ENGST: Matthias Engst über Verantwortung, Haltung und klare Kante im Musikbusiness

Band mit vier Mitgliedern auf schwarzem Hintergrund

Soundcheck Sessions mit Mia (Interview)

Matthias Engst spricht im Interview über Politik im Musikbusiness, Verantwortung von Künstlern, Social Media, Hass im Netz und sein persönliches Krisenjahr.

Interview: Mia Lada-Klein

Foto: Jürgen Cernolov

Engst haben am 27. Februar ihr neues Album “Gute Laune” veröffentlicht und feiern damit auch noch zehn Jahre Bandgeschichte. Zehn Jahre Reibung, Schweiß und eine Mischung aus Trotz und Herz, die keine KI nachbilden kann. Natürlich gibt es auf der Platte auch einen Dankeschön Song für die eigene Community. Aber Engst wären nicht Engst, wenn sie es dabei belassen würden.

Statt Wohlfühlpunk auf Autopilot gibt es mehr Kante, mehr Haltung und mehr Kritik am Weltgeschehen. Dazu kommt Persönliches, sehr Persönliches. Der Song Therapie ist kein Gimmick, sondern ein offenes Fenster. 

Ich habe mit Frontmann und Sänger Matthias Engst gesprochen. Er erzählt von einem Jahr 2025, das ihn nicht nur gefordert, sondern stellenweise zerlegt hat. Von einer Welt, die an allen Ecken zu brennen scheint. Wir sprechen über Social Media Kommentarspalten, die nicht nur nerven, sondern Angst machen können. Und über eine Zeit, in der klare Haltung für viele zum Risiko geworden ist.

Warum genau das gefährlich ist und weshalb Matthias wenig Verständnis für Künstler hat, die sich lieber im Mantel des Unpolitischseins verstecken, lest ihr im Interview.

Hi Matthias, du hast selbst gesagt, dein Jahr 2025 war anstrengend. Oder sogar mehr als das. Es hat dich richtig zerlegt. Du hast dir Hilfe geholt und Therapie in Anspruch genommen. Wie geht es dir heute?

Antwort: Ich habe in den letzten Monaten mein Leben stark umgestellt. Ich habe Themen angepackt, die ich jahrelang verdrängt habe. Ich trinke keinen Alkohol mehr, mache viel Sport und habe mein Umfeld bewusst sortiert. Vor allem habe ich ein unglaublich starkes Netzwerk aus Freunden, das mich durch diese Zeit getragen hat. Rückblickend war es wahrscheinlich die beste Entscheidung meines Lebens, mir Hilfe zu holen.

Dabei könnte man ja auf den ersten Blick denken, du hast ja alles. Bist erfolgreich, hast eine erfolgreiche Band und doch hat es auch dich umgehauen. Bereust du den Weg dann manchmal? 

Matthias: Nein, weil man auch extrem viel zurückbekommt. Nicht unbedingt finanziell, sondern durch die Community, durch die Shows, durch die Energie, die dir entgegenkommt. Das ist unbezahlbar. Und wenn dann am Ende noch ein bisschen Geld hängen bleibt, ist das ein schöner Bonus, aber eben nicht der Kern.

Heute kommt zusätzlich Social Media dazu. Wie sehr verschärft das die Situation? Vielleicht nicht unbedingt auf dich bezogen, aber viele junge Menschen strugglen und Social Media kann das Gefühl von Unzufriedenheit ja auch durchaus verschärfen.

Matthias: Enorm. Für jede Portion Zuspruch bekommst du automatisch auch eine Portion Hass. Wenn du eine politische Band bist, gleich doppelt. Da gibt es nichts zu beschönigen. 

Das sieht man ja auch bei Bands wie ZSK, die zwischen Fanpost und Morddrohungen pendeln. Ihr selbst seid ebenfalls klar politisch positioniert. Macht das den Alltag schwieriger?

