Erfahrung und einer ordentlichen Portion Humor.

Michael, für alle, die dich immer noch nicht kennen, was ich mir bei meinen Lesern kaum vorstellen kann, schließlich hatten wir ja schon gemeinsam die Kolumne Der Klangmacher. Magst du dich trotzdem noch einmal kurz vorstellen? Wer ist der Typ hinter den Reglern?
Michael Gocht: Mastering-Engineer sowie Produzent. Ich habe die Meltdown Metal Studios gegründet und mache das Ganze jetzt seit über zehn Jahren hauptberuflich. Meine Intention war von Anfang an, Bands einen richtig guten Sound zu geben, international konkurrenzfähig, aber mit eigenem Charakter.
Mixen, Feilen, Magie: Wie ein Sound entsteht
Was ist für dich der Unterschied zwischen einem guten und einem großartigen Metal-Mix?
Michael Gocht: Ein guter Mix ist erstmal einer, bei dem einem nicht die Ohren abfallen. Sprich: Er klingt sauber, rund und angenehm. Aber ein großartiger Mix geht darüber hinaus. Da steckt Seele drin, ein Gefühl, das bleibt. Im Metal ist das besonders spannend, weil die Bandbreite riesig ist, von Black Metal über Modern Metal bis zu melodischen Spielarten. Da gibt es kein festes Rezept. Wichtig ist, dass der Mix zur Band passt und die Emotionen transportiert.
Du hast ja gerade mit Versus Goliath ein Album gemacht, das ich mit neun Punkten bewertet habe. Wie schaffst du den Spagat zwischen der künstlerischen Vision einer Band und deinem technischen Anspruch?
Michael Gocht: Kommunikation ist das A und O. Ich arbeite auf Augenhöhe mit den Bands, höre genau zu, was sie wollen und überlege dann, wie ich das technisch umsetzen kann. Ich kenne das ja aus eigener Erfahrung, ich war selbst in einer Band. Dadurch verstehe ich, wie man Sound „spricht“. Bei Versus Goliath war das super: Wir wollten jedem Song eine eigene Stimmung geben, mal dunkler, mal brachialer, mal intimer. Es ging nicht darum, einfach alles durchs gleiche Mastering zu jagen, sondern jedem Titel seine eigene Persönlichkeit zu lassen.
Wann merkst du, dass eine Band wirklich für das brennt, was sie tut?
Michael Gocht: Das spürt man sofort, wenn man mit den Musikern über ihre Songs redet. Wenn sie erklären, was hinter den Texten steckt, welche Geschichten oder Emotionen da drin sind, dann leuchten die Augen und man merkt, da steckt Herzblut dahinter. Versus Goliath ist ein gutes Beispiel: Ihre Songs sind nicht nur Musik, sie wollen Menschen erreichen, etwas bewegen. Das geht weit über den reinen Sound hinaus.
Viele junge Bands haben ja eine romantische Vorstellung vom Studio. Wie viel Magie steckt wirklich hinter der Arbeit und wie viel Schweiß?
Michael Gocht: Definitiv mehr Schweiß als Magie! (lacht) Aber die Magie entsteht durch die Zusammenarbeit. Wir sitzen da, feilen an Details, überarbeiten Mixe, sprechen über jede Kleinigkeit, bis es für alle passt. Ich will, dass die Band am Ende sagt: „Genau so klingt’s in meinem Kopf!“ Das ist harte Arbeit, aber wenn dieser Moment kommt, ist das pure Magie.
Wie hat sich der Sound moderner Metal-Produktionen in den letzten Jahren verändert?
Michael Gocht: Enorm!
Enorm. Okay, nächste Frage.
