LIGER im Interview: Frontmann Maurice Klinge über “Revelations” und die Geschichte hinter dem Teufelskonzept

Band Liger stehend auf grauem Hintergrund und fotografiert von Jenny Reinhold

Soundcheck Sessions mit Mia (Interview)

Band LIGER im Interview: Frontmann Maurice Klinge spricht über die EP „Revelations“, den Teufel als Erzähler, Social Media-Druck, Fehlerkultur sowie die Parallelen zwischen Musik und Gaming.

Interview: Mia Lada-Klein

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Die Alternative Rock Band LIGER veröffentlicht am 12. Juni ihre EP „Revelations“. Und das Konzept dahinter ist entweder tiefgründig, düster oder einfach nur ziemlich clever, je nachdem wie man gerade drauf ist.

Im Gespräch mit Frontmann Maurice Klinge geht es um genau diese EP, deren zentrales Thema das letzte Buch der Bibel ist, die Offenbarung, allerdings mit einem kleinen Twist, denn erzählt wird alles aus der Sicht des Teufels. Ja, richtig gelesen.

Warum ausgerechnet der Teufel? Nun, das hat Maurice im Interview ausführlich erklärt und dabei schnell klar gemacht, dass es hier nicht nur um platte Provokation geht. Überhaupt drehte sich unser Gespräch viel um mythologische Perspektiven, um den Teufel, der ursprünglich ein Engel war, um Glaubensbilder, Bibelinterpretationen und um die Frage, was passiert, wenn man alte Erzählungen einfach mal anders herum denkt.

Dazu kommt ein kleines, ziemlich verstecktes Special im Konzept der Band, das mit zwölf Toren zu tun hat und einem dreizehnten, das eigentlich keines sein dürfte, es aber trotzdem ist. Klingt verwirrend? Ist es aber eigentlich nicht.

Wer jetzt gar nicht mehr weiß, wo oben und unten ist, sollte das Interview unbedingt lesen. Es ist teuflisch gut und überraschend klarer, als man nach dieser Einleitung vielleicht erwarten würde. Und wer danach noch nicht genug hat, darf sich außerdem auf spannende Parallelen zwischen Musik und Gaming freuen, die wir im Gespräch ebenfalls ziemlich ausführlich auseinandergenommen haben.

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Eure Single “Throne” ist am 1. Mai erschienen und damit so ein erster Vorgeschmack auf eure EP im Juni. Kannst du ein bisschen ausführen, was da insgesamt auf uns zukommt? Gibt es ein übergeordnetes Konzept oder eine Geschichte dahinter?

Maurice: Ja, der Weg dahin hat eigentlich schon 2022 angefangen. Das, was jetzt gerade veröffentlicht wird, ist im Grunde eine längere Entwicklung. Wir hatten dieses Jahr am 27. März schon die erste Single rausgebracht und führen damit etwas weiter, das damals mit „We were gods“ 2022 begonnen hat. Danach ging es 2024 mit „Lost in the Darkness“ weiter, zuletzt kam im März „Call Me“, jetzt aktuell „Throne“, und zur vollständigen EP kommt dann noch etwas dazu. Release ist am 12. Juni. Wichtig ist: Die Songs sind alle zusammenhängend geschrieben. Das zentrale Thema ist das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung, aber erzählt aus der Sicht des Teufels. Mir ist aufgefallen, dass im Rock- und Metalbereich oft über den Teufel gesungen wird, aber selten wirklich aus seiner Perspektive. Genau das wollten wir anders machen. Gleichzeitig kombinieren wir das mit Alltagsthemen, sodass man es nicht nur auf diese eine Ebene reduziert.


Das heißt, der Teufel erzählt das Ganze wirklich aus seiner Sicht?

Maurice: Genau, aber nicht im Sinne von reiner Symbolik ohne Bezug, sondern eher als erzählerische Perspektive, die sich durchzieht. Zum Beispiel geht es bei „Signals“ um rote Flaggen in Beziehungen, also etwas sehr Alltägliches. „Throne“ handelt davon, als Außenseiter zusammenzuhalten und gemeinsam ein größeres Ziel zu verfolgen. Und „Call Me“ war so ein Stück weit der Einstieg in diese Haltung, dass Außenseitersein nichts Negatives ist. Da geht es darum zu sagen: Nenn mich, wie du willst, ich bleibe trotzdem dieselbe Person. Ich stehe zu dem, was ich mache und zu dem, was ich in Zukunft tun will. Im Kern ist das der grobe Zusammenhang der EP.