Matthias: Auf jeden Fall. Vielleicht anders als bei Bands wie ZSK, aber ich lebe seit Jahrzehnten im Osten Berlins und habe alles erlebt: körperliche Gewalt durch Neonazis, Bedrohungen, Aufkleber extremistischer Gruppen am Haus, zugeklebte Türschlösser. Ich muss genau überlegen, wo ich mich bewege.

Wie gehst du damit um?

Matthias: Es gehört leider zum Spiel. Social Media macht es für solche Leute noch einfacher, ihren Hass abzuladen. Hinter dem Bildschirm fühlen sich viele sicher. 

Matthias Engst: Haltung zeigen – auch wenn es weh tut

Wenn man sich dann Kommentarspalten anschaut, hat man manchmal das Gefühl, künstliche Intelligenz sei empathischer als manche Menschen. Kannst du dann irgendwie auch nachempfinden, dass sich immer mehr Bands bewusst politisch zurückhalten? Kannst du nachvollziehen, warum sich viele Künstler heute nicht mehr klar positionieren wollen?

Matthias: Ich kann verstehen, dass Menschen Angst vor Gegenwind haben. Aber ich spreche da ganz klar auch im Namen der Band, weil wir das auf der letzten Tour immer wieder gesagt haben: Du kannst 2026 nicht unpolitisch sein. Das funktioniert einfach nicht mehr. Gerade wenn du als Künstler oder Künstlerin eine Bühne hast und Menschen dir zuhören.

Warum ist diese Haltung für dich so eindeutig?

Matthias: Du musst doch nur aus dem Fenster schauen und sehen, was gerade passiert. In dem Moment, in dem du sagst: „Ich halte mich lieber raus“, machst du dich mit schuldig. Das hatten wir alles schon mal. Deshalb ist meine Meinung da sehr klar: Egal ob Pop, Rap, Schlager oder Punk, völlig egal, du hast eine Verantwortung, dich zu äußern und Dinge auch klar zu benennen.

Viele argumentieren, dass politische Statements automatisch Hass und Anfeindungen nach sich ziehen.

Matthias: Ja, natürlich. Aber ganz ehrlich: Wenn du davor Angst hast, dann such dir einen Bürojob. Das meine ich völlig ernst. Künstlersein bedeutet eben nicht nur Applaus. Es bedeutet auch, Haltung zu zeigen, selbst wenn es unbequem wird.

Es gibt ja auch tatsächlich im Rap Künstler, die sich trotz möglicher Risiken klar positioniert haben. Und Rap ist vielleicht nicht gerade das Genre, was für politische Botschaften steht. 

Matthias: Genau. Nimm jemanden wie Finch. Er kommt aus einem musikalischen Umfeld, in dem früher definitiv viele Leute unterwegs waren, die sehr braunaffin waren, ohne ihm das selbst zu unterstellen. Umso wichtiger ist es, dass gerade solche Künstler Haltung zeigen. Oder Helene Fischer: Dass sie sich klar gegen die AfD positioniert hat, war extrem stark. Gerade im Schlager, der oft als konservativ wahrgenommen wird, ist das alles andere als selbstverständlich.

Das Argument „Wir sind unpolitisch“ lässt du also nicht gelten?

Matthias: Überhaupt nicht. Dieses „Wir wollen das nicht in den Fokus rücken“ zählt für mich nicht. Das ist für mich keine Option. 

Matthias Engst: Perfektion, Algorithmen und der Verlust von Seele

Du bist jetzt seit vielen Jahren im Musikgeschäft und hast den Wandel noch vor Social Media miterlebt. Ist es heute leichter, Musik zu machen als früher?

Matthias: Ich will jetzt nicht klingen wie jemand, der vom Krieg erzählt, aber früher haben sich Qualität und Durchhaltevermögen schneller durchgesetzt. Du musstest dir alles erspielen. Kleine Clubs, endlose Fahrten, wenig Geld. Radio, Printmedien und Livepräsenz hatten einen ganz anderen Stellenwert. Du musstest wirklich Gas geben und viel Scheiße fressen.