Michael Gocht: (lacht) Mit der technischen Entwicklung sind die Möglichkeiten explodiert. Computer, Plugins, Interfaces, alles wird leistungsfähiger. Heute kann man mit guten Kopfhörern, Know-how und einem Laptop schon beeindruckende Ergebnisse erzielen. Gleichzeitig ist das Schöne, dass Bands viel selbst machen können und zwar vom Songwriting bis zu Rohaufnahmen. Ich finde es einfach großartig, wenn eine Metalband nicht nur das macht, was man schon hundertmal gehört hat, sondern sich fragt: Wie kann ich das maximal gut ausdrücken? Wenn Synthesizer, Klavier oder Orchesterparts dazukommen, warum nicht? Das kann Songs enorm aufwerten. Natürlich muss man aufpassen, dass am Ende nicht alles gleich klingt. Aber diese Offenheit ist etwas, das ich sehr begrüße. Studios sind nicht mehr nur Orte der Aufnahme, sondern der Veredelung.
Wenn du auf aktuelle Trends schaust, welche beobachtest du gerade in der Musikbranche, und welche nerven dich vielleicht auch persönlich so richtig?
Michael Gocht: Da gibt’s einiges. Was mich am meisten stört, ist, dass unser Beruf, also das, was wir als Produzenten oder Toningenieure machen, kein geschützter Begriff ist. Jeder, der sich einen Laptop kauft und Cubase installiert, kann sich „Producer“ nennen. Und je besser jemand Social Media bespielt, desto mehr Aufmerksamkeit bekommt er, auch wenn er technisch vielleicht keine Ahnung hat. Das führt leider dazu, dass viele Bands schlechte Erfahrungen machen: Geld bezahlt, keine Rückmeldung, kein Ergebnis. So was zieht das ganze Genre runter.
Das klingt nach einer echten Vertrauenskrise.
Michael Gocht: Absolut. Ich höre oft von Bands, dass sie nach so einer Erfahrung aufgeben wollen. Das ist traurig, weil dadurch gute Musik verloren geht. Ich wünsche mir einfach, dass Bands sich nicht entmutigen lassen und nach solchen Enttäuschungen weitermachen, irgendwann findet man jemanden, mit dem es funktioniert.
Genau, alle, die gerade bei Tinder sind, Hoffnung nicht aufgeben! Aber kommen wir zurück zur Musik: Du hast auch mal erwähnt, dass manche Musiker mit einem großen Ego ins Studio kommen. Wie gehst du damit um?
Michael Gocht: (lacht) Das passiert tatsächlich. Manche glauben, sie hätten schon alles im Griff und reagieren dann ziemlich abweisend, wenn man helfen will. Früher hat mich das geärgert, heute denke ich mir: „Okay, dann eben nicht.“ Jeder macht seine Erfahrungen. Aber was ich wichtig finde, ist ein respektvoller Umgang.
Was bedeutet für dich persönlich Erfolg, jenseits von Klickzahlen und Charts?
Michael Gocht: Erfolg ist für mich, wenn eine Band, die noch nie etwas veröffentlicht hat, ihre erste EP in der Hand hält und sagt: „Das ist mega!“ Wenn sie stolz sind, live spielen und Spaß haben, das ist Erfolg. Natürlich definiert das jede Band anders: Für manche sind’s zwei Millionen Streams, für andere ein Auftritt bei Rock am Ring. Aber ich finde, man sollte sich nicht mit anderen vergleichen. Viele Streams sind vielleicht auch Fake, und Klicks sagen nichts über künstlerische Qualität aus.
Trotzdem scheinen Social Media und Reichweite inzwischen alles zu bestimmen.
Michael Gocht: Leider ja. Heute gilt man nur als erfolgreich, wenn man viele Follower und Likes hat. Dabei rückt die Musik selbst immer mehr in den Hintergrund. Früher ging es darum, Gefühle auszudrücken, nicht darum, ein Produkt zu verkaufen. Ich sag’s immer wieder: Erfolg definiert jede Band für sich selbst. Lasst euch da nichts einreden.
Musikbusiness ungeschönt: Tipps für Bands im harten Alltag
Michael, was würdest du einer Band mit auf den Weg geben? Worauf sollten Musiker achten und was lieber gleich bleiben lassen, bevor’s nach hinten losgeht?