Ich merke gerade, das Gespräch macht mir richtig Spaß, weil genau diese Tiefe mag ich. Und wenn wir schon bei diesen düsteren Konzepten sind: Ich habe erst gestern etwas über Collins Elite gelesen. Da geht es ja auch um die Vorstellung, dass die Hölle nicht klar definiert ist, sondern eher ein Zustand für „schlechte Menschen“, ohne feste Regeln. Das ist ja schon ziemlich abstrakt. Und ich komme da auch persönlich rein, ich bin gebürtige Polin, also stark katholisch geprägt. Diese Bilder sitzen tief. Dieser strafende Gott im Alten Testament, das kriegt man kaum wieder raus. Und dann gibt es ja noch die Einordnung von Luzifer als gefallener Engel. Das vergessen viele. Wie wichtig ist dir dieser mythologische Ursprung, wenn du eure Geschichte erzählst?

Maurice: Super wichtig, weil genau da tatsächlich viele Missverständnisse entstehen. Viele wissen gar nicht, dass der Teufel ursprünglich ein Engel ist, sogar einer der wichtigsten Engel. Das wird oft komplett ausgeblendet. Für uns war das auch ein Ausgangspunkt für die EP. „We Were Gods“ war der erste Song, der den Göttersturz thematisiert hat. Also diesen Moment, in dem dieser Engel aus dem Himmel fällt, sich gegen Gott stellt und dadurch seinen Status verliert. „Lost in the Darkness“ geht dann einen Schritt weiter. Da geht es um die Ankunft in der Hölle, aber nicht als klassische Strafe, sondern eher als Zustand. Also: Was passiert mit jemandem, der plötzlich alles verliert, seine Rolle, seine Bedeutung, seine Orientierung. Und dann entwickelt sich diese Figur weiter.


Also eher eine Art Charakterentwicklung über mehrere Songs hinweg?

Maurice: Ja. Bei „Call Me“ merkt man schon eine Veränderung. Da entsteht ein Ego, aber auch eine Form von Selbstakzeptanz. So nach dem Motto: Es ist mir egal, was andere über mich denken. Ich mache mein Ding, ich stehe dazu. Und „Throne“ geht dann noch tiefer. Da wird dieses Konzept von Zusammenhalt wichtig. Außenseiter schließen sich zusammen, nicht im Sinne von „wir sind die Bösen“, sondern eher als Menschen oder Wesen, die nicht in ein bestimmtes Ideal passen. Es geht darum, sich nicht ständig an ein vorgegebenes System anzupassen, sondern zu sagen: Ich definiere selbst, wie ich leben will.

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Das berührt dann auch sehr schnell gesellschaftliche Themen, oder?

Maurice: Ja, absolut. Weil das, was wir da mythologisch erzählen, sich direkt auf die Realität übertragen lässt. Heute gibt es viele Bewegungen, die genau das sagen: Achte auf dich selbst, kämpfe für das, was du liebst, und lebe nicht nur nach Erwartungen von außen. „Throne“ greift genau das auf, nur eben in dieser erzählerischen Welt. Und was ich daran spannend finde: Diese alten religiösen Bilder von Gut und Böse werden dadurch nicht einfach übernommen, sondern eher hinterfragt. Nicht jeder, der außerhalb eines Systems steht, ist automatisch „schlecht“. Und nicht jedes System ist automatisch „gut“.

Das ist wirklich spannend. Ich habe plötzlich ganz viele Bilder im Kopf. Ich war nämlich tatsächlich auf einer katholischen Privatschule. Das prägt einen natürlich schon ziemlich stark in diese Richtung. Aber wenn ich dir so zuhöre, habe ich das Gefühl, du hast dich extrem intensiv mit dem ganzen Mythos beschäftigt. Also nicht nur oberflächlich, sondern wirklich tief drin. Das wirkt schon sehr durchdacht.

Maurice: Ja. Und wer sich damit auskennt, findet vielleicht auch das kleine Special, dass eingebaut ist. Das 13. Tor. 

Kannst du das für alle einordnen? Wie bist du genau darauf gekommen und was bedeutet das innerhalb eures Konzepts?