Heute funktioniert vieles anders?

Matthias: Absolut. Heute gibt es Künstler, die stehen vor ihrem ersten Live-Auftritt und spielen direkt eine ausverkaufte Arena. Ich meine, schau dir jemanden wie Apache an, das ist beeindruckend, gar keine Frage. Aber das zeigt, wie schnelllebig alles geworden ist. Mir persönlich geht dabei ein bisschen Seele verloren, gerade im Rock- und Metalbereich.

Was genau fehlt dir?

Matthias: Dieses Unperfekte, dieses Echte. Heute sehe ich junge Bands, die haben kaum Songs veröffentlicht, aber schon massenhaft Follower, weil sie die Algorithmen bedienen und immer wieder dieselben Reels posten. Das ist einfach nicht mein Zeitgeist.

Gleichzeitig arbeitest du als Sozialarbeiter und hast viel Kontakt zu jungen Menschen. Beobachtest du da auch eine Veränderung?

Matthias: Für die ist das völlig normal. TikTok, Reels, Dauerbeschallung. Das ist der neue Zeitgeist, und das muss man auch akzeptieren. Aber ich bin ehrlich gesagt sehr froh, dass ich noch aus einer anderen Zeit komme.

Welche Musik begleitet dich heute noch am stärksten?

Matthias: Tatsächlich sind es vor allem Bands aus der Zeit vor Social Media. Gerade läuft bei mir wieder die Terrorgruppe rauf und runter. Rotziger, ehrlicher Punkrock. Nicht alles perfekt produziert, aber lebendig, dreckig, echt. Genau das fehlt mir heute oft.

Ja, ich liebe es auch, wenn Musik Ecken und Kanten hat, wenn man Fehler hört, wenn eine Stimme bricht. Das macht Musik menschlich. Dieses Gefühl geht mir bei vielen aktuellen Produktionen leider verloren. Wird es schlimmer werden? Ich muss da mal Billy Corgan zitieren, der in einem Interview mit der “Zeit”, sagte, dass er denket, dass es in Zukunft immer weniger Bands geben wird und immer mehr KI. 

Matthias: Ich bin auf jeden Fall ein riesiger Pumpkins-Fan, seit ich 13 bin. Und ich verstehe total, was er meint. Wie gesagt, früher hat sich Qualität und auch Durchhaltevermögen einfach anders durchgesetzt. Heute ist das teilweise komplett anders. Alles ist wahnsinnig schnell. 

Würdest du vielleicht sagen, technisch ist vieles besser geworden, emotional aber nicht unbedingt?

Matthias: Ja, das trifft es ganz gut. Alles ist sauberer, perfekter, durchoptimierter. Aber dieses Unmittelbare, dieses Unperfekte, wo man merkt: Da steht ein Mensch mit einer Haltung, mit Ecken und Kanten, das geht mir zunehmend verloren. 

Ich schreibe selbst viele Reviews, und es ist eigentlich nie so, dass ich denke: Oh, das ist jetzt richtig scheiße. Aber ich liebe es, wenn irgendwo auch mal ein Fehler drin ist, wenn etwas echt klingt. Zum Beispiel bei „I Fought The Law“ von The Clash, wenn die Stimme bricht. Das hört man heute kaum noch. Eigentlich gar nicht mehr.

Matthias: Und das betrifft nicht nur die Musik. Alles ist heute so angepasst, so glattgezogen. Alles muss high end sein, alles muss schick sein. Keiner traut sich mehr, wirklich anzuecken. Und ich denke mir dann: Scheiße, genau deshalb habe ich mich doch irgendwann für Punk entschieden, gerade wegen dieses An-ecken-Wollens.

Matthias Engst über Algorithmen, Aufmerksamkeit und die Verantwortung von Künstler:innen

Gleichzeitig spielt Social Media heute aber eine enorme Rolle, oder?