Michael Gocht: Social Media ist heute der größte Hebel, um neue Leute zu erreichen, aber wichtig ist vor allem, die eigenen Songs in die privaten Playlists der Hörer*innen zu bringen. Das sorgt dafür, dass sie immer wieder gehört werden und nicht einfach im Stream-Rauschen untergehen. Was man vermeiden sollte, sind lustige Clips oder Trend-Videos, die mit der eigenen Musik nichts zu tun haben. Damit zieht man zwar kurzfristig Aufmerksamkeit auf sich, aber meistens von Leuten, die sich gar nicht wirklich für die Musik interessieren, sondern nur unterhalten werden wollen. Wenn man solche Formate nutzt, dann bitte nur, wenn man die eigene Musik irgendwie unauffällig reinsneaken kann. Auch das klassische „OUT NOW“ bringt auf Social Media kaum noch etwas, das interessiert niemanden mehr. Besser ist es, die Emotionen und Themen der Songs in den Mittelpunkt zu stellen: den Vibe, die Lyrics, die Geschichte dahinter. Das kann man in den Texten, in den Überschriften oder in kleinen Behind-the-Scenes-Einblicken aufgreifen. Solches Material funktioniert super, vor allem, wenn es mit der eigenen, gut produzierten Musik unterlegt ist, etwa in Live-, Show- oder Studio-Videos. Dafür gibt’s viele praktische Tools: Mit CapCut kann man schnell und einfach Videos schneiden, Übergänge einbauen und automatisch Untertitel erstellen. Klar, ein bisschen Feinschliff braucht es noch, aber die Zeitersparnis ist enorm. Für rund zehn Euro im Monat lohnt sich ein Abo als Band absolut.
Du sprichst etwas an, das viele unterschätzen: Eine Band zu sein, ist kein Hobby, sondern ein Vollzeitjob, wenn man’s ernst meint. Doch im großen Getriebe des Musikbusiness ist die Band oft nur das kleinste, austauschbare Rad zwischen Produzenten, Labels, Managern und Medien. Wie düster ist die Realität wirklich hinter den Kulissen? Denn neben Leidenschaft und harter Arbeit steht immer auch die bittere Möglichkeit, dass der Erfolg einfach ausbleibt.
Michael Gocht: Ziemlich dunkel, wenn man ehrlich ist. Früher haben Labels Bands aufgebaut, sie unterstützt und sind mit ihnen gemeinsam gewachsen. Heute ist das anders: Wenn du keine Reichweite hast, kein TikTok-Profil oder Follower, bekommst du kaum noch ein Label. Bands arbeiten sich selbst hoch und das mit eigenem Geld, Energie, Zeit und sobald sie Erfolg haben, kommen die Labels und wollen ein Stück vom Kuchen. Das läuft in die falsche Richtung.
„Man muss heute als Band fast wie ein Mini-Unternehmen denken“
Das heißt, man sollte eher unabhängig bleiben, wenn man es bis zu einem gewissen Punkt selbst geschafft hat?
Michael Gocht: Wenn du dir selbst etwas aufgebaut hast, kann es sinnvoller sein, das eigenständig weiterzuführen. Und falls doch ein Label ins Spiel kommt: unbedingt alles prüfen! Viele nennen sich Label, haben aber weder Struktur noch Netzwerk. Da geben Bands oft zu viel ab. Verträge sollte man immer sorgfältig lesen, am besten mit juristischem Rat.
Ich finde, vieles wird in der Musikbranche romantisiert. Die Realität ist: selbst mit 300.000 Followern heißt das noch lange nicht, dass man durchstartet. Konkurrenz gibt’s überall und sie ist brutal. Glaubst du, man kann heute überhaupt noch Superstar werden wie früher?
Michael Gocht: Ich bin da tatsächlich zwiegespalten. Ja, ich glaube schon, dass es noch geht, aber es ist wahnsinnig harte Arbeit. Man muss alles geben, realistische Zwischenziele setzen und sich Stück für Stück hocharbeiten. Es gibt keine Abkürzung. Und es hängt auch stark vom Genre ab. Im Pop-Bereich ist das noch eher möglich, aber da läuft vieles über Songwriting-Teams. Da schreibt dann ein ganzes Team für einen Act, der am Ende nur einsingt.
Und dazu kommt ja auch der Faktor Alter, gerade im Pop-Bereich bist du ab 30 schon fast etwas „zu alt“.