Maurice: Ja, das ist tatsächlich so ein kleiner Hidden Layer in dem ganzen Konzept. Ich habe mir wirklich sehr viel Material reingezogen, Dokumentationen geschaut, auch ein Hörbuch zum letzten Buch der Bibel gehört. Das war schon eine ziemlich intensive Phase, in der dieses ganze Konzept entstanden ist. Und irgendwann bin ich auf diese Beschreibung gestoßen, dass das Paradies auf Erden am Ende über zwölf Tore zugänglich ist. Das ist eine ziemlich klare Symbolik, die auch oft so übernommen wird. Und dann dachte ich mir: Wenn das so festgelegt ist, was passiert, wenn man dieses System einfach erweitert? Dann war für mich sofort klar, es gibt ein 13. Tor. Nicht, weil es logisch im klassischen Sinne dazugehört, sondern weil es als Idee einfach perfekt in dieses gesamte Teufelsmotiv passt.

Das ist natürlich genau das, was wir als Journalisten lieben. Diese kleinen Details, die man beim Hören vielleicht gar nicht direkt erkennt und dann kriegt man sie im Interview serviert.

Maurice: Ja, wahrscheinlich geht das beim ersten Hören komplett unter. Aber genau dafür ist es auch gedacht. Wer sich tiefer damit beschäftigt, findet diese Ebenen. Und das 13. Tor ist im Grunde ein Symbol dafür, dass die Geschichte nicht abgeschlossen ist. Dass es nicht nur dieses binäre Denken gibt, also Paradies oder Untergang, sondern vielleicht noch eine weitere Möglichkeit. Es ist eher ein offener Ausgang als ein endgültiges Ende.

Mir ist da gerade ein Film eingefallen, „Im Auftrag des Teufels“ mit Keanu Reeves und Al Pacino. Da wird der Teufel ja auch eher als jemand dargestellt, der Optionen gibt, aber nicht zwingt. Also eher Versuchung als reine Bosheit. Und das erinnert mich auch an das, was du gesagt hast, denn jede Entscheidung hat einen Preis. Egal ob im Job, in Beziehungen oder im Leben allgemein.

Maurice: Genau das ist eigentlich der Kern davon. Dieses Bewusstsein dafür, dass jede Entscheidung eine Konsequenz hat. Und dass man dann auch dazu stehen muss. Das lässt sich auch sehr gut auf uns als Band übertragen. Wir haben in der Vergangenheit auch Entscheidungen getroffen, die vielleicht im Nachhinein nicht die besten waren. Konzerte abgelehnt, weil wir dachten, das passt nicht zu uns. Vielleicht wäre genau dort der richtige Kontakt gewesen, der uns weitergebracht hätte.

Das ist dann aber auch ein ziemlich ehrlicher Blick zurück.

Maurice: Ja, aber gleichzeitig ist es auch wichtig. Wir sind jetzt seit 15 Jahren als Band unterwegs und haben dadurch natürlich auch viel gelernt. Fehler gehören da komplett dazu. Und ehrlich gesagt hätten wir das Wissen, das wir heute haben, ohne diese Fehler nie bekommen. Am Ende geht es darum, weiterzumachen und zu wissen, wohin man will.

Ich finde, das ist ein wichtiger Punkt, den wir uns immer wieder vor Augen führen sollten: Menschen sind nicht perfekt. Fehler gehören dazu, genauso wie Reue. Und trotzdem habe ich das Gefühl, wir leben in einer Zeit, in der viele gar nicht mehr richtig zu ihren Fehlern stehen. Es sind oft die anderen schuld, oder man selbst wird sofort zum Opfer der Umstände. Dabei wäre eine gesunde Fehlerkultur eigentlich extrem wichtig. Und dann kommt Social Media ins Spiel. Für Bands ist das ja mittlerweile absolut zentral, aber gleichzeitig wirkt vieles dort sehr geschönt. „Wir haben den Laden komplett abgerissen“, obwohl da vielleicht sieben Leute standen. Das kennt man ja. Wie nehmt ihr das wahr? Diese ganze Erwartungshaltung zwischen Musiker sein und gleichzeitig Content Creator werden zu müssen?

Maurice: Das ist ein riesiges Thema, ehrlich gesagt. Wir haben 2011 angefangen Musik zu machen. Da war das alles noch komplett anders. Damals haben wir wirklich noch auf Stadtfesten gespielt, ganz klassisch. Facebook war gerade neu für uns, Streaming sowieso noch kein großes Thema. Wir haben dann sehr früh Musik auf Spotify hochgeladen, weil unser damaliger Gitarrist da sehr hinterher war. Als er aus der Band ausgestiegen ist, haben wir gesagt: Brauchen wir eigentlich nicht, Spotify interessiert eh keinen. (lacht)  Und haben die Musik wieder runtergenommen. Dann waren wir drei Jahre komplett raus aus der Plattform. Und genau in dieser Zeit ist Streaming komplett explodiert. Auf einmal hatten alle Spotify, Apple Music und Co. Und wir standen da und haben uns gedacht: Okay, das war vielleicht nicht die beste Entscheidung.

