Review zu The Butcher Sisters (Das Schwarze Album)
Ein schwarzer Tag für den Ernst
Am 23. Januar veröffentlichen The Butcher Sisters ihr neues Album “Das Schwarze Album“. Kein Feiertag, kein Weltuntergang, aber für Fans von kontrolliertem musikalischem Wahnsinn auf jeden Fall ein Ereignis. The Butcher Sisters ist eine Band, die seit Jahren konsequent daran arbeitet, den Begriff Ernsthaftigkeit mit einem breiten Grinsen zu unterwandern. The Butcher Sisters sind der Lackmustest für Humorresistenz in der deutschen Heavy Szene. Man liebt sie oder man verdreht genervt die Augen und murmelt etwas von Untergang des Abendlandes. Dazwischen gibt es erstaunlich wenig Platz. Trinkwettbewerbe auf der Bühne, Banane auf dem Publikum, ja wirklich eine Banane, das ist alles Teil eines Konzepts, das so sehr auf Überzeichnung setzt, dass man irgendwann nicht mehr sicher ist, wer hier eigentlich wen veräppelt. Das Publikum die Band oder die Band die Welt da draußen.
The Butcher Sisters: Clowns, Frontmänner und kontrolliertes Chaos
Fakt ist, The Butcher Sisters gehören inzwischen zu den spannendsten Acts der deutschen Heavy Landschaft. Nicht wegen technischer Überlegenheit oder komplexer Kompositionen, sondern weil sie verstanden haben, dass Unterhaltung kein Schimpfwort ist. Stilistisch drängen sich Vergleiche mit Electric Callboy auf, auch wenn diese Latte hoch hängt. Rap-Elemente treffen auf Gebrüll, elektronische Spielereien auf kantige Gitarren und alles wird mit einer Haltung serviert, die irgendwo zwischen totaler Selbstironie und erstaunlicher Präzision pendelt. An der Front stehen Stroppo und Amazing Alex, zwei Figuren, bei denen man nie ganz sicher ist, wer von beiden der größere Irrsinns-Magnet ist. Alex erinnert dabei gelegentlich an Peter Behrens, den Trommler von Trio, diesen bewusst naiven Clown an der Trommel, der seine Rolle so perfekt spielt, dass man fast vergisst, wie viel Kontrolle dahinter steckt. Genau das ist auch hier der Fall. Das Chaos ist kalkuliert, der Wahnsinn sitzt fest im Takt.
Von Piep Piep Piep bis zum Hund an der Leine
Das Schwarze Album startet mit einem Titel, der jede Feuilleton-Stirn in Rekordzeit in Falten legt. Piep Piep Piep. Intellektuell ist das ungefähr auf dem Niveau eines Kinderreims, aber seien wir ehrlich, tiefgründige Texte waren noch nie die Kernkompetenz dieses Genres. Und auch bei den viel zitierten Kollegen von Electric Callboy sucht man existenzielle Fragen oft vergeblich. Trotzdem oder gerade deswegen funktionieren solche Songs. Sie knallen, sie nerven, sie bleiben hängen. Cityroller schiebt direkt hinterher und zeigt im Outro plötzlich eine melodische Seite, die man der Band vielleicht nicht sofort zutrauen würde. Das ist überraschend schön und beweist, dass hinter all dem Klamauk durchaus Gespür, Talent und musikalisches Können stecken.
Dann kommt der Hund. Scheiß für mich ist eine Ode an das tägliche Gassigehen und an die kleinen Momente der Verzweiflung, wenn der Vierbeiner mal wieder andere Pläne hat. Flache Komik in Reinform. Und ja, genau diese Art Humor funktioniert seit Jahrzehnten. Ob bei Atze Schröder, bei Ryko oder bei Doppelbock, das Publikum lacht, weil es sich wiedererkennt. Musikalisch ist der Song überraschend rockig und verzichtet weitgehend auf die ganz harten Elemente. Im Gegensatz dazu prügeln Songs wie White Monster mit einem Schlagzeug nach vorne, das durch den Track jagt wie ein Besessener. Hier blitzt kurz eine Ballermann Assoziation auf, allerdings in einer deutlich gehobeneren Version, veredelt mit Elektroelementen und genug Selbstbewusstsein, um nicht peinlich zu wirken.
Features, Alter und der Sinn des Unsinns bei The Butcher Sisters
Auch bei den Gästen greift The Butcher Sisters tief in die Trickkiste. Bei Detlef D Soost taucht Callejon auf und diese Kombi passt erstaunlich gut. Das Feature steht da wie ein schräges Kunstobjekt im Wohnzimmer. Man weiß nicht genau, warum es da ist, aber man schaut trotzdem hin. Mit Doro wird es dann eher interessant. Wacken bringt ordentlich Druck an der Gitarrenfront und ist für The Butcher Sisters sicher eine Ehre. Für Doro wiederum eine Entscheidung, die man nicht zwingend erwartet hätte. Sie muss längst nicht mehr alles mitmachen und genau deshalb wirkt ihr Auftritt etwas absurder. Er steht ihr nicht unbedingt, der Band hingegen schon.
Ü30 gemeinsam mit Hämatom nimmt sich dann das Alter vor und zerlegt mit Genuss den Mythos, dass jenseits der dreißig alles vorbei sei. In Zeiten von sozialen Medien, in denen jeder Faltenansatz zur Tragödie stilisiert wird, ist das tatsächlich eine gelungene Persiflage. The Butcher Sisters haben ein Talent dafür, gesellschaftliche Absurditäten so weit zu überzeichnen, dass die Kritik dahinter deutlich sichtbar wird. Man lacht und merkt erst im zweiten Moment, dass man selbst gemeint ist.
Fazit: Am Ende ist Das Schwarze Album genau das, was es sein will. Ein Album für Fans, für Menschen mit Sinn für Spaß und für alle, die gute Beats, unerwartete Highlights und eingängige Passagen mögen, die sich hartnäckig im Ohr festsetzen. Wer tiefgründige Lyrik und komplizierte Arrangements sucht, wird hier ohnehin nicht landen. Und falls doch, kann man sich das Ganze zumindest einmal antun. Schaden richtet diese Form von musikalischem Unsinn jedenfalls nicht an. Im Gegenteil, manchmal ist er genau das, was man braucht.
7,5 von 10
The Butcher Sisters veröffentlichen ihr Album Das Schwarze Album am 23. Januar via Arising Empire.
Tracklist des Albums:
- Piep Piep Piep
- Cityroller
- Scheiss Für Mich
- White Monster
- Detlef D Soost
- Bierosaufus Ex
- Ü30
- Great Music Band
- Herr Dokter
- Lachen
- Wacken
- Klettergerüst
Mehr zu The Butcher Sisters findet ihr in den Socials.
Interviews mit den im Review erwähnten Künstlern findet ihr auf der Website.
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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.
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