Michael Gocht: Total. Das Business ist gnadenlos. Trotzdem finde ich: Man sollte träumen dürfen. Wer das Feuer dafür hat, sollte alles geben, aber sich gleichzeitig bewusst machen, dass es viel Arbeit, Enttäuschungen und Durchhaltevermögen braucht. Erfolg passiert heute nicht zufällig, er ist ein Vollzeitjob.
Also muss man als Band heutzutage nicht nur kreativ, sondern auch unternehmerisch denken?
Michael Gocht: Ganz genau. Eine Band ist heute ein kleines Business. Du brauchst Marketing, Organisation, Management und am Ende bleibt kaum Zeit für das, was es eigentlich ausmacht: Musik. Aber man muss wissen, was nötig ist, um von A nach B zu kommen und im Hinterkopf behalten, dass es eben auch nicht klappen kann. Im besten Fall also nicht das ganze Konto leerräumen und sagen: „Ich mach jetzt Musik und sonst nichts!“ Ein Plan B sollte immer vorhanden sein.
Nur zu träumen füllt den Kühlschrank nicht. Leidenschaft ist wichtig, aber sie zahlt keine Miete. Irgendwann muss man ehrlich zu sich selbst sein. Wenn jemand mit 35 immer noch versucht, „den großen Durchbruch“ zu schaffen, sollte man sich vielleicht eingestehen: Es bleibt ein ambitioniertes Hobby und das ist auch völlig okay.
Michael Gocht: Ja, wenn man sich den Druck nimmt und akzeptiert, dass Glück nicht immer „groß rauskommen“ bedeutet, lebt man entspannter. Eine kleine Fanbase, regelmäßige Konzerte, Musik, die man liebt, das kann völlig reichen.
Diese Ehrlichkeit ist wahrscheinlich der Schlüssel, gerade in einer Branche, die oft von falschen Erwartungen lebt. Abschließend noch eine praktische Frage: Wenn jetzt eine junge Band denkt, „Hey, mit Michael wollen wir zusammenarbeiten“, wie erreicht man dich am besten?
Michael Gocht: Am unkompliziertesten über Instagram. Da kann man mir einfach schreiben: eine kurze Vorstellung, wer ihr seid, was ihr macht, was ihr sucht. Ich antworte in der Regel direkt. Wer will, kann natürlich auch über unsere Website gehen, sich Referenzen anhören und das Kontaktformular nutzen.
Willst du den letzten Funken Weisheit raushauen? Die finalen Worte des Interviews, sozusagen dein Rockstar-Mic-Drop.
Michael Gocht: Bei deinem Interview mit Philipp Lützenburger, ist mir was aufgefallen.
Du liest also wirklich meine Interviews, Michael? Dann bist du offiziell mein Held des Tages und das ist ein riesiges Kompliment!
Michael Gocht: Man kann auf Plattformen wie Instagram oder Facebook eine sogenannte „Custom Audience“ erstellen, die sich aus den eigenen Followern zusammensetzt. Darauf aufbauend lässt sich eine „Lookalike Audience“ generieren. Das bedeutet, dass Meta eine neue Zielgruppe bildet, die den Eigenschaften, Interessen und dem Verhalten der bestehenden Follower ähnlich ist. Auf diese Weise kann man gezielt neue Personen erreichen, die vermutlich ähnliche Interessen haben wie die eigene Community. Im Interview wurde nämlich gesagt, dass sich Retargeting erst ab einer bestimmten Followerzahl lohnt und mit der erwähnten Methode kann man auch schon etwas früher angehen.
Und für alle Bands, die mit dem Videoschnitt hadern, aus nur einem Video kann man unglaublich viel Social-Media-Content schneiden. Und wer kein großes Budget hat: Mit der Blackmagic App kann man selbst richtig gute Aufnahmen drehen und das sogar kostenlos.
Michael, ein Influencer ging an dir verloren, dafür gewann die Musikszene einen Meister der Regler. Ich danke dir für die Tipps und vor allem für deine Zeit und dein Interesse am Talk mit mir.
Mehr zu Michael Gocht und den Meltdown Metal Studios findet ihr in den Socials.
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