Das heißt, ihr habt diesen Wandel wirklich komplett mitbekommen, inklusive der verpassten Phase?

Maurice: Ja, absolut. Und klar, rückblickend denkt man sich schon: Hätten wir damals anders gehandelt, wäre vielleicht einiges anders gelaufen. 

Aber wenn man sich die Bezahlung anschaut, dann habt ihr eigentlich nicht viel verpasst. 

Maurice: Ja, die Bezahlung, da muss man ehrlich sagen: Das ist nicht wirklich fair. Die Relation stimmt einfach nicht im Vergleich zu physischen Releases oder früheren Produktionsmodellen. Und dann kommt noch diese neue Entwicklung dazu, dass man plötzlich bestimmte Streaming-Zahlen erreichen muss, um überhaupt noch irgendwie ernst genommen oder sichtbar zu sein. Diese 1000-Streams-Regelung zum Beispiel, das ist schon ziemlich absurd.

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Und Social Media? Das ist ja noch mal eine ganz eigene Baustelle. Man ist Musiker, aber gleichzeitig soll man dauernd Content liefern, Reels posten, sichtbar sein und das auf jeder Plattform und jede davon funktioniert anders.Wie geht ihr damit um?

Maurice: Ich sehe das tatsächlich sehr differenziert. Ich gebe auch Workshops in NRW und erkläre dort viel Grundlagenzeug, also wie man als Band startet, was ein Electronic Press Kit ist und so weiter. Und da sage ich immer ganz klar: Social Media ist nicht für jeden gleich geeignet. Man bekommt ständig vermittelt, man müsse überall aktiv sein, dauernd Content posten, Reels machen. Aber das stimmt so pauschal nicht. Es gibt Projekte, die funktionieren extrem gut auf Social Media, und andere, die fühlen sich dort einfach nicht wohl. Und das merkt man dann auch. Ich war zum Beispiel letztes Wochenende auf der c/o pop mit The Red Flags, die gesagt haben: Wir haben TikTok gelöscht, weil es sich einfach nicht richtig angefühlt hat. Und andere Bands sagen: Wir machen Social Media gar nicht mehr und setzen lieber auf Newsletter oder direkte Kommunikation. Das zeigt eigentlich ganz gut: Es gibt nicht den einen richtigen Weg.

Man muss also nicht alles mitmachen?

Maurice: Genau. Man sollte eher schauen: Was passt zu uns? Bei uns ist es zum Beispiel so, dass nicht alle in der Band Social Media mögen. Ich selbst mache das zusammen mit einer Person, die auch viel Kameraarbeit übernimmt. Wir beide haben da Spaß dran, wir probieren Sachen aus, entwickeln Ideen. Und dann gibt es andere Dinge, die wir bewusst outsourcen oder einfach anders lösen, weil nicht jeder da Lust drauf hat. Das ist auch völlig okay. Wenn jemand keine Lust hat, ein Reel zu drehen oder Tickets zu promoten, dann soll er das auch nicht machen.

Weil man es sonst auch sofort merkt, oder?

Maurice: Genau. Wenn es nicht ehrlich ist, merkt man das sofort. Und genauso ist es bei uns auch phasenweise. Nach einem Release bin ich zum Beispiel erst mal wieder mehr unterwegs, gehe auf Konzerte, habe einen anderen Fokus. Und kurz vor einem neuen Release geht es dann wieder mehr um Content und Organisation. Aber wir versuchen das so zu halten, dass es trotzdem noch echt bleibt und nicht wie eine reine Content-Maschine wirkt. Am Ende geht es nicht darum, viral zu gehen oder Millionen Menschen zu erreichen. Wir sind genauso glücklich über 2000 Leute, die sich ein Video anschauen, wie über alles andere. Oder über die Leute, die vor der Bühne stehen, mitgehen, in den Moshpit springen. Das ist der eigentliche Punkt. Und klar, manchmal schaut man auf andere Bands und denkt sich: Krass, was bei denen gerade passiert. Aber dieses ständige Vergleichen bringt eigentlich nichts. Besser ist es, sich auf das eigene Ding zu konzentrieren und das so gut wie möglich zu machen.