Matthias: Total. Social Media ist ein Werkzeug, das du heutzutage einfach bedienen musst. Du hast eigentlich keine Wahl. Und wenn man ehrlich ist: Bands aus der Generation vor uns, die das verpasst haben oder nie gelernt haben, damit umzugehen, haben es heute extrem schwer. Klar, für die ganz alten Hasen, die ihre Schlachten schon geschlagen haben, gilt das weniger. Die Hosen zum Beispiel betreiben Social Media sehr gut, aber das ist eben eine andere Größenordnung. Für Bands in unserer Größenordnung ist es existenziell.

Das heißt, ohne Social Media würde Reichweite schlicht fehlen?

Matthias: Genau. Wenn wir Social Media komplett außen vor lassen würden, und glaub mir, mir geht das oft hart auf den Sack, dann hätten wir definitiv nicht die Reichweite, die wir jetzt haben. 

Es geht dabei ja vielleicht nicht mal nur darum, neue Leute zu erreichen, sondern auch darum, das Publikum zu halten, das man schon hat. Und gleichzeitig liegt es ja auch in der Verantwortung der Künstler:innen, womit sie diese Kanäle füttern. Viele träumen ja auch davon viral zu gehen.

Matthias: Absolut. Ich meine, ich weiß genau: Wenn ich jetzt 50-mal denselben scheiß Refrain in der Berliner U-Bahn singen würde und allen damit auf den Sack gehe, dann würde das wahrscheinlich viral gehen. Weil die Leute sich diesen Mist reinziehen wollen. Die schauen ja auch Dschungelcamp und ähnliche Kacke. Das ist ein Teufelskreis.

Du meinst, die Inhalte werden immer seichter und das Publikum passt sich an? Ich hab neulich einen Artikel dazu geschrieben, dass Menschen immer dümmer werden.

Matthias: Ja. Die Leute ziehen sich die Scheiße rein, werden immer blöder, und der Algorithmus verstärkt das Ganze noch. Genau deshalb finde ich es umso wichtiger, dass man das Internet zwischendurch auch mit wichtigen Inhalten füttert: mit klaren Statements, mit politischen Haltungen und vor allem wieder mehr mit Musik. Nicht den ganzen Tag mit irgendeinem sinnlosen Kram.

Da sprichst du mir total aus der Seele. Und es gibt inzwischen ja auch Studien, die genau das nahelegen. Das ist ziemlich gruselig, vor allem weil Social Media Konsum erfordert, aber kaum Denken.

Matthias: Ja, genau. Man konsumiert einfach. Und gute Inhalte werden dort oft gar nicht gerne angenommen. Der Algorithmus spielt dann immer mehr Unsinn aus. 

Und das Gehirn ist nun mal wie ein Muskel, wenn du ihn nicht benutzt, dann passiert genau das. Du rufst im Dschungelcamp für Gil Ofarim an. Matthias, vielen Dank für deine Zeit. Ich weiß, ihr habt gerade harte Promophase. Da waren sehr starke Statements dabei und selbstverständlich liebe ich es, wenn ich in einem Interview so oft sagen kann: Das sehe ich genauso. Ich wünsche dir ein entspannteres, glücklicheres und gesünderes 2026. Wir stehen noch recht am Anfang, also darf man das noch sagen. 

Mehr zur Band ENGST findet ihr in den Socials.

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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

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Ein Gedanke zu „ENGST: Matthias Engst über Verantwortung, Haltung und klare Kante im Musikbusiness

  1. Was für eine geerdete Einstellung. Guter Mann, Herr Engst.
    Und um es vielfach zitiert wiederzugeben. Man kann als Künstler im Allgemeinen nicht unpolitisch sein bzw. diese Aussage treffen. Den allein das ist auch schon eine politische Äusserung. Und in der Konsequenz auch eine ziemlich feige. Ein bemerkenswertes Intwrview

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