Ich mag dein Mindset. Ich finde, wir sollten vielleicht alle ein bisschen weg von dieser reinen Neid-Kultur und mehr Richtung Fehlerkultur gehen. Das wäre doch eigentlich ein guter Ausgleich. Social Media fördert ja auch diesen ständigen Vergleich. Man merkt das ja selbst, dass man automatisch anfängt zu schauen, was andere machen, wie gut es denen geht, wie viel Reichweite sie haben. Dabei vergisst man schnell, dass man selbst überhaupt die Möglichkeit hat, diese Medien zu nutzen.

Maurice: Genau das ist eigentlich der Kern des Problems. Dieser Vergleich passiert automatisch, das lässt sich kaum vermeiden. Aber man kann sich bewusster machen, was das eigentlich bedeutet. Allein schon die Tatsache, dass wir überhaupt die Möglichkeit haben, Inhalte zu erstellen und zu veröffentlichen, ist ein Privileg. Wir haben ein Endgerät, wir haben Zugang zu Plattformen, wir haben Zeit und Ressourcen, um das überhaupt zu machen. Wenn man das mal wirklich so betrachtet, ist das eigentlich schon etwas sehr Positives. Und ich glaube, das vergisst man viel zu schnell, wenn man nur auf die negativen Seiten schaut.

Gibt es Parallelen zwischen Musik und Gaming? 

Das stimmt. Als Journalistin schaue ich auch zuerst auf die negativen Seiten, aber ich danke dir für den Reminder. Es geht auch anders. Und dann vielleicht noch eine letzte Frage, die ein bisschen weg von Musik geht, aber dich als Person trotzdem betrifft: Du bist ja auch im Gaming-Bereich unterwegs. Siehst du da Parallelen zur Musik? Oder sind das für dich komplett getrennte Welten?

Maurice: Tatsächlich gar nicht so getrennt, wie man vielleicht denken würde. Ich bin seit ungefähr acht Jahren in der Branche unterwegs und habe auch eine Zeit lang parallel studiert. Richtig intensiv wurde es dann, als ich angefangen habe, mich stärker zu vernetzen, zum Beispiel über die Gamescom. Und dabei ist mir ziemlich schnell aufgefallen, dass sehr viele Leute aus der Gaming-Branche selbst Musik machen oder zumindest extrem musikaffin sind. Gleichzeitig habe ich gemerkt, dass beide Branchen in Deutschland erstaunlich schlecht miteinander verbunden sind. Ein großer Faktor ist da leider auch die Struktur rund um Verwertungsgesellschaften wie die GEMA. Für große Produktionen wie EA oder große AAA-Titel ist das kein Problem, die können mit großen Labels arbeiten und entsprechende Lizenzmodelle stemmen. Aber im Indie-Bereich sieht das ganz anders aus. Da entstehen oft hohe Hürden, die viele kleinere Studios gar nicht tragen können. Deshalb greifen viele auf lizenzfreie Musik zurück, nicht weil sie keine Musik wollen, sondern weil es finanziell und organisatorisch einfacher ist.

Das heißt, eigentlich würden beide Seiten voneinander profitieren, aber es gibt strukturelle Hürden?

Maurice: Genau. Und das ist eigentlich schade, weil die Parallelen extrem groß sind. Beide Bereiche sind sehr kreativ, sehr projektbasiert und stark kollaborativ. Natürlich gibt es in beiden auch Beispiele, wo wenig Kreativität drinsteckt, aber das ist eher die Ausnahme. Ich habe zum Beispiel letztes Jahr an einem Game mitgearbeitet, bei dem parallel sogar ein Comic entstanden ist. Da wurde so viel visuell und narrativ entwickelt, dass daraus direkt ein eigenes erweitertes Universum entstanden ist. Und genau da sieht man, wie ähnlich die Prozesse eigentlich sind: Ideen entstehen im Kopf, werden ausgearbeitet, investiert wird Zeit, Geld und Energie, und am Ende steht ein Produkt. Ob das jetzt ein Album ist oder ein Spiel, ist im Kern gar nicht so unterschiedlich.

Und beide haben diesen einen großen Moment, in dem alles steht oder fällt.

Maurice: Genau. Dieser Release-Moment ist entscheidend. Day One muss funktionieren. Presse, Marketing, Social Media, Community, alles greift da ineinander. Und auch wenn ein Projekt später noch wachsen kann, ist dieser erste Moment extrem wichtig. Deshalb sind sich Gaming und Musik in ihrer Struktur und ihrem Druck eigentlich überraschend ähnlich.

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Mia Lada-Klein ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt Musik, Kultur und Medien. Neben analytischen Texten führt sie regelmäßig Interviews mit Musikerinnen, Musikern und Kreativen und beschäftigt sich mit Identität, kreativen Prozessen und medialer Wahrnehmung.

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